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People always leave

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Koushirou "Izzy" Izumi und Tentomon Mimi Tachikawa und Palmon Sora Takenouchi und Biyomon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
08.04.2017
09.11.2020
23
69.706
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23.07.2020 3.303
 
„Hast du was von Tai gehört?“, fragte Izzy am nächsten Morgen, als er Matt in der Küche antraf, der sich gerade einen Kaffee eingoss.
„Nein. Du?“, entgegnete er müde und kippte sich das dunkle Gebräu gleich ohne Milch und Zucker hinter. Anhand seiner Augenringe konnte man erahnen, was für eine Nacht sie hinter sich gebracht hatten. Überwiegend waren sie wachgeblieben, um an den letzten Feinheiten für Tais Alibi zu arbeiten. Es erforderte einiges an Zeitaufwand, bis Izzy jedes kleinste Detail gecheckt und überarbeitet hatte. Es war schwerer gewesen als gedacht, ein Flugticket und sämtliche andere offiziell eingetragene Daten so zu fälschen, dass Tai angeblich genau zwei Wochen eher nach New York geflogen sei. Nicht zuletzt musste er sich in die Datenbank der Universität einhacken, um auch dort Tais Auslandsaufenthalt zwei Wochen nach vorn zu korrigieren. Sicher hatte Izzy einige Erfahrungen mit Computern und wusste, was alles möglich war … aber praktisch war das auch für ihn neues Terrain.
„Nein, ich habe auch nichts gehört“, gähnte der Rothaarige und schnappte sich eine Tasse, um es Matt gleich zu tun.
„Hast du eine Idee, wo er jetzt sein könnte? Meinst du, er ist irgendwo untergekommen?“, hakte Matt nach und gab sich dabei Mühe, seine Sorge um Tai zu verbergen, indem er ganz unbewegt in sein Buttertoast biss. Doch Izzy merkte ihm deutlich an, dass auch er ein schlechtes Gewissen hatte.
„Ich habe leider keine Idee, wo er sein könnte. Aber mach dir keine Sorgen. Er kann auf sich aufpassen.“
„Ich mach mir keine Sorgen“, kam es achselzuckend von dem Musiker zurück, wobei er versuchte betont gleichgültig zu wirken.
Izzy grinste in sich hinein. Er konnte es wirklich nicht zugeben, aber die Auseinandersetzung mit Tai tat Matt doch mehr leid als es nach außen hin den Anschein machte. Izzy bewunderte Matt oft für seine selbstlose Art, immer für andere da zu sein. Auch wenn er meist den Unnahbaren mimte, so konnten seine Freunde doch immer auf ihn zählen.
Matt hatte ihm nicht mal einen Vorwurf gemacht, dass es eigentlich Izzys Schuld war, dass Tais Geheimnis aufgeflogen war.
„Mach dir nicht so viele Gedanken“, rüttelte Matt Izzy wieder wach. „Es war nicht deine Schuld.“
Erst jetzt bemerkte Izzy, dass er die ganze Zeit wie angewurzelt dagestanden und aus dem Fenster gesehen hatte. Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt und seine Fingernägel bohrten sich schmerzlich in die Innenseiten seiner Handflächen.
„Ich weiß“, sagte Izzy hinter zusammengebissenen Zähnen. „Trotzdem … so ein Fehler hätte mir nicht passieren dürfen. Ich war unvorsichtig.“


~Rückblick~

Izzy tippte hastig auf seinem Laptop herum und hämmerte dabei so sehr auf die Tasten ein, dass es ihm fast schon weh tat. Er war wütend. Tai saß nun schon seit 4 Tagen in Untersuchungshaft und bis jetzt hatte er ihm nicht helfen können. Obwohl er wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte … aber niemand wollte einen jungen Mann vertreten, der kein amerikanischer Staatsbürger war und wegen illegalen Drogenbesitzes auf ausländischem Boden verhaftet wurde. In wenigen Tagen sollte Tai dann ein Pflichtverteidiger gestellt werden und das Ganze würde sich nur noch mehr in die Länge ziehen und damit enden, dass Tai ausreisen musste. Izzy biss sich auf die Unterlippe. Das durfte auf keinen Fall passieren.
