Commilitones 1 - Waffenbrüder

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Claudia Auditore da Firenze Ezio Auditore da Firenze Giovanni Auditore da Firenze La Volpe Leonardo da Vinci Mario Auditore
17.04.2017
01.07.2017
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90.322
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17.04.2017 4.318
 
Anmerkung: Die Reihenfolge einiger Ereignisse wurden in ‚Commilitones‘ im Vergleich zur Originalvorlage geändert – beispielsweise die Pistolenapplikation, die Ezio im Spiel erst in Venedig erhält, hier aber aus Plotgründen noch vor der Giftklinge besitzt. Auch Attentatsziele, ihre Aufenthaltsorte und endgültigen Schicksale unterscheiden sich von ‚Assassin’s Creed 2‘ und seinen Nachfolgern. ‚Commilitones‘ hat die Absicht, die Ezio-Trilogie unter Berücksichtigung historischer Fakten und Leonardos Lebenslauf neu zu erzählen. Band 1 orientiert sich zum einfachen Einstieg noch mehr am Spiel als die Folgebände, die Stück für Stück eine komplett neue Geschichte formen.

Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen. :-)

Florenz im Jahre 2019,
Severin

P.S.: Ein Glossar der verwendeten italienischen Worte und Floskeln findet sich am Ende jedes Kapitels in der Reihenfolge ihrer Verwendung im Text.


~*~
„Wer das Leben nicht schätzt, der hat es nicht verdient.“
Leonardo da Vinci (1452 – 1519)
~*~


Die Sonne stand im Zenit, und ihre Hitze brachte selbst die Ziegel zum Schmelzen. So jedenfalls erschien es der einsamen Gestalt, die über den First balancierte, fern der engen Gassen und überfüllten Plätze, auf denen sich Ezio Auditore nur ungern aufhielt. Aufmerksam glitt sein Blick umher, aber zur Mittagszeit schienen selbst die Bogenschützen der Stadtwache die Dächer zu meiden.
Ezio schob seine Kapuze zurück, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich dem nahen Duomo zuzuwenden, um sich ein kühles Plätzchen im Schatten seiner Kuppel zu suchen, entschied sich dann aber anders. Es dürstete ihn nach Gesellschaft und einem offenherzigen Gespräch, das er hier in Florenz mit kaum einer Menschenseele führen konnte – nicht als Vogelfreier. Ezio wagte es nicht mehr, zu vertrauen. Allein zwei Ausnahmen gab es: die Bordellbesitzerin Paola, die Ezio dabei geholfen hatte, seine Mutter und seine Schwester aus der Stadt und in Sicherheit zu bringen, und Leonardo da Vinci. Letzterer war Künstler, nur wenige Jahre älter als Ezio und enger Freund der Auditore, die ihn finanziell gefördert hatten – bis zu jenem Tag, an dem die Pazzi und ihre Mitverschwörer über sie hergefallen waren wie die Aasgeier. Damals hatte Ezio von einem Geheimnis erfahren, das inzwischen zu seinem Lebensinhalt geworden war. Hier stand er nun, seiner einst sorglosen Jugend beraubt und im Ornat seines verstorbenen Vaters. Ein Assassine, wie all seine Vorfahren, zu einem Leben im Schatten verdammt.
Er hatte es sich nicht ausgesucht.
Ezio übersprang eine Gasse, setzte auf dem Nachbardach auf und wandte sich nach Nordwesten, wo er die Piazza Brunelleschi wusste – und Leonardos Bottega, in der er stets willkommen war. Er konnte nicht sagen, wie oft er dort bereits Schutz vor den Wachen und ein weiches Nachtlager gefunden hatte. Leonardo war zu seinem einzigen Hort der Freundschaft inmitten einer von Korruption beherrschten Stadt geworden.
