Störer des Schlafes

GeschichteAllgemein / P12
Bill Cipher Dipper Pines Mabel Pines
16.04.2017
16.04.2017
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Störer des Schlafes


für Schattenfluch



"Der Traum ist der Wächter des Schlafes, nicht sein Störer."
- Sigmund Freud, Die Traumdeutung



Dipper schreckt auf, heftig atmend und schweißgebadet. Mit aufgerissenen Augen starrt er an die Decke und krallt sich im Bettzeug fest, bis sein Atem sich wieder beruhigt. Dann versucht er, sich zu orientieren. Zwar sind sie jetzt schon ein paar Tage hier, doch noch immer fühlt es sich fremd an, morgens in Grunkle Stans Haus aufzuwachen, und nicht seine eigene, mit fluoreszierenden Sternen beklebte Zimmerdecke anzusehen. Als sein Atem wieder gleichmäßig geht, versucht er, sich daran zu erinnern, was für ein Albtraum ihn so verängstig hatte aufwachen lassen, doch so sehr er sich auch den Kopf zerbricht, ihm kommt nicht in den Sinn, was er denn geträumt haben könnte. Während er so angestrengt überlegt, fällt ihm auf, dass er sich eigentlich schon seit sie in Gravity Falls sind nicht an seine Träume erinnern kann. An gar keine. Er merkt nur immer wieder, dass er unruhig schläft und morgens erschöpft aufwacht, doch weshalb, das weiß er nicht. „Hm, seltsam“, murmelte Dipper, während er sich langsam aufsetzt. Es wäre nicht ganz so seltsam, gehörte er zu den Menschen, die sich nie an ihre Träume erinnern können, aber normalerweise weiß er nahezu jeden Tag zumindest in Bruchstücken, was er des Nachts geträumt hat. Es sind nicht immer schöne Träume, oft sogar ziemlich gruselige, was er aber damit erklärt, dass er so viel über mysteriöse Begebenheiten recherchiert, da wäre es ja verwunderlich, wenn er nur von Blumen und Sonnenschein träumte … dennoch, dass ihn Träume hyperventilierend aufschrecken lassen passiert ihm üblicherweise doch nicht so häufig, und dass er nicht einmal weiß, was ihn so in Panik versetzt hat, ist ungemein frustrierend. Ein Blick auf seine Digitaluhr zeigt ihm, dass es kurz nach vier Uhr morgens ist. In ungefähr einer Stunde wird es hell genug sein, das Gebiet um die Mystery Shack zu erkunden, doch bis dahin begnügt er sich damit, noch ein wenig im geheimnisvollen Journal 3 zu schmökern. Auch wenn das Abenteuer mit dem Gobblewonker eine Enttäuschung war, die Zwerge haben ihm ja gezeigt, dass an all den Einträgen im Journal etwas dran ist, dass sie nicht nur Ergebnisse einer außer Kontrolle geratenen Fantasie sind. Er ist verdammt gespannt, was Mabel und ihn im Laufe des Sommers noch erwartet.

So vertieft ist er in sein Lesen, dass er nicht, wie geplant früh aufsteht, sondern noch im Bett sitzt, als Mabel erwacht. Sie reckt sich, streckt sich, und springt dann mit einer Energie, die Dipper sich für sich selbst wünschen würde, aus dem Bett. „Na, Bruderherz? Alles klar? Gut geschlafen?“, stürmen die Fragen über ihn herein.
Er gähnt, lächelt. „Um ehrlich zu sein, nein. Schon seit wir hier sind nicht wirklich. Ist aber nicht so schlimm.“
Mabel hält inne, für einen Augenblick wirkt sie besorgt, doch dann überwiegt der Drang, sich über ihn lustig zu machen. „Ohh, hast du denn Albträume?“, fragt sie breit grinsend, „Haben die Zwerge dir Angst gemacht?“
Ein bisschen beleidigt macht sich Dipper daran, das Journal unter sein Kissen zu stopfen und sich Kleidung für den Tag rauszusuchen. „Auch wenn ich kein Fan der Zwerge bin, ich bin mir sicher, dass sie noch lange nicht das Gruseligste sind, was diese Wälder zu bieten haben. Albträume habe ich nicht, wenn du es genau wissen willst, ich träume überhaupt nicht, schon seit Tagen!“ Als er es endlich ausspricht verrät seine Stimme die angestaute Frustration und Müdigkeit.
Mabel, die während sie sich anzog eine Art Tanz vollführt hat, bleibt nun erschrocken stehen. „Du träumst überhaupt nicht? Geht das denn?“
„Ja, anscheinend geht das, du siehst mich ja vor dir stehen!“, gibt Dipper genervter als gewollt zurück, schaut aber kurz darauf betreten zu Boden. Er hat Mabel nicht so anfahren wollen, aber er ist wirklich ungemein frustriert. Jetzt, wo Mabel es gefragt hat, scheint es ihm auch unglaublich, so ein Schlaf ohne Träume.

