you're my heart of the funfair

OneshotRomanze / P12
DI / DCI Carol Jordan Dr Anthony "Tony" Valentine Hill
19.04.2017
19.04.2017
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Fandom: Wire in the Blood / Hautnah - Die Methode Hill
              (basierend auf der Jordan/Hill Reihe von Val McDermid)
Pairing: Carol Jordan x Dr. Tony Hill

Wordcount: 4430

A/N: Uff. Es ist fertig. Endlich. Irgendwie hat dieser OS irgendwann einfach begonnen ein Eigenleben zu entwickeln und das Ganze ließ sich auf Teufel komm raus nicht stoppen. Ich befürchte das Ganze ist ziemlich kitschig und fluffig geworden und irgendwie sind die den halben OS über nur am knutschen, aber well.
Die Beiden haben es sich ja schon ein bisschen verdient, oder? Ich meine, nach allem, was sie im canon so hinter sich haben.

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you're my heart of the funfair



»Oh she's the heart of the funfair
She's got me whisteling her private tune«





Stöhnend wälzt sie sich auf die andere Seite und presst sich das Kissen über den Kopf, um das nervtötende Klingeln, das mit einem quäkenden Ringring die morgendliche Stille zerreisst, ausblenden zu können. Mit mäßigem Erfolg. Das Klingeln ist jetzt zwar ein wenig gedämpfter, doch noch immer nicht zu ignorieren. Seufzend reisst sie sich das Kissen wieder vom Kopf und schleudert es wütend ans andere Ende des Schlafzimmers, wo es mit einem dumpfen Geräusch an der Wand abprallt und zu Boden fällt.
(Ringring.)
»Ich komme ja. Herrgott, kann man mich nicht wenigstens an meinem freien Tag einmal ausschlafen lassen?«, murmelt sie genervt, als sie die Beine aus dem Bett schwingt und ins Wohnzimmer geht, während sie sich mit der Hand über die müden Augen fährt.
»Carol Jordan«, brummt sie ungnädig ins Telefon.
»Carol? Ich bin's Tony. Habe ich Dich geweckt?«
Die Augen verdrehend geht sie in die Küche, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und stellt die Kaffeemaschine an. Was auch immer Tony wollte, warum auch immer er sie in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geschmissen hat, es wäre wesentlich besser für ihn, wenn es etwas wichtiges wäre.
»Ach Quatsch, überhaupt nicht. Es ist ja nur mein freier Tag. Ist ja nicht so, als hätte ich in den letzten zwei Wochen ausreichend Schlaf bekommen. Warum also solltest Du mich geweckt haben?«, antwortet sie sarkastisch und nimmt sich eine Kaffeetasse aus dem Schrank.
»Oh«, meint Tony und verfällt in ein verlegenes Schweigen.
Seufzend lässt Carol sich auf einen der Hocker vor ihrem Küchentresen fallen, während sie darauf wartet, dass der Kaffee fertig ist und stützt das Kinn auf ihre Handfläche.
»Also, warum hast Du mich so früh aus dem Bett geschmissen?«  
»Was?«, murmelt Tony geistesabwesend, bis ihm wieder in den Sinn kommt, warum er sie überhaupt angerufen hat. »Also, ich. Ähm, also, ich wollte Dich fragen -«
»Tony!«, unterbricht Carol ihn und kann nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken. »Jetzt spuck's schon aus.«
Sie kann seinen Atem durch das Telefon hören, als er tief durchatmet und sofort breitet sich eine leichte Gänsehaut auf ihren Armen aus, als sie sich für einen kurzen Moment vorstellt, er wäre hier, würde direkt neben ihr sitzen und sein heißer Atem würde direkt über ihre Haut wehen. Ein kurzes, leises Seufzen entweicht ihren Lippen und ärgerlich schüttelt sie den Kopf, um diese Gedanken beiseite zu schieben. Hör auf zu träumen, Carol. Du bist doch keine Sechzehn mehr!, rügt sie sich selbst in Gedanken und versucht sich wieder auf das Telefonat zu konzentrieren.
»Entschuldigung, was hast Du gesagt?«, fragt sie, als sie bemerkt, dass Tony schon weiter gesprochen hat und sie seine Antwort dank ihrer unreifen Gedanken nicht mitbekommen hat.
»Ich wollte Dich fragen, ob Du Lust hättest nachher mit mir auf den Jahrmarkt zu gehen?«
Einen Moment lang starrt sie sprachlos ihr Telefon an. Hatte Tony sie gerade wirklich gefragt, ob sie mit ihm zum Jahrmarkt gehen würde? Hatte er sie tatsächlich gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde?
»Ob ich mit Dir auf den Jahrmarkt gehen möchte?«
»Ähm, also. Wenn Du nicht willst, verstehe ich -«, erwidert er schnell, ein wenig betreten, doch Carol lässt ihn gar nicht erst aussprechen. Schon viel zu lange hat sie davon geträumt, mit ihm auszugehen. Endlich mal mit ihm alleine zu sein, unbefangen, ohne dass ihre Arbeit zwischen ihnen steht.Und ehrlich gesagt, ist es ihr vollkommen egal, wo sie hingehen. Solange sie ihn endlich einen Abend für sich alleine hat.
»Natürlich!«, bricht es aus ihr heraus und sie schreit förmlich ins Telefon, bevor sie realisiert, dass sie sich schon wieder wie ein Teenager aufführt und erschrocken die Hand vor den Mund schlägt.
»Ich meine, ich würde sehr gerne mit Dir zusammen zum Jahrmarkt gehen«, fügt sie etwas ruhiger und leiser hinzu, als sie sich wieder etwas beruhigt hat.    
»Wirklich?«, fragt Tony und klingt erstaunt, als könnte er nicht glauben, dass sie wirklich zugesagt hat.
Carol kann sich ein leises Kichern nicht verkneifen. »Ja, Tony.«
Tony atmet erleichtert aus, bevor er ihr antwortet. »Dann hole ich Dich heute Nachmittag ab. So gegen sechs?«
Sie denkt einen kurzen Moment nach, bevor sie ihm zustimmt. »Okay, gegen sechs bin ich fertig.«
(Während sie insgeheim bereits fieberhaft darüber nachdenkt, was zur Hölle sie anziehen soll.)