Angestrengt tippte er weiter und starrte dabei auf seinen Projektplan, weswegen er ja unter anderem hergekommen war. Er kam gut voran. Aber die Geschichte mit Tai kostete ihn doch einiges an Nerven, weswegen er sich schlecht konzentrieren konnte und mit dem heutigen Zeitplan etwas hinterherhinkte.
Gerade, als Izzy sich in seinem Stuhl zurücklehnte und sich streckte, um die müden Glieder zu dehnen, blinkte eine neue Mail auf.
Sie war von einem der Anwälte, die Izzy angeschrieben hatte. Er öffnete die Mail sofort, überflog die Zeilen und atmete endlich erleichtert auf.
Der Anwalt schrieb, dass er sich Tais Akten angesehen und sich dem Fall annehmen werde. Da die Polizei keine stichhaltigen Beweise gegen ihn in der Hand hatte, würde er ihn binnen weniger Tage aus der Untersuchungshaft bekommen und, so wie er die Gesamtsituation beurteilte, würde die Anklage vermutlich fallen gelassen.
Izzy schlug vor Begeisterung mit den flachen Händen auf den Tisch und ihm entfuhr ein lautes: „Endlich!“  
Wie gut, dass er ein Büro für sich alleine hatte und niemand ihn hören konnte. Izzy öffnete den Anhang, den der Anwalt mitgeschickt hatte, in dem sich eine Rechnung befand.
Izzy schluckte. Rechtsverteidiger schienen sich ihren Job anständig bezahlen zu lassen. Kurz verzog er das Gesicht, schrieb jedoch gleich darauf eine Mail zurück, dass er sich für die Zusage bedanke und das Honorar in wenigen Stunden überwiesen sei. Sein Herz machte einen Satz, als er auf Senden drückte. Er freute sich unheimlich für Tai, dass er bald wieder auf freiem Fuß war und eine weitere Katastrophe abwenden konnte. Tai hatte ja keine Ahnung, was alles für ihn auf dem Spiel stand …
Seine Euphorie über die guten Neuigkeiten veranlasste ihn, sofort zum Telefon zu greifen und Karis Nummer zu wählen. Es dauerte eine Weile, bis sie schlaftrunken abhob.
„Hallo?“
„Kari? Ich bin’s.“
Kari stutzte. „Wer ist ich?“
„… Izzy?“
Stille.
„Izzy?“, fragte Kari nach und gähnte. „Weißt du, wie spät es ist?“
Oh. Nein, das wusste er nicht. Izzy hatte gar nicht an die unterschiedlichen Zeitzonen gedacht, als er sie anrief.
„Tut mir leid. Ich wollte dich nicht wecken“, bedauerte er sofort.
„Schon okay“, antwortete Kari und ein Rascheln war zu hören. „Ist irgendetwas mit Tai?“
„Kann man so sagen. Aber diesmal sind es gute Neuigkeiten.“
Er konnte förmlich hören, wie Kari am anderen Ende die Luft einsog und den Atem anhielt.
„Ich habe einen Anwalt gefunden, der Tai dort rausholen kann“, platzte es aus Izzy heraus und ein breites Grinsen zog sich über sein ganzes Gesicht.
„Wirklich? Izzy, das ist wunderbar! Wann wird er rauskommen?“
„Ich rechne in den nächsten ein bis zwei Tagen damit.“
„Das ist schön.“ Kari seufzte. Die Erleichterung war ihr deutlich anzumerken. „Ich weiß gar nicht, wie wir das je wieder bei dir gutmachen können.“
Izzy schüttele den Kopf, als könne sie ihn sehen.
„Das müsst ihr nicht. Ihr seid meine Freunde. Und Matt war mir auch eine große Hilfe hier. Ohne ihn hätte ich es sicher nicht in der kurzen Zeit geschafft.“
„Trotzdem“, sagte Kari dankbar. „Vielen Dank euch beiden!“
Izzy stand von seinem Schreibtisch auf und ging zum Fenster seines Büros, um einen Blick nach draußen auf die lebhafte Straße zu werfen. Er vergrub eine Hand in der Hosentasche seiner Jeans.