Den Tag verbringt er, auf Anraten Mabels, mit haufenweiße „entspannenden“ Aktivitäten. Mehrmals bringt sie ihn dazu, sich zum Meditieren hinzusetzen, während sie um ihn herum tänzelt und mit monotoner Stimme Dinge herunterleiert, die für sie glaubhaft spirituell und meditativ klingen. „Stell dir vor … du seist ein Stein. Nein, warte, ein Blatt … du bist ein ruhiges, grünes Blatt, wehst sanft im Wind … ach, nein, das klappt so nicht: du bist ein Stein …“. Zwischendurch darf er nur beruhigende Kräutertees trinken, soll sich möglichst ruhig verhalten und auch nichts spannendes Lesen. Bis Mabel dann plötzlich einfällt, dass er vielleicht einfach nicht erschöpft genug ist, ordentlich zu schlafen, und ihn mit einer Wasserpistole durch den Garten jagt. Alles in allem ist er gegen Abend so entnervt von all den Versuchen, ihn gut schlafen zu lassen, dass er es gar nicht mehr erwarten kann, sich endlich im Bett verkriechen zu dürfen. Schlafend, träumend, oder auch nicht, Hauptsache, er hat endlich seine Ruhe!

Aus der Erleichterung, endlich die Decke über sich zuziehen zu können, wird dann Frustration, als er nach einer gefühlten – und, wie ein kurzer Blick auf seine Uhr zeigt, auch realen – halben Stunde, wieder aufwacht. Unausgeruht und unruhig. Und aus solchen minutenlangen Dös-Perioden und einem von schleichend stärker werdender Panik begleiteten Erwachen setzt sich eine scheinbar endlose Nacht zusammen. Schließlich ist er fast den Tränen nahe, die Müdigkeit erfüllt sein Gehirn und alle Glieder, aber er kann sie einfach nicht loswerden. Als er dann hört, wie Mabel sich bemüht leise aus ihren Laken schält und zu ihm herüberschleicht, wischt er sich über die Augen und setzt sich auf. „Du brauchst nicht leise sein, Mabel. Ich habe nicht geschlafen, oder kaum. Ich weiß auch nicht.“

So zieht es sich tagelang. Tagsüber ist es in Ordnung – zwar ist Dipper unglaublich erschöpft, doch kann er sich ablenken, wenn er mit Mabel spielt, Wendy anschmachtet oder die Geheimnisse von Gravity Falls erkundet. Die Nächte jedoch sind der Horror. Unendlich scheinen die Stunden, in denen er zwischen Minuten des leichten Schlafes und der langen, langen Zeit des verzweifelten Wunsches, endlich Bewusstlosigkeit zu erlangen, schwankt. Irgendwann ist es so weit gekommen, dass er sich vor dem Einbruch der Dunkelheit fürchtet – nicht vor der Nacht an sich. Vor der unsagbaren Erschöpfung und dem Gefühl, ein totaler Versager zu sein, weil er etwas, was doch leichter nicht sein könnte, nicht auf die Reihe bekommt: Hinlegen, Augen zu, wegdämmern. So sollte es sein, so könnte es sein; er kann sich kaum noch erinnern, wie das ist. Irgendwo hat er mal gelesen, dass Menschen ohne Träume nicht schlafen können. Damals hat er das noch nicht geglaubt, doch jetzt kann er nicht leugnen, dass er es spürt. Er weiß, dass er sich wieder ausruhen könnte, wäre da mehr als absolute hilflose Leere in den kurzen Minuten, in denen er schläft. So paradox das scheint, es sind nicht Albträume, aus denen er panisch aufschreckt, sondern der Mangel an … allem, der in seinem nächtlichen Kopf herrscht. Er ist so unaussprechlich müde. Dipper würde alles dafür tun, wieder träumen und schlafen zu können, alles.

