Geschwächt, Gerissen, Gefangen

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
Bilbo Beutlin Gandalf Kili Thorin Eichenschild
09.04.2017
01.10.2017
8
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Gedankenverloren starrte ich aus dem Fenster, würde mein maskierter Lieblings-Youtuber heute wieder ein Video hochladen? Sicher, er war krank, doch war mir in diesem Moment klar geworden, dass ich heute unbedingt einen kleinen Glücksmoment bräuchte.
Mein Bruder zeigte mir so eben offen, wie unzufrieden er mit meiner Leistung war. 'Das geht besser!', sagte er, 'das ist schwach', meinte er. Ich musste an meine Unterhaltung einige Stunden zuvor denken. Eine Internetbekanntschaft zeigte Interesse an meinen Zukunftsplänen, glücklich präsentierte ich ihm meinen Wunsch, Grundschullehrerin werden zu wollen, er genierte sich nicht mir zu zeigen, dass er das für keine gute Idee hielt. Das Beste wäre es, was er für mich wollte, schließlich hätte er Angst, die Kleinen würden eine zu große Belastung für mich darstellen. Das hätte ich nicht verdient, glücklich sollte ich sein und nicht nervlich angegriffen.
Warum nur waren Menschen der Meinung sich in das Leben anderer einmischen zu müssen, als wären sie in der Lage auszumachen, was genau das Beste für einen war? Ständig zeigte man mir meine Fehler auf und sicher gab es davon einige, denn ich war nun mal nicht die Inkarnation von Perfektion, dennoch schien niemandem bewusst zu sein, wie sehr sie jemandem dadurch schadeten. Längst hatte ich mich an Reaktionen wie ein hoffnungsloses Kopfschütteln oder 'Das erkläre ich dir später nochmal' gewöhnt, da ich scheinbar nicht auf der Höhe meines Gegenüber war. Fehler. Unwissenheit. Bedeutungslos.
Während die einen dir deine Fehler aufwiesen, waren die anderen dabei dir einreden zu wollen, was das Beste für dich wäre. Glaubte denn niemand, dass ich mich selbst im Leben zurechtfinden würde? Akzeptierte man nicht meine Verpeiltheit? Meine Imperfektion? Meine Einstellung der Welt gegenüber, dass ich einfach nicht alles wissen wollte, nicht wissen konnte?
„Jaja, ich weiß schon. Ich bin dumm und weiß nichts, es ist in Ordnung, ja?“ Ich schob ihn beiseite und verließ das Klassenzimmer mit meiner Tasche über der Schulter, das musste ich mir nun nicht länger anhören, nicht einmal von meinem Bruder. Schlecht gelaunt bahnte ich mir meinen Weg durch die Menschengruppen, mein Gott, war das laut hier... Kinder stürmten an mir vorbei, als wäre ich nicht existent – wo war der Respekt geblieben? In dem Alter hätte ich mir nie getraut an einer Zwölftklässlerin vorbei zu drängeln, geschweige denn sie auch nur schief anzusehen. Pubertierende Mädchen stolzierten hochnäsig an mir vorüber, mich begutachtend wie ein Tier – oh, sie waren ja so reif und erwachsen.
Blicke von allen Seiten – was gibt es zu glotzen? Beurteilten sie meine Kleidung, meine Figur, meine Frisur, mein Gesicht? Lachen, wegdrehen, tuscheln, lachen. Ihr kleinen... Wiedereinmal wurde mir klar, ich hasste Menschen. Es gab nichts schlimmeres auf dieser Welt, es ging immer weiter bergab. Selbst der desinteressierteste Menschen hatte unlängst begriffen, dass der Mensch neben der Welt und der Vielfalt jeglicher Lebensformen sich selbst zu vernichten drohte. Noch dazu kam, das er sich anmaßte Gott zu spielen, dass er über Menschen urteilte, dass er allmählich roher wurde und die Fähigkeit, Mitgefühl zu verspüren, verloren ging.
