Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Matthias und Konstanze

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Het
06.04.2017
06.04.2017
4
11.949
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
06.04.2017 3.090
 
Kurze Vorrede: Obwohl mir im Lauf der Jahre durchaus bewußt geworden ist, daß meine Begabung eher im epischen und vielleicht noch im lyrischen, nicht so sehr aber im dramatischen Bereich
liegt, habe ich doch, nicht zuletzt aus Liebe zur Sprache, das kleine Stück geschrieben, das ich hier nun vorstellen möchte. Vielleicht findet jemand Gefallen daran. Zur Form ist nur soviel zu sagen, daß sich Dialoge in Versen und solche in Prosa abwechseln.



PERSONEN:

Matthias, Sohn eines Schäfers
Konstanze, Tochter des Herzogs von Flaudenburg
Rudolf, Herzog von Flaudenburg, Konstanzes Vater
Die Herzogin, Konstanzes Mutter
Roland, Baron von Greifenmark
Albrecht, Graf von Rübenstett
Ein Schäfer, Matthias’ Vater
Eine Schäferin, Matthias’ Mutter
Sebastian Steinberg, ein Schauspieler
Elisabeth, Konstanzes Cousine
Egbert, einer der letzten Raubritter
Offiziere, Diener, Schauspieler

Szene: Herzogtum Flaudenburg; wohl eines der zahlreichen kleinen deutschen Fürstentümer
Zeit: ungefähr um 1600



1. Akt

1. Szene

Eine Heidelandschaft
Matthias tritt mit mehreren Schafen auf; er ist ein etwa 17 Jahre alter Hirtenjunge, trägt einfache, grobe Kleidung und läuft barfuß.
Matthias singt: Ich träumte heut nacht, ich wär’ General,
Und ließ das Heer marschieren;
Soldaten krochen, sobald ich befahl,
Umher auf allen vieren.

Nun lauf’ ich wach in der Heide herum,
Und hüte Vaters Schafe;
Ich sehe die Herde, blökend und dumm:
Sie gleicht dem Bild im Schlafe.

Hört auf zu singen. Die Sonne küßt bereits den Horizont;
Die Zeit des Aufbruchs ist für mich gekommen,
Wenn ich den Alten nicht erzürnen will.
Aufschrei in der Nähe; kurz danach läuft Konstanzes Pferd von rechts auf die Bühne.
Ein herrenloses Pferd! Wo ist der Reiter?
Er betrachtet das Pferd. Solch edlen Rosses Herr ist selbst gewiß
Aus reichem Haus, von vornehmer Geburt.
Wie prächtig ist die Satteldecke doch
Bestickt! Dies ist geschulter Hände Werk.
Des Pferdes Eigentümer trennt sich wohl
An einem Tag von solchen Mengen Goldes,
Die ich und meine Ahnen und Verwandten
Im ganzen Leben nicht verdienen könnten:
Und doch ist er vor Stürzen nicht gefeit
Und liegt, von einem Tiere, das mein Onkel
Mit Leichtigkeit wohl zähmte, abgeworfen,
Hier irgendwo im Gras und Sand der Heide.
Die Pferde sind wohl klüger als die Menschen,
Sie lassen sich von Gold und Prunk nicht blenden.
- Nun aber sollte ich den pferdelosen
Besitzer dieses schönen Tieres suchen:
Vielleicht ist er verletzt, und selbst ein Reicher
Verdient bisweilen, Hilfe zu erfahren.
So weise mir den Weg, du edles Roß;
Er führt vielleicht auf deines Herren Schloß.
Er ergreift das Pferd an den Zügeln und geht nach rechts ab.