~*~


Bill kichert. Ein für die Zwillinge, die in ihren Betten liegen, einer wach, die andere schlafend, geräuschloses Kichern, doch das hält ihn nicht davon ab, das Kichern zu einem ausgewachsenen Lachanfall anschwellen zu lassen. Manchmal kann er sein Tun auch ohne Publikum genießen, gerade, wenn er weiß, dass sein Auftritt danach umso spektakulärer wird. Seit die beiden angekommen sind, beobachtet er sie, und in seinem unfehlbaren Gespür für Angreifbarkeit war es ihm innerhalb von Minuten gelungen, Dipper als den zu identifizieren, den er langsam immer weiter zerbröckeln lassen würde, innerlich. Doch natürlich war es bei diesen Zwillingen nie nur einer, der litt. Je schlechter es Dipper ging, desto beunruhigter wurde Mabel, wobei natürlich beide versuchten, sie das nicht anmerken zu lassen. Dipper wollte Mabel keine Sorgen bereiten, sie wollte ihn nicht mit ihren Sorgen erdrücken. Für Bill macht das keinen Unterschied. Er kann die Traurigkeit, die über dem Raum lag, schmecken. Mabel ist schon eingeschlafen. Manchmal versucht sie, sie dazu zu zwingen, möglichst lange wach zu bleiben, einfach nur, damit sie wissen kann, wie Dipper sich fühlt – und damit er nicht so alleine ist – doch irgendwann überwältigt sie immer die Müdigkeit. Es würde auch nichts nützen. Dipper ist alleine, gibt es doch nichts Einsameres als wochenlange Insomnie. Der Junge im Bett seufzt traurig und schließt, ergeben und eigentlich ohne Hoffnung, die Augen. Bill tut es ihm gleich, ein un-physisches Wesen, das seine un-physischen Augen schließt. Im Bruchteil eines Bruchteils eines Augenblicks ist er in Dippers Kopf und macht sich an die Arbeit der Nacht. Ja, es ist Arbeit, irgendwie, doch das Vergnügen und der Lohn sind viel größer. Nacht für Nacht besetzt er Dippers Gehirn und stiehlt all die Träume, die das Unterbewusstsein aussendet, um dem Jungen den rettenden Schlaf zu senden. Nicht immer findet der Traumdieb seine Beute sehenswert – Himmel, hat sein Opfer manchmal eine langweilige Fantasie! Seine Träume sind nichts, im Vergleich zu dem, was die Welt unter Bills Herrschaft erwarten wird – doch das ist auch nicht wichtig. Er stiehlt nicht, was er behalten will, sondern das, was er Dipper nicht gönnt. Und es macht ihm noch immer die gleiche Freude, wie am ersten Tag, Dippers nächtliche Leere zu fühlen, ihm all das zu enthalten, was es ihm erlauben würde, den Tag zu verarbeiten und wieder zu Kräften zu kommen. Bill lächelt. Er ist die schlimmste Sorte Dieb – er hat keine Achtung vor dem Diebesgut, keine Wertschätzung gegen über dem, was er erbeutet. Doch was ihn vor Freude vibrieren lässt, ist die absolute Verzweiflung, die sein Diebstahl hinterlässt. Dipper ist schwach, so schwach. Und sollte irgendwer, ein gewisser Dämon vielleicht, mit einem Angebot ankommen, das ihm erlaubt, wieder zu träumen, wie sollte er nein sagen? Verzweiflung macht formbar, und Dipper ist inzwischen so weich, so mürbe, so ergeben.

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Hallo Schattenfluch,

wie du siehst, habe ich mich von deinen Wortvorgaben für Traumdieb entschieden! Es hat mich super gefreut, Vorgaben zu Gravity Falls zu bekommen.
Ich entschuldige mich für die Verspätung & wünsche dir viel Spaß mit der Geschichte (& frohe Ostern, falls du feierst)!

Liebe Grüße
fortassis
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