Die Einstellung 'Das ist nicht mein Problem', war eine weitverbreitete Krankheit unter der Menschheit. Die Waage von Liebe und Hass auf dieser Welt schwankte bedächtig, war nicht ausbalanciert, wie es eigentlich sein sollte.
Auch die Schule entwickelte sich zu einem Ort, an welchem man nicht länger als nötig Zeit verbringen wollte, allein der Menschen wegen.

Nur durch gutes Zureden schaffte ich es täglich, mich dazu zu bringen mich nicht allzu sehr aufzuregen.
Alles, was ich tun musste war, mir oft genug zu sagen, dass ich lediglich noch einige wenige Tage Unterricht würde ertragen müssen, dann hätte ich all dies hinter mir. Mein Leben würde dann wirklich beginnen.
Als ich zu meinem Deutschkurs stieß ging die Sonne auf; meine Freundin kam auf mich zu und schloss mich liebevoll in ihre Arme während sie mich auf eine Art und Weise begrüßte, welche nur wir beide verstanden. Sofort begannen wir über Youtube und die Welt zu reden; ein Lachen hier, ein verrückter Tonfall da, ich vergaß die Negativität.


Zuhause unterhielt ich mich eine Weile mit meinen Eltern, bevor ich mich in mein Zimmer zurückzog, damit ich meinem lieben Bruder nicht noch einmal über den Weg laufen würde. Fast schon aus Gewohnheit startete ich den CD-Player und die mir vertrauten Anfangstöne von 'Eraser' drangen an mein Ohr. Augenblicklich ließ ich mich fallen ich konzentrierte mich auf nichts als die Musik – eine Wohltat, Ed gab mir Hoffnung und Halt mit seiner Kunst.
Schließlich befasste ich mich eingehender mit sämtlichen Benachrichtigungen, welche sich auf meinem Telefon angesammelt hatten. Gerade, als alles abgearbeitet schien, erhielt ich eine Nachricht von Instagram, Vanessa hatte mich unter einem Bild getaggt. Eine Bewegung meines Fingers und schon erblickte ich die Karte von Mittelerde – riesig als Wandposter in einem weißen Wohnzimmer. Ein schmachtender Blick auf die Fotografie, ein Doppelklick, ein sehnsüchtiges streicheln mit dem Zeigefinger über die Wand. Dieses Poster würde hervorragend in meine zukünftige Behausung passen, Tagträumen war mein Spezialgebiet – ich musste Grinsen.
Plötzlich spürte ich, wie sich ein eigenartiges Gefühl in meinem Körper ausbreitete. Zu Beginn schien es nicht stärker zu sein, als wäre ich leicht angetrunken, doch langsam verfiel meine Umgebung in seltsame Kringel. Mal war alles ganz scharf, dann wieder völlig verschwommen. Unentwegt starrte ich auf das Display – Mittelerde. 'And I'll find comfort in my pain eraser' …. auch Ed schien immer stärker in den Hintergrund zu rücken, bis sein Gesang einem unterschwelligen Gesäusel glich. Es dauerte nicht lang und Übelkeit überfiel mich, mein Telefon glitt mir aus der Hand, die Kringel wichen der Dunkelheit. Und plötzlich, war nichts mehr.


Gedämpfte Stimmen drangen an mein Ohr, mein Gesicht, meine Hände, meine Kleider... alles fühlte sich so nass an.. Wie war ich bitte nach draußen gekommen?!
Langsam öffnete ich meine Augen, die Gestalten wurden allmählich scharf und nahmen Umrisse an. Benommen richtete ich mich auf und blinzelte ein paar mal, um das Schwindelgefühl los zu werden.
„Aus dem Weg!“ Ein scheinbar sehr griesgrämiger Mann drängelte sich an mir vorbei, ich befand mich mitten auf einer belebten Straße, seltsam.
„So was hab ich ja noch nie erlebt, unerhört, und wie die aussieht, tse!“ Meckernd entfernte sich der Alte, was zum... wo war ich?
