Morgendämmerung

von Ilcuvi
OneshotDrama / P6
Leo Roland
08.04.2017
08.04.2017
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Diese kurze Szene spielt in Staffel 2, in der 5. Folge ("Freiheit"). Leo hat seine Aussicht auf Entlassung am nächsten Tag bekommen.

Es handelt sich um einen unabhängigen One-Shot, den ich allerdings einen Tag nach meinem anderen One-Shot ("Morgengrauen") geschrieben habe. Auch wenn sie im Prinzip völlig unabhängig voneinander sind, gibt es zwischen beiden Geschichten einige Parallelen.
(Der dritte One-Shot ("Morgenröte") soll dann irgendwann in Staffel 3 spielen, so dass die drei zusammen eine kleine Komposition ergeben, die drei emotionale Momente in Leos Zeit im Krankenhaus zeigen. Mal schauen, ob die dritte Staffel dafür etwas hergeben wird. ;-) Ich freue mich schon sehr auf die Staffel!)

Über konstruktive Kritik, Meinungen oder auch nur Austausch zu dieser Szene freue ich mich natürlich sehr!

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Morgendämmerung


Leo lag auf dem Rücken und lauschte in die Dunkelheit. Die automatische Lüftungsanlage summte. Im Heizungsrohr klackte es. Hin und wieder Schritte auf dem Flur. Eine Tür ging auf und zu. Der Lärm der Straße drang durch die Glasscheiben ins Zimmer. Motorengeräusche immer wieder. Schließlich das Martinshorn des Krankenwagens.
Vertraut. Alles war vertraut. In unzähligen Nächten hatte er diese Geräusche gehört. In unzähligen Nächten hatte er sich über sie geärgert, als er nicht einschlafen konnte. Das war vorbei.
Er lächelte. Es war die letzte Nacht. Seine allerletzte Nacht im Krankenhaus. Heute begrüßte er die Geräusche wie alte Bekannte. Lange hatten sie ihn begleitet. Heute würde er sie zum letzten Mal hören. Er würde ihnen nicht hinterhertrauern.
Es gab Dinge, die man schnell vergaß. Kaum waren sie einem nicht mehr direkt vor den Augen oder Ohren, entschwanden sie dem Bewusstsein. Mit den Krankenhausgeräuschen würde es auch so sein, das wusste Leo. Zu Hause würde er sicher nach wenigen Tagen keinen Gedanken mehr an die Nächte im Krankenhaus verschwenden.
Zu Hause... Es war so lange her, dass er dort gewesen war. Noch länger, dass er dort eine Nacht verbracht hatte. Damals war es noch ein anderer Ort gewesen. Ein Ort, den seine Mutter geprägt hatte. Der Ort einer schönen Kindheit mit Gutenachtgeschichten am Abend und Brötchenduft am Morgen, mit Lachen und Liebe und Unbeschwertheit.
Es war immer noch das gleiche Haus, doch nur Tabea würde ihn dort erwarten, das wusste er, und nichts war mehr wie früher. Aber es war dennoch ein Zuhause: sein Zuhause. Und die schönen Erinnerungen, die überall in den Ecken hockten, würden ab und zu noch hervorlugen in die Gegenwart, und es würden neue Erinnerungen dazu kommen, Erinnerungen aus einem Leben, das gelebt werden wollte. Sein neues Leben. Sein neues Leben außerhalb des Krankenhauses.
Wenn er nur an sein neues Leben dachte, kribbelte es ihn schon in den Zehenspitzen seines rechten Beines. Ruckartig setze er sich auf. Am liebsten hätte er sein Zimmer verlassen und die anderen Menschen aus ihren Betten geholt, um sie an seiner Vorfreude teilhaben zu lassen. In wenigen Stunden schon würde dieses neue Leben beginnen! Was würde er dann zuerst machen? Sich auf sein altes Bett fallen lassen und die Musik so aufdrehen, dass sie ihn davon trug? Ein Schaumbad nehmen, um den ganzen Krankenhausdreck wegzuspülen? Sich in der alten Küche ein richtig leckeres Essen zubereiten? Draußen auf dem Rasen liegen und in den weiten  Himmel schauen? Das Haus abends erst wieder betreten, wenn die Sonne am nächsten Morgen schon wieder aufging?
So viele Dinge, die darauf warteten, dass er sie machte. Und er würde sie in den nächsten Tagen machen. Alle! Und noch viel mehr! Leben! Vor lauter Vorfreude war Leo ganz aufgeregt. Er hätte jubeln können. Wenn er seine Freude nur jetzt mit jemandem teilen könnte!

