Commilitones 1 - Waffenbrüder

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18 Slash
Ezio Auditore da Firenze Giovanni Auditore da Firenze Leonardo da Vinci Maria Auditore da Firenze Mario Auditore OC (Own Character)
17.04.2017
01.07.2017
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Anmerkung: Ein Glossar der verwendeten italienischen Worte und Floskeln findet sich am Ende jedes Kapitels in der Reihenfolge ihrer Verwendung im Text.

~*~
„Wer das Leben nicht schätzt, der hat es nicht verdient.“
Leonardo da Vinci (1452 – 1519)
~*~

KAPITEL 1: DIE MÜHLE


Die Sonne stand im Zenit und ihre Hitze brachte selbst die Ziegeln zum Schmelzen. So jedenfalls erschien es der einsamen Gestalt, die über den First balancierte, fern der engen Gassen und überfüllten Plätze, auf denen sich Ezio Auditore nur ungern aufhielt. Aufmerksam glitt sein Blick umher, aber zur Mittagszeit schienen selbst die Bogenschützen der Stadtwache die Dächer zu meiden.

Ezio schob die Kapuze zurück, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, sich dem nahen Duomo zuzuwenden, um sich ein kühles Plätzchen im Schatten seiner Kuppel zu suchen, entschied sich dann aber anders. Es dürstete ihn nach Gesellschaft und einem offenherzigen Gespräch, das er hier in Florenz mit kaum einem Menschen mehr führen konnte. Nicht als Vogelfreier. Seit dem Tag, an dem seine Familie auf so schändliche Art und Weise verraten worden war, wagte es Ezio nicht mehr, zu vertrauen – bis auf zwei Ausnahmen. Zum einen war da Paola, die Schwester des ehemaligen Hausmädchens seiner Familie, die ihm dabei geholfen hatte, seine Mutter und seine Schwester aus der Stadt und in Sicherheit zu bringen. Zum anderen Leonardo da Vinci, ein Künstler, der trotz allen Talents auf keinen grünen Zweig kommen wollte. Ezios Familie, allen voran seine Mutter, hatte ihn finanziell gefördert – bis zu jenem Tag, an dem die Verschwörer über die Auditore hergefallen waren wie die Aasgeier, und Ezio von einem Geheimnis erfahren hatte, das inzwischen zu seinem Lebensinhalt geworden war. Nun stand er hier, seiner einst sorglosen Jugend beraubt und im Waffenrock seines verstorbenen Vaters. Ein Assassine, wie all seine Vorfahren, zu einem Leben im Schatten verdammt.

Er hatte es sich nicht ausgesucht.

Ezio übersprang eine Gasse, setzte trittsicher auf dem Nachbardach auf und wandte sich nach Nordwesten, wo er die Piazza Brunelleschi wusste – und Leonardos Bottega, in der er stets willkommen war. Er konnte nicht sagen, wie oft er dort bereits Schutz vor den Wachen und ein weiches Nachtlager gefunden hatte. Leonardo war zu seinem einzigen Hort der Freundschaft inmitten einer von Korruption beherrschten Stadt geworden.

Nur wenige Dächer später tat sich der von Hauswänden und Mauern umschlossene Innenhof vor ihm auf, der zu Leonardos Werkstatt gehörte. Hier konnte Ezio ungesehen an seinen Fertigkeiten im Umgang mit den Waffen arbeiten, die Leonardo für ihn entwarf und verfeinerte. Er verstand sich nicht nur aufs Malen, auch als Metallurg leistete er Bemerkenswertes. Ezio lächelte, sprang auf die Mauer hinab und hielt dann inne, als er die Pferde entdeckte, die auf der Wiese im Schatten des Olivenbaums grasten. Sie waren weder edel noch stramme Schlachtrösser, vielmehr Vertreter jener Rassen, welche die Bauern der Toskana hielten, um ihre Felder zu bestellen oder ihre Karren von Markt zu Markt ziehen zu lassen. Leonardo stand zwischen ihnen und klopfte gerade einem der beiden Tiere den Hals.

