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People always leave

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Koushirou "Izzy" Izumi und Tentomon Mimi Tachikawa und Palmon Sora Takenouchi und Biyomon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
08.04.2017
09.11.2020
23
69.706
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30.07.2017 3.431
 
Völlig erschlagen öffnete sie ihre Augen. Zu lange hatte es gedauert, bis ihre Tränen aufhörten zu fließen. Tai hatte sie die ganze Zeit über in seinen Armen gehalten. Er wich nicht einen Zentimeter von ihrer Seite und sie spürte, dass er es auch jetzt immer noch nicht tat. Eng umschlungen lagen sie auf ihrem Bett. Die Sonne schien durchs Fenster und ein Blick auf dem Wecker verriet ihr, dass sie viel zu lang geschlafen hatte. Den ersten Kurs in der Uni hatte sie bereits verpasst, deswegen lohnte es sich nicht aufzuspringen und zu hetzen. Tais Arm umschloss sie fest. Sie betrachtete ihn, fing an mit dem Finger kleine Kreise auf seiner Haut zu zeichnen, während sie versuchte zu verstehen, was gestern Abend alles geschehen war. Ob es nun klug war oder nicht, Tai bei sich übernachten zu lassen… ihn zu küssen. Es war geschehen und sie konnte es nicht rückgängig machen. Und da nun die Schatten der Nacht vorübergezogen waren, meldete sich ihr schlechtes Gewissen zu Wort. Was um alles in der Welt hatte sie sich dabei gedacht? Tai lag hier, mit ihr, in ihrem Zimmer – in ihrem Bett! Gestern wäre sie beinahe drauf und dran gewesen mit ihm zu schlafen. Einfach, weil sie ihre Gefühle nicht im Griff hatte. Das war das Dümmste, was sie die letzten Monate übergetan hatte. Auf keinen Fall wollte sie, dass Tai sich jetzt Hoffnungen machte. Natürlich verfluchte sie ihn immer noch dafür, was alles geschehen war, aber sie wollte ihn nicht leiden lassen. So war sie nicht. Sie musste einfach ehrlich zu ihm sein. Und ihm sagen, dass das was gestern zwischen ihnen passiert war, ein fataler Fehler war, der sich nie mehr wiederholen durfte.
Kyle.
Was würde er dazu sagen, wenn er es wüsste?
Wahrscheinlich war es ihm sogar egal. So, wie er sich in letzte Zeit ihr gegenüber benahm. Es gab eine Phase in ihrem Leben, da hatte sie gedacht, sie stünden sich näher. Nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten. Doch gestern Abend hatte er sie gehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Wahrscheinlich sollte sie nicht nur die Beziehung zu Tai, sondern auch die zu Kyle überdenken. Tai hatte recht. Er hatte es sofort durchschaut. Sie und Kyle verhielten sich nicht wie ein richtiges Paar – kein Stück! Es war nicht ihr erstes Mal, welches sie mit ihm erlebt hatte, was sie miteinander verband. Es war viel mehr. Gemeinsam waren sie durch eine schwere Zeit gegangen und Mimi hatte sich dabei eingeredet, dass sie das auf irgendeine Art und Weise zusammengeschweißt hätte. Dass es Liebe war, was sie für ihn empfand. Tais plötzliches Auftauchen brachte ihre ganze Welt ins Schwanken.
„Du bist ja schon wach.“
Mimi zuckte zurück. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie sie die ganze Zeit seinen Arm gestreichelt hatte.
„Oh… ähm… tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken“, sagte sie eilig, kroch unter seinem Arm hinweg und schlüpfte aus dem Bett.
Tai gähnte und streckte sich genüsslich. „Ist schon gut. Ich muss sowieso zur Uni.“
Mimi stand vor ihrem Kleiderschrank und zog wahllos ein paar Kleidungsstücke heraus, nur damit sie ihn nicht ansehen musste. „Also… hast du vor hier zu bleiben?“, fragte sie vorsichtig nach.
Tai stand auf, ging zu ihr hinüber und stellte sich dicht hinter sie. Mimi sog scharf die Luft ein. Immer wieder diese unaufhaltsame Nähe…
„Was denkst du denn? Ich habe doch schon gesagt, dass ich nicht wieder gehen werde. Mehr als ein Mal“, sagte er und strich mit der Hand über ihren Arm.
