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People always leave

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Koushirou "Izzy" Izumi und Tentomon Mimi Tachikawa und Palmon Sora Takenouchi und Biyomon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
08.04.2017
09.11.2020
23
69.706
8
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11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.12.2019 4.726
 
So, ihr Lieben, nun folgt die letzte Weihnachtsüberraschung für 2019. Wird ja auch Zeit, nach fast einem Jahr :D
Wer die Serie Suits kennt, dem wird vielleicht auffallen, dass hier ein gewisser Anwalt einen Gastauftritt hat xD
Viel Spaß beim Lesen!
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Seit Tagen hatte er nichts von ihr gehört. Mimi hatte sich nicht mehr bei ihm gemeldet, seit ihr Ex Freund Tai aus dem Hörsaal abgeführt wurde. Was für eine Genugtuung ihn in Handschellen zu sehen. Kyle hoffte, dass er auf dem Polizeirevier verrottete, so sehr hasste er ihn. Er wusste genau, dass Tai und Mimi sich bereits wieder viel zu nah gekommen waren und es war an der Zeit, dem einen Riegel vorzuschieben. Tai war ihm ein Dorn im Auge – schon immer. Als Mimi nach New York zurückgekehrt war, um hier zu studieren, waren sie sich das erste Mal seit ihrer Schulzeit wieder auf dem Campus über den Weg gelaufen. Mimi war schon immer ein tolles Mädchen gewesen, das hatte er bereits gemerkt, als sie damals nach dem Abschlussball ihre erste gemeinsame Nacht miteinander verbracht hatten. Auch wenn sie sich damals noch kaum kannten. Doch auch als er sie wiedersah, war sie ihm sofort ins Auge gesprungen. Sie war hübsch, hatte Köpfen, war für jeden Spaß zu haben und war so unglaublich gutmütig. Sie sah das Leben mit anderen Augen als er. Er war fasziniert von ihr. Aber noch faszinierter war er von der Tatsache, dass Mimis Vater ebenfalls ein Unternehmen besaß, dessen gesellschaftlichen und industriellen Aufstieg er schon seit Jahren beobachtete. Mimi hegte zwar keinerlei Interesse für die Arbeit ihres Vaters, er hingegen aber schon. Wie traumhaft wäre es, die beiden Firmen zu fusionieren? Dann hätte er noch mehr Einfluss. Und mehr Einfluss bedeutet mehr Macht. Und diesen Weg zur Macht ebnete ihm Mimi. Mit ihr an seiner Seite war so vieles möglich, woran er vorher nicht mal zu denken gewagt hatte. Wie beeindruckt würde sein Vater nur von ihm sein, wenn er letztendlich nicht nur eine Firma, sondern gleich zwei leiten würde? Mimi würde sie irgendwann ein mal Erben und die Tatsache, dass sie selbst null Interesse daran hatte, kam ihm nur zu gute. Alles, was er tun musste, um an sein Ziel zu gelangen war, mit Mimi zusammenzubleiben.
Doch das stellte sich nun schwieriger raus als gedacht. Tai war plötzlich aufgetaucht und brachte diesen ganzen Plan ins wanken. Wenn sie ihn jetzt verlassen und zurück zu diesen Versager gehen sollte … dann wäre alles umsonst gewesen. Keine Mimi – keine Fusion.
Und das würde er nicht zulassen.
Entschlossen stand er vor ihrem Apartment und zögerte trotzdem nach oben zu ihr zu gehen. Eigentlich wollte sie mit ihm reden, hatte sie gesagt. Doch seit diesem Vorfall mit Tai waren nun mehrere Tage vergangen und er hatte sie weder gesehen, noch gesprochen.
Er überlegte, was er ihr sagen konnte, um sie wieder milde zu stimmen. Er war noch nie der Beziehungstyp gewesen. Um ehrlich zu sein, hatte er vor Mimi noch nie eine feste Freundin. Und das war auch gut so. „Frauen lenken dich nur von dem Wesentlichen ab“, hatte sein Vater immer gesagt und damit sollte er recht behalten. Wie viel Kraft hatte es ihn bereits gekostet, Mimi irgendwie zu halten? Sie nicht von heute auf morgen an so einen dahergelaufenen Typen aus Japan zu verlieren, der ihm nicht ansatzweise das Wasser reichen konnte?