Nur wenige Dächer später tat sich der von Hauswänden und Mauern umschlossene Innenhof vor ihm auf, der zu Leonardos Werkstatt gehörte. Hier konnte Ezio ungesehen an seinen Fertigkeiten im Umgang mit den Waffen arbeiten, die Leonardo für ihn entwarf und verfeinerte. Er verstand sich nicht nur aufs Malen, auch als Metallurg leistete er Bemerkenswertes. Ezio lächelte, sprang auf die Mauer hinab und hielt dann inne, als er zwei Pferde entdeckte, die auf der Wiese im Schatten des Olivenbaums grasten. Sie waren weder edel noch stramme Schlachtrösser, vielmehr Vertreter jener Rassen, welche die Bauern der Toskana hielten, um ihre Felder zu bestellen oder ihre Karren von Markt zu Markt ziehen zu lassen. Leonardo stand zwischen ihnen und klopfte gerade einem der Tiere den Hals.
„Ich wusste gar nicht, dass du Pferde hast.“
„Ich bin erst seit Kurzem in der finanziellen Lage, welche zu halten“, erwiderte Leonardo, auf dessen Gesicht sich beim Klang von Ezios Stimme ein Schmunzeln ausgebreitet hatte. Er trat zur Mauer hinüber, von der sich sein Freund in den Hof gleiten ließ, und breitete vergnügt die Arme aus. Ezio drückte ihn an sich, dankbar, genau das zu erhalten, wonach er sich nach den einsamen Stunden auf den Dächern gesehnt hatte. Bei Leonardo konnte Ezio vergessen, was aus ihm geworden war, ganz so, als sei es nie passiert.
„Es tut gut, dich zu sehen, amico mio“, sagte Leonardo, fasste Ezio am Arm und zog ihn mit sich zu den Pferden. Er plapperte – wie immer, wenn er von etwas hellauf begeistert war. „Darf ich vorstellen? Castor und Pollux!“
„Deine neuen Studienobjekte?“, neckte Ezio und hob die Hand, um dem Rappen, der ihm am nächsten stand, den Hals zu klopfen. Er kannte die Pferdeskizzen, die wild verstreut in Leonardos Werkstatt herumlagen – vornehmlich Bewegungs- und Proportionsstudien.
„Unter anderem“, gab Leonardo zurück, und sein vergnügter Tonfall trug Ezios Sorgen hinsichtlich seiner bevorstehenden Aufträge und Pläne davon.
„Du bist also auch sattelfest?“
„Ah, certo! Ich bin auf dem Land aufgewachsen.“
„Das wusste ich gar nicht … Hat dein Vater nicht ein Notariat in der Via delle Prestanze? Mein Vater hatte früher einige Male geschäftlich mit ihm zu tun.“
Verblüfft beobachtete Ezio eine Wandlung in Leonardos Gebaren. Der fröhliche Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht und seine Haltung gewann etwas ungewohnt Reserviertes. „. Aber ich habe meine Kindheit in Vinci verbracht. Dort gibt es viele Ölmühlen. Und viele Pferde.“
Bei seinem letzten Satz lächelte er wieder. Dennoch hatte sich seine seltsame Reaktion auf die Nennung seines Vaters in Ezios Wahrnehmung gebrannt.
Scusa, Leonardo. Ich weiß nicht viel über deine Familie. Habt ihr ein schwieriges Verhältnis?“
„So könnte man es nennen.“ Leonardo strich sich das schulterlange Haar zurück. Seine fahrige Geste verriet, dass ihm das Thema nicht behagte. „Ich bin … ein uneheliches Kind. Meine Mutter ist eine einfache Magd und mein Vater zog aus Prestigegründen die Verlobung mit einer angesehenen Notarstochter vor. Um ihr wie auch den da Vinci aus der misslichen Lage zu helfen, die durch mich entstanden war, verheiratete man meine Mutter kurz nach meiner Geburt mit einem Söldner namens Accattabriga. Sie wurde bald wieder schwanger. Von ihrer Seite habe ich ein halbes Dutzend Geschwister, während mein Vater erst zwei fruchtlose Ehen hinter sich bringen musste, bevor ihm die dritte den ersten so sehnlich herbeigewünschten legitimen Sohn bescherte. Er arbeitet bis heute fleißig an weiteren Erben.“
Leonardos Stimme hatte einen zynischen Unterton gewonnen, und Ezio stand da wie vom Donner gerührt. Aus welchen Verhältnissen Leonardo stammte, hatte er bis jetzt nie hinterfragt. Die nun ausgesprochene Offenbarung verblüffte ihn und nährte seine Bewunderung für Leonardo, den Ezio nicht einmal in Gedanken als das zu bezeichnen imstande war, was er laut Gesetz nun einmal war: ein Bastard ohne Erbrecht, der auf sich allein gestellt sein Leben zu meistern hatte.
