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Die Sage der Lygeia: "Die Macht des Schicksals" - Teil 1

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Gabrielle Nicklio OC (Own Character) Xena
13.04.2017
18.04.2017
3
4.137
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18.04.2017 1.370
 
Dritter Gesang




Die nächsten Tage waren schwer, sowohl für Gabrielle, als auch für Lygeia. Wegen Xena kamen sie nicht so schnell voran. Oftmals mussten sie Umwege in Kauf nehmen, weil der Transporter zu groß war. Ebenfalls mussten sie auf Trampelpfade oder Schleichwege verzichten. Gabrielle war noch nie in diesem Teil Griechenlands gewesen.

Sie waren Tag und Nacht unterwegs. Gerastet wurde so gut wie nie. Selbst nachts wanderten sie. Nur für drei Stunden legten sie sich zum Schlafen, doch wirklich erholen konnte sich keiner von ihnen. Die Sorge um Xena, darum ob sie den Berg Nestos noch rechtzeitig erreichen würden, vertrieb jeden aufkommenden Schlaf.

Während ihres Marsches vermieden es Gabrielle und Lygeia Städte oder Dörfer aufzusuchen. Zwei Frauen alleine unterwegs, mit einer weiteren verletzten Frau, würde zu viel Aufmerksamkeit erregen.

Vor allem bestand die Gefahr, dass jemand Xena erkennen würde. Zwar wussten viele Menschen inzwischen, dass sich Xena geändert hatte, dass sie nicht mehr die Kriegsherrin von damals war. Trotzdem gab es in Griechenland – und den umliegenden Ländern – noch genug Menschen, die den Kopf der Kriegerprinzessin haben wollten.

Die wenigen Male, in denen sie Vorräte einkauften, ging Lygeia alleine. Sie war noch unbekannt, und ihr Name und Gesicht weniger mit Xena verbunden, als Gabrielles.

Eine Schwierigkeit ihrer Reise war auch, Xena nicht verhungern zu lassen. Dass sie verdurstete war keine Gefahr. Doch sie konnte kein festes Essen zu sich nehmen. Gabrielle hatte schließlich die Idee, Beeren und Wasser zu einem dünnen Brei zu mischen, und ihn Xena in einer Art Mund-zu-Mund-Beatmung einzuflößen. Lygeia war froh, dass Gabrielle diese Aufgabe übernahm. Denn, obwohl es in diesem Fall auch nur geschehen wäre, um Xena zu helfen: Sie zu küssen, während Gabrielle dabei war, hätte sich falsch angefühlt.



Je weiter sie nach Norden kamen, desto kälter wurde es. Auch das Gelände wurde immer schwieriger, bis Lygeia und Xena den Transporter zu einer Art kleinem Schlitten umbauen mussten, um die Wege passieren zu können.

Bei ihrem letzten Stop, nahe eines kleinen Dorfes, hatte sich Lygeia vorsichtig nach einem Berg namens Nestos erkundigt. Und tatsächlich hatte ihr ein Kaufmann von einem Berg desselben Namens erzählt.

Allerdings hatte er sie davor gewarnt dorthin zu gehen.

„Dort gibt es nichts, außer Schnee und Felsen.“

Trotzdem hatte Lygeia ihn um eine genaue Wegbeschreibung gebeten, die ihr der Kaufmann auch bereitwillig gegeben hatte.

Zwei Tage später hatten sie den Berg Nestos erreicht.



Lygeia führte Argo zu einer kleinen Nische, in der sie Rast machen konnten. Sie ließ sich gegen die harte Felswand fallen und sank erschöpft zu Boden.

„Gabrielle?“ stöhnte sie.

Die Bardin wankte zu ihr und fiel neben sie.

„Was haben wir noch an Verpflegung?“ fragte die Bardin.

Trotz der Situation musste Lygeia lachen.

„Ein bisschen altes Brot, gefrorenes Obst und verfaultes Fleisch.“

„Das klingt nach einem Festmahl.“ Antwortete Gabrielle.

Lygeia ging zu den Satteltaschen, holte das Brot, das Obst heraus und gab etwas davon Gabrielle. Die Bardin wollte gerade in einen bereits harten Apfel beißen, als sie stoppte.

„Möchtest du nichts essen?“ fragte sie Lygeia.

„Iss du nur. Ich komm schon klar.“

„Lygeia, was ist los?“

Die junge Frau atmete tief durch, bevor sie antwortete.

„Wir haben nicht mehr viele Vorräte. Und wir haben noch einen ordentlichen Aufstieg vor uns. Xena kann meine Ration haben.“

Gabrielles Augen füllten sich mit Tränen. Sie schaute auf den Apfel in ihrer Hand und steckte ihn zurück in den Beutel. Sie schluchzte laut auf und umarmte Lygeia.

„Ich hab solche Angst um Xena.“ Weinte die Bardin.

Lygeia streichelte ihrer Freundin über den Rücken.

„Ich hab auch Angst.“ Gestand sie.

„Was, wenn wir es nicht schaffen?“

„Wir werden es schaffen.“

„Woher willst du das wissen?“ fragte Gabrielle.

Lygeia lächelte sie an.

„Weil das kein Tod ist, der Xena würdig wäre. Dass sie so stirbt würde Xena nicht zulassen.“

Gabrielle blickte sie besorgt an.

„Du hast einen merkwürdigen Sinn für Humor.“

Lygeia lachte, stand auf und half Gabrielle auf die Füße. Sie warf einen Blick den Berg hinauf. Dieser Aufstieg würde die Hölle werden.

„Komm. Machen wir, dass wir weiterkommen.“



Lygeias Befürchtung bewahrheitete sich. Der Aufstieg war nicht nur eine Hölle. Er war sämtliche Kreise der Hölle, wie sie Alighieri in seinem Inferno beschrieben hatte.

