Misstrauen

OneshotDrama, Familie / P12
Newt Scamander OC (Own Character)
18.04.2017
18.04.2017
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1946
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Misstrauen


„Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts.“
- Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

„Er verhält sich schon wieder so seltsam, findest du nicht?“ fragte sie, während sie aus dem Fenster starrte und dem Regen beim Herunterfallen zusah. Der Boden war schon so eingeweicht, dass er kaum noch Wasser aufnehmen konnte.
Tiefe Schlammpfützen sammelten sich nun in ihrem Garten. Die dichten Bäume am hinteren Ende des Grundstückes standen schon mehrere Zentimeter im Wasser und bildeten eine sumpfähnliche Landschaft.
Ihre Hand umklammerte die mittlerweile abgekühlte Teetasse so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Durch die verkrampfte Haltung begannen ihre Fingerkuppen allmählich zu kribbeln, weshalb sie in der letzten halben Stunde immer wieder die Tasse zwischen der linken und der rechten Hand hin und her gewechselt hatte.
Heath wusste genau, dass sie angespannt war, doch sagte er wieder erst einmal nichts und starrte auf die Tageszeitung, die er halb vom Tisch hochgehoben hatte, an dem er so wie jeden Nachmittag saß.
Einige Sekunden sah sie weiter durch das Fenster, gegen das ununterbrochen die Regentropfen peitschten, und dachte über ihre Beobachtungen nach. Sie hatte die ständig gährende Angst in sich, dass sie ihm vielleicht Unrecht damit tat.
„Sag doch was dazu“, flehte sie dann förmlich und sah weiter aus dem Fenster, von dem ihre Stimme so seltsam abprallte, dass sie sich anhörte als würde sie in dem engen Bretterverschlag stehen, in dem sie das Futter für die Hippogreife lagerte.
„Du machst dir viel zu viele Sorgen, Milgitha“, wehrte ihr Mann hinter ihr abgelenkt ihre Aufforderung ab und sprach das aus, was sie sich selbst nicht wirklich eingestehen wollte. Zu ihrer Überraschung sprach er allerdings weiter:
„Newton ist doch noch ein Kind. Auch du hattest sicher Phasen, in denen es dir schwerfiel dich einzufinden.“
Milgitha nickte schwach und festigte ihren Griff um die Teetasse noch einmal, aber antworten wollte sie noch nicht. Es käme ihr ungerecht vor nicht mindestens zwei Minuten mehr dazu genutzt zu haben, über ihren jüngeren Sohn nachzudenken, der oben in seinem Zimmer saß und sich so still verhielt, dass es ihr immer unheimlicher wurde.
Nicht nur, dass er nicht einmal ihr – seiner eigenen Mutter – in die Augen sehen konnte, nein. Erschwerend kam sein zurückhaltendes und teilweise schon als emotionslos zu bezeichnendes Verhalten hinzu.
Sie hatte schlicht gesagt die Angst etwas zu übersehen. Was, wenn sie ihm Unrecht damit tat? Was, wenn sie lediglich sein Verhalten manches Mal falsch interpretierte und er eigentlich nur ein ganz normaler Junge war?
„Er wird schon noch aus sich herauskommen, genau wie Theseus. Der Junge war am Anfang doch auch so schüchtern“, setzte Heath hinterher und sie konnte die Zeitung knistern hören. Ihr Mann schob den Stuhl vom Tisch weg und erhob sich, um sich ihr am Fenster zu nähern.