Als sie sich schließlich von Tony verabschiedet und den Hörer auflegt, klopft ihr Herz ein bisschen schneller und ein zartes Flattern breitet sich in ihrem Bauch aus. Ein Date mit Tony. Sie hat wirklich ein Date mit Tony. Doch ebenso schnell, wie der Gedanke gekommen ist, schiebt sie ihn auch wieder beiseite. Das ist kein Date! Sie gehen nur zusammen auf den Jahrmarkt, als Freunde, nur als Freunde. Oder?

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Mit einem Seufzen fährt sie sich durch die kurzen, blonden Haare und blickt ratlos in ihren Kleiderschrank. Wenn sie nur wüsste, was sie anziehen soll. Irgendwie hat sie das Gefühl, es sollte etwas Besonderes sein, denn irgendetwas sagt ihr, dass das heute ein besonderer Abend werden wird. (Hofft sie jedenfalls.) Doch sie weiss auch, dass es nicht zu besonders sein sollte, denn sie will ihn nicht gleich überfallen, abschrecken. Das Letzte, das sie will ist, dass er wieder einmal panisch vor ihr die Flucht ergreift und sich vollkommen in sich selbst zurückzieht.
Hektisch schiebt sie die Kleiderbügel hin und her, bis sie sich schließlich für eine leichte, schwarze Bluse und eine Jeans entscheidet und die Kleidungsstücke aus dem Schrank hervor zerrt.

Langsam dreht sich sich vor dem Spiegel hin und her und betrachtet kritisch ihr Spiegelbild. Nach einigem Zögern öffnet sie schließlich die obersten Knöpfe ihrer Bluse, bis sie mit ihrem Outfit endlich einigermaßen zufrieden ist.
(Und noch immer fragt sie sich, warum ihr Herz nicht endlich aufhören kann so heftig zu pochen, warum ihre Finger nicht endlich aufhören können zu zittern.)
»Jetzt liegt es an Dir, Tony«, murmelt sie leise, genau in dem Moment, als es an der Tür klingelt.