2. Szene

Ein anderer Teil der Heide
Konstanze liegt auf dem Boden, unverletzt, aber bewußtlos. Sie ist in Matthias’ Alter und standesgemäß bekleidet, trägt also einen aus edlen Stoffen gewobenen, reichhaltig verzierten Fummel. Matthias tritt von links mit dem Pferd auf.
Matthias: Siehe da, dort ist bereits der gestürzte Reiter. Doch was sehe ich? Es ist eine Reiterin! Reich und aus einem vornehmen Hause stammend scheint sie wahrhaftig zu sein, wie ich es schon gerochen hatte. Doch ihre Schönheit hat der Wind nicht zu mir herübergeweht, denn wenn ich geahnt hätte, wie hübsch sie ist, so hätte ich gewiß weniger Zeit mit monologisieren zugebracht.
Ist sie verwundet? Ich bin zwar kein Arzt, doch ich werde dem reizenden Fräulein wohl besser helfen können, wenn es nötig sein sollte, als all jene angeblichen Ärzte, die hier auf dem Dorf ihr Unwesen trieben und selbst solche Patienten, die sich den Kopf aufgeschlagen hatten und aus deren klaffenden Wunden der kostbare Lebenssaft heraussprudelte, mit einem Aderlaß behandeln wollten. Der Himmel möge verhüten, daß die junge Dame in die Hände solcher Quacksalber, Kurpfuscher und Scharlatane, deren Behandlungen schlimmer als die Krankheiten selbst sind, fällt. Doch wie geht es ihr nun?
Er beginnt sie zu untersuchen.
Offenbar ist sie durch den Sturz nicht versehrt worden, denn eine Verletzung kann ich nicht ausmachen, zumindest läuft kein Blut aus ihren zarten Adern, so daß ich nicht erkennen kann, ob es tatsächlich blau ist, wie immer behauptet wird. Alles deutet darauf hin, daß nur der Schreck sie ihrer Sinne beraubt hat. Nun gut, ich will versuchen, sie aufzuwecken, vielleicht gewährt sie mir dann einen süßen Blick als Lohn dafür, daß ich die Irrfahrten ihres Pferdes beendet habe. Doch wie soll ich dies bewerkstelligen, ohne dabei unziemlich zu erscheinen? Ich werde erst einmal versuchen, ihr mit meiner Flöte Lebensmark einzuflößen.
Er holt eine Flöte aus seiner Hosentasche und spielt darauf, ohne daß Konstanze erwachen würde.
Da liegt sie, noch immer im tiefsten Schlummer; womöglich könnten selbst die Posaunen von Jericho sie nicht aus ihrem Schlaf reißen. Aber was soll ich statt dessen tun? ich werde sie wohl berühren, ja sogar durchschütteln und aufrütteln müssen.
Er schüttelt Konstanze vorsichtig durch.
Immer noch so reglos. Man könnte fast glauben, sie sei gar nicht von ihrem Pferd abgeworfen worden, sondern habe einen besonders starken Schlaftrunk von einem Apotheker bekommen und bis auf den letzten Tropfen ausgeleert. Aber sie atmet ja, also muß es doch wohl möglich sein, sie aufzuwecken. Vielleicht ist ein Kuß geeignet, sie aus ihrer Ohnmacht zu erlösen?
Er beugt sich über sie, hält dann aber inne.
Aber was geschieht, wenn sie dann wirklich erwacht? Sie fände es gewiß ungehörig, von dem Sohn eines einfachen, armen Schäfers geküßt zu werden. Vielleicht ließe sie mich ja sogar in einen finsteren Kerker werfen, der niemals vom Sonnenlicht besucht wird und in dem ich bei fauligem Wasser und verschimmelten Brot elend verschmachten müßte.
Er zögert noch einmal einen Moment.
Doch wenn ich sie heute nicht küsse, werde ich es wohl nie tun, denn gewiß wird es mir kein zweites Mal vergönnt sein, eine so vornehme junge Dame aus solcher Nähe zu erblicken. Ich wage es jetzt, was auch immer daraus entstehen mag.
Er küßt sie auf die Stirn, Konstanze erwacht und Matthias zuckt erschrocken zurück.
Konstanze verwirrt: Wo bin ich hier? Wie komm’ ich an den Ort?