„Sie sind aber nur knapp ein Jahr auseinander. So langsam mache ich mir Sorgen, Heath“, gestand sie ihm mit erstickter Stimme und drehte den Kopf nun doch weg vom sogar beschlagenen Fenster, das von außen immer noch mit Wasser begossen wurde.
„Ich weiß, mein Stern, aber du kannst sie auch nicht miteinander vergleichen“, versuchte Heath sie zu beruhigen. Auch bei dieser Aussage musste sie ihm Recht geben. Theseus war so anders als Newton, dass sie manchmal kaum glauben konnte, dass diese beiden Jungen Brüder waren.
Wenn sie sie nicht selbst geboren hätte, dann würde sie niemandem glauben, der behauptete, sie wären mehr als entfernte Verwandte.
Nicht nur das Verhalten war so grundverschieden, dass sie nicht anders konnte, als sich um den Jüngeren der beiden zu sorgen. Sogar die Statur und der Geist waren so unterschiedlich, dass Milgitha Newton für kränklich gehalten hatte.
Schmächtig und kränklich, ja.
Während Theseus draußen im Garten mit seinem Vater dieses Muggel-Ballspiel spielte, dessen System sie bis heute nicht verstanden hatte, saß Newton schweigend bei ihr und den Hippogreifen, die er gerne mit den toten Kadavern fütterte, welche sie eigentlich absichtlich vor den jungen Kinderaugen ihrer Söhne verbarg.
Er ließ sich davon jedoch nicht einschüchtern, sondern verlangte geradezu danach mit den mitunter eigenwilligen und im schlimmsten Falle gefährlichen Großtieren so viel Zeit zu verbringen wie sie es tat.
Mit dem Unterschied, dass sie damit ihren Lebensunterhalt verdiente und Newton ein siebenjähriger Junge war, der für den Geschmack der meisten magischen Eltern ein viel zu großes Interesse an diesen Tieren hegte.
Er spielte nicht mit seinem Bruder, er spielte auch nicht mit den Gleichaltrigen aus der Straße. Sie waren Muggel, aber das hielt Theseus auch nicht ab mit ihnen Freundschaften zu schließen. Selbst diese Jungen und Mädchen sah Newton mit einem gewissen Misstrauen an, auch wenn er noch nie mit Gemeinheiten menschlicher Natur konfrontiert worden war.
Milgitha sah Heath lange ins Gesicht und seufzte irgendwann tief, weil der versöhnliche Gesichtsausdruck ihres Mannes nur dazu einlud. Ihm konnte sie weder lange böse sein noch widerstehen.
Seine blauen Augen strahlten die gleiche Wärme aus wie immer und sie spürte einen Teil der Anspannung und der Sorge von sich abfallen, obwohl sie in ihrem tiefsten Inneren sicher noch weiter schwelen würde. Den Gedanken daran schob sie Heath zuliebe bei Seite.
Ein zaghaftes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht und sie ließ sich von ihm in den Arm nehmen. Nach kurzer Zeit ließ er von ihr ab und nahm ihr die Tasse aus der Hand, deren Inhalt er mit hochgezogenen Brauen beäugte.
„Du solltest ihm wirklich etwas Zeit lassen. Ich glaube, das gibt sich noch“, behauptete Heath nun wieder felsenfest und Milgitha rang sich ein Nicken ab, von dem sie wusste, dass es nicht überzeugend ausgesehen haben konnte.
Heath wendete sich von ihr ab und setzte sich zurück an den Esstisch, um die Lektüre seiner Muggel-Zeitung wieder aufzunehmen.