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Im ersten Moment verschlägt es ihr fast die Sprache, als sie Tony auf ihrer Türschwelle stehen sieht, in schwarzen Jeans und einem schlichten, blauen Hemd, Kleidung die tatsächlich zusammen passt, was so untypisch für ihn ist, wo er doch meist irgendwelche zusammen gewürfelten Kleidungsstücke trägt. (Ein Umstand der wahrscheinlich sehr zu seinem Ruf als zerstreuter Professor beigetragen hat.)
Er sieht sie an, ein schüchternes Lächeln auf den Lippen, und ihr ist, als würde ihr Herz für einen Moment schneller schlagen, als sie dem Blick seiner blauen Augen begegnet.
»Hallo, Carol.«
»Hi, Tony.«
Etwas zögerlich beugt er sich vor, um sie zur Begrüßung in eine sanfte Umarmung zu ziehen, und ohne genauer darüber nachzudenken, schlingt sie die Arme um ihn und drückt sich an ihn, einfach weil sie seine Nähe, seine Wärme für einen Moment spüren möchte.
Und entgegen ihrer Befürchtungen, versteift er sich nicht in ihren Armen, wie sonst, stattdessen legt er ebenfalls die Arme um sie und haucht einen flüchtigen Kuss auf ihre Wange.
Bei der leichten Berührung seiner Lippen, macht ihr Herz einen Hüpfer und eine zarte Röte steigt ihre Wangen hinauf.
Sprachlos und ein wenig überwältigt sieht sie ihn an, als er einen Schritt zurücktritt und sie mit einem verlegenen Lächeln anblickt.
»Bist Du fertig?«
Carol, nicht in der Lage ein Wort heraus zu bringen, nickt nur, greift sich ihre Handtasche von der Anrichte und zieht die Haustür hinter sich zu.

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»Carol?«, fragt er eine halbe Stunde später mit heiserer Stimme, als sie nebeneinander über den Jahrmarkt schlendern.
»Hmm?«, aufmerksam sieht sie ihn an.
(Und mal wieder hat sie das Gefühl, sie könnte in seinen unergründlichen blauen Augen ertrinken.)
»Ich bin vorhin gar nicht dazu gekommen das zu sagen, aber -«, seufzend bricht er ab, auf der Suche nach den richtigen Worten.
»Ja?«
»Also, ich meine, ähm«, er atmet tief durch, bevor er vage seine Hand ausstreckt, als würde er ihre Hand ergreifen wollen. Doch wie er nun einmal ist, kann er sich einfach nicht dazu überwinden, aus Angst, sie könnte vor ihm zurückschrecken, wie die wenigen Frauen, die es vor ihr in seinem Leben gegeben hatte, getan hatten.
Doch Carol sieht ihn nur an, mit ihrem wunderschönen Lächeln, weder Abscheu noch Ablehnung in den Augen und ergreift seine Hand, als könnte sie seine Angst spüren.
(Als könnte sie tief auf den Grund seiner Seele blicken. Als könnte sie ihn sehen, wie ihn noch niemand zuvor gesehen hat. Wie nicht einmal er selbst sich sieht. Als gäbe es die Abgründe, die Schrecken in seiner Seele nicht.)
»Tony. Hey, ich bin es, Carol. Wovor hast Du Angst? Sprich doch einfach mit mir.«
Der sanfte Klang ihrer Stimme, klingt wie die süßeste Melodie, die er jemals gehört hat in seinen Ohren und auf einmal fühlt er sich seltsam frei und leicht.
»Du siehst wunderschön aus, Carol.«
Ein Leuchten glimmt in ihren Augen auf, als sie ihn diese Worte sagen hört und ein breites Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.
»Danke«, antwortet sie leise, aufrichtige Freude in der Stimme. »Du siehst auch nicht schlecht aus«, fügt sie mit einem schelmischen Grinsen hinzu.
Eine zarte Röte färbt seine Wangen und er senkt den Blick. »Naja, Du weisst ja. Ich habe nicht gerade den ausgeprägtesten Sinn für Mode.«
Tadelnd schüttelt Carol den Kopf und legt ihre Hand an seine Wange. »Ich meine das ernst. Du siehst toll aus, Tony.«
Verlegen räuspert er sich. »Also, worauf hast Du Lust? Wollen wir einfach ein bisschen rumschlendern, oder -.«
Doch er kommt gar nicht dazu, seinen Satz zu vollenden, denn just in diesem Moment hat Carol hinter ihm schon den Autoscooter erspäht.
»Wie wär's denn damit?«, fragt sie grinsend und zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf das Fahrgeschäft.
Verwirrt dreht er sich um und beim Anblick der wild durcheinander brausenden Autos reisst er erschrocken die Augen auf.
»Oh, nun. Ich weiss nicht.«
Lachend verdreht Carol die Augen und fasst ihn am Arm. »Ach komm schon, Tony. Das wird lustig. Vertrau mir.«
Und schon marschiert sie mit ihm im Schlepptau zielstrebig auf die Warteschlange zu.