Sein Blick fiel auf den leeren Platz neben sich. Seit Jonas Entlassung hatte er keinen neuen Zimmergenossen bekommen. Jonas war bereits eine Weile draußen. Leo würde ihn bald besuchen, das stand fest! Sie waren so gute Freunde geworden hier drin, sie würden auch außerhalb befreundet sein. Was sie außerhalb des Krankenhauses alles zusammen unternehmen konnten!
Und Emma! Er hatte sie sehr verletzt, das wusste er, aber es war doch notwendig gewesen, um sie gehen zu lassen. Der Gedanke daran tat schon fast gar nicht mehr weh, weil er wusste, dass er sie in wenigen Tagen wieder sehen würde. Er würde nach Berlin fahren und ihr persönlich sagen, dass er wieder gesund war. Sie würde außer sich vor Freude sein! Jetzt hatten sie eine gemeinsame Zukunft.
Er dachte an Hugo, der heute seinen ersten Ausflug auf das Dach hatte. Für ihn würde es sicher ein einmaliger Moment werden. Leo freute sich sehr darauf, ihn dabei begleiten zu können. Hugo hatte die Sonne wie kein anderer verdient! Und bald würde auch er das Krankenhaus verlassen dürfen. Auch ihn würde er dann an anderen Orten treffen können.
Toni würde natürlich bleiben, aber Toni war glücklich im Krankenhaus. Er war kein Patient mehr, er war jetzt Praktikant. Er hatte eine Aufgabe gefunden, die zu ihm passte. Er würde seine Freunde vermissen, aber er wäre immer noch am richtigen Ort. Und Leo würde auch Toni regelmäßig besuchen. Das Krankenhaus würde er dann nur noch als Besucher betreten und abends immer wieder gehen.
Und Alex? Dieses Krankenhaus war Alex letzter Ort gewesen, der Ort, an dem er gestorben war. An diesem Ort hatte Leo ihn auch nach seinem Tod noch gesehen. Alex war zu ihm gekommen, als es ihm richtig schlecht ging. Aber Alex war tot und würde doch immer in ihnen weiterleben. Leos Fünftel von Alex Leben würde ihn aus dem Krankenhaus heraus begleiten. Er würde für ihn mitleben, das hatten sie ausgemacht.  
Und dann war da noch Benito. Sein weiser alter Freund, fast ein Vater für ihn. Er würde ihn vermissen, aber sie würden in Kontakt bleiben. Immer. Dafür würde er sorgen. Sie kannten sich jetzt schon fast ein Jahr und würden sich nicht mehr aus den Augen verlieren.
Es war ein langes Jahr gewesen und fast nichts war mehr so wie davor. Leo hatte viel Schlimmes erlebt. Schmerz und Leid auf Grund des Krebses. Verluste. Kleine Verluste und große: sein Bein, seine Mutter, Alex. Gefühle, die ihn überwältigt hatten: Wut, Angst, Hilflosigkeit, Trauer. Das Leben draußen war ohne ihn weitergegangen und er hatte so viel verpasst.
Aber es war nicht alles schlecht gewesen. Er hatte nicht nur Sachen verloren, er hatte auch unheimlich viel gewonnen. Menschen, die ihm so viel bedeuteten: Der Club der roten Bänder und Benito. Wichtige Dinge, die er gelernt hatte, die er draußen nie hätte lernen können. Manche schöne Stunde, besonders mit seinen Freunden. Er schmunzelte bei dem Gedanken an einige ihrer Erlebnisse. Das Gründen des Clubs. Das Besprayen der Wand im Chemoraum. Das Basketballtunier. Die nächtliche Fahrt mit dem Zug. Er hatte einige schöne Erinnerungen im Krankenhaus sammeln können.
Dennoch war er nicht traurig, diesen Ort zu verlassen, nicht einmal ein bisschen wehmütig. Man musste aus allem das Beste machen und das galt auch für Krankenhäuser, aber es war und blieb ein Krankenhaus, ein Ort, dem man den Rücken kehren wollte, sobald es ging. Und heute ging es für ihn. Heute würde Leo Roland dem Krankenhaus für immer entfliehen.

Das Lächeln hatte das Gesicht des Siebzehnjährigen die ganze Zeit nicht verlassen. Jetzt blickte er zum Fenster. Es war schon deutlich heller geworden, seit dem er die Augen aufgeschlagen hatte. Entschlossen schob er seinen Stumpf über die Bettkante. Er würde diesen großen Tag nicht noch länger damit verschwenden, im Bett zu liegen!
Seine Prothese konnte er inzwischen im Halbdunkeln innerhalb weniger Augenblicke sicher anbringen. Sich jedes einzelnen Schrittes bewusst, ging er dann zum Fenster, um hinaus zu blicken. Noch war der Himmel dunkel, aber es würde rasch heller werden. Ganz hinten am Horizont meinte er schon den ersten Streifen der Morgendämmerung erkennen zu können. Er schaute nach draußen in die Weite, in die er in wenigen Stunden selbst eintauchen durfte. Er lehnte den Kopf an die Scheibe und fühlte die Kühle an seiner Haut, die Kühle der Nacht, des Lebens draußen.
Mit dem Finger malte er die Buchstaben noch einmal an das Glas: F-R-E-I-H-E-I-T.
Er atmete tief durch und fühlte das Glücksgefühl in seinem ganzen Körper. Ja, es war eine lange Zeit gewesen. Ja, es war oft eine schwere Zeit gewesen. Aber sie ging heute zu Ende und das war es, was jetzt zählte.
Ab heute würde Leo wieder leben. Frei. Gesund. Unbeschwert. Draußen. Glücklich.
In wenigen Stunden hatte er es geschafft. Dann würde Frau Dr. Reusch ihm die Entlassungspapiere in die Hand drücken und er dürfte gehen, für immer.
„Freiheit für Leo“, murmelte er und ein breites Grinsen überzog sein Gesicht.
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