„Hmm, ja das hast du.“
Wie sollte sie es ihm nur sagen?
Er musste doch wissen, dass sie nicht einfach so wieder zusammen sein konnten.
Sie wich ihm aus und ging zu ihrem Nachttisch, um auf ihr Handy zu sehen. Sie erschrak. So oft hatte er versucht, sie zu erreichen? Neben den Anrufen, waren auch unzählige SMS eingetroffen. Sie öffnete die Letzte.
„Bin auf dem Weg zu dir. Ich hoffe, du bist schon wach, Prinzessin.“
Mimi erschrak und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Was ist denn?“, wollte Tai wissen.
„Du musst hier weg!“
Erstaunt sah er sie an. „Was?“
„Kyle ist jeden Moment hier.“
Tai verdrehte die Augen, verließ jedoch wortlos das Zimmer. Er ging nach unten zum Fahrstuhl und betätigte den Knopf. Mimi lief ihm hinterher und hielt ihm am Arm fest. „Tut mir leid, dass ich dich rausschmeißen muss.“
„Schon gut“, lächelte er schwermütig, grinste dann jedoch zuversichtlich. Er wandte sich ihr zu und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du weißt, ich bin immer für dich da.“
Mimi nickte zaghaft, als er in den Fahrstuhl einstieg.
„Warte mal, Tai.“ Der Braunhaarige hob den Kopf und sah sie überrascht an.
„Hast du heute Abend schon was vor?“
Er grinste. „Nein. Warum?“
„Gut. Kannst du gegen 20.00 Uhr vorbeikommen?“
Sie musste unbedingt mit ihm darüber reden. Gleich würde Kyle in der Tür stehen, also hatte sie keine Zeit mehr, ihm alles zu sagen, was ihr auf der Seele brannte.
Tai nickte und zwinkerte ihr zu, ehe die Türen sich schlossen. Mimis Knie worden weich. Sie musste Tai ein für alle Mal klarmachen, dass das eine absolute Ausnahme war und dies nie wieder geschehen durfte. Wenn sie die Dämonen der Vergangenheit nicht wieder einholen sollten, musste sie sich sobald wie möglich wieder von Tai fernhalten. Obwohl sie wusste, dass das schon längst zu spät war. Sie waren hier. Sie waren überall. Sie hatte sie zwar weggesperrt, doch nachdem sie sich ihren alten Gefühlen hingegeben hatte, waren sie präsenter als je zuvor. Sie ging nach oben zu den Schlafräumen und stand vor der ersten Tür. Die Tür, die sie gestern Abend verschlossen hatte. Kurz überlegte sie reinzugehen. Sehr lang war sie schon nicht mehr drin gewesen und das war gut so. Allerdings wurde der Drang danach wieder größer, seit Tai aufgetaucht war. Sie hatte die Hand bereits auf die Klinke gelegt, als sie hörte, wie die Fahrstuhltür sich öffnete.
Schnell rannte sie nach unten.
„Kyle.“
„Hallo“, brachte er nur trocken über die Lippen. Sie bemerkte, wie er ihrem Blick auswich. Sehr merkwürdig. Das tat er sonst nie.
„Ich hab dir was mitgebracht“, sagte er fast schon kleinlaut und holte hinter seinem Rücken einen Blumenstrauß hervor.
Mimi stand total perplex da und staunte. Noch nie hatte sie Blumen von ihm bekommen. Skeptisch sah sie ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Hast du etwa ein schlechtes Gewissen?“
„So könnte man es ausdrücken“, entgegnete Kyle und ging auf sie zu.
„Wieso denn?“, fragte Mimi sarkastisch. „Du hast nur getan, was du immer getan hast.“
Oh nein. Auf keinen Fall würde sie ihm diesmal so schnell vergeben! Dafür konnte sie sich noch gut genug daran erinnern, wie sie sich gestern Abend gefühlt hatte, als er sie hatte gehen lassen.