So ein Idiot. Jedesmal, wenn Kyle an Tai dachte, loderte etwas in ihm auf. Erst hatte er gedacht, dieser Kerl würde sich leicht abschütteln lassen. Doch spätestens als er die beiden eng umschlungen in Mimis Bett gesehen hatte, wusste er, dass Tai eine ernstzunehmende Bedrohung war. Er musste verschwinden. Und das so schnell wie möglich.
Er nahm den Schlüssel zu ihrem Apartment aus der Hosentasche, den sie ihm gegeben hatte und schloss auf. Dann ging er zum Fahrstuhl und betätigte den Knopf. Die Bagel in seiner Hand waren noch warm, so wie Mimi sie mochte. Er kannte sie inzwischen ziemlich gut. Sogar die Seite an ihr, die Tai niemals kennenlernen würde.
Je weiter der Fahrstuhl nach oben fuhr, umso nervöser wurde er. Kyle war sich bewusst, dass Mimi ihn wahrscheinlich nicht sehen wollte und er war sich nicht sicher, ob ein mitgebrachtes Frühstück das ändern konnte.
Der Aufzug hielt im obersten Stockwerk des Hochhauses und Kyle stieg aus. Das Apartment wirkte leer. Vielleicht war sie gar nicht zu Hause.
Gerade, als er sich etwas genauer umsehen wollte, hörte er, wie jemand die Treppe runter kam.
Mimi hielt sofort in ihrer Bewegung inne, als sie ihn sah.
„Was machst du denn hier?“
Kyle legte ein gezwungenes Lächeln auf. „Hallo Schatz, es ist auch schön, dich zu sehen.“
Mimi verzog das Gesicht und wickelte den seidenen Morgenmantel, den sie trug noch etwas enger um ihren zierlichen Körper, während sie ihn finster anblickte. Sie hätte wirklich nicht begeisterter sein können.
„Jetzt zieh nicht so ein Gesicht“, forderte Kyle sie auf. „Ich habe dein Lieblingsfrühstück mitgebracht.“ Er hielt die Tüte mit den Bagels hoch wie eine weiße Fahne im Wind.
„Danke, keinen Hunger“, erwiderte Mimi jedoch nur knapp und ging die Treppen weiter hinab, um ins Wohnzimmer zu gehen und sich aufs Sofa zu setzen.
Kyle seufzte schwer. So, wie es aussah, hatte er ein ganzes Stück Arbeit vor sich.
Unaufgefordert ging er hinter ihr her und setzte sich neben sie.
„Falls du es nicht bemerkt hast, das war ein Friedensangebot“, sagte er so freundlich wie möglich, während Mimi ihn ignorierte und eine Zeitung aufschlug.
Okay, das reichte.
„Warum bist du eigentlich so sauer?“, hakte er nun haltlos nach. Dieses Getue von ihr ging ihm gehörig auf den Keks. „Ich habe doch gar nichts gemacht.“
Mimi wirbelte herum. „Du hast nichts gemacht?“, fuhr sie plötzlich aus der Haut. „Oh, dann hast du wohl auch Matt nicht diese Drogen untergejubelt, damit er verhaftet wird.“
Kyle biss die Zähne zusammen. „Wie kommst du denn auf so einen Blödsinn?“
„Ach, ich weiß nicht, Kyle. Vielleicht, weil du eifersüchtig auf ihn bist.“
Er lachte höhnisch auf und schmiss die Bagel vor ihr auf den Tisch. Eifersucht. Wenn das wenigstens alles wäre, was Tai in ihm auslöste. Natürlich war er auch eifersüchtig auf Tai gewesen, aber noch viel mehr hasste er ihn dafür, dass er ihm Mimi entriss.
Gestresst stand er auf und fuhr sich durch die Haare.
„Jetzt gib es doch endlich zu, dass du es warst“, bedrängte Mimi ihn weiter.
„Und dann?“, erwiderte er gereizt. „Willst du dann mich bei der Polizei anzeigen?“
„Verarsch mich nicht, Kyle“, schrie Mimi ihn wütend an und sprang vom Sofa auf.
„Nein, Mimi, verarsch du mich nicht“, entrüstete er sich. Die Gefühle drohten überzukochen. So hatte er sich das eigentlich nicht vorgestellt. Aber dieses Mädchen machte es ihm nicht gerade leicht.
„Denkst du, ich weiß nicht längst, wer er wirklich ist? Für wie blöd hältst du mich?“ Mimi verstummte. Wut kroch in ihm hoch und er ballte die Hände zu Fäusten.
