Zwischen Zukunft und Vergangenheit

GeschichteRomanze, Familie / P18
Evie Frye Henry Green Jacob Frye
11.04.2017
15.03.2019
69
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Ich fühlte mich wie von einem LKW überrollt und schaute mich irritiert um. Wo war ich zum Teufel? Ich saß in einem Strohhaufen in irgendeinem verkommenen Hinterhof. Der Boden war vom letzten Regen aufgeweicht und es roch stark nach Fäkalien. Es schien später Nachmittag zu sein. Langsam stand ich auf und schaute auf mein rechtes Handgelenk. Mein Armband war noch an seinem Platz und leuchtete Blau. Ich tippte kurz drauf und man konnte lesen *Wird geladen*. Wie kann es denn ohne Stromanschluss laden?! Ich war verwirrt. In der Nähe war kein Mensch. Man sah nur eng aneinander gereihte Häuser die nicht gerade nach moderner Architektur gebaut waren. Ich kratzte mir den Kopf, als plötzlich mein Armband ein leises piepen von sich gab. Ich schaute es mir an und es stand *Anruf annehmen* darauf. Ich tippte auf den Touchscreen. Ein digitales Fenster öffnete sich über dem Armband, so wie ein Hologramm. Dann sah ich das Gesicht meines Bruders. Ich machte große Augen.


„Arina!“, schrie er. „Geht es dir gut?“

„Ähm..ja schon. Was ist verdammt nochmal passiert?“, fragte ich ihn.

„Es gab anscheinend einen Kurzschluss. Du hast dich einfach in Luft aufgelöst“. Marcel zeigte mir den leeren Animus, auf dem ich vorhin noch gelegen hatte.

„Na super. Und wo bin ich jetzt zum Teufel?“, ich war fassungslos über die Situation.

„Das versuchen wir gerade rauszufinden. Anscheinend hast du eine Zeitreise gemacht.“, rief Adrian und sprang ins Bild.

„Arina? Ist dein Armband vollständig geladen?“, fragte Adrian.

„Ich glaube nicht.“

„Okay. Es lädt automatisch durch deine Körperwärme. Wenn der Akku wieder voll ist, kann ich herausfinden wo du bist oder besser gesagt in welcher Epoche“. Adrian tippte etwas auf seinen Laptop.

„Epoche??“ Mein Kopf fiel in meinen Nacken. Das darf doch alles nicht wahr sein.

„Ganz ruhig Arina.“ Marcel versuchte mich zu beruhigen. Er hatte leicht reden. Schließlich hatte ich mich ja in Rauch aufgelöst und nicht er.

„Ooookayyy“, hörte man Adrian sagen.

„Dein Akku ist vollständig aufgeladen. Halt dich fest Arina“. Was kommt jetzt, dachte ich mir. „Also wir können jetzt deinen Standort sehen. Du bist immer noch in London…aaaber…leider ist es bei dir gerade 1868.“

„Wie bitte???“. Ich war schockiert. „Und jetzt?“, fragte ich hektisch.

„Ich habe leider keine Ahnung, wie wir dich wieder zurückholen sollen. Der Animus und die Maschine sind total durchgebrannt. Es wird ein paar Tage oder auch Wochen dauern sie zu reparieren. Dann können wir erst die nächsten Schritte in Angriff nehmen“, sagte er mit lautem Seufzer.

„Marcel? Ist das sein ernst??“, fragte ich ihn völlig aufgebracht.

„Ich kann dir leider nur dasselbe sagen. Aber wir tun was wir können und vor allem, so schnell wir können. Gott sei Dank funktioniert das Armband. Damit können wir in Kontakt bleiben. Allerdings frisst es ganz schön viel Akku. Wir können nur ab und an sprechen. Es wäre auch ratsam, es irgendwie zu verdecken und es niemanden zu zeigen“, sagte Marcel.

„Du solltest auch deine Kleidung wechseln!“, rief Mia dazwischen.

„Toll. Wirklich toll. Wie soll ich ohne Geld an Kleidung kommen?“, fragte ich schnippisch.

„Versuche deine Kette zu verkaufen. Je weniger du auffällst umso besser.“ Marcel hatte wohl Recht.
Aber Omas Kette verkaufen? Vielleicht konnte ich auch anders an Kleidung kommen.

Adrian kam wieder ins Bild. „Dein Akku ist wieder fast bei null. Eins musst du noch wissen. Es herrscht in diesem Jahrhundert in London eine Art Krieg zwischen Templer und Assassinen. Ich erkläre dir das später, wenn dein Akku wieder vollgeladen ist. Es ist aber am besten, wenn du jeglicher Konfrontation erstmal aus dem Weg gehst“.

