Herzensangelegenheiten

GeschichteDrama, Romanze / P16
Chizuru Yukimura Heisuke Todo OC (Own Character) Sanosuke Harada Soji Okita
13.04.2017
12.03.2020
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Kapitel 1

1864, Japan, Kyoto

Es wurde schon dunkel, als sie endlich Kyoto erreichte. Zufrieden lächelnd durchschritt sie gerade die ersten Straßen, um dem Stadtkern immer näher zu kommen. Sie begegnete nur noch wenigen Menschen auf der Straße, aber es störte sie nicht. Viel mehr genoss sie die Ruhe. Sie erinnerte sich an die letzten Tage, in denen sie fast ohne Pause gelaufen war, um Kyoto zu erreichen. Dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab und viel Nahrung hatte sie in den letzten Tagen auch nicht bekommen. Es war also nicht verwunderlich, dass diese Reise ihr mehr Kraft kostete, als sie es zugeben wollte. Sie freute sich auf eine warme Mahlzeit und wenigstens etwas Schlaf, aber das musste noch warten. Mit wachsamen Augen beobachtete sie ihre Umgebung, aber alles schien ruhig zu sein.
Ein leises Seufzen entfuhr ihrem Mund. Sie war ein wenig erleichtert, dass sie endlich das Ziel ihrer langen Reise erreicht hatte, aber nun musste sie unbedingt dieses Mädchen finden. Ernüchterung machte sich in ihr breit, es würde ziemlich viel Glück brauchen dieses Mädchen in dieser Stadt zu finden- ohne richtige Anhaltspunkte. Es war schon schwierig genug gewesen herauszufinden, dass sie überhaupt hier ist. Schweigend ging sie über die nächste Brücke, steuerte dann jedoch das Geländer an  und lehnte sich über dieses, um den Fluss in der Abenddämmerung zu beobachten.
Das sanfte Rauschen hatte schon immer eine beruhigende und entspannende Wirkung auf sie gehabt. Als sie ihren Blick nach unten richtete, entdeckte sie auf der Wasseroberfläche des Flusses ihr Spiegelbild. Strahlend moosgrüne Augen, die von dichten dunklen Wimpern umrahmt wurden, schauten ihr neugierig entgegen. Die vielen kleinen Sommersprossen, die auf ihren Wangen und ihrer Nase zu sehen waren, gaben ihrem Gesicht einen frischen Ausdruck und lenkten von den dunklen Augenringen ab. Einzelne Strähnen ihres rubinroten Haares fielen ihr ins Gesicht, den Rest hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Doch selbst im Zopf reichten ihr die Haare bis zur Brust.
Oft wurde sie wegen ihrer Haarfarbe seltsam angestarrt und Leute tuschelten, aber sie hatte sich schon längst daran gewöhnt. Das weiße Hemd war zwar etwas zu groß, dass sie trug, aber es erfüllte seinen Zweck. Sie hatte sich bewusst für die traditionelle Männerkleidung entschieden, da sie sich so zumindest etwas freier Bewegen konnte. Doch bei genauerer Betrachtung fiel ihre zarte und kleine Statue mit den femininen Kurven dennoch auf. Über das Hemd trug sie eine dunkelblaue weite Hose, an der ihr Schwert befestigt war. Es war ein Familienerbstück.
Verträumt schaute die junge Frau wieder in die Ferne. Ihr Blick folgte den Bewegungen des Flusses. Das Rot der untergehenden Sonne spiegelte sich glitzernd in dem Wasser und die gesamte Umgebung wurde in ein warmes Licht getaucht. Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht und für einen kurzen Augenblick schien sie fast glücklich zu sein.