„Du kannst uns danken, wenn das alles vorbei ist und unser Plan aufgegangen ist.“
Kari seufzte auf. „Ja, da hast du wohl recht. Die Ermittlungen dauern leider immer noch an.“
Izzy verkrampfte sich. „Gibt es schon etwas Neues?“
„Nicht wirklich“, hörte er Kari sagen. „Was gut ist. Sein Freund … dieser Ray erinnert sich nicht mehr daran, was geschehen ist. Genauso wie Tai. Sie waren wohl beide zu vollgedröhnt. Ich habe ihn vor ein paar Tagen besucht, um die Lage abzuchecken. Es geht ihm soweit gut. Keine Ahnung, ob er sein Drogen Business wieder aufgenommen hat. Er hat sich nach Tai erkundigt und mir erzählt, dass er nur noch weiß, dass sie eine riesen Party gefeiert haben. Danach erinnert er sich an nichts mehr. Die Polizei habe wohl mehrere der Gäste ausfindig gemacht und befragt. Doch die sagen alle das Gleiche: dass sie gegangen sind, bevor der Brand ausbrach und daher nicht wissen, was passiert ist. Momentan sieht es so aus, als würde die Polizei es als einen Unfall abtun. Bis jetzt haben sie keine Ahnung, dass Tai in die Sache verwickelt war. Er kam ja erst dazu, als alle schon weg waren und er mit Ray alleine war. Und da dieser sich an nichts erinnert … Oh Izzy, ich hasse mich dafür, dass ich so etwas denke, aber … ich hoffe, das bleibt so. Ich hoffe, Ray’s Erinnerungen an diesen verfluchten Abend sind für immer verloren.“
Izzy atmete erst aus, als Kari zu Ende erzählt hatte. Als er vor einigen Wochen einen Anruf von ihr erhalten hatte, dass Tai im Krankenhaus lag und dass es schlecht um ihn stand, weil er sich aufgrund von Mimis plötzlichem Verschwinden total gehen ließ und jetzt auch noch in eine Straftat verwickelt war wusste er, dass er ihm einfach helfen musste – egal wie. Das war er ihm schuldig. Die Idee, ihn vorerst mit nach New York und somit aus der Schussbahn zu schaffen, war letztendlich seine gewesen. Natürlich alles unter dem Deckmantel der Liebe. Mimi zurückzuerobern war für Tai der Grund dieser Reise gewesen.
„Ich mache mir Sorgen, Izzy“, riss Kari den Rothaarigen aus seinen Gedanken, als er nichts weiter geantwortet hatte. „Was, wenn Ray sich doch noch erinnert? Dass sie die Letzten in dem Haus waren? Dass Tai dort geraucht hat und vermutlich so den Brand ausgelöst hat? Dass Ray fast dabei drauf gegangen und es Tai’s Schuld gewesen wäre? Oh Izzy, ich habe solche Angst um ihn. Das hat er nicht verdient. Nicht nach allem, was er durchgemacht hat.“
Izzy konnte deutlich hören, wie Karis Stimme zu brechen drohte. Er verstand ihre Sorge. Tai steckte ziemlich tief in der Scheiße. Und die Situation, in der er sich gerade befand, machte es nicht besser.
„Außerdem ist das Tai gegenüber nicht fair. Wenn er rauskriegt, dass er fast einen anderen Menschen auf dem Gewissen gehabt hätte …“
„Hat er aber nicht“, fiel Izzy ihr schnell ins Wort, bevor sie weitersprach. „Es ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, was Glück war. Tai schöpft keinen Verdacht. Und selbst, wenn Ray sich erinnern sollte … er wird nicht so dumm sein und alles ausplaudern. Schließlich war er irgendwie mit Schuld an der ganzen Geschichte. Oder wer war es, der Tai an dem Abend bis zur Besinnungslosigkeit abgefüllt hat? Wir müssen Tai unbedingt aus den Ermittlungen raushalten. Es steht zu viel für ihn auf dem Spiel.“
Ein bedeutungsschwangeres Schweigen erfüllte den Raum. Keiner von beiden sagte mehr etwas. Bis Kari schließlich hörbar ausatmete.