Ich verstand mal wieder nur Bahnhof. „Okay, okay. Verstanden.“

„Ich schalte erstmal wieder ab. Es wird einige Stunden dauern. Du kannst bei geladenem Akku auch uns kontaktieren. Einfach über Menü, auf Adri drücken. Das bin dann ich“. Er lächelte mich an.

Ich rollte nur mit den Augen und schon war das Hologramm verschwunden und das Armband leuchtete schwach rot. Ich krempelte meine Ärmel erstmal nach unten, um das Band zu verbergen. Jetzt sollte ich mich erstmal umsehen und an andere Kleidung gelangen. Ich ging durch eine Gasse Richtung Straße. Hier waren schon mal ein paar Leute. Typisch für diese Epoche gekleidet. Viele Kutschen waren unterwegs. Ich lief die Straße auf dem Bürgersteig entlang. Mit meiner Kleidung fiel ich wirklich jedem auf und einige tuschelten über mich. Ich sollte schnell einen Bekleidungsladen finden.



Viele Straßen und irritierte Blicke weiter, sah ich einen Laden, über dem ein Schild hing, auf dem  Stoffe und Leder stand. Hier sollte ich es mal versuchen. Ich betrat den kleinen Laden und es erklang eine Glocke. Eine ältere Dame kam aus einem Hinterzimmer heraus und begrüßte mich. Dann sah sie mich wegen meinen Klamotten auch etwas irritiert an.

„Was kann ich für dich tun Kind?“, fragte sie mich freundlich, nach kurzer Stille.

„Ich bräuchte etwas anderes zum Anziehen. Können sie mir da helfen?“, fragte ich freundlich.

„Und wie ich dir helfen werde mein Kind“. Sie sah mich nochmal von oben bis unten an und schüttelte ihren Kopf. „Ein junges Mädchen wie du, sollte nun wirklich nicht so viel Dekolleté zeigen“.

Mir war es jetzt ein wenig unangenehm. Ich bin eigentlich kaum freizügig angezogen, aber in diesem Zeitalter, reichte wohl schon ein kleiner V-Ausschnitt.

Sie zeigte mir einige Kleider. Eigentlich ganz schick, aber viel zu voluminös für meinen Geschmack. Sie bemerkte meine Skepsis und fragte mich, was ich mir denn Vorgestellt hatte.

„Naja, ihre Kleider sind wirklich schön, aber das ist mir alles einfach zu viel Stoff. Haben sie nicht irgendeinen Pullover oder ein langes Hemd?“

„Männer tragen Hemden, aber keine Frauen!“ Sie musterte mich nochmal von oben bis unten. „Ich denke, ich habe etwas passendes, dass deinen Vorstellungen wenigstens etwas nahe kommt. Komm
mit ins Hinterzimmer“, forderte sie.

Ich trabte ihr hinterher. Es war eine Art Lager und zu meinem Erstaunen ziemlich geräumig. Sie kramte in einigen Kisten, bis sie fündig wurde. Ich schaute neugierig über sie hin weg. Dann zeigte sie mir das gute Stück. Es war zwar ein Kleid, aber man konnte es mit einem leichten Sommerkleid vergleichen. Es war in einem angenehmen blau. Genau meine Farbe. Es hatte lange Ärmel. Perfekt um mein Armband zu verdecken. Man musste es am Rücken knöpfen. Ansonsten war es eher Schlicht. Mir gefiel es.

„Du lächelst. Gefällt es dir?“, fragte sie mich.

„Es ist wunderschön. Schlicht, aber wunderschön“. Ich lächelte sie überglücklich an.

„Probiere es an. Mal sehen ob es dir passt“.

Sie knöpfte es auf, während ich mich auszog. Plötzlich sah sich mich verwundert an.

„Was ist das, was deinen Busen verdeckt?“

Ich sah an mir runter. Ohja, stimmt. Der berühmte BH, war ja noch gar nicht erfunden. Ich erklärte es ihr trotzdem und sie war sichtlich begeistert. Über meinen knappen Slip leider weniger. Sie hielt mir eine lange Unterhose hin. Ich verzog ein wenig mein Gesicht, weil es wirklich nicht mein Geschmack war, aber leider für die Frauen in diesem Jahrhundert völlig normal. Ich nahm es mit einem Seufzer an und zog die lange Unterhose über meinen Slip. Sie half mir in das Kleid und knöpfte es hinten zu. Es passte einfach perfekt und fiel locker an meinem Körper runter, bis kurz zu den Knöcheln. Sie legte noch einen schwarzen Gürtel um meine Taille und zog ihn zu. Dann zeigte sie zu einem Spiegel und ich sah mich an. Ich hatte eine tolle Figur darin. Ich war begeistert. Als ich mich zu ihr umdrehte, tupfte sie sich einige Tränen vom Gesicht. Was war los?