„Ich wusste gar nicht, dass du Pferde hast.“

„Ich bin erst seit Kurzem in der finanziellen Lage, welche zu halten“, erwiderte Leonardo, auf dessen Gesicht sich beim Klang von Ezios Stimme ein Schmunzeln ausgebreitet hatte. Er trat zur Mauer hinüber, von der sich sein Freund nun in den Hof gleiten ließ, und breitete vergnügt die Arme aus. Ezio drückte ihn an sich, dankbar, genau das zu erhalten, wonach er sich nach den einsamen Stunden auf den Dächern gesehnt hatte. Bei Leonardo konnte Ezio vergessen, was aus ihm geworden war, ganz so, als sei es nie passiert.

„Es tut gut, dich zu sehen, amico mio“, sagte Leonardo, fasste Ezio am Arm und zog ihn mit sich zu den Pferden. Er plapperte – wie immer, wenn er von etwas hellauf begeistert war. „Darf ich vorstellen? Castor und Pollux!“

„Deine neuen Studienobjekte?“, neckte Ezio und hob die Hand, um dem Rappen, der ihm am nächsten stand, den Hals zu klopfen. Er kannte die Pferdeskizzen, die wild verstreut in Leonardos Werkstatt herumlagen – vornehmlich Bewegungs- und Proportionsstudien.

„Unter anderem“, gab Leonardo zurück und sein vergnügter Tonfall trug Ezios Sorgen hinsichtlich seiner bevorstehenden Aufträge und Pläne davon, so wie der Wind lose Daunenfedern zu verstreuen vermochte.

„Du bist also auch sattelfest?“

„Ah, certo! Ich bin auf dem Land aufgewachsen.“

„Das wusste ich gar nicht … hat dein Vater nicht ein Notariat in der Via delle Prestanze? Mein Vater hatte früher einige Male geschäftlich mit ihm zu tun.“

Verblüfft beobachtete Ezio eine Wandlung in Leonardos Gebaren. Der fröhliche Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht und seine Haltung gewann etwas ungewohnt Reserviertes. „. Aber ich habe meine Kindheit in Anchiano verbracht, in Vinci. Es gibt dort viele Ölmühlen. Und viele Pferde.“

Bei seinem letzten Satz lächelte er wieder. Dennoch hatte sich seine seltsame Reaktion auf die Nennung seines Vaters in Ezios Wahrnehmung gebrannt.

Scusa, Leonardo. Ich weiß nicht viel über deine Familie. Habt ihr ein schwieriges Verhältnis?“

„So könnte man es nennen.“ Leonardo strich sich das schulterlange Haar zurück. Seine fahrige Geste wie auch seine Mimik verrieten, dass ihm das Thema nicht behagte. „Ich bin … ein uneheliches Kind. Meine Mutter ist eine einfache Magd und mein Vater zog aus Prestigegründen die Verlobung mit einer angesehenen Notarstochter vor. Um ihr wie auch den da Vinci aus der misslichen Lage zu helfen, die durch mich entstanden war, verheiratete man meine Mutter kurz nach meiner Geburt mit einem Söldner namens Accattabriga. Sie wurde bald wieder schwanger. Von ihrer Seite habe ich ein halbes Dutzend Geschwister, während mein Vater erst zwei fruchtlose Ehen hinter sich bringen musste, bevor ihm die dritte den ersten so sehnlich herbeigewünschten legitimen Sohn bescherte. Er arbeitet bis heute fleißig an weiteren Erben.“

Leonardos Stimme hatte einen zynischen Unterton gewonnen, und Ezio stand da wie vom Donner gerührt. Aus welchen Verhältnissen Leonardo stammte, hatte er bis jetzt nie hinterfragt. Die nun ausgesprochene Offenbarung verblüffte ihn und nährte seine Bewunderung für Leonardo, den Ezio nicht einmal in Gedanken als das zu bezeichnen imstande war, wozu das Gesetz ihn verdammte: ein Bastard ohne Erbrecht zu sein, der auf sich allein gestellt sein Leben zu meistern hatte.

„Was hältst du von einem Ausritt?“, fragte Ezio, um von dem unangenehmen Thema abzulenken. Er sah Leonardo an, der die Nüstern des Fuchses streichelte, die das Tier vertrauensvoll in seine Hand gestoßen hatte. „Das Wetter ist gut und wir haben noch mehrere Stunden Tageslicht. Wir könnten etwas Brot und Äpfel mitnehmen … und deine Zeichenmappe. Es gibt einige schöne ruhige Flecken vor der Stadtmauer.“

Ezio bemerkte, wie sich Leonardos Augen aufhellten, und er musste unweigerlich lächeln. Sein Vorschlag schien genau das Richtige zu sein, um seinen treuen Freund wieder aufzuheitern.