„Was hältst du von einem Ausritt?“, fragte Ezio, um von dem unangenehmen Thema abzulenken. Er sah Leonardo an, der die Nüstern des Fuchses streichelte, die das Tier vertrauensvoll in seine Hand gestoßen hatte. „Das Wetter ist gut und wir haben noch mehrere Stunden Tageslicht. Wir könnten etwas Brot und Äpfel mitnehmen … und deine Zeichenmappe. Es gibt ein paar schöne ruhige Flecken vor der Stadtmauer.“
Ezio bemerkte, wie sich Leonardos Augen aufhellten, und er musste unweigerlich lächeln. Sein Vorschlag schien genau das Richtige zu sein, um seinen treuen Freund wieder aufzuheitern.
„Hast du heute denn keine Verpflichtungen, denen du nachgehen musst?“
Ezio winkte ab. „Nichts vor Mitternacht. Also, wo hast du die Sättel?“

~*~


Die Nachmittagssonne beschien die nahen Weinberge, die sich in das Arnotal schmiegten. Der Herbst kündigte sich an, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sich das Land vor den Mauern der Stadt mit Winzern und Erntehelfern füllen würde.
Ezio und Leonardo hatten sich einen Platz am Ufer des Flusses gesucht. Nach dem letzten Frühjahrssturm hatte man hier einige beschädigte Bäume gefällt, und Leonardo nutzte einen breiten Stumpf als Unterlage für sein Skizzenbuch. Ezio lag neben ihm im Gras. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, um von der Sonne ungeblendet in den Himmel blicken zu können, wo ein Rotmilan seine Kreise zog.
„Wolltest du eigentlich schon immer Maler werden?“
Seine Stimme durchbrach das Schweigen und er konnte hören, wie das leise schabende Geräusch des Silberstiftes, mit dem Leonardo seine Skizze schraffierte, abbrach.
„Nein.“
„Was dann?“
„Jemand, der die Welt verändert, egal wie. Ich bin davon überzeugt, dass wir zu viel mehr fähig sind, als wir gemeinhin glauben – wenn wir uns nur an den Lehren bedienen, die uns die Natur vorgibt.“ Auf Leonardos Lippen lag ein Lächeln. „Ich wollte immer fliegen, wie ein Vogel. Irgendwann werden es die Menschen sicherlich können.“
„Das ist eine verrückte Vorstellung … Was fasziniert dich so daran?“
Leonardo zeichnete wieder. Der Blick, den er dabei auf das Papier gerichtet hielt, wirkte versonnen. „Freiheit … und Weite. Die Welt in der Vogelperspektive zu betrachten, ist unheimlich erbaulich.“
Ezio nickte. Er verstand, was Leonardo meinte. Er hatte Florenz und auch andere Orte bereits oft genug selbst aus eben dieser Perspektive betrachtet. Sie veränderte die Sicht, verschaffte einen Überblick, offenbarte das Ganze …
„Während meiner Lehrzeit bei Verrocchio haben wir die große Kugel für die Domkuppel angefertigt“, fuhr Leonardo fort. „Sie ruht oben auf der Laterne. Man kann sie von der Piazza aus sehen, aber noch besser wohl von den Dächern der Häuser ringsum.“
„Du warst an der Herstellung beteiligt? Ich habe zugesehen, als man die Kugel mit Drehkränen hinaufgeschafft und auf der Laterne befestigt hat. Da war ich … hm … elf? Ja, elf. Es war genau einen Monat vor meinem Geburtstag.“
Leonardo lächelte. Der verträumte Ausdruck auf seinem Gesicht hatte an Intensität gewonnen. „Es war atemberaubend! Der Himmel war an diesem Tag vollkommen klar, und der Blick reichte weit, über die ganze Stadt hinweg, bis in die Ausläufer des Chianti.“
Ezio blinzelte. „Moment mal! Du warst da oben?“
Ma certo. Es waren viele Tauben dort. Sie hatten Nistplätze in und auf der Laterne, und wir schreckten sie natürlich auf. Sie flogen um uns herum, als wir die Kugel aufsetzten. Am liebsten hätte ich die Arme ausgebreitet und mich fallen lassen, nur um mit ihnen zu fliegen.“
Leonardo schien Ezios überraschtes Schweigen nicht zu verstören. Sein Blick richtete sich unverwandt in die Ferne, während Ezio vor seinem inneren Auge genau das sah, was wohl auch Leonardo vorschwebte: die unendliche Weite der Stadt, die unter seinen Füßen ausgebreitet lag wie ein Teppich, er selbst dem Himmel näher als der Erde, nur in Gesellschaft von Taubenschwärmen und eines einsam über ihn hinweg gleitenden Adlers. Ezio war auf dem Dach des Duomo gewesen, und es war gar nicht lange her. Er hatte auf einer der Seitenapsiden gesessen und den Ausblick genossen.