Die Wege waren zugeschneit, und mit einer Last wie der ihren kaum begehbar. Auch wurde es mit jedem Meter, den sie höher stiegen, immer kälter. Gabrielle war froh über die Pelzmäntel, die Lygeia in einem Dorf gekauft hatte.

Sie wusste nicht, dass Lygeia die Mäntel in Wirklichkeit gestohlen hatte.

Am meisten Schwierigkeiten machte ihnen Xenas Schlitten. Ständig blieb das Gefährt im Schnee stecken, oder verkeilte sich mit einem Felsen. Irgendwann hatte Lygeia die Geduld verloren, und den Schlitten wieder zu einem Rahmen umgebaut, nur um ihn ein paar Meter höher wieder zusammenzubauen.

Es schien, als würden sie keinen Meter vorwärts kommen. Die Verzweiflung ihrer Lage, die Angst um Xena, und ihre Erschöpfung machten es ihnen noch schwerer.

Doch weder Gabrielle, noch Lygeia dachten einen Moment daran aufzugeben. Sie würde Xena retten.

Koste es, was es wolle.



„Zieh!“

Lygeia versuchte alles, was ihr Körper noch an Kraft besaß, zu mobilisieren, und stemmte sich gegen den Schlitten. Sie spürte, wie Gabrielle auf der anderen Seite an den Seilen zog. Doch der Schlitten rührte sich keinen Zentimeter.

Noch einmal drückte Lygeia gegen den Schlitten, als ihre Füße auf dem Schnee ausrutschten, und sie mit dem Gesicht im Schnee landete.

Einen Moment blieb sie erschöpft liegen. Sie drohte ohnmächtig zu werden.

Mit fahrigen Bewegungen schaffte sie es wieder auf die Füße. Sich am Schlitten abstützend, rang sie nach Luft. Doch der Sauerstoffgehalt in diesen Höhen war niedrig.

Keuchend richtete sich Lygeia auf.

„Gabrielle. Geh mal voraus und sieh nach, ob du etwas findest. Eine Hütte oder so was.“

Sie konnte in der Finsternis Gabrielles schemenhafte Gestalt erkennen, die das letzte Stück des Weges emporstieg und verschwand.

Lange musste Lygeia nicht warten. Gabrielle kam zurück und rief: „Da vorne ist eine Hütte! Es brennt Licht in den Fenstern!“

„Sieh nach, wer drin ist!“

Erneut verschwand Gabrielle. Lygeia konnte durch den Wind ihr Klopfen und Rufen hören.

Müde kniete sich Lygeia neben Xena.

„Keine Sorge, Xena. Du wirst durchkommen.“ Sagte sie.

Jemand ging neben ihr auf die Knie. Lygeia drehte sich zur Seite und blickte in das dunkle, von grauem Haar umrahmte Gesicht eines alten Mannes.

„Was ist ihr zugestoßen? Sie ist ganz geschwollen von inneren Blutungen.“ Sagte er.

Xenas Hand kam unter den Fellen hervor und schloss sich um die Hand des Heilers.

„Nicklio“ stöhnte sie.

Gabrielle schaute von Xena zu dem Heiler.

„Kennt ihr euch?“ fragte sie.

„Flüchtig.“ Antwortete Nicklio.

„…Nicklio…“, stöhnte Xena erneut, „…tu’s nicht…bitte…bitte, lass mich gehen…“

Für einen Moment überlegte Nicklio. Dann hob er Xena hoch und trug sie davon. Gabrielle und Lygeia folgten ihm.



Nicklio brachte Xena in seine Hütte, die eine umgebaute Hölle war. An den Wänden standen Regale voller Gefäße und Behältnisse. Ein Feuer brannte in einem Kamin. Ganz hinten stand eine Art Liege, auf der er Xena ablegte. Behutsam legte er seine Hände auf Xenas Körper ab und begann ihn zu untersuchen. Schließlich berührte er sanft ihren Hals.

„Kannst du sie retten?“

Nicklio antwortete nicht.

Lygeia trat an ihm vorbei und fasste Xenas Handgelenk. Sie tastete etwas herum, als suche sie etwas. Dann berührte auch sie Xenas Hals. Erneut tastete sie etwas.

Zuletzt legte sie ihre Hand unter Xenas Nase.

Dann nahm sie ihre Hand fort.

Mit versteinertem Gesicht blickte sie zu Gabrielle.

„Sie ist tot.“

Gabrielles Augen weiteten sich. Sie stieß Nicklio beiseite, packte Xenas Hand und drückte sie an ihr Gesicht.

„Nein!...Nein, sie kann nicht tot sein!...Bitte nicht!“

Lygeia trat zu Nicklio. „Kannst du nichts mehr für sie tun?“

Der Heiler schüttelte den Kopf.

„Lasst sie in Frieden hinübergehen.“, sagte er mit sanfter Stimme, „Das ist alles, was ihr noch für sie tun könnt.“

„NEIN!“ schrie Gabrielle. Sie warf sich auf Xenas regungslosen Körper, streichelte das blasse Gesicht ihrer Liebsten, als könnte es sie wieder zum Leben erwecken.

„WACH AUF, XENA! HÖRST DU? WACH AUF! BITTE WACH AUF!“

Doch Xena wachte nicht auf.

„BITTE, NICKLIO! TU DOCH ETWAS?“

Nicklio konnte nichts mehr für sie tun. Niemand konnte das.

Mit einem Schrei voll unsäglichen Leids und unglaublichen Schmerzes brach Gabrielle auf Xena zusammen.



-Fortsetzung folgt-
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