„Hast du heute denn keine Verpflichtungen, denen du nachgehen musst?“

Ezio winkte ab. „Nichts vor Mitternacht. Also, wo hast du die Sättel?“

~*~


Die Nachmittagssonne beschien die nahen Weinberge, die sich in das Arnotal schmiegten. Der Herbst kündigte sich an, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sich das Land vor den Mauern der Stadt mit Winzern und Erntehelfern füllen würde.

Ezio und Leonardo hatten sich einen Platz am Ufer des Flusses gesucht. Nach dem letzten Frühjahrssturm hatte man hier einige beschädigte Bäume gefällt, und Leonardo nutzte einen breiten noch vorhandenen Stumpf als Unterlage für sein Skizzenbuch. Ezio lag neben ihm im Gras ausgestreckt. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, um von der Sonne ungeblendet in den Himmel blicken zu können, wo ein Rotmilan seine Kreise zog.

„Wolltest du eigentlich schon immer Maler werden?“

Seine Stimme durchbrach das Schweigen und er konnte hören, wie das leise schabende Geräusch des Silberstiftes, mit dem Leonardo seine Skizze schraffierte, abbrach.

„Nein.“

„Was dann?“

„Jemand, der die Welt verändert, egal wie. Ich bin davon überzeugt, dass wir zu viel mehr fähig sind, als wir gemeinhin glauben, wenn wir uns nur an den Lehren bedienen, die uns die Natur vorgibt.“ Auf Leonardos Lippen lag ein Lächeln. „Ich wollte immer fliegen, wie ein Vogel. Irgendwann werden es die Menschen sicherlich können.“

„Das ist eine ziemlich verrückte Vorstellung. – Was fasziniert dich so daran?“

Leonardo zeichnete wieder. Der Blick, den er dabei auf das Papier gerichtet hielt, wirkte versonnen. „Freiheit … und Weite. Die Welt in der Vogelperspektive zu betrachten ist unheimlich erbaulich.“

Ezio nickte. Er verstand, was Leonardo meinte. Er hatte Florenz und auch andere Orte bereits oft genug selbst aus eben dieser Perspektive betrachtet. Sie veränderte die Sicht, verschaffte einen Überblick, offenbarte das Ganze …

„Während meiner Lehrzeit bei Verrocchio fertigten wir die große Kugel für die Domkuppel an“, fuhr Leonardo fort. „Sie ruht ganz oben, auf der Laterne. Man kann sie von der Piazza aus relativ gut sehen, aber besser wohl von den Dächern der Häuser ringsum.“

„Du warst an der Herstellung beteiligt? Ich habe zugesehen, als man die Kugel mit Drehkränen hinaufgeschafft und auf der Laterne befestigt hat. Da war ich … hm … elf? Ja, elf. Es war genau einen Monat vor meinem Geburtstag.“

Leonardo lächelte. Der verträumte Ausdruck auf seinem Gesicht hatte an Intensität gewonnen. „Es war atemberaubend! Der Himmel war an diesem Tag vollkommen klar und der Blick reichte weit, über die ganze Stadt hinweg, bis in die Ausläufer des Chianti.“

Ezio blinzelte. „Moment mal … du warst da oben?“

Certo. Es waren viele Tauben dort. Sie hatten Nistplätze in und auf der Laterne und wir schreckten sie natürlich auf. Sie flogen um uns herum, als wir die Kugel aufsetzten. Am liebsten hätte ich die Arme ausgebreitet und mich fallen lassen, nur um mit ihnen zu fliegen.“

Leonardo schien Ezios überraschtes Schweigen nicht zu verstören. Sein Blick richtete sich unverwandt in die Ferne, während Ezio vor seinem inneren Auge genau das sah, was wohl auch Leonardo vorschwebte: die unendliche Weite der Stadt, die unter seinen Füßen ausgebreitet lag wie ein Teppich, er selbst dem Himmel näher als der Erde, nur in Gesellschaft von Taubenschwärmen und einem einsam über ihn hinweg gleitenden Adler … Ezio war dort oben auf der Domkuppel gewesen, und es war gar nicht lange her. Er hatte auf der gewaltigen Kugel gesessen und den Ausblick genossen.

Die Weite.

Die Freiheit.

