Die Sage der Lygeia: "Die Macht des Schicksals" - Teil 1

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Gabrielle Nicklio OC (Own Character) Xena
13.04.2017
18.04.2017
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Erster Gesang




Xena, Gabrielle und Lygeia standen am Rande eines niedrigen, weiten Tals. Hohe Bäume wuchsen am Grund der Senke und zogen sich wie eine Grenze von einem Ende zum anderen.  

Lygeia wusste nicht, was sie hier zu tun hatten. Vor zwei Tagen hatte Xena sie von der Straße nach Norden, querfeldein nach Westen gelotst. Gabrielles Fragen, warum Xena plötzlich in diese Richtung wollte, hatte sie nicht beantwortet. Überhaupt war sie seitdem ziemlich wortkarg und verschlossen gewesen. Nur den Namen Cyrre hatte sie erwähnt.

Cyrre.

Lygeia hatte sofort ihr Gedächtnis nach diesem Wort durchkramt, allerdings ohne Erfolg. Xenas Verhalten machte deutlich, dass irgendetwas – ein Ereignis oder ein Mensch – sie mit diesem Ort verband. Und egal was von beidem es letztlich war.

Es musste Xenas Vergangenheit betreffen.

Vorsichtig blickte Lygeia zur Seite. Gabrielle studierte neugierig die Landschaft. Xenas Gesicht war hart und ausdruckslos. Es bestätigte Lygeias Vermutung. Hier musste etwas passiert sein, das der Kriegerprinzessin auf der Seele lag.

Gabrielle verlagerte ihr Gewicht auf den Stab und sagte. „Das ist also Cyrre.“

Als Xena nicht antwortete fügte sie hinzu. „Es ist schön hier.“

„Für mich ist es der hässlichste Ort auf der Welt.“ Spuckte Xena verächtlich aus.

Komm mal dorthin, wo ich geboren bin, dann weißt du was hässlich ist, dachte Lygeia. Ihr Blick fiel nach unten auf einen geschwärzten Totenkopf, der aus der Erde ragte. Das scheußliche Grinsen mit den leeren Höhlen, wo einst die Augen gesessen hatten, war auf sie gerichtet. Lygeia musste schlucken. Unauffällig machte sie einen kleinen Schritt nach hinten und ging um die Gruppe herum, sodass sie zu Argos Linken stand.

„Xena, gibt es einen Grund, dass du unbedingt hierher wolltest?“ fragte Lygeia.

Die Kriegerprinzessin zögerte einen Moment. „Ich möchte verstehen, wieso.“

„Was meinst du damit?“

„Ich möchte verstehen, wieso es geschehen ist. Wieso ich war, wer ich war. Wie ich es jemals wieder gut machen kann.“

Lygeia konnte mit diesem Satz nichts anfangen. Was war damals geschehen? Was hatte Xena damals getan? Was wollte sie wieder gutmachen? Die junge Frau blickte unsicher zur Kriegerprinzessin.

Ob sie Xena fragen sollte? Das traute sich Lygeia nicht.

Es war nicht so, dass sie Angst vor Xena hatte. Es war vielmehr eine Mischung aus vielen verschiedenen Gefühlen. Restpekt, Verehrung, Loyalität, Freundschaft, und…ja…doch auch Angst.

Gabrielle legte Xena eine Hand auf die Schulter. „Du solltest dich nicht mehr bestrafen, für das, was passiert ist.“

„Ich bin nicht hier, um mich zu bestrafen, Gabrielle.“ Antwortete Xena. Sie nahm Gabrielles Hand und küsste ihre Finger. Dann drehte sie sich zu Argo und stieg auf.

„Lasst mich bitte einen Augenblick alleine.“ Bat sie.

Lygeia nickte. „Nimm dir so viel Zeit wie du brauchst.“, sagte sie, „Wir warten hier.“



Xena gab Argo die Sporen und ritt auf die Gruppe Hüttten zu, die am Rand der Baumgrenze stand. Was von weitem wie ein normales Dorf aussah, entpuppte sich als Geisterstadt. Alles war zerstört. Die Hütten niedergerissen und zu Teilen abgebrannt. Hausrat und anderes Werkzeug lag verstreut auf der Straße.

Wachsam ritt Xena zwischen den Überbleibseln zweier Häuser hindurch auf die Straße, die durch das Dorf geführt hatte.

Eine ganze Zeit lang blieb sie in der Mitte des Dorfes stehen und betrachtete die Ruinen. Noch immer lag der Geruch nach verbranntem Holz in der Luft. Das laute und qualvolle Schreien panischer Menschen, die um ihr Leben rannten, schallte in Xenas Kopf wieder. Bilder der in Brand gesteckten Hütten tauchten vor ihrem Auge auf.

Xena ritt die Straße entlang, bis sie auf einen großen Platz stieß. Ihr Blick fixierte einen Punkt drei Meter vor ihr.



…Sie sah ein Kind, ein Mädchen, das völlig verloren und von Flammen umgeben auf dem Platz stand. Fassungslose, schwarze Kinderaugen blickten Xena an. Tränen rollten über das verdreckte Kindergesicht.