Erschrocken sah Mimi ihn an.
„Du … du weißt es?“
Kyle nickte. „Sich als Matt auszugeben … ziemlich armselig, wenn du mich fragst.“
Er konnte sehen, wie Mimi schluckte. Dass er von Anfang an Bescheid wusste, damit hatte sie wohl nicht gerechnet. Mimi sagte nichts mehr.
„Was?“, meinte Kyle nur und quittierte ihren Blick mit einem wissenden Grinsen. „Hast du ernsthaft gedacht, ich habe nicht sofort gemerkt, wer er ist und was er hier sucht? Dann kennst du mich ziemlich schlecht.“
Offenbar war sie so geschockt von seiner Offenbarung, dass sie ihn nur wortlos ansehen konnte.
„Ja“, meinte sie irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit. „Da hast du wohl recht. Ich kenne dich nicht.“
Fix und fertig ließ sie sich zurück aufs Sofa plumpsen, um ins Leere zu starren. Tränen traten ihr in die Augen.
Oh, man. Jetzt weinte sie auch noch? Das war zu viel.
„Hey, jetzt komm schon“, versuchte Kyle sie zu beschwichtigen. „Ich habe dir schließlich auch verziehen, dass er in deinem Bett geschlafen hat.“
Mimi warf einen Blick nach oben, während er sich neben sie setzte, um eine Hand auf ihre zu legen. „Vielleicht stimmt es, dass du mich noch nicht gut genug kennst. Aber ich kenne dich. Und zwar besser als es dieser Tai je tun wird.“
Er beugte sich nach vorn und flüsterte in ihr Ohr. „Ich kenne deine Dämonen, Mimi. Ich weiß, was dich nachts wach hält.“ Kyle spürte, wie Mimi unter seinen Worten erschauderte. „Und ich stehe hinter dir – immer und egal, was noch passiert. Wird Tai das auch tun, wenn er die ganze Wahrheit kennt?“

***


„Das war’s. Sie können gehen.“ Ein Polizist nahm Tai die Handschellen ab. Ganze fünf Tage hatte er in dieser Hölle hocken müssen und um ehrlich zu sein, hatte er sich schon längst in einem Flieger gen Heimat sitzen sehen.
Tai rieb sich die Handgelenke. Was für ein Gefühl. Er hatte es geschafft. Die Anklage wurde wegen Mangels an Beweisen fallen gelassen. Und das hatte er allein Izzy und Matt zu verdanken. Er drehte sich zu dem Mann um, dem es gelungen war, ihn aus dieser Sache rauszuboxen.“
„Nochmals, ich kann Ihnen gar nicht genug danken, Mr. Specter.“
Der Anwalt grinste und klopfte ihm auf die Schulter. „Danken Sie nicht mir, sondern Ihren Freunden, die meine Sekretärin so penetrant belästigt haben. Mein Terminkalender für diese Woche war eigentlich schon voll.“
„Verstehe“, lächelte Tai verwegen, während er sich von seinem Anwalt aus dem Polizeirevier führen ließ. Izzy und Matt hatten in kürzester Zeit wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt und ihm einen der besten Anwälte der Stadt verschafft. Ohne diesen Mann wäre Tai vermutlich noch in der Zelle versauert.
„Trotzdem, danke“, wiederholte er, woraufhin Mr. Specter nur die Schultern zuckte.
„War eigentlich keine große Nummer. Die Polizei hat zu ihrem Glück ganz schön geschlampt. Die hätten Sie gar nicht so lange festhalten dürfen, denn Sie hatten Ihnen nicht Mal das Recht auf Freilassung auf Kaution erklärt. Niemand muss wegen einer geringen Grammzahl Kokain eine ganze Woche in die Zelle. Außerdem würden Sie weder positiv auf Rauschgift getestet, noch haben Sie Ihre Fingerabdrücke auf dem Tütchen gefunden – was Ihre Aussage, jemand habe Ihnen die Drogen nur untergejubelt untermauert. Ich musste denen einfach nur mal gehörig auf die Füße treten und schon haben Sie die Anzeige fallen lassen. Keine Beweise, kein Verfahren. Wollen Sie eigentlich Anzeige erstatten?“
Tai blinzelte, als Sie den Ausgang des Reviers verließen und hinaus in die Sonne traten. Man, war das hell. Es kam ihm fast vor, als wäre er eine Ewigkeit nicht an der frischen Luft gewesen.
„Wie?“, hakte er nach, da er die Frage nicht so ganz verstand. Wen sollte er denn anzeigen, wenn er gar keine Beweise hatte.
„Sie könnten eine Anzeige gegen Unbekannt erstatten. Dann würde alles noch mal geprüft werden. Aber ich sage Ihnen jetzt schon, dass das wahrscheinlich nicht viel bringen wird.“
Tai schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde keine Anzeige erstatten.“ Natürlich wusste er genau, dass Kyle und Scott dahintersteckten. Doch was sollte er tun? Die beiden würden es ohnehin niemals zugeben.
„Okay, mein Freund. Dann wünsche ich Ihnen noch alles Gute“, sagte Mr. Specter und schüttelte Tai zum Abschied die Hand.
„Danke, das wünsche ich Ihnen auch“, entgegnete Tai. Als der Anwalt sich an die Straße stellte, um ein Taxi zu ordern, rief Tai ihm jedoch noch mal hinterher. „Was ist mit der Rechnung?“
Der Anwalt drehte sich um und sah ihn fragend an.
„Wie hoch ist Ihr Honorar?“, ergänzte Tai.
„Keine Sorge, das hat bereits Ihr Freund Izzy übernommen“, sagte er, bevor er noch ein mal die Hand zum Abschied hob und in ein Taxi stieg, das vor ihm anhielt.

Als Tai in seinem und Izzys Apartment ankam, fiel ihm ein riesen Stein vom Herzen. Dieser Kyle hatte ihm ganz schön Ärger eingebrockt. Wahrscheinlich erwartete er jetzt, dass entweder die Polizei ihn abschob, oder er freiwillig zurück nach Japan ging.
Doch da hatte er die Rechnung ohne Tai gemacht. Dieser hatte während der letzten Tage nämlich genügend Zeit gehabt, um nachzudenken. Und wenn ihm eins klargeworden war, dann dass er Mimi nicht so schnell aufgeben würde. Im Gegenteil. Diese ganze Intrige hatte ihn nur noch mehr angestachelt, es Kyle so richtig heimzuzahlen. Als aller erstes musste er aber Mimi von diesem Drecksack wegholen. Unfassbar, dass sie nicht sah, was für ein Mensch er war.
„Hey“, meinte Tai tonlos, als er aus dem Fahrstuhl stieg und schlurfte zum Sofa.
Izzy, der gerade in der Küche stand und sich ein Sandwich machte, sah überrascht auf.
„Tai? Du bist draußen? So schnell?“
„Jaah“, gähnte der Braunhaarige und ließ sich auf die weichen Sofakissen fallen. „Der Anwalt hat ganze Arbeit geleistet. Danke noch mal dafür. Ohne ihn wäre es sicher nicht so schnell gegangen.“
Izzy schüttelte den Kopf. „Nicht dafür. Warum hast du nicht angerufen? Matt und ich hätten dich abgeholt.“
„Das war nicht nötig, es ging alles so schnell. Ich wollte einfach nur nach Hause. Wo ist Matt eigentlich?“
„Der hat in ein Hotel eingecheckt. Seine Band ist inzwischen angereist und sie bereiten sich auf ihre Gigs vor“, erklärte Izzy und stellte Tai das Sandwich vor die Nase, welches er sich soeben eigentlich selbst gönnen wollte. „Iss. Du hast es, glaube ich, nötiger als ich“, forderte er Tai auf, dem bereits das Wasser im Mund zusammenlief. Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen. Genüsslich nahm er einen Bissen davon.
„Danke, dass du den Anwalt bezahlt hast. Der war doch sicher super teuer. Ich zahl es dir auf jeden Fall zurück, mit Zinsen“, nuschelte Tai, während er auf seinem Sandwich rum kaute. Wie konnte so etwas Einfache nur so fantastisch schmecken?
Izzy wank eilig ab. „Bitte, das musst du nicht. Das war das Einzige, was ich für dich tun konnte. Außerdem hat mein Auftraggeber mich bereits großzügig bezahlt. Was hätte ich sonst mit all dem Geld machen sollen?“ Izzy grinste und auch Tai musste lächeln. Ein warmes Gefühl mache sich in seiner Magengegend breit. Er fand es schön zu wissen, dass er sich doch immer noch auf Izzy verlassen konnte, wenn es drauf ankam. Nach allem, was zwischen ihnen passiert war, hatte sich wenigstens diese eine Sache nicht geändert.
