Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

(im)possible

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Block B Topp Dogg
19.04.2017
19.04.2017
5
5.641
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
19.04.2017 1.049
 
„In einer Reihe aufstellen!"
Ich tat was der Wachmann sagte und stellte mich ohne zu rebellieren, wenn auch etwas wackelig auf den Beinen hinter die anderen abgemagerten Männer, die genauso wie ich ihre letzten Tage hinter den dicken Wänden eines Gefangenenlagers irgendwo im Nirgendwo verbrachten.
Ohne irgendeinen Grund entsicherte der Wachmann seine Waffe und schoss in die Menge.
Ich spürte wie mir Blut auf die Wange spritzte und sah aus dem Augenwinkel, wie ein kleiner Junge von höchstens zwölf Jahren neben mir in sich zusammensackte. Ich bewegte keinen Muskel, obwohl ich ihn kannte. Er hieß Hojoon und war vor zwei Monaten zu uns gekommen. Man könnte fast sagen wir waren Freunde.
Er klaute immer etwas Essen aus dem Haus der Befehlshaber und teilte es dann mit mir. Er wurde wahrscheinlich dabei erwischt und man wollte hiermit ein Exempel statuieren. Ich wollte ihm wirklich helfen, Doch ich wusste, dass jede noch so kleine Bewegung mich zu ihrem nächsten Opfer machen könnte.
Während andere Männer, Frischlinge hauptsächlich, die vielleicht erst ein, zwei Tage hier waren anfingen zu schreien und einige sogar ihren Platz verließen um auf die Wärter loszugehen, blieb ich ganz ruhig. Starr blickte ich dem Wachmann in sein von einem breitem Lächeln geziertes kantiges Gesicht. Er wirkte, als würde er nur auf eine falsche Bewegung meinerseits warten, doch diese Genugtuung gönnte ich ihm nicht.
Noch ein Schuss forderte die Männer auf sich wieder einzureihen, Und während ich noch dabei war, über die bestmögliche Foltermethode nachzudenken, die diese Männer allesamt verdient hatten, begann er mit der Zählung. Die Gesunden blieben, die Kranken und Alten wurden aussortiert. Alle wussten, wo sie hingebracht wurden und dass sie von dort nicht mehr zurück kommen würden, doch keiner wollte es wahr haben. Sie verschwinden einfach, der Rest wurde verdrängt.
Danach ging ich zu meiner Arbeitsstelle. Ich arbeitete am Bau, dort verloren wir auch jeden Tag ein paar Leute. Das ist inzwischen Alltag geworden. Jeder Tag hier ist ein Kampf ums überleben und am besten ist es, wenn man es versteht unsichtbar zu bleiben.
Als ich Abends endlich - wieder ohne eine Mahlzeit im Magen - in meiner Baracke ankam, saß bereits mein kleiner Bruder, der mit mir in den Krieg gezogen war und auch mit mir gefangen genommen wurde auf meinem Bett. Er hielt eine große Glasscherbe in der Hand, sein Arm war komplett blutverschmiert und zwei riesige Schusswunden klafften an seiner Schulter.
Ich lief auf ihn zu, wollte ihm gerade die Scherbe aus der Hand ziehen, da drückte er sie noch etwas mehr an sich, wodurch etwas Blut aus seinen Händen quill.
Entsetzt starrte ich ihn an, wartete auf eine Erklärung, doch er schnaubte nur verächtlich.
„Taeil! Was zum Teufel ist passiert?", brach ich dann endlich die Stille, während ich ein Stück von meiner Kleidung abriss, um ihn damit zu verbinden. „Du bekommst noch ärger!", protestierte er, doch ich lies mich nicht beirren.
Ich wusste, dass Pete im Bett über mir immer etwas Alkohol versteckte. "Für schlechte Zeiten", lachte er immer und nahm dann täglich einen Schluck. Inzwischen war auch er tot, also hatte er sicher auch nichts dagegen. Ich stieg hinauf und holte ihn. Pete zu ehren nahm ich erst einen Schluck, bevor ich den Rest auf Taeils wunde tropfte. Er zuckte leicht zusammen, versuchte jedoch sich seine Schmerzen nicht weiter anmerken zu lassen. Schnell verband ich seine Wunde und setzte mich zu ihm.
„Eine Note", zischte er nun endlich,"Ich habe eine verdammte Note nicht getroffen!"
Das sagte alles. Taeil hatte nicht soviel Glück wie ich. Er war früher Komponist in einem großen Theater, jetzt muss er für die Herrschaften spielen, von früh bis spät. Ich hätte ihm alles gewünscht, nur nicht das. Früher hatte er sich nie verspielt und auch beim Singen traf er jeden Ton. Er hatte so eine wundervolle Stimme.
Ich wollte gerade meine Arme um ihn legen, da ergriff er erneut das Wort.
Tränen traten in seine Augen. „Sie kennen bereits alle meine Stücke. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich langweilen und versuchen würden, mich los zu werden..."
„Lass das... Bei deinen Stücken wird einem nie Langweilig." , scherzte ich schwach, während ich ihm beruhigend über den Rücken strich.
„Das Lager ist zu klein für so viel Ungeziefer! Es wird Zeit, dass wir ein paar los werden. Hey warum fangen wir nicht mit dir an... oder noch besser, dein Bruder?",zitierte Taeil einen der Befehlshaber.
Ich schluckte, versuchte jedoch meine Angst zu verbergen. „Du hast dich mit Absicht verspielt?"
Er nickte schuldbewusst. "Ich konnte das doch nicht zulassen!"
Kraftlos sank er in sich zusammen und legte seinen Kopf an meine Schulter. Hilflos strich ich ihm übers Haar, um ihn zu beruhigen.
„Ich bin der ältere und sollte eigentlich auf dich aufpassen, nicht andersrum. Und als dein Bruder sag ich dir, dass du so auf keinen Fall arbeiten kannst Taeil."
Erschrocken richtete er sich auf, „Ich muss aber. Ich kann nichts anderes tun! Ich..."
„Schtt." unterbrach ich ihn „Du schaffst das schon, alles wird gut. Großer - Bruder- Ehrenwort!"
„Nein! Wir werden hier alle sterben, also warum erst die ganzen Schmerzen auf sich nehmen, warum warten bis sie entscheiden, wann man geht?"
Langsam, jedoch bestimmt begann er die Scherbe an seinem Oberschenkel entlang durch sein Fleisch zu ziehen. Die Haut riss auf und die ersten Blutstropfen traten heraus.
Schnell riss ich ihm das Ding aus der Hand. Das ich mich dabei auch schnitt war mir vollkommen egal.
„Du wirst dich jetzt nicht umbringen! Du wirst durchhalten und du wirst überleben!"
Verzweifelt versuchte er sich die Scherbe wieder zu holen, doch ich hielt ihn davon ab.
„Leute wie du überleben! Du bist stark, ich nicht. Leute wie ich sterben!", schrie er.
Ich hielt seine Hände fest damit er sich nicht weiter verletzen konnte.
„Jetzt hör mir mal zu, du bist auch stark und du hast Leute, die dich beschützen. Wie mich... Wie Zico. Er würde alles für dich tun. Und deswegen wirst du auch überleben,hörst du? Ich verspreche es."
Erschöpft lies er sich in meine Arme fallen und weinte sich aus.
Das war dumm von mir, dass wusste ich. Man sollte keine Versprechen machen, die man nicht halten kann, doch er war mein Bruder...
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast