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Carpe Momentum

von Nuwanda
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Charlie Dalton Neil Perry
17.04.2017
17.04.2017
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Neil saß am Schreibtisch und blätterte die nächste Seite seines Buches um. Es dämmerte schon ein wenig und auch wenn das Licht kaum noch zum Lesen ausreichte, klebten seine Augen an den Zeilen.
Hemingway hatte ihn schon immer fasziniert, und seit ihm das Buch gestern Morgen wieder in die Hände gefallen war, hatte er regelrecht Mühe, es wieder zur Seite zu legen.Obwohl er es mit Sicherheit schon an die hundert Male gelesen hatte und nahezu auswendig konnte, zog es ihn auch diesmal wieder in seinen Bann. Sein Lieblingsroman, "Der alte Mann und das Meer".

Trotz Versunkenheit in den Wellen der kubanischen Küste entging ihm nicht der Schatten, der an seiner offenen Zimmertür vorbei huschte. Neil blickte auf. Schnelle, beinahe wütende Schritte ließen die Bodendielen knarzen, bis eine knallende Tür sie verschluckte. Dann war es wieder still.

War der freiwillige Lyrikkurs, den Keating seit Neustem zweimal in der Woche nun auch nachmittags abhielt, etwa schon vorbei? Neil hatte seinen Beitrag bereits am Vormittag eingereicht und sich daher die Stunde heute schenken dürfen, was ihm sehr gelegen gekommen war, um die Ruhe im Wohnheim zu genießen. Todd, Knox und Charlie jedoch hatten die Chance nutzen wollen, Keating's Inspirationen zu lauschen und dadurch vielleicht endlich den Anstoß zu ihrem wöchentlichen Pflichtwerk zu finden.
Neil sah auf seine Uhr. Erst kurz nach fünf. Um halb sechs war in der Regel Unterrichtsschluss. Und alle anderen aus seinem Stockwerk waren draußen im Park und trainierten für das nächste Baseballturnier. Wer also trampelte um diese Zeit durch den Korridor?

Er stand auf, legte einen Stift in sein Buch, um die Seite nicht zu verschlagen, und spähte hinaus auf den Flur. Unter einer Tür hindurch schimmerte ein schwacher Lichtschein über den dunklen Boden. Neil seufzte tief, als er langsam auf sie zu ging und anklopfte. Ein undefinierbares Brummen nahm er als Aufforderung, das Zimmer zu betreten.

Charlie lag auf seinem Bett und starrte an die Decke, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.  Seine Miene war farblos, hart. Irgendwie leer. Er nahm kaum Notiz von Neil, der sich auf der Bettkante neben ihm niederließ."Nun rutsch mal rüber."
Wortlos, lediglich mit leisem Seufzen, folgte Charlie der Anweisung, um danach weiter an die Decke zu starren.
"Was ist los?" Neil wandte sich ihm zu.
"Todd ist los" , grummelte Charlie und verdrehte die Augen.
"Was hat er jetzt wieder angestellt?" Neil legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. Sein Blick spiegelte nahende Verzweiflung, obwohl er das Spielchen mittlerweile kannte. Natürlich. Immer wieder diese beiden...
"Tz...nichts. Außer, dass er selbstverständlich wieder das beste Gedicht abgeliefert hat. Hättest mal sehen sollen, wie Keating ihn wieder hofiert hat. Langsam hab ich echt keine Lust mehr auf den Mist. Den Club zumindest nicht mehr! Was soll ich da? Ich krieg doch eh nichts auf die Reihe. Todd schreibt doch sowieso am Besten! Seit wir da unsere eigenen Werke einbauen und Keating ihn damals zum ersten Mal zum König der Dichtkunst gekrönt hat, ist er noch unausstehlicher als vorher schon." Seine Stimme wurde energischer. "Wie er mittlerweile sogar vorträgt! Da war mir sein scheues Getue am Anfang ehrlich gesagt lieber als das jetzt. Ich sag's dir, könnte er die Nase noch höher tragen, würde es reinregnen. Seht her, König Todd der Erste spricht zu seinem Volke! Was soll da der Pöbel wie ich noch dagegen anbringen?"
Charlie's Blick hatte sich im Reden mehr als verfinstert, doch Neil war trotzdem nicht entgangen, wie sich Tränen in seinen Augenwinkeln gesammelt hatten, die er eilig fortwischte und die Augen schloss, um einen Anflug weiterer zurückzudrängen. Er atmete hörbar aus, ein Stück weit erleichtert, seinem Frust einmal Raum gegeben zu haben.

