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People always leave

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Koushirou "Izzy" Izumi und Tentomon Mimi Tachikawa und Palmon Sora Takenouchi und Biyomon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
08.04.2017
09.11.2020
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17.04.2017 2.019
 
Tai dachte im ersten Moment, er hätte sich verhört.
Völlig verwirrt sah er in die Gesichter seiner Freunde.
„N-nach New York?“, stammelte er. „Was soll das heißen?“
„Das heißt, dass wir dir helfen werden, sie zurück zu gewinnen“, meinte Sora fast schon euphorisch.
„Was…?“, setzte Tai an, doch seine Schwester unterbrach ihn ebenso begeistert wie die Rothaarige.
„Das bedeutet, du siehst sie endlich wieder. Ist das nicht toll?“
Der Student schluckte den dicken Kloß schmerzhaft hinunter, der sich in seinem Hals gebildet hatte.
„Genau, und nächste Woche geht’s schon los“, ergänzte Sora heiter lächelnd, doch Tai schüttelte nur energisch den Kopf. Er krallte sich in sein Laken und presste die Lippen aufeinander.
„Aber… Aber ich will das nicht!“, platzte es hektisch aus ihm heraus. Aufgebracht sah er von einem zum anderen, während Matt frustriert aufstöhnte. „Hab ich’s euch nicht gesagt, dass das kommen wird?“, meinte er, verschränkte die Arme vor der Brust und ging zum Fenster.
„Ernsthaft“, wiederholte Tai und sah Sora und Kari eindringlich an. „Ich will sie nicht wiedersehen!“
„Was redest du denn da? Natürlich willst du sie wiedersehen!“, entgegnete Kari überzeugt und zog irritiert eine Augenbraue nach oben.
„Nein, Kari. Im Ernst, ich habe die letzten Monate damit gekämpft, sie aus meinem Kopf zu kriegen.“
„Was ja super funktioniert hat“, antwortete seine kleine Schwester leicht angesäuert, wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und stand ebenfalls auf.
„Meinst du etwa, ich sehe zu, wie mein Bruder vor die Hunde geht? Denn genau das wäre letzte Nacht beinahe passiert.“
Tai schluckte und wandte den Blick beschämt von ihr ab. Es ärgerte ihn, dass er sich an nichts erinnern konnte. Was hatte er nur getan, dass seine Freunde so drastische Maßnahmen ergriffen?
Er konnte doch nicht einfach nach New York fliegen… das ging doch gar nicht!
„Mein Studium…“, fiel es ihm plötzlich ein. „Ich kann überhaupt nicht weg, ich studiere doch immer noch.“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen machen“, erwiderte Matt tonlos, während er weiter aus dem Fenster starrte. „Dein Vater hat ein paar Beziehungen spielen lassen und veranlasst, dass du ein Semester im Ausland studieren kannst.“
Was? So schnell?
So langsam gingen ihm die Argumente aus und Angst kroch in ihm hoch.
Er konnte doch nicht wirklich nach New York fliegen und sie einfach so wiedersehen. Nicht, nachdem sie einfach so gegangen war…
„A-aber, wie stellt ihr euch das vor?“, stammelte er weiter herum, während er langsam aber sicher ziemlich nervös wurde. Seine Freunde schienen es ernst zu meinen!
„Ich kann doch nicht einfach nach New York fliegen und sagen ‚Hey Mimi, na wie geht’s? Komm wieder mit nach Japan, bitte!‘, das würde sie niemals tun! Und außerdem, wo soll ich denn da wohnen und wer bezahlt das alles?“
In diesem Moment klopfte es an der Zimmertür.
Tai sah gespannt zur Tür. Wahrscheinlich war das der Arzt, der wissen wollte, wie es ihm ging.
Und sobald er das gefragt hatte, würde Tai aufspringen und sich selbst entlassen. Er wollte nur noch hier weg!
Die Tür öffnete sich und er erkannte ein alt vertrautes Gesicht.