„Wieso?!“, rief das Mädchen, „Wieso?!“…



Xena trat Argo in die Seiten und trieb die Stute aus dem Dorf. Das Schreien der Menschen, das Brennen der Hütten und die Frage des Mädchens hinter sich lassend.



„Lygeia!“

Jemand berührte sie an der Schulter. „Lygeia!“

Langsam fand die junge Frau das Bewusstsein wieder. Als sie die Augen öffnete, merkte sie erstaunt, dass sie am Boden lag. Ihr Kopf tat höllisch weh.

„Was ist passiert?“ nuschelte sie.

„Lygeia, wo ist Gabrielle?“

Gabrielle? Mit einem Mal war Lygeia hell wach. Sie setzte sich auf, stockte jedoch mitten in der Bewegung und griff sich an den Kopf. Sie fühlte eine wachsende Beule unter ihrer Hand. Lygeia sah auf und fand Xena neben ihr hockend vor. Argo stand hinter ihr und beschnüffelte seelenruhig das Gras.

Gabrielle war verschwunden.

„Oh Scheiße.“ Sagte Lygeia.

„Sag endlich, was passiert ist!“ drängte Xena.

Lygeia schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Wir haben hier auf dich gewartet. Plötzlich hab ich ein Knacken gehört. Ich wollte mich umdrehen, da hab ich irgendwas an den Schädel gekriegt. Danach weiß ich nichts mehr.“

Lygeia ließ sich von Xena auf die Beine helfen und sah sich um. Ihr Blick fiel auf den Weg, den sie, Xena und Gabrielle gekommen waren. Lygeia kniete sich hin und untersuchte den Boden.

„Sie sind in diese Richtung gegangen.“, sagte sie und deutete auf Abdrücke im Boden, „Es hat letzte Nacht geregnet. Wir vier sind nebeneinander gelaufen, also müsste man unsere Spuren sehen können. Aber hier ist alles verwischt.“

„Also sind sie vom Wald gekommen, und über den Weg wieder verschwunden.“ schloss Xena.

„Anscheinend.“

Xena richtete sich wieder auf. Sie sah sich nach weiteren Spuren um, als ihr etwas ins Auge fiel. Bei dem Totenschädel, im Gras, lag Gabrielles Kampfstab. Vorsichtig hob sie die Waffe auf und starrte sie mit wütendem Gesicht an.

Lygeia trat neben Xena und blickte sie abwartend an. Als Xena ihr das Gesicht zudrehte, nickten sie einander entschlossen zu.



Gabrielle verhielt sich ruhig, während die Männer ihre Handgelenke an ein Seil fesselten, dass zwischen zwei Bäumen gespannt war. Mit ihr zusammen waren noch weitere Menschen, Männer und Frauen, an das Seil gebunden.

Einer der Fremden überprüfte noch einmal die Knoten an den Fesseln. Dann ergriff er ein kurzes Breitschwert und ging zu einer Gruppe anderer Krieger, die in festgelegter Formation eine Art rituellen Kampf ausführten.

Sie waren am Grund einer kleinen Senke, die wie eine Arena anmutete. Auf den Hängen waren kleine Hütten aus Holz und Leder gebaut. Frauen konnte Gabrielle nicht erkennen.

Die Kampfformation hatte ihr Ritual beendet. Einer der Krieger riss mit einem Schrei sein Schwert hoch und sprach in Richtung des Himmels.

„Herr des Mondes. Gebieterin über die Sterne. Die Kinder der Sonne bitten Euch um ein Omen. Sendet uns ein Zeichen.“

Das Zeichen kam.

Eine Gestalt sprang von den Bäumen herunter und landete auf dem Altar, den dieses Volk aus Steinen, Knochen und Asche erbaut hatte. Sie trug eine Rüstung aus Leder und Metall. Das lange schwarze Haar wehte in der leichten Brise. Blaue Augen durchbohrten die Luft.

Es war Xena.

Für einen Moment war alles still.

Plötzlich ertönte ein lauter martialischer Schrei, gefolgt von zwei schnellen Schlägen.

Die Krieger fuhren herum. Wie aus dem Nichts war Lygeia zwischen ihnen aufgetaucht und hatte zwei Krieger zu Boden geschlagen. Noch bevor die Gruppe wusste wie ihr geschah, drehte sich Lygeia um und streckte einen weiteren von ihnen mit einem Faustschlag ins Gesicht nieder.

Nun griff auch Xena an. Mit einem Salto sprang sie von dem Altar herunter und landete neben Lygeia. Die junge Frau riss Xena den Stab aus der Hand und holte mit einem Rundumschlag vier weitere Krieger von den Füßen.

Xena zog ihr Chakram und schleuderte es gegen einen der Bäume. Das Chakram prallte ab mehrmals ab, schoss von einem Ende des Lagers zum anderen und durchtrennte schließlich die Fesseln von Gabrielle und den anderen Gefangenen.