„Alles in Ordnung Miss?“, fragte ich bedrückt von der Situation.

„Ach Kind. Du erinnerst mich nur an meine Tochter. Sie weiht leider nicht mehr unter uns“.

„Oh. Das tut mir leid. Mein aufrichtiges Beileid“. Die Stimmung war leider im Moment etwas am Boden, aber ich musste sie wegen der Bezahlung fragen. „Ich würde dieses Kleid gerne haben. Nur leider habe ich kein Geld mehr übrig. Ich könnte ihnen, aber meine Kette von meiner Oma anbieten. Es ist echtes Silber“. Ich hoffte, dass sie damit einverstanden war. Obwohl ich ungern meine Kette abgeben wollte.

Sie schüttelte mit dem Kopf. „Ich schenke es dir. Du bist mir einfach so sympathisch“.

Ich war mehr als erleichtert und bedankte mich gefühlte tausendmal.

„Wie heißt du eigentlich mein Kind?“

„Arina White“, antwortete ich. „Und sie“?

„Henriette Johnson“.

„Sehr erfreut Henriette“. Ich machte einen Knicks. Naja, ich versuchte es wenigstens und kam aus dem Gleichgewicht. Henriette musste kichern. Plötzlich ertönte die Glocke an der Tür. Henriette sah in den Laden und drehte sich wieder schnell zu mir um. Sie flüsterte ich solle mich in eine Ecke setzen und ruhig sein. Auf keinen Fall sollte ich aus dem Lager kommen. Ich tat was sie sagte.
Ich konnte zwei Männer Stimmen erkennen. Sie waren nicht gerade freundlich. Die Männer wollten ihre angeforderten Kleidungsstücke haben. Ich hörte dass sie die Sachen nicht bezahlen wollten und es ihnen egal wäre, ob sie ihr nächstes Essen zahlen könnte. Ich wäre am liebsten vorgegangen und hätte die beiden zur Sau gemacht. Aber sie hatte schon genug ärger. Man hörte wie die Tür zu geknallt wurde. Ich stand auf und ging aus dem Lager.

„Wer waren denn diese unfreundlichen Mistkerle?“, fragte ich sie immer noch wütend über deren Verhalten.

„Das waren zwei von den Blighters“, antwortete sie und stellte die umgefallene Vase wieder aufrecht hin.

„Blighters?“, fragte ich sie unwissend.

„Das ist ein fürchterliche Bande, die von den Templern angeführt wird. Sie sind unberechenbar. Du solltest ihnen aus dem Weg gehen“.

Templer. Von denen sprach doch Adrian. Ich nickte und strich ihr tröstlich über den Rücken.


Ich packte meine übrigen Sachen in eine Stofftasche, zog meine Stiefel an und band mir die Haare zusammen. Mittlerweile war es Abend geworden und mir fiel ein, dass ich gar nicht wusste wo ich denn schlafen sollte. Ich fragte Henriette, ob sie einen Ort wüsste, an dem ich Nächtigen könnte. Freundlich wie sie war, bat sie mir an, dass ich die Nacht in ihrer Wohnung verbringen könnte. Ich nahm es dankbar an. Ihre Wohnung war über ihrem Laden. Es waren nur zwei kleine Räume und äußerst spärlich eingerichtet. Sie setzte Teewasser auf und legte mir ein Stück Brot und etwas Butter auf einen Teller. Mehr konnte sie sich wohl nicht leisten. Sie tat mir ein wenig leid. Als ich mir sie so ansah, erinnerte sie mich ein wenig an meine Oma. Ich schwelgte in Erinnerungen, als sie sich zu mir setzte und mir eine Tasse Tee zu meinem Abendbrot reichte. Sie selber hatte nur Brot auf ihrem Teller. Ich bat ihr etwas von meiner Butter an, aber sie verneinte. Ein kleiner Holzofen der auch als Herd diente, gab etwas wärme in den kleinen Raum.

In dem anderen Zimmer standen zwei Betten und die Matratzen waren mit Stroh gefüllt. Ich fragte sie nach einem Ehepartner oder Freund. Es gab keinen. Ich legte mich auf das Bett und deckte mich mit einer dünnen Decke zu. Ich schaute noch einmal auf mein Armband. Der Akku war noch immer nicht geladen .Naja, morgen wird er wohl hoffentlich geladen sein. Ich schloss die Augen und schlief nach kurzer Zeit tief und fest.
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