Doch kaum merkbar veränderte sich etwas. Neugierig und wachsam zugleich schaute sie sich um. In einem nahegelegenen Gebiet der Stadt zog dunkler schwarzer Nebel auf. „Eine dunkle Aura in diesem Gebiet der Stadt“, fragte sie stirnrunzelnd sich selbst.
Natürlich wusste sie, dass jeder Mensch eine Aura besaß und diese sich je nach Gefühlszustand farblich veränderte. Die menschliche Aura war außer bei starken Gefühlsausbrüchen jedoch fast gar nicht zu sehen und wenn überhaupt, dann als eine Art ausströmendes farbliches Licht. Nur magische Wesen konnten aufgrund ihrer Fähigkeiten so starke Auren besitzen. Ein dunkles Schwarz war jedoch nur einem bestimmtem Wesen vorbehalten. Doch mit diesen Wesen hatte sie schon genug negative Erfahrungen gehabt. Kurz wägte sie ab, ob sie einfach in eine andere Richtung weiter laufen sollte, aber diesen Gedanken verwarf sie schnell wieder. Geräusche von aufeinanderschlagenden Schwertern und Schreie waren schon zu hören. Sofort schaltete sich ihr schlechtes Gewissen ein, welches sie daran erinnerte, dass es ihre Verpflichtung war zu helfen, wenn sie es konnte.
Gleichzeitig war sie aber auch neugierig, welche Wagemutigen sich mit diesen Wesen anlegten. Sie musste einfach nachsehen, was da los war. Entschlossen ging sie in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.  Aber schon kurz darauf verfluchte sie ihre Neugier und ihr nervendes Gewissen schon wieder.

Je näher sie dem Kampf kam, desto langsamer und vorsichtiger wurden ihre Schritte. Darum bemüht so gut wie keine Geräusche von sich zu geben, bewegte sich fast lautlos fort. Sie wollte ja nicht sofort entdeckt werden, sondern nur das Geschehen beobachten. Die Stimmen der Männer wurden lauter und ihre Schritte umso vorsichtiger. Als sie die dunkle Aura aus der nächsten Seitenstraße strömen sah, wusste sie, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Der dunkle Dunst hinterließ beim bloßen Gedanken daran, was sie erwartete ein ungutes Gefühl bei der jungen Frau.
Grausame Szenen spiegelten sich vor ihrem inneren Auge wieder und mit einem leichten Kopfschütteln versuchte sie die Bilder aus ihrem Kopf zu bekommen. Noch immer suchten diese Kreaturen sie im Schlaf heim. Dicht presste sie sich an die Hauswand und wagte einen kurzen Blick auf das Geschehen.
In dem Moment, in dem sie die Kämpfenden erblickte, stockte ihr der Atem. Obwohl sie sich schon auf diesen Anblick eingestellt hatte, starrte sie die glühend roten Augen und weißen Haare der Rasetsu an. Nun schienen ihre Alpträume wieder so real und gegenwärtig. Aber sie hatte sich schon einmal von diesen Monstern befreit und würde es auch ein zweites Mal schaffen.

Die beiden mutierten Wesen kämpften gegen zwei junge Männer, die nach ihrer Kleidung zu urteilen den Samurais angehörten. Der größere von beiden hatte dunkelrotes langes Haar, das er sich im Nacken zu einem Zopf gebunden hatte. Er kämpfte mit einer Lanze und seine Bewegungen waren sowohl elegant, als auch kraftvoll.
Der andere hatte braune rötlich schimmernde Haare, die er am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf hochgebunden hatte. Seine Waffe war ein Schwert und er kämpfte nicht weniger kraftvoll und präzise, als sein Partner. So langsam es ging drückte sie sich wieder an die Hauswand und versuchte kein Geräusch von sich zu geben. Die beiden waren gute Kämpfer und würden die beiden Rasetsu in wenigen Augenblicken besiegen, dachte sich die junge Frau.