„Ich verstehe dich“, sagte er leise. „Es ist berauschend.“

Leonardos Augen gewannen wieder Fokus, wurden klar und richteten sich auf Ezio. „Vielleicht wage ich mich noch einmal hinauf“, sagte er nach einer Weile.

„Und vielleicht komme ich dann mit. – Wie wär’s mit morgen?“

„Du bist momentan überraschend unbeschäftigt“, lachte Leonardo. Aber er klang nicht abgeneigt. Ganz und gar nicht.

„Ah, tagsüber habe ich genug Zeit.“ Ezio richtete sich auf und zog einen Apfel aus der Tasche, den er sich als Wegzehrung mitgenommen hatte. Bevor er hineinbiss, rieb er die Schale an seinem Hemdsärmel sauber. „Ich muss nur heute Abend los. Gegen Mitternacht wird ein Kurier auf der Piazza della Signoria erwartet. Volpe meinte, in den Unterlagen befänden sich Hinweise auf den jetzigen Aufenthaltsort von Baroncelli und Jacopo de’ Pazzi. Ich werde ihm auflauern und ihn mir greifen.“

Buona fortuna, amico mio.“

Leonardo lächelte, aber sein Blick war ernst. Ezio streckte den Arm aus, um seine Hand auf Leonardos Schulter zu legen, und schluckte den Bissen hinunter, bevor er sprach, wobei er sich bemühte, seiner Stimme einen jovialen Klang zu verleihen.

„Ich passe auf mich auf, keine Sorge. – Was hast du da eigentlich gemalt?“

Neugierig beugte er sich vor, um die Zeichnung zu betrachten, die Leonardo gerade hatte wegpacken wollen. Ezio erkannte die Flusslandschaft, in der sie sich befanden. Die Weinberge in der Ferne, das Waldstück zur linken Hand und ihre Pferde, die nahe am Ufer standen und dösten. Darüber kreisten Greifvögel. Es war wohl immer ein und derselbe, aber Leonardo hatte ihn in unterschiedlichen Posen skizziert – im Sinkflug, hochsteigend, niederstoßend, von einer Windböe gepackt und getragen. Feine Striche visualisierten die Windströmungen und verliehen den Tieren auf dem Papier eine bemerkenswerte Dynamik. Noch mehr als die Vogelstudien durchbrachen andere Dinge die Zeichnung. Ezio sah scheinbar wahllos auf dem Blatt verteilte geometrische Formen: Kreise, Kegel und Dreiecke, unterschiedlich schraffiert – wohl Studien zu Licht und Schatten. Einige hatte Leonardo mit Notizen und Gradzahlen versehen, und am oberen Bildrand fand sich eine Berechnung, die sich Ezio nicht erklären konnte. Er fand den Bezugspunkt einfach nicht, auch wenn er inzwischen gelernt hatte, Leonardos Spiegelschrift zu lesen, der sich sein Freund bediente, um die Tinte bei rasch geführten Notizen nicht mit den Fingern zu verschmieren. Als Linkshänder fiel ihm das Schreiben so bedeutend leichter.

„Was ist das?“ Ezio musterte stirnrunzelnd die für ihn kryptischen Symbole, und Leonardo griff etwas zu hastig nach dem Skizzenbuch.

„Nichts Besonderes. Freies Zeichnen. Wenn ich nur zum Zeitvertreib oder zu Studienzwecken male, mische ich gerne Dinge miteinander, die mir … erm, gerade so durch den Kopf gehen.“

„Dir geht andauernd viel zu viel auf einmal durch den Kopf“, brummte Ezio und stand auf, um sich Gras und Erdkrumen von der Kleidung zu klopfen. „Du solltest dich mit etwas beschäftigen, was deine Konzentration so sehr vereinnahmt, dass du für eine Weile nur bei dieser einen Sache bleibst.“

Leonardo schnaubte amüsiert und winkte ab, bevor er seine Zeichenutensilien zusammenräumte, zu seinem Pferd hinüberging und die Sachen in seiner Satteltasche verstaute. Ezio folgte ihm, im Gehen nach den Zügeln des Rappen angelnd, für den er sich für den heutigen Ausritt entschieden hatte.

„Wie wäre es mit einem Wettrennen?“ Ezio zog den Sattelgurt nach, bevor er den Fuß in den Steigbügel schob. „Von hier über die Wiesen bis zu der Mühle dort hinten.“ Er deutete zwischen den Bäumen hindurch zu besagtem Ort, der einen knappen Kilometer entfernt war. Außer ein paar Höfen und Weidegattern gab es praktisch keine Hindernisse – es war eine herrliche Galoppstrecke.