„Gabrielle, fang auf!“

Lygeia warf der Bardin den Kampfstab zu, wich einem Schwertstreich aus und antwortete mit einem Kreisfußtritt gegen die Brust.

Während Gabrielle die Menschen aus dem Dorf in Sicherheit brachte, versuchten Xena und Lygeia ihnen Zeit zu verschaffen. Doch die Angreifer wurden immer zahlreicher, und obwohl Lygeia keine Anfängerin war, eine ausgebildete Kriegerin war sie nicht. Lange würden sie dem Ansturm nicht mehr standhalten können.

„Xena, raus hier!“ rief sie ihrer Freundin zu.

Die Kriegerprinzessin nickte, trat einen weiteren Angreifer zu Boden und stürmte mit Lygeia auf den Fersen davon.



Gabrielle hatte die Dorfbewohner so schnell es ging weitergetrieben. Immer wieder warf sie Blicke zurück, ob sie verfolgt wurden. Sie dachte an Xena und Lygeia. Angst um ihre beiden Freundinnen schnürte ihr die Kehle zu. Was, wenn ihnen etwas passiert war? Was, wenn sie es nicht schafften zu ihnen durchzukommen?

Sie versuchte diese Gedanken zu vertreiben. Doch je weiter sie rannten – und je weiter sie sich vom Lager der fremden Krieger entfernten – desto mehr steigerte sich Gabrielles Sorge.

„Gabrielle!“

Die Bardin blieb stehen. „Wartet, ich glaube ich habe Xena gehört!“ rief sie.

Die Dorfbewohner blieben stehen und sahen sich nach allen Seiten um. Kurz darauf brachen Xena und Lygeia durch das Unterholz und stießen zu der Gruppe.

„Xena!“ Gabrielle warf sich in Xenas Arme.

„Alles in Ordnung?“ fragte Lygeia.

Gabrielle wollte gerade antworten, als einer der fremden Krieger aus dem Wald kam und ihnen den Weg versperrte. Sein mit gelber Farbe bemaltes Gesicht wirkte einschüchternd. Zähnebleckend leckte er sich die Lippen.

Xena ließ Gabrielle los und wollte sich dem Krieger stellen, als Lygeia ihr eine Hand auf die Schulter legte.

„Ich mach das.“ Sagte sie entschlossen.

Normalerweise hätte Xena Lygeia zurückgepfiffen. Aber seit ihrem Abenteuer mit den Bacchae wusste die Kriegerprinzessin, dass ihre Freundin kämpfen konnte.

Lygeia trat an Xena vorbei, schob ihr linkes Bein nach vorne und hob die Fäuste. Ihr Gegner zog einen mit Nägeln gespickten Backenknochen hervor und schlich lauernd auf Lygeia zu.

Plötzlich sprang Lygeia nach vorne und trat dem Krieger mit einem Frontalkick so stark gegen die Brust, dass es ihn von den Füßen riss. Für einen Moment blieb er verdutzt  liegen.  Dann rappelte er sich wieder auf. Vorsichtig, ohne seine Gegnerin aus den Augen zu lassen, hob der Krieger seine Waffe auf und näherte sich Lygeia. Diesmal gab er jedoch Acht, nicht in die Reichweite ihrer Beine zu geraten.

Wieder belauerten sich die beiden. Lygeia hatte ihren Körperschwerpunkt abgesenkt und einen breiteren Stand eingenommen. Ohne ihren Gegner aus den Augen zu lassen bewegte sich Lygeia nach rechts.

Erneut griff der Krieger an. Lygeia wich dem Schlag aus, packte den Kopf des Mannes und trat ihm mit einem lauten Schrei ihr Knie ins Gesicht.

Dieses Mal blieb er länger liegen und brauchte mehr Zeit um wieder auf die Beine zu kommen.

„Verschwinde!“ befahl ihm Lygeia.

Einen Moment starrte sie der Krieger an. Dann zeigte er wieder ein breites Grinsen und trat einen Schritt zurück.

Lygeia hörte ein Knacken hinter sich.

„Lygeia, pass auf!“

Jemand stieß sie beiseite. Kurz darauf schoss etwas an Lygeia vorbei. Sie hörte einen dumpfen Knall, gefolgt von einem Aufprall und Gabrielles Rufen „Xena!“

Lygeia sprang auf und fuhr herum.

Mitten in der Luft, an dicken Seilen hängend, baumelte das riesige Stück eines mächtigen Baumstammes.

Jetzt erinnerte sich Lygeia. Sie erkannte die Szene wieder.

Mit zugeschnürtem Hals und vor Furcht steifen Gliedern, ging Lygeia an dem Baumstamm vorbei.

Dort, im hohen Gras, die Gliedmaßen wie bei einer Puppe durcheinandergeworfen, lag Xena.

Lygeia sah den fremden Krieger im Unterholz verschwinden. Zuvor warf er ihr noch einen triumphierenden Blick zu.



In dieser Sekunde schwor Lygeia Abigail Johansson Rache.

Eines Tages würde sie zu diesem Stamm zurückkehren.

Und jeden von ihnen töten.
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