„Ich war ein Idiot!“, sagte er plötzlich, woraufhin Mimi beinahe der Mund aufklappte. Sollte das gerade so etwas wie eine ernsthafte Entschuldigung sein? Aus seinem Munde?
„Was hat dich denn geritten?“, fragte sie ungläubig. „Kyle Kendler sagt von sich selbst, dass er ein Idiot ist? Tut mir leid, aber das glaub ich einfach nicht.“
Sie stand immer noch mit verschränkten Armen vor ihm und weigerte sich weder seine Entschuldigung, noch seine Blumen anzunehmen, was ihn so langsam wütend machte. Ungeduldig sah er sie an. „Oh man, Mimi. Was willst du denn hören? Ich entschuldige mich gerade bei dir. Reicht das denn nicht?“
Ernsthaft? Wieso dachte er immer, dass sie so leicht zu haben wäre? Denn das war ein absoluter Trugschluss und so langsam musste er das erkennen. Auf keinen Fall war sie ein leichtes Mädchen. Zu oft hatte sie nichts gesagt und ihn machen lassen, was er wollte. Doch diesmal nicht.
„Nein, das reicht nicht.“ Es fiel ihr zwar schwer, doch sie wandte sich ab und ging die Treppen nach oben.  
„Tut mir ja leid, dass ich gestern Abend nicht bei dir war“, rief er ihr wütend hinterher. „Aber dein Bett war ja schließlich schon belegt.“
Mimi blieb abrupt stehen und drehte sich erschrocken zu ihm um.
„Schau mich verdammt noch mal nicht so an!“, schrie er ihr plötzlich entgegen und schmiss die Blumen auf den Fußboden. Mimi schrak zurück. Woher wusste er das? Das konnte einfach nicht sein!
„Ich weiß genau, dass er hier war und bei dir übernachtet hat.“
Mimis Augen weiteten sich. Nicht nur, dass Kyle wusste, dass sie die Nacht mit Tai verbracht hatte… Zudem hatte sie ihn noch nie so aufgewühlt gesehen. Er war völlig aus der Fassung, was sie absolut nicht verstand. Kyle war nie ein Freund, der eifersüchtig auf andere Männer war. War Tai in seinen Augen etwa eine wirkliche Bedrohung für ihn? Wie konnte das sein? Er wusste doch nicht, dass es Tai war. Für ihn war Tai doch eigentlich nur irgendein Typ.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Dass er sie so offensichtlich damit konfrontierte, damit hatte sie nicht gerechnet.
„Ich hab euch gesehen, Mimi. Wie er in deinem Bett lag. Und dich umarmt hat.“
Beschämt sah sie zu Boden. Warum kam sie sich plötzlich wie eine Betrügerin vor?
Ja… weil es so war. Egal, welche Form von Paar sie und Kyle abgaben – es änderte nichts an der Tatsache, dass sie gestern einen anderen geküsst hatte. Zwei Mal.
Kyle ging zur Treppe, setzte sich hin und stützte sich auf seine Knie ab.
„Wenn du es mir hättest heimzahlen wollen, hättest du nicht gleich mit dem nächstbesten Typen in die Kiste springen müssen“, sagte er nun ruhiger.
„Was?“
Mimi konnte nicht fassen, was sich hier gerade abspielte. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie ging zu ihm.
„Du denkst, ich hätte mit Ta… äh Matt geschlafen?“, fragte sie entgeistert und setzte sich neben ihn.
Er zog eine Augenbraue nach oben und sah sie wissend an. „Sag bloß, ihr habt nur gekuschelt.“
Mimi verschränkte die Arme vor der Brust. „Sag mal, was denkst du eigentlich von mir?“
Na ja, so ganz unrecht hatte er ja nicht. Beinahe wäre es wirklich dazu gekommen, hätte Tai nicht die Notbremse gezogen. Dafür müsste sie ihm eigentlich danken. Denn hätte er sie nicht zurückgewiesen, würde sie jetzt ein noch schlechteres Gewissen haben als sie es eh schon hatte.
Kyle sah sie ungläubig an.