Sein Herz rutschte in den Keller. Was machte er hier? Er hatte ihn das letzte Mal vor zehn Monaten am Flughafen gesehen, als er sie einfach hatte gehen lassen… und seitdem nicht mehr.
„Was machst du denn hier?“, fragte er sofort und hätte ihm am liebsten direkt wieder rausgeschickt. Diese Situation war einfach zu merkwürdig und Tai hatte kein gutes Gefühl.
Der Rothaarige runzelte die Stirn und schloss die Tür hinter sich.
„Da hast du deine Antwort auf deine Frage“, sagte Matt und wandte sich Tai zu.
„Izzy wird dich begleiten!“
Bitte was?
Das sollte wohl ein schlechter Scherz sein! Erst diese Schnapsidee mit New York und jetzt sollte auch noch ausgerechnet Izzy ihn begleiten?
„Niemals“, protestierte Tai sofort und warf allen Anwesenden einen finsteren Blick zu.
„Tai, bitte sei doch vernünftig“, flehte ihn Sora an und erneut stiegen ihr Tränen in die Augen. „Izzy hat angeboten…“, versuchte sie zu erklären, doch Izzy unterbrach sie.
„Ich habe gesagt, du kannst bei mir wohnen“, sagte er mit fester Stimme, woraufhin Tai ihn herablassend musterte.
„Bei dir?“
„Ich muss geschäftlich nach New York. Mein Auftraggeber will expandieren und ich soll eine Zeit lang von dort aus arbeiten und ein Projekt leiten.“
Tai sah sich ungläubig im Raum um.
„Ihr wollt mich verarschen.“
Das konnte einfach nicht ihr Ernst sein!
„Verdammt, Tai!“, brach es nun aus Matt heraus. Anscheinend riss ihm nun endgültig der Geduldsfaden.
„Sei doch nicht immer so verdammt stur! Wir versuchen doch alle nur dir zu helfen, einschließlich Izzy!“
Der Braunhaarige warf seinem alten Freund einen bösen Blick zu. Er traute ihm nicht über den Weg, kein Stück!
Matt bemerkte diesen Blick, was ihn nur noch mehr auf die Palme brachte.
„Hör endlich auf dich wie ein Vollidiot zu benehmen und unternimm endlich was! Wenn du weiter so machst, wird das kein gutes Ende haben und entschuldige wenn ich nicht bereit bin, einfach dabei zuzusehen!“, schrie er ihn nun an, was Tai zurück zucken ließ.
So aufgebracht hatte er seinen besten Freund selten erlebt. Hätte er nicht im Krankenbett gelegen, wäre er sicher gewesen, dass Matt ihm gleich eine verpassen würde.
Doch war es verwunderlich, nachdem was letzte Nacht geschehen ist? Was auch immer es war… selbst Matt musste es tierisch Angst gemacht haben. Sonst würde er nicht so verbissen reagieren.
Er kannte seinen besten Freund zu gut und wenn dieser sich erst mal was in den Kopf gesetzt hatte, ließ er sich so schnell nicht davon abbringen. Und so, wie es aussah, hatte Matt sich in den Kopf gesetzt, Tai zum Flughafen zu tragen, wenn es sein musste.
„Außerdem“, mischte sich Sora wieder ein und versuchte anscheinend deeskalierend zu wirken. „Du bist dort ja nicht allein und wir kommen auch bald nach.“
Tai runzelte die Stirn und sah sie fragend an. „Was meinst du damit?“
„Wir treten dort in ein paar Wochen als Vorband in ein paar kleineren Bars auf. Es ist nichts großes, aber immerhin eine Möglichkeit den Bekanntheitsgrad zu erhöhen“, erklärte Matt nun wieder etwas ruhiger.
„Genau. Und während Matt dort auftritt, mache ich einfach ein kurzes Praktikum bei einer bekannten Designerin. Es tut sicher gut, mal etwas seinen Horizont zu erweitern“, ergänzte Sora und schien nun wieder ganz zuversichtlich.
Tai sah abwechselnd zwischen ihr und Matt hin und her.
„Das klingt, als hättet ihr das schon lang geplant…“, mutmaßte er und konnte nicht verhindern, dass er sich hintergangen fühlte.
Wieso planten sie so eine Aktion einfach so hinter seinem Rücken?
Er sah zu Izzy, der immer noch wie angewurzelt dastand und keine Miene verzog.
Dann warf er seiner Schwester einen flehenden Blick zu.
„Hab ich eine Wahl?“, fragte er sie fast schon verzweifelt.
Sie stand mit verschränkten Armen vor ihm und schüttelte den Kopf.
Ihr Blick war entschlossen.


Die blecherne Stimme kündigte ihnen an, dass es Zeit war.
Zeit sich zu verabschieden.
Tai drehte sich um und nahm seine Schwester in die Arme. Er drückte sie fest an sich.
„Du weißt schon, dass wir uns wieder sehen“, sagte sie und er konnte spüren, wie sie grinste.
Er ließ sie los und sah sie noch ein Mal eindringlich an. Es hatte keinen Zweck, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie hatte Angst um ihn. Angst, ihn endgültig zu verlieren. Und wahrscheinlich würde genau das passieren. Er würde sich selbst verlieren, wenn das nicht schon während der letzten zehn Monate geschehen war…
Er verengte die Augen zu Schlitzen und warf seinem besten Freund einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Ich hasse dich dafür.“
„Ich wieß“, entgegnete Matt nur gelassen und grinste ihn triumphierend an.
Sora kam auf ihn zu und umarmte ihn innig.
„Pass auf dich auf!“
„Ich versuch’s“, brachte der Braunhaarige nur leise über die Lippen.
Er hatte keine Ahnung, was ihn in New York erwarten würde.
Ob sie schon bereit war ihn wieder zu sehen?
Er war es auf jeden Fall nicht…! Doch was sollte er tun? Er wollte seine Freunde nicht noch mehr verletzen mit seinem Verhalten. Auch sie hatten die letzten Monate genug gelitten.
Er wusste immer noch nicht, was in der Nacht vor seinem Krankenhausaufenthalt geschehen war, doch vielleicht war das auch besser so.
Er hatte nicht noch ein Mal danach gefragt.
Fakt war, es war schlimm genug und ausschlaggebend dafür, dass er diesen Schritt jetzt einfach gehen musste, ob er wollte oder nicht. Und wenn er es nicht für sich tat, dann wenigstens für Kari und seine Freunde.
„Bist du soweit?“, fragte Izzy, der hinter ihm stand.
Tai drehte sich um und nickte stumm. Dann nahm er seinen Koffer und sah sich noch ein letztes Mal um.
Ob sie wussten, was sie da taten?