Die Weite.
Die Freiheit.
„Ich verstehe dich“, sagte er leise. „Es ist berauschend.“
Leonardos Augen gewannen wieder Fokus, wurden klar und richteten sich auf Ezio. „Vielleicht wage ich mich noch einmal hinauf“, sagte er nach einer Weile.
„Und vielleicht komme ich dann mit. – Wie wär’s mit morgen?“
„Du bist momentan überraschend unbeschäftigt“, lachte Leonardo. Aber er klang nicht abgeneigt. Ganz und gar nicht.
„Ah, tagsüber habe ich genug Zeit.“ Ezio richtete sich auf und zog einen Apfel aus der Tasche, den er sich als Wegzehrung mitgenommen hatte. Bevor er hineinbiss, rieb er die Schale an seinem Hemdsärmel sauber. „Ich muss nur heute Abend los. Gegen Mitternacht wird ein Kurier auf der Piazza della Signoria erwartet. Volpe meinte, in den Unterlagen befänden sich Hinweise auf den jetzigen Aufenthaltsort von Baroncelli und Jacopo de’ Pazzi. Ich werde ihm auflauern und ihn mir greifen.“
Buona fortuna, amico mio.“
Leonardo lächelte, aber sein Blick war ernst. Ezio streckte den Arm aus, legte die Hand auf Leonardos Schulter und schluckte den Bissen hinunter, bevor er sprach, wobei er sich bemühte, seiner Stimme einen jovialen Klang zu verleihen.
„Ich passe auf mich auf, keine Sorge. – Was hast du da eigentlich gemalt?“
Neugierig beugte er sich vor, um die Zeichnung zu betrachten, die Leonardo gerade hatte wegpacken wollen. Ezio erkannte die Flusslandschaft, in der sie sich befanden. Die Weinberge in der Ferne, das Waldstück zur linken Hand und ihre Pferde, die nahe am Ufer standen und dösten. Darüber kreisten Greifvögel. Es war wohl immer ein und derselbe, aber Leonardo hatte ihn in unterschiedlichen Posen skizziert – im Sinkflug, hochsteigend, niederstoßend, von einer Windböe gepackt und getragen. Feine Striche visualisierten die Windströmungen und verliehen den Tieren auf dem Papier eine bemerkenswerte Dynamik. Noch mehr als die Vogelstudien durchbrachen andere Dinge die Zeichnung. Ezio sah scheinbar wahllos auf dem Blatt verteilte geometrische Formen: Kreise, Kegel und Dreiecke, unterschiedlich schraffiert – wohl Studien zu Licht und Schatten. Einige hatte Leonardo mit Notizen und Gradzahlen versehen, und am oberen Bildrand fand sich eine Berechnung, die sich Ezio nicht erklären konnte. Er fand den Bezugspunkt einfach nicht, auch wenn er inzwischen gelernt hatte, Leonardos eigenwillige Spiegelschrift zu lesen.
„Was ist das?“ Ezio musterte stirnrunzelnd die Symbole, und Leonardo griff etwas zu hastig nach dem Skizzenbuch.