„Und ja, wir haben nur gekuschelt. Und das auch nur, weil ich nicht allein sein wollte. Weil du nicht da warst. Ergo bist du an allem schuld. Wärst du mit mir nach Hause gekommen, wäre das gar nicht erst passiert“, sagte sie giftig und wollte aufstehen, doch Kyle hielt sie am Handgelenk fest und zog sie zu sich auf seinen Schoß.
„Du hast recht. Es tut mir leid. Ich hätte mit dir mitgehen sollen“, sagte er ruhig und lächelte.
Mimi stutzte. Meinte er das wirklich ernst? Das sah ihm so gar nicht ähnlich. Vorsichtig legte sie eine Hand an seine Stirn. „Bist du krank?“
Kyle schlug ihre Hand zur Seite und sah sie eindringlich an. „Nimm mich doch bitte ein Mal ernst. Ich wollte mich vorhin wirklich bei dir entschuldigen.“
Mimi senkte den Blick. Dass er jetzt plötzlich so lieb und aufrichtig war, verwunderte und beschämte sie nur noch mehr. Dass sie gestern einfach so hinterrücks mit Tai zusammen war, das hatte er nicht verdient. Er wusste ja nicht mal, wer er war.
„Mir tut’s auch leid“, sagte sie deshalb und sah ihn aufrichtig an. Er grinste. „Ich hab eine Idee“, verkündete er. „Was hältst du davon, wenn wir die Uni heute schwänzen und uns stattdessen einen schönen Tag zusammen machen?“
Bitte was? Jetzt war sich Mimi sicher, dass sie träumen musste. „Äh… so was wie… wie ein Date?“, stammelte sie verwirrt und sah ihn perplex an. Er nickte.
„A-Aber wir hatten noch nie ein richtiges Date.“ Plötzlich kam sie sich total deplatziert vor. Das alles passte doch überhaupt nicht zu ihm. Warum tat er das also? Wollte er wirklich Buße tun oder nur sein Revier markieren, da er Tai als Konkurrenz betrachtete?
„Na dann wird es so langsam Zeit, oder?“, entgegnete er triumphierend. „Ich möchte wirklich wieder gut machen, dass ich dich in letzter Zeit so oft allein gelassen habe. Und ich möchte etwas mehr Zeit mit dir verbringen. Das meine ich ernst, Mimi.“
Mimis Herz schlug einen Augenblick höher. Er konnte ja schon immer sehr charmant sein, wenn er wollte, aber das…? Das war neu. Sie lächelte und nickte. „Also gut, ich ziehe mich nur noch um.“
Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, ehe sie aufsprang und nach oben rannte.
„Ach ja, wo wollen wir eigentlich hin?“, rief sie ihm noch entgegen.
„Na ja“, meinte Kyle und überlegte. „Ich habe eine goldene Kreditkarte und du hast eine Schwäche für Klamotten.“
Mimi ging ein paar Schritte zurück, lehnte sich über die Brüstung und sah ihn ungläubig an. „Dein Ernst?“, fragte sie verdutzt.
Kyle grinste und nickte.
„Okay!“, strahlte die Brünette übers ganze Gesicht und verschwand in ihrem Zimmer. Unfassbar. Sie kam sich vor wie im falschen Film, aber… irgendwie gefiel ihr dieser Film.
Verdammt. Jetzt hatte er sie doch wieder rumgekriegt. Dabei wollte sie doch eigentlich sauer auf ihn sein. Aber wenn er es diesmal wirklich ernst meinte, wollte sie ihm die Chance geben, es zu beweisen. Ganz konnte sie ihn einfach noch nicht aufgeben.

***


Nicht zu fassen, was er gerade gesagt hatte. Was hatte er sich da nur eingebrockt? Shoppen? Mit Mimi? Irgendwie hatte dieses Gespräch eine deutlich andere Form angenommen, als er es geplant hatte. Eigentlich wollte er ihr nur die Blumen geben, sie um Verzeihung bitten und das wäre es dann gewesen. Sie hätte ihm verziehen und damit hätte sich die Sache erledigt. Um Tai hätte er sich später gekümmert. Aber das würde er ohnehin noch tun. Warum musste sie auch so verdammt stur sein? Es gab doch tatsächlich noch Momente, in denen sie ihn überraschte. Nie hätte er gedacht, dass sie sich noch mal auf Tai einlassen würde. Sie waren definitiv zu weit gegangen und es war wohl an der Zeit, dass er diesen Tai dies spüren ließ.