Leonardo folgte Ezios Blick, während er die Tasche verschloss. Er zögerte und zurrte seinerseits den Gurt wieder fest, den sie über die Dauer der eingelegten Pause bei beiden Pferden gelockert hatten, um ihnen auch etwas Entspannung zu gönnen. Ezio rechnete bereits mit einer Absage. Dann jedoch, von einem Moment zum nächsten, stahl sich ein entschlossener Ausdruck in Leonardos Gesicht und er schwang sich in den Sattel.

Affare fatto! – Wer zuletzt die Mühle erreicht, zahlt das Abendessen.“

„Gefällt mir!“ Ezio lenkte den Rappen neben Leonardos Pferd und grinste siegessicher. „Ich hätte Lust auf saltimbocca alla romana.“

„Dann verdien’s dir“, erwiderte Leonardo und presste dem Fuchs die Schenkel in die Seiten. Das Tier machte einen Satz nach vorn und galoppierte los. Es brach zwischen den Bäumen hindurch, die ihren Rastplatz am Fluss von der Wiese dahinter trennten, und legte im freien Gelände rasch an Tempo zu.

Verdattert starrte Ezio auf den davonjagenden Leonardo. „Eh! Du spielst nicht fair!“

Die einzige Antwort, die er bekam, war ein lautes Lachen. Ezio legte die Stirn in Falten. Dieser Mistkerl wollte ihn ärgern – und es gelang ihm auch noch! Die Herausforderung annehmend, hieb er seinem Pferd nun ebenfalls die Hacken in die Flanken, um zu Leonardo aufzuschließen. Wenige Sekunden später waren sie fast gleichauf.

Pezzo di merda! Du bist ein Betrüger!“, schimpfte Ezio, als ihn Leonardos amüsierter Blick traf, und lachte dann selbst laut auf. Sein Ehrgeiz war geweckt, und er war überrascht, wie gut Leonardo es verstand, an Ezios Verständnis von Spaß zu appellieren. Seine Reitkünste waren darüber hinaus hervorragend – direkt waghalsig, wie Ezio mit einer seltsamen Befriedigung feststellte. Auf dem Pferderücken mauserte sich der Mann, den er bisher eher für einen Stubenhocker gehalten hatte, zu einem ernst zu nehmenden Wettkampfgegner. Oh ja, das hier war genau nach Ezios Geschmack!

Der erste Bauernhof kam heran und sie schlugen einen Haken. Ezio hielt sich links, während Leonardo nach rechts ausscherte. Kurz verloren sie einander aus den Augen, nur um sich hinter den Gebäuden auf einem bereits abgeernteten Gemüseacker wiederzutreffen. Die Pferde jagten so nahe nebeneinander her, dass Ezio mühelos hinter Leonardo hätte aufspringen können. Kurz liebäugelte er sogar mit dem Gedanken, doch dann lenkte Leonardo sein Pferd urplötzlich nach links, der Straße zu. Er wollte aus dem Feld heraus, in dem man nicht so schnell vorankam wie im offenen Gelände.

„Ah, na warte“, knurrte Ezio. „Andiamo!

Den Schenkeldruck verstärkend, folgte er Leonardo und hielt wie dieser auf das Gatter zu, das man zwischen Feld und Straße errichtet hatte. Die Pferde flogen über das Hindernis hinweg und setzten auf dem festgetrampelten Lehmboden dahinter auf. Ein paar Mägde, die Wassereimer trugen, wichen den Reitern hastig aus, und einem Knecht, der von seiner Arbeit auf dem Feld nach Hause zurückkehrte, fiel vor lauter Schreck die Sense aus der Hand. Es folgte ein flacher Graben, eine zweite Wiese, dann der nächste Hof, an dem sich die Straße mit einer zweiten kreuzte, die sich zur Mühle hinaufwand. Ezio spürte den Wind, der an seinen Haaren zerrte, und er duckte sich tiefer über den Hals seines Pferdes. Leonardo war nicht der einzige, der etwas von Aerodynamik verstand, auch wenn sich Ezios Wissen überwiegend auf rein praktische Erfahrungen beschränkte und er nie Worte verwendete, um zu erklären, warum er bestimmte Dinge so tat, wie er es instinktiv für richtig hielt.