„Hast du was von Mimi gehört?“, fragte er endlich und sein Blick wurde ernst.
Izzy schüttelte traurig den Kopf. „Leider nein. Nicht, nachdem sie mit auf dem Revier war.“
Tai sah ihn erstaunt an. „Wie? Sie war dort?“
„Ja, aber nur kurz. Sie ist gegangen, nachdem Matt auch da war.“
Sie war dort und hatte ihn nicht sehen wollen? Hatte ihm nicht ein mal eine Nachricht zukommen lassen? Was war nur los mit ihr? Konnte es sein, dass sie doch an seiner Unschuld gezweifelt hatte und nun nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte? Das konnte er sich nicht vorstellen. Tai kannte Mimi und Mimi kannte Tai. Und auch, wenn sie von seiner Vergangenheit nichts wusste, was er alles angestellt hatte, nachdem sie gegangen war, so musste sie doch wissen, dass er nichts damit zu tun hatte. Er würde doch nicht um die halbe Welt fliegen, nur um dann mit so einer unüberlegten Tat alles kaputt zu machen.
„Okay“, sagte Tai, schluckte den letzten Bissen von dem Sandwich hinunter und stand auf. „Ich muss zu ihr. Danke, für das Essen. Ich gehe erst mal duschen und dann bin ich weg. Warte nicht auf mich.“
„Willst du dich nicht erst mal etwas ausruhen?“, hakte Izzy besorgt nach.
„Ich habe mich fast eine ganze Woche lang ausgeruht“, antwortete Tai nur und war schon auf dem Weg nach oben in sein Zimmer. Außerdem hatte er dafür keine Zeit. Jede Minute, die verstrich, war eine Minute, in der Kyle sie weiter bearbeiten konnte. Ihr Dinge einreden konnte, die nicht wahr waren. Er musste so schnell wie möglich zu ihr und selbst mit ihr sprechen.

***


„Ich denke nicht, dass er dich verstehen wird. Nicht so, wie ich dich verstehe.“ Kyle legte beide Hände an Mimis Wangen und drehte ihr Gesicht zu sich, damit sie ihn ansehen musste. Sie wusste haargenau, worauf er hinaus wollte.
„Du willst es doch noch, oder?“, fragte er sie und sah sie eindringlich an. Beim Gedanken daran, verkrampfte sich Mimis Herz.
„Ich bin mir nicht mehr sicher“, gestand sie ihm und ließ den Blick sinken, als er sie losließ.
„Warum nicht? Ich dachte, wir hatten einen Plan“, sagte Kyle. Mimi stand auf und schloss ihre Arme um ihren Körper, fast so, als müsste sie sich selbst festhalten, damit sie nicht jeden Moment durchdrehte. Immer, wenn sie mit der Vergangenheit konfrontiert wurde, damit, was vor sechs Monaten geschah, hatte sie das Gefühl sich zu verlieren.
„Ich weiß nicht mehr, ob es das Richtige ist. Ich weiß gar nichts mehr.“
Gestresst fuhr sie sich durch ihr offenes Haar, als Kyle hinter sie trat. Er schloss die Arme um sie und legte sein Kinn auf ihre Schulter.
„Mir ist es egal, wofür du dich entscheidest. Wenn du Gerechtigkeit willst, für das, was dir genommen wurde, dann bekommst du sie.“
Allein bei dem Gedanken daran, fing ihr Puls an zu rasen.
Gerechtigkeit.
Ja, insgeheim sehnte sie sich nach Gerechtigkeit. Danach, dass dieser Kerl, der ihr Leben zerstört hatte, seine gerechte Strafe bekam. Diesen Drang verspürte sie schon lange, und doch weigerte sie sich, ihm nachzugeben. Sie dachte daran, was Tai wohl von ihr hielt, wenn er es wüsste …
„Denk nicht mal daran. Er wird es nicht verstehen“, flüsterte Kyle, als hätte er ihre Gedanken lesen können. „Tai ist nicht wie ich, Mimi. Er würde nie über Leichen gehen, um das zu beschützen, was seins ist.“
„Ach, und du schon?“, fragte sie leise, während sich genau in diesem Augenblick die Türen des Fahrstuhls öffneten.