Sie drängelten sich an den anderen Passagieren vorbei, bis hin zu ihren Plätzen. Tai verstaute ihr Handgepäck und ließ sich danach stöhnend in den Sitz fallen.
Schon jetzt schlug ihm das Herz bis zum Hals. Wie sollte das erst werden, wenn er vor ihr stand?
Wahrscheinlich würde er einen zweiten Atemstillstand erleiden.
„Hast du Angst?“, fragte Izzy plötzlich, als er Tai’s ernste Miene sah.
Tai sah ihn irritiert an. Izzy war wirklich der letzte Mensch auf Erden, den er dabeihaben wollte. Doch leider ließen ihm seine Freunde keine andere Wahl.
Es war komisch. Sie waren sich so vertraut… und doch wie Fremde.
„Etwas“, gestand er ihm jedoch, ehe er den Blick wieder aus dem Fenster richtete.
„Musst du nicht“, sagte Izzy und wollte ihn anscheinend damit beruhigen. „Du hast immerhin sechs Monate Zeit.“
Tai atmete schwerfällig aus, als der Motor des Flugzeugs startete.
Ja, sechs Monate.
Sechs Monate, um alles wieder gut zu machen.
Wie auch immer er das anstellen sollte…


Grelles Licht.
Er wankte zurück, hatte Probleme sich auf den Beinen zu halten.
Rauch.
Er brannte in seinen Augen und vernebelte ihm die Sicht.
Das Zersplittern von Glasscherben.
Das auflodern der Flammen.
Verschwommen sah er auf seine Hand.
Hatte er die Flasche geworfen?
Wut.
Wut. Wut. Wut.
Er ballte die Hände zu Fäusten.
Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
„Was machst du da, Tai?“



Erschrocken und nach Luft ringend fuhr er hoch.
Er hatte Probleme sich zu orientieren. Wo ist der Rauch hin?
Unruhig sah er sich um, blickte in Izzy’s verwirrtes Gesicht. Seine Hand ruhte auf seiner Schulter.
„Alles in Ordnung mit dir?“
„J-ja…“, stammelte Tai und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Nur ein Albtraum.“
War es das? Nur ein Albtraum? Er wusste nicht warum, aber irgendwie kam es ihm so… real vor…?
„Gut, komm, wir sind schon gelandet.“
„Was, jetzt schon?“
Wie lang hatte er geschlafen? Sie waren bereits in New York und wieder meldete sich sein schweres Herz zu Wort.
Jetzt trennten sie keine Kontinente mehr.
Es trennten sie keine Meere mehr.
Keine Zeitverschiebung.
Lediglich eine Tür trennte ihn von dem, was er wollte und was er immer wollen wird. Er musste sie nur durchqueren. Sie aufstoßen und loslaufen.
Mehr nicht.
So einfach.
Als er sich dem bewusstwurde, hatte er das erste Mal das Gefühl vielleicht doch das Richtige zu tun. Irgendetwas hatte sich verändert. Veränderte ihn. Plötzlich spürte er jenes Gefühl der Freiheit wieder, welches er die letzten Monate über so sehr vermisste. Er hatte sich gefangen gefühlt. Gefangen in sich selbst. Ohnmächtig, außer Stande selbst etwas zu tun, dass seine Situation verändert hätte. Wut, Verzweiflung und Trauer bestimmten sein Leben, doch nun keimte das erste Mal wieder Hoffnung in den tiefen seines Herzens auf. Zuversicht, der Glaube daran, dass vielleicht doch noch alles gut werden würde, war noch nicht verloren. Er hatte sein Schicksal selbst in der Hand und er konnte es verändern, wenn er wollte. Er spürte es. Spürte, wie ihn die Hoffnung immer mehr erfüllte und ihn antrieb einen Fuß vor den anderen zu setzen, um mit jedem Schritt seinem Ziel ein Stückchen näher zu kommen.
Sechs Monate Zeit.
Sechs Monate – ab jetzt.



„Keine Verzweiflung ist so absolut, wie die, die wir mit dem Augenblick unseres ersten großen Kummers erleben.
Wenn wir noch nicht erfahren haben, was es heißt zu leiden und sich davon zu erholen,
verzweifelt gewesen zu sein und wieder Hoffnung zu schöpfen.“


George Elliot
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