Sie waren wieder nebeneinander, die ausgreifenden Schritte ihrer Pferde regelmäßig und beinahe im Einklang. Die Hufe wirbelten meterhohen Staub auf. Es hatte seit Tagen nicht geregnet und der Untergrund war trocken, der Lehmboden brüchig und voller Risse. Kleine Kiesel und Erdklumpen sprengten zur Seite hin weg. Ezio hob den Blick. Das Gelände stieg an, die Mühle kam näher und näher, war fast schon zum Greifen nahe. Noch hundert Meter, vielleicht weniger. Vom Ehrgeiz gepackt, verlangte Ezio seinem Rappen das für ihn höchstmögliche Tempo ab. Das Tier streckte sich im Lauf, sein Schnauben klang so dumpf wie das Hämmern der Hufe auf den Straßengrund.

Noch fünfzig Meter. Langsam zog Ezio an Leonardo vorbei und überholte ihn um eine knappe Halslänge. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Er hatte ihn! Und gleich-

„Was glaubt ihr, was ihr hier macht?!“

Der wütende Schrei ließ Ezio aufhorchen. Vier Reiter sahen ihnen von der schnell nahenden Kreuzung aus entgegen. Es waren berittene Soldaten, und von der wilden Jagd, mit der die beiden Freunde die Leute aufschreckten, waren sie absolut nicht begeistert. Ezio sah, wie sie sich formierten, aber es war zu spät, um noch rechtzeitig abbremsen oder einen Bogen schlagen zu können – und so schossen Leonardo und er an den Soldaten vorbei, den Abhang zur Mühle hinauf.

Eccolo!“, rief einer. „Der Assassine! Das ist er!“

Metall klirrte, als mehrere Schwerter gezogen wurden. Die Soldaten trieben ihre Pferde an und nahmen die Verfolgung auf. Ihre Tiere waren edler als jene, die Leonardo und Ezio ritten. Sie griffen weiter aus und kamen deutlich schneller voran.

„Einigen wir uns darauf, dass du gewonnen hast“, sagte Ezio, bevor er den Rappen abrupt zügelte und dabei sein Schwert aus dem Gürtel zog. Wenn er sich den Soldaten stellte, um sie aufzuhalten, hatte sein Freund Gelegenheit zu fliehen. Was seinen Plan betraf, hatte Ezio allerdings seine Rechnung ohne Leonardo gemacht, der sein Pferd ebenfalls zum Stehen brachte.

„Was machst du denn da?!“

„Sie sind zu viert. Glaubst du allen Ernstes, sie würden sich alle nur mit dir allein aufhalten?“

Das war ein Argument, das Ezio nicht gefiel. Leider hatte Leonardo recht. Die Soldaten würden kaum so dumm sein, sich allesamt nur mit dem jungen Assassinen zu beschäftigen, wenn dessen Begleiter und offensichtlicher Verbündeter zeitgleich zu fliehen versuchte. Und wenn auch nur einer der Männer Leonardo stellte, wäre es um diesen schlecht bestellt. Er war unbewaffnet, und Soldaten machten gerne kurzen Prozess, anstatt sich lange mit lästigen Fragen aufzuhalten.

„Hier!“ Ezio hob sein Schwert und warf es Leonardo zu, der die Waffe reflexartig auffing. Ezio hatte einen Anflug von Panik auf seinem Gesicht erwartet, eventuell sogar blanken Horror in Anbetracht der Tatsache, einem tödlichen Kampf ausgesetzt zu sein. Aber alles, was Ezio in seinen Zügen lesen konnte, war Sorge – und die galt ihm, der nun ohne Schwert dastand.

‚Oh Leonardo …’

Ein Lächeln umspielte Ezios Lippen und er presste die Schenkel in die Seiten seines Pferdes, damit es voranstürmte, den nahenden Feinden entgegen. „Keine Sorge!“, rief er Leonardo über die Schulter hinweg zu, und es klang direkt fröhlich. „Ich hole mir ein neues!“

È fuori di testa!“, brüllte einer der Soldaten. Im nächsten Moment war er heran und Ezio sprang. Er hatte die Füße aus den Steigbügeln und auf den Sattel gezogen, um sich abstemmen zu können. Er flog vom Rücken des Rappen – seine Arme öffneten sich wie die Schwingen eines Raubvogels, und unter dem Druck seiner angespannten Unterarmmuskeln schoss die versteckte Klinge aus seiner Armschiene hervor, um sich in die Gurgel des Angreifers zu bohren. Der Soldat wurde vom Pferd gerissen und schlug zu Boden – nicht ohne dass Ezio ihm zuvor das Schwert aus der Hand hatte reißen können.