Matthias: Es scheint, ihr seid von eurem Pferd gestürzt.
Ich hab’ es in der Nähe aufgelesen.
Konstanze sieht das Pferd und versucht sich zu erinnern.
Konstanze: So dank’ ich dir dafür, mein lieber Junge.
Doch was ist überhaupt geschehen?
überlegt Ich war, begleitet stets von Offizieren,
Die meines Vaters Truppen angehören,
Von denen ich jetzt aber keinen sehe,
Auf einem Ausritt hier in dieser Gegend,
Als plötzlich wohl, ich weiß nicht mehr, wodurch,
Mein Roß in solcher Weise sich erschreckte,
Daß wild es über diese Heide sprengte.
Matthias: Entschuldigt bitte, daß danach ich frage:
Gelang es euch denn nicht, das Tier zu zügeln?
Konstanze: Ich saß bisher nicht oft auf Pferderücken,
So hielt ich zwar die Zügel in den Händen,
Und konnte dennoch nicht zum Schritt den wilden
Galopp verwandeln, ohne selbst zu fallen.
Matthias: Ich höre dies verwundert, edle Dame;
Woher kommt dieser Mangel an Erfahrung?
Konstanze: Der fette Stallmeister ist mir zuwider:
Ein feister Glatzkopf, stets mit Peitsche nur
Zu sehen; Wollust, Tücke, Grausamkeit
Erblicke deutlich ich in seinen Augen.
Drum habe ich die Stallanlagen stets
Gemieden, war zu Pferde kaum zu sehen;
Hätt’ mich ein hübscher Bursche - so wie du -
Im Reiten unterwiesen, hätte ich
Gewiß Erfahrung reichlich schon gesammelt.
Matthias: Nur wäre ich ein unbegabter Lehrer,
Hab’ ich doch selbst im Sattel nie gesessen.
Konstanze: Wie heißt du eigentlich, mein lieber Junge?
Matthias: Matthias ist mein Name, edles Fräulein;
Darf ich den euren ebenfalls erfahren?
Konstanze: Konstanze. - Und du hast also mein Pferd gefunden.
Matthias: Zuerst fand ich das Pferd, danach auch euch selbst.
Konstanze: Und was geschah dann, während mich die Ohnmacht noch umwölkt hatte?
Matthias: Ich versuchte, euch aufzuwecken, was sich aber als nicht eben einfach herausstellte, man hätte meinen können, ein Zauberer hätte euch in einen magischen Schlaf versetzt. Zunächst habe ich versucht, mit meiner Flöte eine Melodie in eure Ohren zu schleusen, so wie es der Schmuggler mit seiner Ware an den Grenzen eines Landes versucht, doch euer Ohrenzoll ließ es nicht zu.
Konstanze kichert: So liefen demnach kleine Männlein in meinem Gehörgang herum?
Matthias: Warum nicht? Ich sehe sie regelrecht vor mir, wie sie in Wams, Hose und Stiefel, die alle zusammen eine schmucke Uniform ergeben, herumlaufen; die Ranghöchsten unter ihnen erkennt man an ihren goldenen Epauletten.
Konstanze: Und deine Melodie steckte in winzigen Paketen, die von ihnen abgefangen wurden?
Matthias: So muß es sich wohl zugetragen haben.
Konstanze: Möglicherweise hast du recht, und in unser aller Ohren laufen solche Zöllner herum; zumindest ließe sich so erklären, warum so viele Menschen immer nur das hören, was sie hören wollen. Doch sprich weiter.
Matthias: Ihr lagt weiterhin regungslos auf dem Boden, worüber ich sehr betrübt war, da ich wohl selten so gut auf meiner Flöte gespielt habe, und nun haben nur die Schafe meines Vaters, die Grashalme und die Heidekräuter mein Spiel gehört, und sie sind alle nicht dafür bekannt, einen Sinn für Musik zu besitzen.
Konstanze: Erzähle weiter, es gefällt mir sehr, mich mit dir zu unterhalten. Was hast du dann getan?
Matthias verlegen: Dann - dann versuchte ich, euch wachzurütteln.
Konstanze: Und auch das gelang nicht?
Matthias: Ganz recht, auch dies schlug fehl. Ja, und dann...
Er wird noch verlegener und läuft rot an.
Konstanze: Ja, was war dann? Ich versuche mich zu entsinnen... Du hast... Du hast... Hast du mich etwa geküßt?