Mimis Augen weiteten sich, als sie sah, dass Tai aus dem Aufzug trat. Auf der einen Seite freut sie sich, zu sehen, dass er offenbar nicht mehr in Untersuchungshaft saß. Und auf der Anderen fragte sie sich, was um alles in der Welt er hier wollte. Sie hatte sich bewusst nicht mehr bei ihm gemeldet, weil Matt ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie an Tais Lage schuld war. Und er hatte recht. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann …
„Was machst du denn hier?“, fragte Kyle ziemlich unhöflich und Tais Blick verfinsterte sich augenblicklich, als er feststellte, in welcher Position sich die beiden gerade befanden. Kyle hatte Mimi immer noch fest umschlungen, löste sich jedoch just von ihr und ging auf Tai zu.
„Ich dachte, du versauerst noch bei Wasser und Brot, Matt. Oder ist es dir lieber, dass ich dich endlich bei deinem richtigen Namen nenne?“
Tais Mundwinkel zuckten. „Du weißt es also.“
Kyle ging auf Tai zu und zeigte mit dem Finger auf seine Brust. „Hast du ernsthaft gedacht, du kannst hier einfach auftauchen und Mimi für dich gewinnen? Das ist der größte Witz des Jahres. Wie armselig.“
Tai presste die Zähne aufeinander und schubste Kyle von sich. „Und du meinst, du kannst sie an dich binden, wenn du mir Drogen unterjubelst? Wer ist hier armselig, huh?“
„Du checkst es nicht, oder?“, lachte Kyle auf. „Mimi hat dich schon lange abgeschrieben. Oder was meinst du, wer in den letzten Monaten für sie da war? Ich geb dir einen Tipp: du warst es nicht.“
Tai machte einen Schritt nach vorn und funkelte Kyle bedrohlich an. „Mit dieser Drogennummer bist du definitiv zu weit gegangen. Das wirst du noch bereuen, das verspreche ich dir! Und auch Mimi wird noch erkennen, was du für ein hinterlistiger, feiger …“
„Verdammt, das reicht!“, schrie Mimi plötzlich auf, woraufhin die beiden Männer sie erschrocken ansahen. Ihr Gesicht glühte vor Wut und Tränen glitzerten in ihren Augen.
„Habt ihr sie noch alle?“, tobte sie und sah abwechselnd von einem zum anderen. „Ihr redet über mich, als wäre ich gar nicht da. Als würde ich nicht direkt neben euch stehen und euch darüber streiten hören, wer mit mir zusammen sein darf.“
Sie kam sich so lächerlich vor. Wie der Preis eines Wettstreits, den jeder unbedingt haben wollte. Denn genau das war das hier gerade – nichts weiter als ein Wettstreit. Und beide verstanden im Moment nicht, wie sehr es ihre Gefühle verletzte. Sollte sie nicht diejenige sein, die entschied, mit wem sie zusammen sein wollte? Hatte sie überhaupt jemals ihre Sicht der Dinge geäußert? Nein, denn dazu hatte sie gar keine Gelegenheit gehabt. Jedes Mal, wenn die beiden aufeinander trafen, fochten sie. Trugen irgendeinen albernen Kampf aus und inzwischen hatte sie sogar den Eindruck, dass es noch nicht einmal nur mehr um sie alleine ging, sondern einfach darum, sich gegenseitig auszuspielen.
„Ihr benehmt euch, als müsstet ihr hier irgendein albernes Duell austragen. Aber wisst ihr was? Dazu habe ich keine Lust mehr.“
„Mimi, ich …“ Tais Blick wurde sanft und er wollte einen Schritt auf Mimi zumachen, doch diese hielt ihn zurück.
„Halt, nein“, stoppte sie ihn und sah dann zu Kyle. „Ich muss nur eins wissen. Hast du Tai die Drogen untergejubelt, ja oder nein?“
Kyles Augen verengten sich schlagartig zu Schlitzen. Eigentlich hatte sie sich geschworen, es nicht wissen zu wollen. Doch sie brauchte endlich Klarheit. Sie musste wissen, ob es stimmte, was Matt sagte. Wenn Kyle das wirklich gemacht hatte, dann gab es nur einen Grund dafür – und der war sie.
„Ja oder nein?“, wiederholte sie schroff.
Kyle ballte die Hände zu Fäusten. „Ja.“
Also doch. Sie hatte es die ganze Zeit über geahnt. Sie war an allem schuld. Sie war der Grund dafür, dass Tai verhaftet worden war. Für alles hier, war sie der Grund.