Ezio hörte die übrigen Soldaten fluchen und parierte den Hieb des nächsten Angreifers. Ein zweiter versuchte, sein Reittier um Ezio herum zu lenken, um an seinen ungeschützten Rücken heranzukommen. Der letzte aber gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte in Richtung Mühle, wo Leonardo wartete. Ezios Entschlossenheit wuchs. Er musste sich beeilen und durfte sich nicht mit zeitraubenden Schwertgefechten aufhalten, wenn er vermeiden wollte, dass Leonardo ernste Schwierigkeiten bekam. Nach vorn schnellend, prallte er gegen den Soldaten, der ihn anging, und riss ihn vom Pferd, um gemeinsam mit ihm zu Boden zu stürzen. Ezio wusste, wie er sich abrollen musste, um sich keine Verletzung zuzuziehen, die er jetzt am allerwenigsten gebrauchen konnte. Kaum spürte er das Gras unter seinen Knien und sah den sich aufbäumenden Körper des Gegners vor sich, der sich herumwarf, um ihn abzuwehren, ließ Ezio seine Klinge erneut ins Freie springen. Ausholend, beschrieb er mit seinem Arm einen Bogen in der Luft, dann durchstieß die Spitze der Waffe die Haut des Soldaten, durchtrennte Muskeln und Gewebe und kappte die Hauptschlagader. Kraft und Leben wichen aus dem Körper, der nun schlaff in sich zusammensackte.

Ezio stemmte die Hand auf den Boden und holte Schwung, um zurück auf die Füße zu schnellen. Aber bevor ihm das gelang, traf ihn ein derart heftiger Schlag, dass er keuchend nach vorne fiel und über dem niedergestreckten Soldaten zusammenbrach. Blut spritzte ihm gegen Hals und Wange, die Muskulatur seines linken Armes erschlaffte schlagartig und die Klinge fuhr in ihre Metallvorrichtung zurück. Ezios Blick war verschwommen, die Schmerzen raubten ihm für Sekundenbruchteile die Sinne. Keuchend fasste er an seine Schulter. Er zuckte unter dem Gefühl rohen Fleisches zusammen, das er dort ertastete. Sein eigenes Blut ergoss sich in erschreckender Menge über seine Finger und tränkte seine Kleidung. Mühevoll hob er den Kopf und fokussierte das Pferd, das an ihm vorbeigesprengt war. Dessen Reiter – der dritte Soldat –, zügelte es grob. In seiner Hand hielt er einen Streitkolben.

„Sieht so aus als gehöre dein Kopfgeld mir, cazzo!“, rief er höhnisch. Dann begann er das Pferd zu wenden. Ihm war anzusehen, dass er sehr genau wusste, dass ihm der Assassine jetzt nicht mehr entkommen konnte.

Ezio biss die Zähne zusammen und streckte sich nach dem Schwert aus, das unweit von ihm im Gras gelandet war. Unweit für einen gesunden Mann.

Jetzt schien es eine Armlänge zu weit entfernt.

Der Soldat ritt an. Der Hufschlag seines Pferdes war laut, näherte sich rasch.

Ezio wollte sich bereits seinem Schicksal ergeben, da wurde er unverhofft von hinten gepackt und sein schlaffer Arm angehoben. Schmerzimpulse rasten durch seinen Körper. Er starrte auf die vertrauten Hände Leonardos, die hastig an der Vorrichtung der Schiene herumspielten. Ezio hörte das metallische Klacken, als die Kugel einrastete, und sah zu, wie sein Arm auf den heranjagenden Reiter gerichtet wurde, der seine Waffe bereits über dem Kopf schwang. Ezio konnte nichts tun. Er hatte kein Gefühl für seine Finger, seine Sehnen, seine Muskeln. Er war wie eine Marionette in den Händen eines Puppenspielers.

Der Reiter nahte heran. Ezio erkannte sein Gesicht und das entschlossene, dreckige Grinsen. Der Boden vibrierte unter dem dahingaloppierenden Streitross, und der Mund des Soldaten öffnete sich zu einem triumphierenden Schrei, als er mit seinem Streitkolben ausholte.