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Mit einem mulmigen Gefühl nimmt er neben ihr in dem kleinen Elektroauto Platz. Als sie das Lenkrad ergreift, streifen ihre Finger leicht über seinen Handrücken und sofort spürt er ein merkwürdiges Ziehen in seiner Magengegend, ungewohnt aber nicht unangenehm und er hat das Gefühl, als würde ihre bloße Berührung eine Welle von leichten Stromschlägen durch seinen Körper jagen.
»Ich vertraue Dir«, murmelt er schließlich leise, mehr zu sich selbst, doch als Carol ihn lächelnd ansieht und kurz ihre Hand an seine Wange legt und mit ihrem Daumen zärtlich über seine Lippen streicht, merkt er, dass sie ihn sehr wohl gehört hat.
Doch bevor er dazu kommt, noch etwas zu sagen, ertönt über die Lautsprecher, die hoch über ihnen unter dem Dach des Autoscooters angebracht sind, schon irgendein unverständliches Gebrüll, gefolgt von einem wummernden Elektrobeat und die Fahrt geht los.
Als Carol das Gaspedal durchtritt, wird er ruckartig zurück in seinen Sitz gepresst und erschrocken klammert er sich am Haltegriff fest.
Doch Carol lacht nur, reisst das Lenkrad herum, um sich irgendwie durch die entgegenkommenden Autos zu manövrieren. Ein Ruck erschüttert das kleine Auto, sodass Carol gegen ihn geschleudert wird, als sie von einem der anderen Wagen gerammt werden, in dem ein lachender Teenager sitzt.
»Na warte, Du kleine Ratte, das kriegst Du zurück«, murmelt Carol, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt.
»Carol«, murmelt Tony lahm, doch sie beachtet ihn gar nicht. Stattdessen lässt sie das Gefährt mit voller Wucht auf den Wagen des Jungen zufahren. Als der Junge durch den Aufprall in seinem Sitz hin und her geschleudert wird, erstirbt sein Lachen und als er Carols funkelndem Blick begegnet, macht er sich schleunigst davon.
»Ha!«, ruft Carol aus und reckt triumphierend die Faust in die Luft. »Siehst Du?«
»Ja. Klasse«, murmelt Tony lahm, darauf bedacht ruhig durchzuatmen, um seinen rumorenden Magen zu beruhigen.
Zu seinem Glück ist die Fahrt kurz darauf vorbei und auf wackligen Beinen klettert er aus dem Auto, noch immer etwas blass um die Nase.