„Du kannst ehrlich sein?“, zischte Tai von der Seite. „Wusste ich gar nicht.“
„Ach, halt doch dein Maul“, giftete Kyle zurück. „Wenn du denkst, das war schon alles, dann hast du dich geschnitten. Das war lediglich eine kleine Warnung.“
Tai kochte förmlich vor Wut und wollte gerade etwas erwidern, als Mimi sich erneut an die beiden wandte.
„Ich möchte, dass ihr jetzt geht. Alle beide.“
Irritiert sahen sie sie an. Doch sie konnte einfach nicht mehr. Das alles war zu viel für sie. Sie wollte das nicht mehr. Weder wollte sie, dass Kyle mit unfairen Mitteln um sie kämpfte, noch wollte sie, dass Tai somit in die Schussbahn geriet. Sie wollte einfach nicht, dass überhaupt irgendwer um sie kämpfte. Und am allerwenigsten Tai. Der hatte schon genug durchmachen müssen, ihretwegen.
„Geht einfach! Euer Streit ist hiermit beendet. Ich will keinen von euch beiden“, schleuderte sie ihnen entgegen und versuchte dabei krampfhaft, nicht zu weinen.
Kyle grinste unsicher. „Babe … das meinst du doch nicht ernst?“
„Mimi, lass uns bitte darüber reden“, versuchte nun auch Tai beschwichtigend auf sie einzuwirken, aber das half nichts.
„Es wurde bereits genug gesagt“, erwiderte Mimi bitter und verschränkte die Arme vor der Brust.
Als Kyle und Tai unsichere Blicke wechselten und sich immer noch keiner von beiden von der Stelle rührte, wurde es ihr zu bunt. Dachten die zwei etwa, sie scherzte?
„Jetzt haut endlich ab! Ich will euch nicht mehr sehen!“, schrie sie ihnen entgegen. Das hatte gesessen. Beide wirkten, wie vor den Kopf gestoßen. Sie konnte an Tais Blick sehen, dass er sie nicht weiter bedrängen wollte. Und fürs Erste war es gut so. Sie brauchte dringend etwas Freiraum, um einen klaren Kopf zu bekommen. Tai wandte sich ab und ging zum Fahrstuhl. Kyle jedoch wollte sich nicht so einfach abwürgen lassen.
„Mimi, jetzt komm erst Mal runter. Du bist ja völlig durch den Wind“, sagte er zaghaft und legte ihr eine Hand an den Arm, die Mimi wegschlug.
„Fass mich jetzt nicht an. Ich hab echt genug von deinen Spielchen. Geh einfach.“
Kyles Blick versteinerte sich und sein Gesicht strahlte eine gewisse Härte aus, die sie vorher noch nie bei ihm gesehen hatte. Er würde sie nicht in Ruhe lassen, so viel stand fest. Nein, er wirkte geradezu verbissen.
„Hast du nicht gehört?“, rief Tai von hinten, der die Aufzugtüren mit einer Hand offen hielt, damit sie sich nicht schließen konnten. „Sie will dich nicht mehr sehen. Uns beide nicht. Also, steigst du jetzt freiwillig in diesen Fahrstuhl oder muss ich dich hier rein schleifen?“
Kyle ballte die Hände zu Fäusten und verkniff sich einen letzten Kommentar, während Mimi den Blick von ihm abwandte. Als auch er sich endlich umdrehte und ging, sah sie Tai dankbar an. Dieser verstand sofort und seine Mundwinkel zuckten zu einem kaum erkennbaren Grinsen.
Kyle stieg in den Aufzug und würdigte Tai keines Blickes mehr, als die Türen sich schlossen.
Mimi stieß erleichtert die Luft aus. Das alles erdrückte sie förmlich und wuchs ihr über den Kopf. Hätte sie doch von Anfang an mehr darum gekämpft, Tai zu überreden, nach Hause zu fliegen. Dann wäre das alles nicht passiert. Es wäre gar nicht erst soweit gekommen. Doch jetzt stand sie wieder allein da. Und das nur, weil sie mal wieder zu schwach war. Zu schwach, um das zu tun, was richtig gewesen wäre.