Dann hämmerte der Schuss durch die Nacht. Er fand sein Echo in den Anhöhen der Weinberge, wo sich einige Aussiedlerhöfe befanden. Das aufgeschreckte Bellen eines Hundes ertönte und verebbte unter dem Hufschlag des Pferdes, das ungebremst an ihnen vorbei und auf die Mühle zu jagte. Sein Reiter aber fiel zu Boden, keine zwei Meter von Ezio entfernt, die Augen zum Himmel gerichtet, mit einem Ausdruck von fassungsloser Überraschung in den erstarrten Pupillen.

Er war tot. Sein Kragen war bereits blutrot gefärbt, und im Gras entstand eine sich schnell ausbreitende Lache.

Ein glatter Halsdurchschuss.

Leonardo ließ Ezios Arm sinken, nur um seinem Freund den eigenen unter die rechte Achsel zu schieben und ihn beim Aufstehen zu stützen. Wortlos dirigierte er Ezio zum nächststehenden Pferd. Es war der Rappe. Ezio sammelte all seine verbliebene Kraft, um sich mit Leonardos Hilfe in den Sattel zu hieven. Die Anstrengung verursachte neue Pein, und für einen Augenblick schien sich die Welt um Ezio herum zu drehen. Verdammt noch mal, ihm war noch nie auf einem Pferd schlecht geworden, aber gerade hatte er das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen.

Leonardo ergriff die Zügel und ging zu dem Fuchs hinüber, der mit nervös zuckenden Ohren neben der Leiche des vierten Soldaten stand. Leonardo zog das Schwert aus seiner Brust und strich mit der Klinge einige Male über die Kleidung des Mannes, um das Blut daran abzuwischen. Ezio erkannte das Schwert – es war sein eigenes. Noch im Gehen schob sich Leonardo die Waffe in den Gürtel. Dann schwang er sich auf den Rücken seines Pferdes.

„Halt dich einfach nur fest, amico mio“, sagte er. „Ich führe.“

Ezio fehlte die Kraft, um zu protestieren – und irgendwie auch der Mut. Er sah zu, wie Leonardo sein Pferd antrieb und den Rappen dabei an den Zügeln mit sich zog, an der Mühle vorbei und den Hang hinab, zurück zur Straße. Sich nach vorn beugend, griff Ezio in die Mähne seines Pferdes. Es war mehr ein symbolischer als ein tatsächlicher Halt, aber er tat gut und vertrieb das Gefühl von Schwindel aus seinem Kopf. Das helle Band der Straße leuchtete nun vor ihnen im Abendlicht, und kurz darauf klapperten die Hufe ihrer Pferde wieder über festen Untergrund.

Ezios Blick heftete sich auf die Silhouette seines Freundes. Leonardo saß gerade im Sattel, das honigblonde Haar war ungewohnt zerzaust. Sein Barett hatte er während des Kampfes verloren, und das Schwert an seinem Gürtel verstärkte den Ausdruck einer ungewohnten Verwegenheit, die Ezio bisher nie an ihm gesehen, ja auch nur erahnt hätte.

Leonardo hatte ihm gerade das Leben gerettet. Zu dieser Erkenntnis gesellte sich eine weitere – eine, die Ezio einen schweren Kloß in den Hals trieb. Leonardo da Vinci, der fröhlichste und lebenslustigste Mensch, den er kannte und der den Krieg als Geißel der Menschheit verdammte, hatte soeben getötet.

Töten müssen.

Wegen ihm.

Ezio hatte diesen Inbegriff von Unschuld beschmutzt. Er fühlte sich scheußlich. Der Schmerz seiner klaffenden Schulterwunde rückte in den Hintergrund, wurde gleichgültig. Ihren Platz nahm die brennende Scham ein, die den jungen Assassinen nun mehr als alles andere erfüllte.

~*~
Ende des 1. Kapitels
~*~


Glossar:
certo - gewiss, natürlich
scusa - Entschuldige
Buona fortuna - Viel Glück
Affare fatto! - Abgemacht!
saltimbocca alla romana - Kalbsschnitzel mit Schinken und Salbei
pezzo di merda - Mistkerl (derb)
Andiamo! - Vorwärts!
È fuori di testa! - Er ist übergeschnappt!
cazzo - Arschloch (derb)
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