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»Können wir jetzt vielleicht erstmal etwas Ruhigeres machen?«, fragt er, als er endlich wieder festen Boden unter den Füßen hat und die Welt um ihn herum allmählich aufhört sich zu drehen.
Grinsend sieht Carol ihn an und fährt mit der Hand liebevoll durch seine vom Fahrtwind zerzausten Haare.
»Ja, können wir. Keine Angst«, erwidert sie schmunzelnd, hakt sich bei ihm unter und lehnt ihren Kopf an seine Schulter.
Und Tony hat das Gefühl, als hätte allein ihre Nähe, ihre Berührung, eine beruhigende Wirkung auf ihn.
Gemächlich schlendern sie die, von Buden und Fahrgeschäften gesäumte, Gasse entlang und Tony nimmt sich einen Moment Zeit, im Stillen dem lieben Gott für diesen Abend mit dieser wundervollen Frau an seiner Seite zu danken.
Langsam lässt er seine Hand an ihrem Arm hinab gleiten, bis er mit seinem Finger leicht über ihren Handrücken streicht und ihre Hand nimmt.
Carol wirft einen kurzen Blick auf ihre verschlungenen Hände, bevor sie stehen bleibt und ihn mit einem Lächeln ansieht.
»Was ist?«, fragt Tony irritiert und im ersten Moment denkt er, er hätte etwas falsches getan. Doch Carol schüttelt nur flüchtig den Kopf und legt ihm einen Finger an die Lippen.
»Meine Hand in Deiner, Tony. Das fühlt sich gut an, weisst Du? Das fühlt sich wirklich verdammt gut an.«
Eine unbekannte Wärme breitet sich in Tonys Eingeweiden aus und sein Herz beginnt immer heftiger zu pochen, als er sie mit einem strahlenden Lächeln ansieht. »Das finde ich auch. Weisst Du, ich glaube ich könnte mich daran gewöhnen.«  
Seufzend schlingt Carol die Arme um seinen Nacken und sieht ihm tief in die Augen.
»Weisst Du, ich glaube nicht, dass ich Dir eine Wahl lassen werde.«
Und dann verschliesst sie seine Lippen zu einem liebevollen, innigen Kuss.

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Hand in Hand setzen sie ihren Weg über den Jahrmarkt fort, Carols Kopf ruht an Tonys Schulter und sie ist ihm so nah, dass er ihren Herzschlag hören kann.
»Es ist schön mit Dir, Carol«, sagt er nach einer Weile, als er zögerlich den Arm um ihre Hüfte schlingt, um sie zu halten.
(Denn wenn er ehrlich ist, kann er noch immer nicht richtig glauben, dass er gerade wirklich mit Carol an seiner Seite über den Rummel schlendert. Dass er sie wirklich im Arm hält. Dass sie sich wirklich geküsst haben.
Wenn er ehrlich ist, dann hat er noch immer diese Angst, sie könnte jeden Moment vor ihm davonlaufen, weil sie doch noch seine Abgründe gesehen hat. Weil sie doch noch erkannt hat, wie schmal der Pfad ist, der ihn von den Monstern, die sie jagen, trennt.)

»Es ist schön mit Dir, Tony.«
Langsam lässt er seine Fingerspitzen ihren Arm hinab tanzen, bis er ihre Hand erreicht und seine Finger mit ihren verschlingt.
(Wenn er ehrlich ist, kann er nicht sagen, wann er zum letzten Mal so unfassbar glücklich gewesen ist.
Wenn er ehrlich ist, kann er nicht sagen, ob er jemals zuvor so unfassbar glücklich gewesen ist, wie in diesem Moment.)

Mit einem glücklichen Lächeln schaut sie auf ihre verschlungenen Hände und drückt seine Hand.
Eigentlich möchte sie ihm sagen, wie glücklich sie ist, möchte ihm all das sagen, was sie viel zu lange zurückgehalten und in einen der hintersten Winkel ihres Herzens verbannt hat.
Doch ihr fehlen schlicht die Worte.
Als sie ihn anblickt, sein aufrichtiges, warmherziges Lächeln sieht, kommt sie zu dem Schluss, dass sie in diesem Moment vielleicht gar nicht reden müssen. Vielleicht ist bereits alles gesagt, was gesagt werden muss. Für den Moment.
Vielleicht reicht es auch diesen besonderen Moment einfach nur zu fühlen und zu geniessen.