Gerade als sie wieder in die Richtung zurücklaufen wollte, aus der sie gekommen war, hörte sie aus einiger Entfernung schnelle Schritte auf sie zukommen. Nur kurz darauf kam ihr der schwarze Nebeldunst schon entgegen. „Na super“, fluchte die junge Frau leise. Scheinbar waren zwei weitere Rasetsu von dem Blutgeruch und dem Geschrei angelockt worden. Ohne lange zu zögern drehte sie sich in die entgegengesetzte Richtung, die ihre einzige Rettung sein würde, und begann zu laufen. Noch einmal wollte sie diesen Geschöpfen eigentlich nicht so bald begegnen. Schnell lief sie an den anderen Kämpfenden vorbei, froh, dass die beiden Samurais mit ihren Rücken zu ihr standen. Sie bemerkte nicht, dass dabei einer der beiden Samurais noch ihr vorbeiwehendes rubinrotes Haar bemerkte.
Immer wieder bog sie in verschiedene Straßen und Richtungen und versuchte so gut wie möglich ihre Fährte zu verschleiern. Aber so sehr sie sich bemühte, die zwei Rasetsus folgten ihr dicht auf den Fersen. Das immer lautere Röcheln und die so seltsam verzehrten Stimmen, die „Blut, ich brauche Blut“, riefen, verrieten ihr, dass ihr diese Geschöpfe immer näher kamen. Schnell bog sie um die nächste Ecke und musste hart abbremsen, um nicht mit voller Wucht gegen eine Hauswand zu prallen. Sie war in einer Sackgasse gelandet. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Das widerliche Röcheln und die Schritte wurden immer lauter.
Sie wusste sofort, dass die beiden Rasetsus sie jede Sekunde umzingeln würden. In einer einzigen Bewegung zog sie ihr Schwert und ging in Kampfposition.
Jede Faser ihres Körpers war angespannt und bereit für einen Kampf. Sie spürte wie ihre Wahrnehmung schärfer wurde. Die Geräusche der Rasetsu wurden deutlicher, sie hörte die einzelnen Steine unter ihren Schuhen knirschen. Auch die einzelnen Umrisse ihrer Umgebung wurden schärfer und obwohl die Sonne nun vollständig untergegangen war, schien sie alles viel klarer zu sehen, als bei bestem Sonnenschein. Das Grün ihrer Augen war deutlich heller geworden und schien im Dunkel fast zu leuchten.

Gerade als der erste Rasetsu um die Ecke blickte, ging die Rothaarige ohne zu zögern auf ihn los. Knapp verfehlte sie ihn und traf statt seines Herzens nur seinen Oberarm. Fast im selben Moment griffen beide Rasetsu die junge Frau an und diese konnte die beiden Schwerthiebe nur knapp parieren. „Zwei gegen einen ist nicht fair.“, knurrte sie mit zusammengebissenen Zähnen und holte im selben Moment blitzschnell aus. Nur ein Wimpernschlag später, durchbohrte ihr Schwert das Herz des ersten Rasetsu und er ging röchelnd zu Boden.
Das Blut spritzte unnatürlich stark aus der Wunde und befleckte ihr gesamtes Gesicht. Aber dies ignorierte sie gekonnt, da ein stechender Schmerz in ihrem rechten Arm sie schmerzhaft daran erinnerte, dass es da noch ein zweites Problem gab, um das sie sich kümmern musste. Sie wehrte den nächsten Schlag ab und konnte ihren Gegner nur noch mit Mühe auf Abstand halten. „Dein Blut riecht aber besonders gut.“, rief der Rasetsu mit verrückter Stimme. „Das würde dir so gefallen“, entgegnete sie ihm und schnitt ihm mit voller Wucht ins Bein, so dass er strauchelte und auf den Boden sank.
Für einen kurzen Augenblick wagte die junge Frau einen Blick auf ihren verletzten Arm. Der weiße Ärmel ihres Hemdes färbte sich schon tiefrot. Plötzlich wurde der Rasetsu, als er gerade aufstehen wollte, von hinten von einer Lanze durchbohrt. Erschrocken schnappte sie nach Luft, diese Lanze hatte sie doch vorhin erst gesehen.
Scharf zog sie die Luft ein, diese zwei Kerle von vorhin, waren scheinbar von dem Geschrei angelockt worden. Als der Rasetsu zu Boden fiel und die Rothaarige einen freien Blick auf die zwei jungen Männer hatte, erhärteten sich ihre Befürchtungen.