„Ich weiß, du hast recht. Ihr habt alle recht. Ich wünschte nur, es gäbe einen anderen Weg.“
Izzy seufzte schwer und richtete den Blick betrübt zu Boden. „Wenn mir einer einfällt, bist du die Erste, die es erfährt. Momentan haben wir keine andere Wahl. Jetzt müssen wir erst mal sehen, dass wir Tai aus der Untersuchungshaft bekommen und die ganze Geschichte keine weiteren Auswirkungen auf sein Studium haben wird. Und dann sehen wir weiter.“
„Du hast recht“, sagte Kari geknickt, aber einsichtig. „Danke, dass du angerufen hast. Bitte gib mir Bescheid, wenn sich etwas tut.“
„Mach ich“, antwortete Izzy und legte auf. Gestresst fuhr er sich durchs Haar. Das Ganze war wirklich nicht ohne und so langsam fragte auch er sich, ob dies der richtige Weg war. Auch wenn er gerade versucht hatte, Kari genau davon zu überzeugen. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass ihnen die Sache so langsam über den Kopf wuchs.
Wie auch immer. Tai würde bald frei sein und dann mussten er und Matt dringend einen Plan machen, wie es weiterging. Aber zunächst einmal musste er sich auf seine Arbeit konzentrieren. Er hing heute eh schon hinterher und wollte Kyle oder dessen Vater keinen Grund geben, sauer auf ihn zu werden. Wenn er bis jetzt eins festgestellt hatte, dann dass man sich mit der Kendler Familie so wenig wie möglich einließ.
Just in diesem Moment, als er sich zurück an den Schreibtisch machen wollte, ging die Tür zu seinem Büro auf, ohne dass derjenige es auch nur für nötig hielt, anzuklopfen. Erst wollte er sich beschweren, doch dann sah er, dass Kyle geradewegs in den Raum marschierte. Izzy schluckte kaum merklich, als dieser neben seinem Schreibtisch stehen blieb und ihn vielsagend ansah.
„Izzy“, sagte er lediglich zur Begrüßung und warf ihm ein fast schon ekelerregendes Grinsen zu. Izzy drehte sich der Magen um, denn so etwas hieß bei Kyle meist nichts Gutes.
„Wie kommst du mit unserem Projekt voran?“, wollte Kyle wissen.
Izzy stutzte kurz, bevor er antwortete. „Ähm … soweit ganz gut denke ich.“
„Ich habe die Aufträge gecheckt und du hängst heute etwas im Zeitplan hinterher“, konfrontierte er ihn ohne Umschweife.
„Ja, ich … ich werde mich gleich zurück an die Arbeit setzen. Es ist noch einiges zu überarbeiten, aber wenn ich mich ranhalte, schaffe ich es bis 14 Uhr.“
Kyles Lippen formten ein wissendes Grinsen, während Izzy immer nervöser wurde. Was sollte dieser Blick? Ein ziemlich ungutes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit.
„Jaah, natürlich wirst du das“, flötete er und sah dem Rothaarigen dann direkt in die Augen. „Aber vielleicht solltest du das nächste Mal nicht so lang telefonieren. Dann hinkst du auch nicht mit deiner Arbeit hinterher.“
Izzy zuckte kurz zurück. Wieso wusste er, dass er eben telefoniert hatte? Unauffällig checkte er die Ecken des Raumes ab – es waren keine Überwachungskameras installiert.
„Falls du dich fragst, woher ich das weiß“, sagte Kyle, als könne er Gedanken lesen und zeigte mit dem Finger auf Izzys Telefon in der Hand. „Du hast dein Firmentelefon benutzt. Nicht dein Privates. Und eine Liste aller Anrufe wird unverzüglich an mich weitergeleitet. Aber das steht alles in deinem Vertrag. Hast du ihn überhaupt gelesen, Izzy?“
Scheiße!