»Schau mal, da vorne gibt's Zuckerwatte. Hast Du Lust auf etwas Süßes?«, fragt Tony mit einem Funkeln in den Augen, dass sie noch nie bei ihm gesehen hat und bevor sie dazu kommt, sich genauere Gedanken über die Zweideutigkeit seiner Frage zu machen, hat er schon bei dem kleinen Süßwarenstand Halt gemacht und dem Verkäufer einen großen Bund rosafarbener Zuckerwatte abgekauft.
»Was Süßes, ja?«, fragt sie schmunzelnd, als sie sich nebeneinander auf einer Bank niederlassen und sie sich an ihn schmiegt.
Tony nickt und als er die Zuckerwatte zwischen ihnen hoch hält, zwinkert sie ihm neckisch zu, bevor sie sich ein wenig vorbeugt und einen Bissen von der Zuckerwatte nimmt, genau in dem Moment, in dem er ebenfalls ein Stück von der Süßigkeit abbeisst.
»Ja, was Süßes. Etwas Süßes für …« Unsicher bricht er ab und lässt den Rest des Satzes unvollendet in der Luft hängen. Doch Carol ist nicht bereit, ihn so einfach davonkommen zu lassen.
»Ja? Etwas Süßes für?«
Ein weiteres Mal breitet sich eine zarte Röte in Tonys Gesicht aus und er spürt, wie Hitze in ihm aufsteigt, als er ihr mit seinem zitternden Zeigefinger auf die Nasenspitze tippt.
»Etwas Süßes für meine Süße.«
Bei seinen Worten weiss Carol gar nicht, wie ihr geschieht. Ohne genauer darüber nachzudenken, schlingt sie die Arme um ihn, presst sich an ihn und küsst ihn.
Er seufzt leise gegen ihre Lippen, als ihre Zunge sanft gegen die seinen pocht und um Einlass bittet, und nur allzu gerne gewährt er ihr diesen.
Zärtlich spielen ihre Zungen miteinander, tanzen einen leidenschaftlichen, innigen Tanz, nach dem sie sich beide schon viel zu lange gesehnt haben, als sie sich gegenseitig den Zucker von den Lippen küssen.
Ihm ist ein wenig schwindelig, als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder von ihr löst, er fühlt sich, als wäre er betrunken, berauscht von ihrer Süße und Lieblichkeit.

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»Und jetzt? Wie wollen wir den Abend jetzt ausklingen lassen?«, erkundigt Carol sich und sieht Freund nachdenklich an.
Tony schweigt eine Weile, scheinbar tief in Gedanken versunken, bis er den Kopf hebt und ihr leicht einen Finger an die Lippen legt.
»Warte kurz hier, ich bin gleich wieder da.«
Verwirrt sieht sie ihn an, doch bevor sie weiter nachfragen kann, ist Tony schon aufgesprungen und in der vorbei schlendernden Menge verschwunden.    
Perplex starrt sie ihm nach, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und fragt sich erschrocken, ob sie etwas falsch gemacht hat.
Als Tony nach ein paar Minuten noch immer nicht zurück ist, erhebt sie sich besorgt von der Bank und läuft suchend in die Richtung, in der Tony verschwunden ist.
»Tony? Tony?«
Sie stößt ein erleichtertes Seufzen aus, als sie ihn auf sich zukommen sieht, wie er sich durch eine Gruppe schwatzender Teenager hindurch zwängt, die ihn nicht einmal wahrzunehmen scheinen.
»Tony! Wo zur Hölle warst Du denn?«
Er antwortet nicht, stattdessen sieht er sie nur grinsend an, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und wippt unruhig mit den Füßen hin und zurück.
»Herrgott, Tony! Was fällt Dir eigentlich ein, so einfach zu verschwinden? Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen!«  
Noch immer grinsend legt er ihr einen Finger an die Lippen. »Scht. Beruhig Dich, Carol. Ich habe eine Überraschung für Dich.«
»Eine Überraschung?«
Fragend zieht sie eine Augenbraue nach oben und sieht ihn neugierig an.
»Ja, eine Überraschung. Moment.«
Langsam zieht er den Arm hinter seinem Rücken hervor und präsentiert ihr einen kleinen, braunen Stoffteddy.  
»Was? Wo hast Du den denn auf einmal her?«  
Er zieht eine beleidigte Schnute. »Wo habe ich den her? Na, woher wohl? Den habe ich geschossen.«
»Du hast geschossen? Du hast mir einen Teddybären geschossen?«, skeptisch sieht sie ihn an, lächelt jedoch, als sie seinem Blick begegnet.
»Ja, stell Dir vor, den habe ich geschossen. Nur für Dich. Traust Du mir denn gar nichts zu?«
Besänftigend legt sie eine Hand in seinen Nacken und küsst ihn sanft. »Natürlich trau ich Dir das zu. Ich wusste nur nicht, dass Du schiessen kannst.«      
»Ehrlich gesagt, wusste ich das auch nicht«, murmelt er leise, legt den Arm um sie und zieht sie an sich.
»Der ist wirklich niedlich. Danke Tony.«
Seufzend schliesst sie Augen und lehnt sich an ihn.
(Schweigend atmet er tief ein, saugt ihren betörenden, lieblichen Duft ein, der sein Herz so sehr zum Rasen bringt und ihm den Verstand vernebelt. Und allmählich erlaubt er es sich, einfach nur glücklich darüber zu sein, dass er diesen schönen Abend wirklich mit dieser unglaublichen, wunderschönen Frau an seiner Seite verbringen darf. Und begreift, dass es kein Traum ist, sondern bittersüße Wirklichkeit.)