„Hallo?? Kann mir jemand helfen??“ Diese Stimme kannte ich nur zu gut, ich blickte mich um und lief zu der kleinen Überdachung, unter welcher sich Schweine vor dem Regen zu schützen versuchten. Bald schon stand ich vor dem gefüllten Futtertrog der Tiere, aus welchem mich meine Freundin wie ein begossener Pudel ansah, völlig schmutzig, so wie ich.
„Lana, Gott sei dank bin ich nicht allein! Könntest du mir bitte hieraus helfen?“ Lachend und unter Mühe zog ich sie aus dem Trog heraus und auf die Beine, sie versuchte den Dreck von ihren Kleidern zu bekommen, vergebens.
Völlig überfordert mit der ganzen Situation schwieg ich, während Vanessa noch immer genervt an ihrer Kleidung herum rieb und Flüche besonderer Art ausstieß. Ich ließ meinen Blick über meine Umgebung schweifen. Seltsam, diese Menschen waren alle so seltsam altertümlich gekleidet, die Häuser wirkten äußerst rustikal und von einem Auto war auch weit und breit nichts zu sehen. Waren wir etwas in der Zeit gereist? Sicher wäre dies nichts als ein Traum, ich musste ohnmächtig geworden sein, das würde erklären, warum mir schlecht und schwarz vor Augen geworden ist, und nun träumte ich.
Wieder rempelte mich jemand an meiner Schulter an, fasziniert von meinem Umfeld war ich abermals auf die Straße gelaufen, doch dafür, dass dies ein Traum sein sollte, hatte der Zusammenstoß mit der Frau zu sehr weh getan. Plötzlich fiel mir ein Schild ins Auge, welches in einiger Entfernung aufblitzte. Hypnotisiert bahnte ich mir meinen Weg durch die Masse.
„Das ist doch verrückt. Ich war in unserem Wohnzimmer und habe Sims gespielt.. und jetzt... hm... Lana, was hältst du davon? Lana?“ Sie blickte nun auf und sah sich nach mir um.
„Hey, wo willst du hin? Nimm mich mit, warte doch!“ Sie eilte mir hinterher, allerdings stieß auch sie nun immer wieder mit Menschen zusammen. Schließlich blieb ich stehen, das Schild war nun eindeutig sichtbar, es hing da über mir, wie es surrealer nicht sein konnte. Die verwirrten und urteilenden Blicke der Leute ignorierten wir gekonnt, offensichtlich hatte die Schule mir doch etwas fürs Leben gebracht, indirekt zumindest.
„Man, sag doch was, wenn du gehen willst, ich will hier nicht allein rumstehen! Lana, hörst du mir eigentlich zu?!“ Sie redete auf mich ein, doch ich starrte nur auf das Stück Holz über mir, das konnte doch nicht sein?
„Siehst du das, was ich sehe?“ Jetzt erst wandte sie ihren Blick nach oben.
„Das kann nicht echt sein, unser Verstand spielt uns einen Streich.“ Vanessa reagierte nicht, starrte nur unentwegt nach oben. Als wollte ich mich davon überzeugen nicht verrückt zu sein, griff ich über mich, in der Erwartung ins Leere zu fassen, doch meine Hand stieß auf ein Stück Holz, welches sich so anfühlte, wie Holz sich nun mal auf der Haut anfühlen sollte. Ich zuckte zusammen, meine Freundin und ich blickten uns ungläubig an, das Adrenalin in mir kämpfte gegen das Gefühl, den Verstand zu verlieren, an.
„Denkst du auch, was ich denke?“
„Du meinst, außer, dass wir verrückt sein müssen?.... Oh ja.“ Ich griff nach ihrer Hand und ein verschwörerisches Grinsen kam über unsere Lippen, unsere Körper zitterten vor Aufregung als wir die schwere Tür öffneten und in das Gasthaus 'Zum Tänzelnden Pony' eintraten.
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