Izzy schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Verdammt noch mal, wie konnte er nur so dumm sein?
„Ich …“, stammelte Izzy, hielt jedoch Kyles bohrenden Blick stand. „Ich musste kurz bei meiner Familie zu Hause anrufen. Ein Notfall.“
„So so“, sagte Kyle nur knapp und stieß sich vom Schreibtisch ab, um in Izzys Büro herumzutigern. Dabei nahm er alles genaustens unter die Lupe, jede Ecke, jede Notiz auf Izzys Schreibtisch und Izzy … gefiel das gar nicht. Was wollte dieser Typ denn noch von ihm?
„Tut mir leid“, hängte er schnell noch hintenan. „Das nächste Mal werde ich für private Auslandsgespräche natürlich mein Privattelefon benutzen.“
Kyle blieb stehen und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Dann wandte er sich ihm ganz zu und legte den Kopf schief.
„Ich denke, du weißt, dass es nicht darum geht.“
Izzy presste die Kiefer aufeinander. Seine Handflächen begannen zu schwitzen. Als er nichts darauf antwortete, grinste Kyle breit.
„Oh man, du bist mir voll auf den Leim gegangen. Ist dir denn nicht klar, dass mir nicht nur jeder ein- und ausgehende Anruf deines Diensttelefons übermittelt wird, sondern dass die Gespräche auch aufgezeichnet werden? Du weißt schon … um sicherzugehen, dass unsere Mitarbeiter keine firmeninternen Angelegenheiten preisgeben.“
Oh Gott. Deshalb war er also hier? Weil er das Gespräch mit Kari abgehört hatte? Alles, von Anfang an – jedes Wort, was zwischen den beiden gefallen war?
Izzy wurde schlagartig speiübel, während Kyle den Kopf in den Nacken legte und überlegen grinste.
„Gott, Izzy. Du solltest wirklich deinen Vertrag genauer lesen.“
Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Dass dieses Vatersöhnchen sich über ihn lustig machte.
„Und was möchtest du jetzt mit dieser Info anstellen?“, fragte Izzy ganz direkt. Seine Stimme war fest und klar. Es hatte keinen Sinn um den heißen Brei herumzuschleichen. Wenn Kyle das gesamte Gespräch mit angehört hatte, war es doch ganz offensichtlich, warum er hier war.
„Ich?“, fragte Kyle gespielt unwissend, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schlenderte zum Fenster. „Nichts.“
Izzy zog eine Augenbraue in die Höhe. Das ganze stank zum Himmel.
„Ich denke, wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Und ich denke auch, dass du inzwischen längst weißt, dass Tai dir vorgegaukelt hat, er wäre jemand anderer.“
Kyle tat völlig unberührt, was Izzy nur verdeutlichte, wie recht er mit seiner Vermutung hatte.
„Zugegeben“, sagte er schließlich und wirkte sogar leicht amüsiert darüber. „Ich wusste von Anfang an, wer ihr beide seid und in welchem Verhältnis ihr zu Mimi steht. Wobei es doch recht witzig war, euch in dem Glauben zu lassen, ihr könntet mich an der Nase rumführen“, lachte Kyle.
Er besaß allen Ernstes die Frechheit zu lachen. Am liebsten wäre Izzy aufgestanden und hätte ihm eine verpasst.
„Dann ist es ein offenes Geheimnis, dass du Tai loswerden willst und dass du es warst, der ihm die Drogen untergeschoben hat“, konfrontierte Izzy ihn weiter mit den Tatsachen, auch wenn ihm dabei das Herz bis zum Hals schlug.
Kyle zischte verächtlich. „Ich bitte dich. Als ob ich selbst die Drecksarbeit für mich erledige. Aber ja, du hast recht. Ich war es. Und das wird nie jemand herausfinden.“
Die Art, wie er es sagte, ließ Izzy hochfahren. Er klammerte sich mit all seiner Kraft an den Rand seines Schreibtisches fest, um Kyle nicht direkt an die Gurgel zu springen. Dieser schien das Ganze hier für einen Witz oder mehr noch, für eine Art Spiel zu halten, denn nun wandte er sich ihm zu und ein breites Grinsen zierte sein Gesicht.