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Als der Abend immer später wird und die Nacht sich wie ein dunkler Schleier über die Stadt Bradfield legt, wird der Menschenandrang auf dem Jahrmarkt immer weniger. Die meisten Menschen sind bereits auf dem Weg nach Hause, zurück in ihre warmen, sicheren Wohnungen, doch Carol und Tony sind noch nicht bereit, den Abend, auf den sie so lange gewartet haben, schon zu beenden.
»Carol, hast Du Lust mit mir die Sterne zu betrachten?«, mit einem schüchternen Lächeln hebt er die Hand und sieht auf ihre verschlungenen Hände und eine wohlige Wärme durchströmt ihn, als sie sanft mit ihrem Daumen über seinen Handrücken streift.
»Liebend gerne, Tony.« (Mit Dir, würde ich mir einfach alles anschauen.)

Kurz darauf sitzen sie nebeneinander in einer der kleinen Gondeln im Riesenrad und während sie darauf warten, dass die Fahrt beginnt, denkt Carol darüber nach, warum ihr Herz gerade so heftig pocht, als wollte es mit aller Macht aus ihrer Brust herausspringen und in den Himmel fliegen.
Zuerst versucht sie sich selbst weiszumachen, dass es nur daran liegt, dass sie in wenigen Augenblicken hoch in die Luft getragen wird; doch sie hatte noch nie in ihrem Leben Höhenangst gehabt, nicht einmal als Kind. Stattdessen war sie schon als kleines Mädchen lieber auf die höchsten Bäume geklettert, als mit den hübschen, blond gelockten Puppen zu spielen, die ihre Tanten ihr jedes Jahr aufs Neue so gerne zum Geburtstag geschenkt hatten, sehr zum Ärger ihrer Mutter, die sie ein ums andere Mal ermahnt hatte, sich doch eher wie eine junge Dame zu benehmen, anstatt sich wie den Wildfang aufzuführen, der sie nun einmal war. (Und vielleicht immer noch ist.)
Das Klopfen ihres Herzens scheint sich nicht beruhigen zu wollen, auch in ihrem Magen beginnt es leicht zu flattern und als sich langsam dem Mann neben ihr zuwendet, kommt ihr die Erkenntnis, dass diese Spannung vielleicht nicht nur an der bevorstehenden Fahrt mit dem Riesenrad liegt.
Aufmerksam mustert er sie und sie hat das Gefühl, sie könnte jeden Moment in seinen blauen Augen versinken, ertrinken.
»Hast Du Angst?«, fragt er sie sanft und hastig schüttelt sie den Kopf.
»Nein, ich bin nur … ein bisschen nervös.«
Bevor Tony dazu kommt weiter nachzufragen, setzt sich das Riesenrad sacht schaukelnd in Bewegung und nun wird ihr doch etwas flau im Magen.
»Das musst Du nicht, Carol. Ich bin bei Dir«, sagt er leise und legt zaghaft einen Arm um ihre Schultern.
»Ich weiss, Tony«, erwidert sie genauso leise und lässt mit einem zufriedenen Seufzen ihren Kopf gegen seine Schulter sinken. »Und glaub mir, niemand anderen würde ich jetzt lieber an meiner Seite haben, als Dich.«
Ein glückliches Brummen entweicht ihren Lippen, als er mit seiner Hand zärtlich über ihr Haar streicht.
»Ich würde niemals jemand anderen lieber an meiner Seite haben, als Dich, Tony.«  
Langsam lässt er seine Hand ihren Nacken hinab und über ihren Rücken wandern, bis er an ihre Taille angekommen ist, wo er sie langsam über ihren Bauch wieder nach oben führt.
Überwältigt von dem bloßen Gefühl seiner Hand auf ihrem Körper, hält Carol den Atem an. Dieses Gefühl ist einfach zu gut, unbeschreiblich.
»Was ist?«, fragt Tony irritiert und hält mitten in der Bewegung inne.
»Nichts. Mach weiter«, murmelt sie atemlos und schliesst die Augen. »Bitte.«
Sanft streicht seine Hand über die zarte Haut ihres Halses, fährt unter den leichten Stoff ihrer Bluse, wo seine Fingerspitzen wie ein Sommerwindhauch über ihr Schlüsselbein tanzen und der Sternenhimmel über ihnen ist längst vergessen.
»Du bist so wunderschön«, sagt er, und als sie den Kopf hebt und sie sich für einen endlos scheinenden Moment in die Augen sehen, fehlen ihr schlicht die Worte, um ihm eine angemessene Antwort zu geben, stattdessen wird das aufsteigende Verlangen ihn zu küssen, schier unerträglich.
Eine Hitze breitet sich in jeder einzelnen Körperstelle aus, die er zuvor mit seinen Händen berührt hat, und Carol hat das Gefühl, sie müsste jeden Moment innerlich verglühen.
Auf einmal ist sein Gesicht dem ihren so nah, dass sie seinen Atem spüren kann, der wie ein heißer Wüstenwind  über ihre Haut weht.
»Ich liebe Dich, Carol. Ich liebe Dich, so sehr.«    
Sie schlingt die Arme um seinen Nacken und presst sich an, als hätte sie Angst, er könnte verschwinden, wenn sie ihn nur losließe und sie würde aus einem bittersüßen Traum erwachen.
»Ich liebe Dich auch, Tony. So sehr, dass ich dafür keine Worte finde.«
Und dann treffen sich ihre Lippen, und dieses Mal fühlt es sich an, als würde etwas mitten in ihrem Herzen explodieren.  
Dieser Kuss schmeckt nach Sehnsucht und Liebe, nach MehrMehrMehr. Dieser Kuss schmeckt nach Zusammensein und Zukunft.