Der Regen hatte am späten Abend immer noch nicht nachgelassen und Milgitha kam völlig durchnässt durch die Hintertür, die direkt in die Küche führte, in der nur noch wenige Kerzen brannten.
Die abendliche Fütterung der Hippogreife war ausnahmsweise mal nicht ausgeartet und sie war pünktlich wieder zurück ins Haus gekommen, da die Tiere genau so wenig Lust hatten im Regen zu stehen wie sie.
Sie nahm ihren Mantel ab und legte ihn über dem Ofen ab, damit er über Nacht trocknen könnte. Danach wischte sie sich mit einem eigens dafür gedachten Tuch über das nasse Gesicht, um die unzähligen Tropfen loszuwerden, die sich dort und auch in ihrem rotblonden Haar sammelten.
Heath war nirgends zu sehen, er war vermutlich schon oben, um das Schlafzimmer vorzuwärmen. Mit der Aussicht auf ein warmes Bett im Hinterkopf, ging Milgitha langsam die dünnen Holztreppen nach oben.
Im oberen Flur angekommen, horchte sie einmal vorsichtig ins Haus. Heath hatte die Kinder schon ins Bett bringen sollen, aber bei beiden konnte man nie genau wissen. Der eine turnte meist noch quietschvidel durchs Zimmer, der andere verkroch sich heimlich unter seiner Decke, um Bücher zu lesen, die nicht für sein Alter bestimmt waren.
Oftmals hatte sie auch ihre eigene Bibliothek über Wochen schrumpfen sehen, nur um dann alle Bücher über Magie und besonders über Tierwesen irgendwann unter Newtons Bett wiederzufinden.
Er hatte sie sogar sehr widerwillig zurückgegeben, so als würde sie ihm tatsächlich sein Eigentum wegnehmen. Dabei konnte er zumindest von der Magie noch nichts verstehen, geschweigedenn von den Tierwesen.
Von denen verstand der Großteil der Zaubererwelt nichts, doch wollte sie ihm dieses Wissen ungern vorenthalten. Dennoch war es mindestens sonderbar zu nennen, mit welch beharrlicher Neugier er sich den Tierwesen widmete.
Bei ihrem üblichen Kontrollblick auf den Türspalt der beiden Kinderzimmer fiel ihr auf, dass es heute mal wieder Newtons Zimmer war, aus dem ein seichter Schimmer hervortrat.
Ein resignierter Seufzer entfuhr ihr trotzdem, denn die beiden schienen sich abzusprechen, wer ihr als nächstes auf die Nerven gehen sollte. Diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, musste sie doch tatsächlich breit lächeln, denn ihr gefiel die Vorstellung wie sich Newton und Theseus abends absprachen, wer der Übeltäter sein soll.
Milgitha näherte sich leise der Tür, die nur sehr schlecht vollständig zu schließen war und drückte ihr Ohr gegen das dünne Holz, das den Blick in Newtons zumeist chaotisches Zimmer verdeckte. Dahinter hörte sie leise Geräusche.
Kaum mehr als ein Flüstern drang nach draußen und es war eindeutig Newtons Stimme, die sie wiedererkannte.
Er sagte allerdings nichts, das sie verstehen könnte, also beschloss sie sich anzusehen, was er zu so später Stunde noch machte, obwohl er schon längst schlafen sollte.
Mit etwas Schwung schob sie die Tür auf und klopfte noch, bevor sie sie zur Hälfte geöffnet hatte. Newton bewegte sich nicht einmal, er blieb einfach mit dem Rücken zu ihr sitzen und schien sich etwas auf seinem Teppich anzusehen.
„Newton, mein Schatz. Du solltest doch schon längst schlafen“, sagte sie halblaut in das schummrige Licht einer fast ausgebrannten Kerze und musste sich etwas anstrengen, um das Gesicht ihres Sohnes in der Dunkelheit zu erkennen, der wenigstens den Kopf halb zu ihr gedreht hatte.
Schweigen. Wie die meiste Zeit.
„Newton, was machst du denn da?“ fragte sie etwas beunruhigt und mahnte sich zur Rücksicht, schließlich sollte sie die beiden Jungen nicht vergleichen. Heath hatte ja Recht, aber nun stand sie hier und es war unheimlich dunkel und Newton sagte nichts.
Sie ging auf ihn zu und sah ihm über die schmächtige Schulter, die in dem Pyjama steckte, den seine Großmutter für ihn genäht hatte.
Auf dem Teppich vor seinen Füßen, die im Schneidersitz überkreuzt waren, waren dunkle Flecken, die sich bewegten. Ekel machte sich in ihr breit und sie spürte, wie sie das Gesicht verzog, bevor sie überhaupt genau erkennen konnte, um was es sich da handelte.
Bei genauerem Hinsehen fiel ihr auf, dass es keine Flecken waren, sondern pilzähnliche Gestalten, die mit Tentakeln auf Newtons Teppich umherkrochen. Er hatte doch tatsächlich Horklumpe in seinem Zimmer versteckt.
„Was soll das?“ fragte sie aufgebracht und ließ ihren Blick erneut über die Wesen schweifen, die teilweise noch lebendig waren. Was sie jedoch völlig verstörte waren die zerstückelten anderen, die tot daneben lagen.
„Newton!“ rief sie dann schriller als beabsichtigt, weshalb der Junge ein wenig in sich zusammensackte und sich vor ihr kleiner zu machen versuchte.
„Was hast du getan?!“
Und endlich bekam sie eine Antwort, doch gefiel sie ihr nicht:
„Ich habe sie untersucht. Sie sind ganz schön langweilig.“

Anmerkung: Mein erster Versuch mich an Newton Scamander und seine Herkunft heranzutasten. Diese Begebenheit mit den Horklumpen (oder Horklumps?) ist nicht meine eigene Idee gewesen, sondern ist als Fakt im Wikia über ihn angedeutet (auch, dass er sie als langweilig einstuft und später so in seinem Buch bezeichnet) und diese Steilvorlage konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen ;) Eure Meinung zu meinem Einstand hier ins Fandom würde mich natürlich sehr interessieren – keine falsche Scheu!
LG, Erzaehlerstimme
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