Aber als allererstes musste er sich um Mimi kümmern. Es fiel ihm schwer, sich das einzugestehen, aber er sah bereits seine Felle davonschwimmen. Tai war ihr bereits viel zu nah. Er beeinflusste sie. Erinnerte sie an die gemeinsame Zeit und an das, was sie beide verloren hatten. Niemals würde er es zulassen, dass er ihm Mimi wegnahm. Plötzlich schoss ihm wieder das Bild von heute Morgen in den Kopf. Wie er da lag, den Arm um sie gelegt hatte… dieses Bild machte ihn wahnsinnig. Definitiv ein Gefühl, welches er vorher so nicht kannte. Aber egal. Auf keinen Fall würde er es zulassen, dass Tai Mimi gegen ihn aufhetzte. Und wenn das bedeutete, dass er mit ihr shoppen gehen musste, um die Wogen zu glätten, dann tat er es eben. Ein wirklich kleines Übel, wenn er daran dachte, wie weit er bereit wäre noch zu gehen.

***


„Hey, wo warst du?“
Izzy saß auf dem Sofa und sah Fern, als Tai nach Hause kam.
„Hey, ich war…“, begrüßte Tai ihn ebenfalls und ging in die Küche, um sich ein kaltes Glas Milch einzuschenken. „Ich war bei Mimi.“
Izzy starrte ihn an. „Du warst was?“ Er knipste den Fernseher aus, während Tai nur mit den Schultern zuckte. „Was ist daran so verwunderlich?“
Der Rothaarige schüttelte den Kopf. „Äh… gar nichts. Absolut nichts. Ich dachte nur, na ja, dass es länger dauert.“
„Was?“, entgegnete Tai und zog skeptisch eine Augenbraue nach oben. „Bis ich sie rumkriege?“
„Was? Nein… NEIN! So meinte ich das doch gar nicht.“
„Schon klar“, grinste Tai und freute sich darüber, dass er ihn aufziehen konnte. Er war so glücklich darüber, dass er die Nacht mit ihr verbringen durfte und dass sie ihn für heute Abend wieder eingeladen hatte, das machte den Disput mit Izzy fast schon zweitranging.
„Es wundert mich nur. Wollte sie dich nicht loswerden?“, hakte Izzy nachdenklich nach und auch Tai musste sich eingestehen, dass das ein ganz schönes hin und her die letzten Tage war und er, was ihre Gefühlswelt betraf, so gar keinen Durchblick hatte.
„Na ja, wie auch immer“, meinte Izzy plötzlich und stand auf. „Ich gehe ein bisschen was einkaufen. Kommst du mit?“
„Nein, muss zur Uni. Was ist mit deinem Projekt? Hast du heute frei?“, antwortete Tai und stellte das Glas ab, um gleich noch schnell unter die Dusche zu springen.
„Sozusagen“, entgegnete Izzy und kratzte sich am Hinterkopf. „Der oberste Projektleiter hat eben angerufen und alles für heute abgesagt. Zu ärgerlich.“
„Oberster Projektleiter? Ich dachte, du leitest das Projekt?“
„Ach, ist kompliziert“, meinte Izzy und wank eilig ab.
„Na gut“, zuckte Tai mit den Schultern und ging nach oben. „Wenn du zehn Minuten wartest, können wir ein Stück zusammengehen.“
Izzy sah ihn verwundert an. „Okay… klar, gerne.“
Tai ging ins Badezimmer und drehte die Dusche auf. Es war so langsam an der Zeit sich nicht nur Mimi, sondern auch Izzy wieder ein wenig anzunähern. Jetzt, wo ihm Mimi vielleicht doch eine zweite Chance geben würde… hatte da nicht auch Izzy eine zweite Chance verdient?