„Nichts Besonderes. Freies Zeichnen. Wenn ich nur zum Zeitvertreib oder zu Studienzwecken male, mische ich gerne Dinge miteinander, die mir … erm, gerade so durch den Kopf gehen.“
„Dir geht viel zu viel auf einmal durch den Kopf“, brummte Ezio und stand auf, um sich Gras und Erdkrumen von der Kleidung zu klopfen. „Du solltest dich mit etwas beschäftigen, was deine Konzentration so sehr vereinnahmt, dass du für eine Weile nur bei dieser einen Sache bleibst.“
Leonardo winkte amüsiert ab, während er zusammenräumte. Dann trat er neben Pollux und verstaute sämtliche Zeichenutensilien in der Satteltasche. Ezio folgte ihm, im Gehen nach Castors Zügeln greifend. Er hatte sich eins der Pferde aussuchen dürfen, und seine Wahl war auf den stämmigeren Rappen gefallen.
„Wie wäre es mit einem Wettrennen?“, fragte Ezio und zog den Sattelgurt nach, bevor er den Fuß in den Steigbügel schob. „Von hier über die Wiesen bis zu der Mühle dort hinten.“ Er deutete zwischen den Bäumen hindurch zu besagtem Ort, der einen knappen Kilometer entfernt war. Außer ein paar Höfen und Weidegattern gab es praktisch keine Hindernisse. Es war eine herrliche Galoppstrecke.
Leonardo folgte Ezios Blick. Er zögerte, und sein Freund rechnete bereits mit einer Absage. Dann jedoch stahl sich ein entschlossener Ausdruck in Leonardos Gesicht, und er schwang sich in den Sattel.
Affare fatto! Wer zuletzt das Ziel erreicht, zahlt das Abendessen.“
Bene!“ Ezio nahm die Zügel auf und zeigte ein siegessicheres Grinsen. „Ich hätte im Übrigen große Lust auf saltimbocca alla romana.“
„Das musst du dir erst mal verdienen!“, erwiderte Leonardo. Er presste Pollux die Schenkel in die Seiten, und der Fuchs warf wiehernd den Kopf zurück. Dann brach er zwischen den Bäumen hindurch, welche den Rastplatz am Fluss vom offenen Gelände dahinter trennten.
Verdattert starrte Ezio auf den davonjagenden Leonardo. „Eh! Du schummelst!“
Die einzige Antwort, die er bekam, war ein lautes Lachen. Ezio legte die Stirn in Falten. Dieser Mistkerl wollte ihn ärgern – und es gelang ihm auch noch! Die Herausforderung annehmend, hieb Ezio seinem Pferd ebenfalls die Hacken in die Flanken. Wenige Sekunden später waren er und Leonardo nahezu gleichauf.
Pezzo di merda!“, schimpfte Ezio und brach seinerseits in Gelächter aus. Sein Ehrgeiz war geweckt, und er war überrascht, wie gut es Leonardo verstand, an sein Verständnis von Spaß zu appellieren. Leonardos Reitkünste waren hervorragend – direkt waghalsig, wie Ezio mit einer seltsamen Befriedigung feststellte. Auf dem Pferderücken mauserte sich der Mann, den er bisher für einen Stubenhocker gehalten hatte, zu einem ernst zu nehmenden Wettkampfgegner. Oh ja, das hier war genau nach Ezios Geschmack!
Der erste Bauernhof kam heran, und sie schlugen einen Haken. Ezio hielt sich links, während Leonardo nach rechts ausscherte. Kurz verloren sie einander aus den Augen, nur um sich hinter den Gebäuden auf einem bereits abgeernteten Gemüseacker wiederzutreffen. Die Pferde jagten so nahe nebeneinander her, dass Ezio mühelos hinter Leonardo hätte aufspringen können. Kurz liebäugelte er mit dem Gedanken, doch dann lenkte Leonardo sein Pferd urplötzlich nach links, in Richtung Straße.
„Na warte!“, knurrte Ezio. „Andiamo!
Den Schenkeldruck verstärkend, hielt er genau wie Leonardo auf den Zaun zu, den man zwischen dem Acker und dem daneben verlaufenden Weg errichtet hatte. Die Pferde flogen darüber hinweg, dann schlugen ihre Hufe auf festgetrampelten Lehm. Zwei Mägde, die mit Wassereimern am Zaun entlangliefen, wichen erschrocken zurück, und einem Knecht, der von seiner Arbeit auf dem Feld zurückkehrte, fiel die Sense aus der Hand.