„So, wie ich das sehe, hast du jetzt genau zwei Möglichkeiten.“ Er hob einen Finger in die Luft.
„Erstens“, setzte er an. „Du versuchst deinen Freund aus dem Gefängnis zu holen und ihr verfolgt weiter euren Plan. Allerdings werde ich dann dafür sorgen, dass jeder und ich meine wirklich JEDER – das schließt nicht nur die Polizei, sondern auch Mimi mit ein – von eurem kleinen Geheimnis erfährt. Tai landet im Knast und er wird Mimi und seine Familie für eine sehr lange Zeit nicht sehen. Oder zweitens …“
Izzy schluckte.
„ … du versuchst alles, um ihn dazu zu bewegen, nach seinem kleinen Gefängnisaufenthalt nach Hause zu fliegen. Er verlässt New York und kommt nie wieder. Er wird Mimi nie wiedersehen. Und im Gegenzug verspreche ich, dass die Polizei niemals von Tais Tat erfahren wird.“ Kyles Augen verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen, was Izzy das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass es ihm todernst war.
Kyle breitete die Arme aus und wog diese leicht in der Luft auf und ab, als wären sie eine Waagschale. „So oder so. Es läuft alles darauf hinaus: entweder Gefängnis oder zurück nach Japan. Entscheide dich, Izzy.“
Izzy klappte der Mund auf. War das sein verdammter Ernst? Er wollte ihn erpressen? Im nächsten Moment fragte er sich selbst, warum er so erstaunt darüber war. Schließlich war von Kyle nichts anderes zu erwarten. Dennoch überforderte ihn diese Situation zunehmend, weshalb er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Tausend Dinge schossen ihm durch den Kopf. Gott, er musste unbedingt mit Matt reden …
„Keine Sorge“, sagte Kyle schließlich und ließ die Hände sinken. „Ich verstehe, dass du Zeit brauchst, um darüber nachzudenken.“ Er sagte dies, als müsse Izzy sich zwischen zwei Hosen entscheiden und nicht über das Schicksal eines seiner Freunde.
Kyle setzte sich in Bewegung und ging zur Tür, doch dann drehte er sich noch ein mal um, um Izzy einen letzten, warnenden Blick zuzuwerfen.
„Mir ist es übrigens gleich, wie du dich entscheidest – denn Mimi wird er ohnehin verlieren, egal wie das hier ausgeht.“



„Du hast getan, was du konntest“, riss Matt ihn aus seinen Gedanken. Izzy hatte bereits viele Fehler gemacht, zu viele. Vor allem, was Mimi und Tai betraf. Aber dieser letzte Fehler konnte Tai endgültig das Genick brechen. Er fühlte sich so schuldig.
„Ich weiß“, sagte er trotz seines schlechten Gewissens und starrte weiter aus dem Fenster, als wäre irgendwo da draußen eine Antwort auf all seine Sorgen. Er musste was tun. Er musste das unbedingt wieder in Ordnung bringen. Kari und alle anderen verließen sich auf ihn.
„Wir müssen Tai davon überzeugen, dass es das Beste ist, nach Hause zu fliegen. Und zwar um jeden Preis.“
Izzy drehte sich um und sah, dass Matt sich aufs Sofa gesetzt und den Kopf in die Hände gestützt hatte. Er raufte sich die Haare und biss sich dann auf den Daumen.
„Das gefälschte Alibi ist gut. Es müsste ausreichen, aber ich möchte es trotzdem nicht darauf ankommen lassen. Jetzt müssen wir nur noch Mimi auf unsere Seite ziehen.“
Izzy verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja … aber wir müssen aufpassen, Matt. Wir stecken eh schon alle viel zu tief mit in der Scheiße.“
„Ich weiß.“ Matt schloss gequält die Augen und Izzy konnte sich denken, woran Matt gerade dachte. Was Tai wohl jetzt machte? Und ob es ihm gut ging…?
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