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»Komm, Tony. Lass uns nach Hause gehen«, sagt Carol mit einem vielsagenden Lächeln, als sie wieder festen Boden unter den Füßen haben und eng umschlungen in der Gasse zwischen den Jahrmarktsattraktionen stehen.
»Ich hätte da so eine Idee, wie wir diese wundervolle Nacht perfekt ausklingen lassen können.«
»Ja?«, fragt er mit heiserer Stimme und blickt ein wenig verlegen in ihre unergründlichen, grauen Augen.
»Oh ja«, erwidert sie grinsend und tippt ihm liebevoll auf die Nasenspitze, bevor sie seine Hand ergreift und ihn mit sich zieht. »Aber Du musst keine Angst haben, ich bin doch bei Dir.«

»Ich habe keine Angst«, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, als sie Hand in Hand zu seinem Auto gehen.
»Ich habe niemals Angst, wenn Du bei mir bist, Carol.«
(Und noch niemals zuvor, hat er etwas so ernst und so aufrichtig gemeint, wie in diesem Moment.)
Carol sieht ihn an, wilde Vorfreude in ihrem Blick und legt die Hand an seine Wange.
»Ich habe auch keine Angst, wenn Du bei mir bist, Tony. Es ist, als könnten mir die Schrecken dieser Welt und meines Jobs einfach nichts anhaben, wenn Du in meiner Nähe bist.«
Sanft streicht er mit seinem Zeigefinger über ihre Lippen, bevor er sich leicht nach vorne beugt und sie küsst.
Ein Schauer jagt durch Carols Körper und sie vergräbt die Finger in seinem Haar, während ihre Zunge über seine Lippen streicht.
Doch gerade als Tony kurz davor ist, sich in diesem Kuss zu verlieren und erneut Zeit und Raum zu vergessen, zieht sie sich zurück.
»Das Dessert bekommst Du, wenn wir Zuhause sind. Und jetzt fahr endlich los.«
Grinsend startet Tony den Wagen und gemeinsam fahren sie nach Hause, einer verheißungsvollen Nacht, einer verheißungsvollen Zukunft entgegen.


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