"Ach, Charlie..."
Neil rückte näher an ihn heran legte den Kopf an seiner Schulter ab. Langsam schlang er seinen Arm um den Oberkörper seines Freundes, ließ die Fingerspitzen über den weißen Hemdsärmel gleiten. Ein leichtes Zittern durchfuhr ihn, wie jedes Mal, wenn sie sich berührten. Es war alles noch so neu. Erst vor gut einer Woche waren sie sich zum ersten Mal näher gekommen. Hatten sich den Gefühlen zueinander, die sich seit geraumer Zeit gewandelt hatten und über die der Freundschaft hinaus gegangen waren, gestellt. Verbotene Gefühle, die unter allen Umständen verborgen bleiben mussten und die ihnen dennoch keine Ruhe mehr ließen. Die gefühlt werden wollten, gelebt werden wollten. Die beinahe schmerzhaft den ganzen Tag in Schach gehalten werden mussten, bis sie beide abends ein paar viel zu kurze Augenblicke füreinander fanden, wenn sie sich, bevor die anderen aufkreuzten, in der Höhle treffen konnten. Diese ständige Anspannung, die Angst, entdeckt zu werden. Nicht auszudenken, was mit ihnen geschehen würde, wenn es herauskäme. Zwei Schüler, zwei Jungs, die der Unzucht fröhnten. Ein Skandal für die altehrwürdige Welton Academy. Und der Untergang für sie beide.

Charlie's Lippen umspielte ein sanftes Lächeln. Er zog die Arme unter dem Kopf hervor und schloss sie um Neil, der sich sofort noch enger an ihn schmiegte. Charlie konnte sich nicht helfen, aber dieser Kerl brachte seine Eisesmiene immer wieder zum schmelzen. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Auch für ihn war es alles neu. Hätte er es jemals für möglich gehalten, solche Regungen für einen Mann zu empfinden? Es war schon lange seine Disziplin gewesen, Frauenherzen zu erobern, sie zu umgarnen, sie dorthin zu bekommen, wo er sie haben wollte und er hatte es sich stets leisten können, sie zu brechen, sie herauszureißen, wenn er ihrem Klang überdrüssig geworden war. Ja, er war ein Weiberheld. Ein Herzensbrecher. Dennoch liefen sie ihm in Scharen nach.
Aber seit ihm eines Tages bewusst geworden war, dass er mehr für seinen besten Freund empfand, schämte er sich seiner rauen Art, in welcher er bisher mit den Gefühlen anderer gespielt hatte. Und zum ersten Mal beschlichen ihn Zweifel, ob er überhaupt dazu geeignet war, wahrhaft zu lieben. Ob er es wert war, geliebt zu werden. Ob er der Liebe würdig war. Er dem wichtigsten Menschen in seinem Leben angemessen war.
Ja, er hatte Angst. Noch mehr Angst, als dass sie entdeckt würden, hatte er davor, etwas falsch zu machen und Neil Perry für immer zu verlieren. Angst davor, auch ihm eines Tages das Herz zu brechen.

Er wandte Neil sein Gesicht zu und hauchte ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn, vergrub eine Hand in dem dunkelbraunen Haar und schaute ihn an. Jedes Geheimnis, jede Gefahr war einen Augenblick wie diesen wert...

"Charlie. Warum zweifelst du so sehr an dir? Du schreibst großartig."
"Na, das musst du ja sagen, als mein Freund.
"Nein, das müsste ich nicht."
"Doch klar, Ich schreib ja schließlich über dich."
"Und deshalb ist es nicht gut?"
"Nein...doch...verdammt, Neil", grummelte Charlie und bemühte sich, sein sich aufdrängendes Grinsen zu unterbinden. Obwohl er wusste, dass der Punkt in dem Fall an Neil ging. Und der wusste es auch.
"Was?", erwiderte dieser mit einem triumphierenden Zwinkern und berührte Charlie's Wange, dort wo sich das Grübchen bildete.
"Aber...Todd.."
"Todd schreibt wunderbar. Ja."
"Siehst du!" Das Grübchen verschwand wieder. Charlie senkte den Blick, wollte Neil's dunklen Augen ausweichen, doch sie hielten eisern an ihm fest.
"Aber seine Worte berühren nicht mein Herz."

Neil's Hand ruhte noch immer an der Wange  seines Freundes. Sanft strich er mit dem Daumen über die weiche, sommersprossige Haut. Er beschrieb eine kurze Linie, über die er einen Haken setzte und senkte seine Lippen auf das unsichtbare Zeichen, verteilte winzige Küsse bis an Charlie's Ohr.
"Du berührst mich, Nuwanda", flüsterte Neil. "Du berührst mein Herz."

Die Küsse setzten ihren Weg zurück, bis sie Charlie's Lippen erreichten und ein Feuerwerk entzündeten. Überwältigt und voller Inbrunst brachte Charlie Neil entgegen, wofür er niemals die richtigen Worte gefunden hätte. Er hatte verstanden. Es zählte nicht, wie gut seine Gedichte für irgendwen waren. Es zählte, dass sie den berührten, der ihn dazu bewegte, die Worte zu schreiben. Es zählte, was sein Herz in dem Moment fühlte, wenn er sie schrieb, wie es hämmerte, wenn die Worte in seinem Geiste Bilder malten, und die Bilder wieder Worte formten. Es zählte nicht, wer besser als er wäre. Es zählte, dass seine Gedanken und die Welten, die sie erschufen, ihn glücklich machten. Und Neil glücklich machten.

Charlie beugte sich über ihn, bettete ihn sanft unter sich, vertiefte den Kuss abermals, während er seinen Herzschlag in allen Winkeln seines Körpers pulsieren fühlte.

Carpe Diem. Carpe Momentum.

Wer wusste, wie lange er ihnen noch vergönnt war. Es war schließlich kurz vor halb sechs.
 
 
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