Idioti!“, empörte er sich und schüttelte drohend die Faust über dem Kopf. Ezio schenkte ihm keine Beachtung. Stattdessen beugte er sich tief über den Hals seines Pferdes, während er und Leonardo auf eine hinter einer Ansammlung von Höfen verlaufende Kreuzung zuhielten. Sie waren wieder nebeneinander und die ausgreifenden Schritte ihrer Pferde beinahe im Einklang. Die Hufe wirbelten meterhohen Staub auf. Es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet, und der Lehmboden war voller Risse. Kleine Kiesel und Erdklumpen sprengten zur Seite hin weg.
Ezio hob den Blick. Das Gelände stieg an und die Mühle kam näher und näher, war fast schon zum Greifen nahe. Noch hundert Meter, vielleicht weniger. Vom Ehrgeiz gepackt verlangte Ezio seinem Rappen alles ab. Castor streckte sich im Lauf, und sein Schnauben klang so dumpf wie das Hämmern der Hufe auf den Straßengrund.
Noch fünfzig Meter. Langsam zog Ezio an Leonardo vorbei und überholte ihn um eine knappe Halslänge. Er hatte ihn! Und gleich …
„Was glaubt ihr eigentlich, was ihr da macht?!“
Der wütende Schrei ließ Ezio aufhorchen. Er entdeckte vier Reiter, die ihnen von der Kreuzung aus entgegenstarrten. Es waren Soldaten, und von der wilden Jagd, mit der die beiden Freunde die Leute ringsum aufschreckten, waren sie absolut nicht begeistert. Ezio sah noch, wie sie sich formierten, aber es war bereits zu spät, um abbremsen oder einen Haken um sie zu schlagen, also galoppierten Leonardo und er an den Soldaten vorbei und den Abhang zur Mühle hinauf.
Eccolo!“, schrie einer. „Der Assassine! Das ist er!“
Metall klirrte, als mehrere Schwerter blank gezogen wurden und die Soldaten die Verfolgung aufnahmen. Ihre Pferde waren edler als jene, die Leonardo und Ezio ritten, griffen weiter aus und kamen somit auch deutlich schneller voran.
„Einigen wir uns darauf, dass du gewonnen hast“, sagte Ezio, bevor er Castor abrupt zügelte und nach dem Schwert an seinem Gürtel griff. Wenn er sich den Soldaten stellte, hatte Leonardo Gelegenheit zu fliehen. Damit, dass dieser sein Pferd nun ebenfalls zum Stehen brachte, hatte Ezio jedoch nicht gerechnet.
„Was machst du?“, fragte er entsetzt.
„Sie sind zu viert. Glaubst du allen Ernstes, sie würden sich nur mit dir aufhalten?“
Dies war ein Argument, das Ezio nicht gefiel, aber leider hatte Leonardo recht. Die Soldaten würden kaum so dumm sein, sich einzig und allein mit dem Assassinen zu beschäftigen, wenn sein Begleiter und offensichtlicher Verbündeter zeitgleich zu fliehen versuchte. Wenn auch nur einer der Männer Leonardo einholte, wäre es schlecht um ihn bestellt. Er war unbewaffnet, und Soldaten machten im Normalfall eher kurzen Prozess, als sich mit lästigen Fragen aufzuhalten.
„Hier!“ Ezio warf das Schwert Leonardo zu, der es reflexartig auffing. Ezio hatte einen Anflug von Panik auf dem Gesicht seines Freundes erwartet, eventuell sogar blanken Horror in Anbetracht der Tatsache, einem tödlichen Kampf ausgesetzt zu sein. Aber alles, was Ezio in Leonardos Zügen lesen konnte, war Sorge – und die galt ihm, der nun ohne Schwert dastand. Ein Lächeln umspielte Ezios Lippen, und er presste die Schenkel in die Seiten seines Pferdes, um es erneut anzutreiben.
„Keine Sorge!“, rief er fröhlich. „Ich hole mir ein neues!“
Damit galoppierte er los, direkt auf die schnell herannahenden Feinde zu.
È fuori di testa!“, brüllte einer der Soldaten, der mit dieser Wendung des Geschehens eindeutig nicht gerechnet hatte.