Ihre moosgrünen vor Schreck geweiteten Augen trafen auf bernsteinfarbene Augen, die sie ernst anblickten. Kurz musterte sie die Gesichter der beiden Männer. Beide schauten sie nicht besonders freundlich an. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit und sie ahnte schon, dass sie nicht so schnell aus dieser Nummer rauskommen würde. Seufzend strich sie sich eine besonders lästige Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute die beiden Samurai nun abwartend an.

„Was willst du hier, Fremder?“, fragte der größere von beiden. Ein kurzer Ausdruck des Erstaunens huschte über ihr Gesicht. Fremder? Schweigend und gleichzeitig trotzig schaute sie ihre Gegenüber an. Überlegen reckte sie stolz ihr Kinn etwas in die Höhe. So schnell würden die beiden keine Antwort von ihr bekommen. „Sag mal hörst du schlecht?“, fragte jetzt der zweite und hielt ihr sein Schwert an die Kehle.
So langsam hatte sie genug von diesen Spielchen. Am liebsten hätte sie ihnen ihr wahres Wesen offenbart.
Doch bevor sie etwas erwidern oder tun konnte, spürte sie schon eine Faust in ihrer Magengrube. „Aah…“, sofort prallte sie an die Hauswand hinter sich und rutschte dort nach unten. In Gedanken jagte sie ihren Gegenübern tausend Flüche auf den Hals. Wütend richtete sie sich wieder auf und holte blitzschnell aus, um zu zuschlagen.
Als sie Haut und die Härte der Knochen unter ihrer Faust spürte, wusste sie, dass sie getroffen hatte. Der Kopf des jungen Mannes drehte sich zur Seite und er musste einen Schritt nach hinten machen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Das wird eine schöne Prellung geben“, dachte sich die junge Frau grinsend. Doch ihr Gegenüber schien durch das freche Grinsen nur noch wütender zu werden. „Na warte…“, knurrte er mit zusammengebissenen Zähnen. Sie sah noch, wie er sein Schwert hob, dann spürte sie schon einen dumpfen Schlag am Kopf und alles um sie herum wurde schwarz.

Eine leise Stimme in ihrem Kopf hinderte sie jedoch daran gänzlich in die traumlose Tiefe abzutauchen. „Das ist jetzt zu gefährlich, werd endlich wach und sieh zu, dass du Land gewinnst, Dummerchen.“  Leise stöhnend versuchte sie ihre Augen zu öffnen, aber ihre Lider schienen schwer wie Blei zu sein.
Als sie es endlich schaffte ihre Augen zu öffnen, schaute sie direkt auf den Boden, der sich stetig von ihr wegbewegte. „Also liege ich über einer Schulter.“, dachte sie sich. Ein leichtes Schwindelgefühl machte sich in ihr breit. Sofort fing sie an ihren Entführer gezielt zu treten und auf seinen Rücken einzuschlagen.
Doch der Kerl lachte nur. „Hey Souji, die Kleine ist schon wieder wach, dein Schlag war scheinbar zu schwach.“ Wütend trommelte die Rothaarige nur noch fester auf den großen Mann ein. Wenigstens hatten sie bemerkt, dass sie eine Frau war, nahm sie zufrieden war.
„Jetzt beruhige dich doch mal.“, redete er beruhigend auf sie ein und versuchte ihre Arme festzuhalten. Als er jedoch eines ihrer Handgelenke erfassen konnte, zögerte sie keinen Moment und biss zu.
„Au…, du kleines Biest.“, schrie er erschrocken auf, ließ jedoch sofort ihr Handgelenk wieder los. „Lasst mich sofort runter!“, schrie sie ihn an. Doch viel weiter kam sie nicht, da sie schon wieder einen dumpfen Schlag am Hinterkopf spürte und ihr schon wieder schwarz vor Augen wurde.

Was hatte das Schicksal nun schon wieder mit ihr vor?
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