„Meine Güte. Bilde ich mir das ein oder ist es hier schlimmer als in Tokyo?“
Tai und Izzy gingen durch die Straßen New Yorks, während Izzy zwei Einkaufstüten trug und Tai seine Tasche mit den Unterlagen für die Uni unter den Arm geklemmt hatte. „Wo kommen all die Menschen her?“
Der Rothaarige lachte. „Das kommt dir nur so vor. Weil hier so viele verschiedene Kulturen leben. Wusstest du, dass zwei von fünf Einwohner der vereinigten Staaten Europäer sind?“
Tai sah ihn stirnrunzelnd an. „Nein, aber danke, für die Info.“ Alter Klugscheißer. Aber irgendwie hatte er das auch vermisst.
„Weißt du, Mimi möchte, dass ich heute Abend noch mal bei ihr vorbeikomme“, fing Tai plötzlich an zu erzählen und wusste selbst nicht, warum. Vielleicht sollte Izzy das gar nicht wissen. Aber nun war es eh zu spät.
„Das ist toll“, meinte dieser. „Am Anfang habe ich ziemlich gezweifelt, ob das wirklich eine gute Idee war. Aber inzwischen denke ich, dass es eine gute Entscheidung war, dich mit hierher zu nehmen. Ich denke, sie braucht dich, genauso wie du sie.“
Tai stutzte und sah ihn ungläubig an. Das klang gerade wirklich aufrichtig und augenblicklich tat es ihm leid, dass er ihn die letzten Wochen so herablassend behandelt hatte.
Sie bogen um die nächste Ecke und Tai blieb abrupt stehen.
Fast hätte ihn der Schlag getroffen.
„Mi-Mimi?“, stammelte er erstaunt, doch noch viel mehr überrascht war er über ihre Begleitung.
Die Brünette sah ihn völlig perplex an. Sie hielt mit Kyle Händchen, während dieser in der anderen Hand mehrere Shoppingtaschen trug.
„Oh! Hi, Matt“, begrüßte Kyle Tai übertrieben freundlich und sah dann Izzy an. „Hallo Izzy, ich wusste gar nicht, dass ihr beide euch kennt.“
Was?
Ungläubig sah Tai zwischen Izzy und Kyle hin und her, während Izzy ebenfalls ein fragendes Gesicht auflegte.
„Matt?“
Ach du scheiße!
Er hatte Izzy ja noch gar nichts davon erzählt, dass er sich offiziell als Matt und nicht als Tai vorgestellt hatte.
„Ja, wir wohnen zusammen“, meinte Tai schnell und räusperte sich. Aber eins war hier viel wichtiger. Woher kannten sich Kyle und Izzy? Und was machte Mimi hier mit ihm? War sie nicht sauer auf ihn?
„Ah, interessant“, sagte Kyle und sah zu Mimi. „Wir machen gerade eine kleine Shopping-Tour. Ich wollte Mimi mal wieder etwas Gutes tun“, grinste er nun Tai an, der sich beherrschen musste, dass ihm nicht alles aus dem Gesicht fiel. Ernst sah er Mimi an, die den Blick beschämt zur Seite gerichtet hatte. „Das heißt, du kommst heute nicht zur Uni?“
Sie schüttelte den Kopf und fing an, an Kyles Hand zu ziehen. „Komm, lass uns endlich weiter.“
„Schon gut“, lachte Kyle auf und ließ sich von ihr an Tai und Izzy vorbeiziehen. „War nett. Viel Spaß in der Uni. Bis morgen, Izzy.“
Das war nicht ihr verdammter Ernst! Wütend sah er den beiden hinterher. Am liebsten hätte er ihm eine reingehauen und ihm sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht gewischt. Wie hatte er es nur wieder hingekriegt, Mimi milde zu stimmen? Das konnte doch nicht ausschließlich an den Klamotten liegen, die er offensichtlich für sie gekauft hatte. So war Mimi nicht. Sie ließ sich nicht kaufen. Aber warum war sie dann mit ihm hier? Und dann auch noch Izzy…
Fragend und sauer zugleich sah er den Rothaarigen an.
„Kannst du mir mal erklären, was du mit diesem Typen zu schaffen hast?“
Er hatte Izzy ganz klar erkannt und eindeutig „bis morgen“ gesagt. Also… was hatte das zu bedeuten?
Izzy sah betreten zu Boden und seufzte. „Ich muss dir wohl was sagen, Tai.“
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