Ezio zog die Füße aus den Steigbügeln und stemmte sich auf dem Sattel ab. Dann sprang er. Seine Arme öffneten sich wie die Schwingen eines Raubvogels. Unter dem Druck seines angespannten Handgelenks schoss die versteckte Klinge aus seiner Armschiene hervor und bohrte sich in die Gurgel des Angreifers. Der Mann wurde vom Pferd gerissen und schlug zu Boden – so auch sein Schwert, das in Ezio sogleich einen neuen Besitzer fand. Er hörte die Soldaten fluchen und parierte den Hieb des nächsten Angreifers, während ein zweiter versuchte, sein Reittier um Ezio herum zu lenken und an seinen ungeschützten Rücken heranzukommen. Der letzte aber gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte in Richtung Mühle, wo Leonardo wartete. Ezios Entschlossenheit wuchs. Er musste sich beeilen und durfte sich nicht mit zeitraubenden Schwertgefechten aufhalten, wenn er vermeiden wollte, dass Leonardo ernste Schwierigkeiten bekam. Nach vorne schnellend, prallte Ezio mit seinem Gegner zusammen und riss ihn vom Pferd. Gemeinsam stürzten sie zu Boden. Ezio wusste, wie er sich abrollen musste, um sich keine Verletzung zuzuziehen. Kaum spürte er das Gras unter seinen Knien und sah den sich aufbäumenden Körper des Soldaten vor sich, der sich herumwarf, um ihn abzuwehren, ließ Ezio seine Klinge erneut ins Freie springen. Ausholend, beschrieb sein Arm einen Bogen in der Luft, dann durchstieß die Spitze der Waffe die Haut des Soldaten, durchtrennte Muskeln und Gewebe und kappte die Hauptschlagader. Kraft und Leben wichen aus dem Körper, der nun schlaff in sich zusammensackte.
Ezio stemmte die Hand auf den Boden und holte Schwung, um zurück auf die Füße zu schnellen. Aber bevor ihm das gelang, traf ihn ein derart heftiger Schlag, dass er keuchend nach vorne fiel und über dem niedergestreckten Soldaten zusammenbrach. Blut spritzte ihm gegen Hals und Wange, die Muskulatur seines linken Armes erschlaffte schlagartig und die Klinge fuhr in ihre Metallvorrichtung zurück. Ezios Blick war verschwommen, die Schmerzen raubten ihm für Sekundenbruchteile die Sicht. Keuchend fasste er sich an die Schulter. Er zuckte unter dem Gefühl rohen Fleisches zusammen, das er dort ertastete. Sein eigenes Blut ergoss sich in erschreckender Menge über seine Finger und tränkte seine Kleidung. Mühevoll hob er den Kopf und fokussierte das Pferd, das an ihm vorbeigesprengt war. Dessen Reiter – der dritte Soldat –, zügelte es grob. In seiner Hand hielt er einen Streitkolben.
„Sieht so aus, als gehöre dein Kopfgeld mir, cazzo!“, höhnte er. Dann wendete er sein Pferd. Er tat es beinahe gemächlich, denn er wusste, dass ihm der Assassine jetzt nicht mehr entkommen konnte.
Ezio biss die Zähne zusammen und streckte sich nach dem Schwert aus, das in unmittelbarer Nähe im Gras gelandet war – in unmittelbarer Nähe für einen gesunden Mann.
Jetzt schien es eine Armlänge zu weit entfernt.
Der Soldat ritt an. Der Hufschlag seines Pferdes war laut und näherte sich rasch.
Ezio sah keine Möglichkeit zur Flucht. Er wollte sich bereits seinem Schicksal ergeben, da wurde sein verletzter Arm gepackt und angehoben. Schmerzimpulse rasten durch Ezios Leib. Benebelt starrte er auf Leonardos Hände, die an der Vorrichtung der Schiene herumspielten, und hörte ein Klacken, als die Kugel einrastete. Die Ausrichtung seines Arms wurde korrigiert, das herannahende Ziel anvisiert. Ezio konnte nichts tun. Er hatte kein Gefühl für seine Finger, seine Sehnen, seine Muskeln. Er war wie eine Marionette in den Händen eines Puppenspielers.
Das Streitross kam näher, und der Boden, auf dem Ezio kauerte, begann unter den trommelnden Hufen zu vibrieren. Nun konnte Ezio auch das grimmige Lächeln im Gesicht des Soldaten erkennen und den erhobenen Streitkolben, den er über seinem Kopf schwang, um zum Schlag auszuholen.