Sie ging die Treppen ihres Apartments hoch und stand vor dem ersten Zimmer des langen Flures. Kurz zögerte sie hineinzugehen, aber dann stieß sie doch die Tür auf und betrat den dunklen Raum. Die Vorhänge waren zugezogen und ließen keinen Sonnenstrahl hindurch. Sie ging geradewegs zum Fenster auf der anderen Seite und zog sie auseinander, damit Licht das Zimmer fluten konnte. Staub wirbelte auf und glitzerte in der Luft.
Es war ein Gästezimmer, daher befand sich nicht allzu viel darin. Ein Bett, ein Kleiderschrank und ein Sessel mit einem Beistelltischchen. Alles sah unbenutzt aus, wie immer. Mimi ging zum Bett und nahm einen braunen Teddybären in die Hand, der dort mutterseelenallein rum saß und der einst ihr gehört hatte. Später hätte sie ihn gerne mal an ihr Kind weitergegeben.
Sie klopfte sein Fell ab, was noch mehr Staub aufwühlte und trotzdem schloss sie ihn in die Arme und drückte ihn ganz fest an ihre Brust.
Dann fiel ihr Blick auf die Wand direkt gegenüber dem Bett. Sie war nahezu gänzlich bedeckt mit Fotos, die Mimi im Laufe der letzten Monate gesammelt hatte. Und alle zeigten nur eine bestimmte Person.
Einen jungen Mann, mit braunen Haaren, lediglich ein paar Jahre älter als sie.
Daryl Watkins.
Sie trat näher an die vielen Fotos heran, um sie eingehender zu betrachten.
Daryl beim Einkaufen.
Daryl beim Gassi gehen mit seinem Hund.
Daryl in einem Café.
Daryl, wie er gerade ein Fahrradschloss knackte.
Daryl vor seinem Haus.
Daryl beim Müll entsorgen.
So setzten sich sämtliche Szenen fort, Foto für Foto.
Während sich ihr Magen bei dem Anblick seines Gesichts umdrehte, prickelte es in ihrem Nacken. Dieser verdammte Mistkerl. Er hatte ihre ganze Zukunft zerstört und es scherte ihn einen feuchten Dreck. Vermutlich dachte er noch nicht ein mal mehr an sie und lebte einfach sein armseliges Leben weiter wie bisher.
Doch Mimi dachte an ihn. Jeden Tag. Jede Nacht. Sie dachte daran, was er getan hatte. Was er ihr genommen hatte.
Wut kroch in ihr hoch, während sich jede weitere Pore ihres Körpers mit Hass füllte. Ja, sie hasste Daryl dafür, was er ihr angetan hatte. Und dass er einfach so damit davongekommen war. Das war auch der Grund, weshalb sie zusammen mit Kyle einen Privatdetektiv engagiert hatte, um ihn zu beschatten.
Inzwischen wusste sie mehr über sein Leben, als es vermutlich seine Nachbarn taten. Daryl war ein Einzelkind, hatte mit dreizehn die Schule abgebrochen und seither war die Liste der kriminellen Straftaten endlos. Nichts Dramatisches. Überwiegend stahl er Autos und fuhr damit illegale Straßenrennen. Oder er vertickte geklaute Sachen an irgendwelche Leute. Natürlich geriet er so immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, doch das hielt ihn nicht davon ab, weiterzumachen. Nach außen hin führte er sogar ein ganz bescheidenes Leben, wohnte alleine in einer kleinen Mietwohnung und lieferte nebenbei Pizza aus.
Er wirkte wie eine unbedeutende Person, die unbedeutende Dinge tat.
Doch das war nicht so. Das musste Mimi am eigenen Leib erfahren, als sie ungewollt ein Opfer seiner kriminellen Machenschaften wurde.
Mimi riss eines der Fotos von der Wand, auf dem Daryl gerade Pizza auslieferte und sein Gesicht unter einer roten Baseballkappe verbarg.
Sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie Blut auf ihrer Zunge schmeckte. Sie zerknüllte das Foto in ihrer Hand und ging zurück zum Bett, um sich im Schneidersitz darauf zu setzen. Den Bären immer noch fest umschlungen, starrte sie an die Wand gegenüber.
Es gab keine Worte dafür, was sie für diesen Mann empfand.
Sie wusste nur eines. Dass sie Gerechtigkeit wollte. Nur leider war sie sich inzwischen nicht mehr sicher, ob es der richtige Weg war, den Kyle und sie sich überlegt hatten. War das, was sie vorhatten wirklich gerecht?
Ein Leben für ein anderes?
Auge um Auge?
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