Dann hämmerte der Schuss durch die Nacht. Er fand sein Echo in den Anhöhen der Weinberge, wo sich einige Aussiedlerhöfe befanden. Das aufgeschreckte Bellen eines Hundes mischte sich unter das Schnauben des Pferdes, das ungebremst an ihnen vorbei und auf die Mühle zu jagte. Sein Reiter aber fiel zu Boden, keine zwei Meter von Ezio entfernt, die Augen zum Himmel gerichtet, mit einem Ausdruck von fassungslosem Staunen in den erstarrten Pupillen.
Er war tot. Sein Kragen war bereits blutrot gefärbt, und im Gras entstand eine sich schnell ausbreitende Lache.
Ein glatter Halsdurchschuss.
Leonardo ließ Ezios Arm sinken, nur um seinem Freund den eigenen unter die Achsel zu schieben und ihn beim Aufstehen zu stützen. Wortlos dirigierte er ihn zu Castor hinüber. Ezio sammelte all seine verbliebene Kraft, um sich mit Leonardos Hilfe in den Sattel zu hieven. Die Anstrengung verursachte neue Pein, und für einen Augenblick schien sich die Welt um Ezio herum zu drehen. Verdammt noch mal, ihm war noch nie auf einem Pferd schlecht geworden, aber gerade hatte er das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
Leonardo ergriff die Zügel und ging zu Pollux hinüber, der mit nervös zuckenden Ohren neben der Leiche des vierten Soldaten stand. Leonardo zog das Schwert aus seiner Brust und strich mit der Klinge einige Male über die Kleidung des Mannes, um das Blut daran abzuwischen. Ezio erkannte das Schwert – es war sein eigenes. Noch im Gehen schob sich Leonardo die Waffe in den Gürtel. Dann schwang er sich auf den Rücken seines Pferdes.
„Halt dich einfach nur fest, amico mio“, sagte er. „Ich führe.“
Ezio fehlte die Kraft, um zu protestieren – und irgendwie auch der Mut. Er sah zu, wie Leonardo Pollux antrieb und Castor dabei an den Zügeln mit sich zog, an der Mühle vorbei und den Hang hinab. Sich nach vorne beugend, griff Ezio in die Mähne seines Pferdes. Es war mehr ein symbolischer als ein tatsächlicher Halt, aber er tat gut und vertrieb das Gefühl von Schwindel aus seinem Kopf. Das helle Band der Straße leuchtete bald vor ihnen im Abendlicht, und kurz darauf klapperten die Hufe ihrer Pferde wieder über festen Untergrund.
Ezios Blick heftete sich auf die Silhouette seines Freundes. Leonardo saß gerade im Sattel, das honigblonde Haar war ungewohnt zerzaust. Sein Barett hatte er während des Kampfes verloren, und das Schwert an seinem Gürtel verstärkte den Ausdruck von Verwegenheit, die Ezio bisher nie an ihm gesehen, ja auch nur erahnt hatte.
Leonardo hatte ihm gerade das Leben gerettet. Zu dieser Erkenntnis gesellte sich eine weitere – eine, die Ezio einen schweren Kloß in den Hals trieb. Leonardo da Vinci, der fröhlichste und lebenslustigste Mensch, den er kannte und der den Krieg als Geißel der Menschheit verdammte, hatte getötet.
Töten müssen.
Seinetwegen.
Ezio hatte diesen Inbegriff von Unschuld beschmutzt. Er fühlte sich scheußlich. Der Schmerz seiner klaffenden Schulterwunde rückte in den Hintergrund, wurde bedeutungslos. Seinen Platz nahm die brennende Scham ein, die den jungen Assassinen nun mehr als alles andere erfüllte.

~*~


Glossar:
Duomo – Dom
Bottega – Werkstatt
certo – gewiss, natürlich
scusa – entschuldige
Buona fortuna. – Viel Glück.
Affare fatto! – Abgemacht!
saltimbocca alla romana – Kalbsschnitzel mit Schinken und Salbei
pezzo di merda – Mistkerl (derb)
Andiamo! – Vorwärts!
È fuori di testa! – Er ist übergeschnappt!
cazzo – Arschloch (derb)
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