Matthias ganz besonders verlegen: Ja.
Konstanze: Unerhört! Wie konntest du es wagen, mich zu küssen? Was erlaubst du dir? - Küß mich noch einmal!
Matthias: Scherzt ihr, mein Fräulein?
Konstanze: Sehe ich so aus? Komm, ich lege mich jetzt erneut hin, als ob ich immer noch ohnmächtig wäre, und du tust all die Dinge, durch die du versucht hast, mein Bewußtsein zurückzurufen, noch einmal, ich scheine offenbar so einiges versäumt zu haben.
Sie legt sich hin und schließt die Augen.
Matthias: Nun gut, wie ihr meint.
Er holt erneut die Flöte aus seiner Hosentasche und spielt wieder darauf.
Konstanze: Sehr schön! Und nun mußt du mich wohl durchschütteln.
Matthias tut es, noch vorsichtiger als beim ersten Mal.
Das nennst du wachrütteln? Jetzt verstehe ich wohl, daß ich liegenblieb, denn ich fühle mich so, als würde ich nicht wachgerüttelt, sondern in den Schlaf gewiegt. Aber laß dich nicht stören und fahre fort.
Matthias küßt sie wieder auf die Stirn.
Ach, auf die Stirn hast du mich geküßt? Und davon bin ich erwacht? Jetzt erwache ich jedenfalls nicht, du wirst mich auf den Mund küssen müssen, um mich aufzuwecken.
Matthias zögert einen Moment, dann küßt er Konstanze auf den Mund.
Und nun bin ich zum zweiten Mal geweckt.
Sie steht wieder auf.
Du spielst sehr gut auf der Flöte, ich habe dir gern zugehört, denn ich bekomme am Hof meines Vaters kaum einmal gute Musik zu hören, nur den schrecklichen Lärm, den seine Musiker von sich geben, wenn sie ihre beklagenswerten Instrumente auf die fürchterlichste Weise quälen.
Matthias: Nun möchte ich aber doch erfahren, wer euer Vater ist, von dem ihr schon einige Male gesprochen habt.
Konstanze: Es ist der Herzog Rudolf.
Matthias stöhnt auf: Unser Herzog Rudolf? Der Herzog von Flaudenburg?
Konstanze: Eben der.
Matthias: Oh weh! Nun ist es an mir, ohnmächtig zu werden.
Konstanze: Ist das denn so entsetzlich?
Matthias: Es ist schaudervoll! Begreift ihr denn nicht, was geschehen würde, wenn euer Vater herausbekäme, daß ich euch geküßt habe? Er ließe mich gewiß in aller Öffentlichkeit geißeln, danach vierteilen und anschließend zusammenflicken, damit es ihm möglich wäre, mich abermals hinrichten zu lassen. Wir sind durch einen Graben voneinander getrennt, der es uns nicht erlaubt, uns näher zu kommen: Denke doch nur an das entsetzliche Schicksal von Gismonda und Guiscardo!
Konstanze: Sei unbesorgt! Mein Vater ist kein Tankred und kein grausamer Tyrann, und ich ließe das nie zu. Außerdem braucht er es ja gar nicht zu erfahren, niemand hat uns gesehen.
Matthias bemerkt, wieviel Zeit vergangen ist: Weh mir! Der Zorn eures Vaters bleibt mir vielleicht erspart, doch der meines Vaters wird mich noch heute treffen, denn ich habe mich enorm verspätet. Ich kann allein darauf hoffen, daß er einen erfreulichen Tag hinter sich hat, denn andernfalls werde ich es um so mehr büßen müssen.
Konstanze: Das muß ich verhindern, daß du meinetwegen gescholten oder sogar bestraft wirst. entschlossen und resolut Ich werde dich begleiten und deinen Vater besänftigen.
Matthias: Das wollt ihr für mich tun? Wie kann ich euch danken?
Konstanze: Dein freundlicher Blick sei mir Dank genug. Lärm hinter der Szene Was ist das für ein Lärm, für ein Durcheinanderrufen, Pferdetrappeln und -wiehern? Sollte dies meine Eskorte sein?
Vier Offiziere treten zu Pferd auf.
Sie ist es, in der Tat.
Erster Offizier: Wir haben euch verzweifelt schon gesucht;
Froh und erleichtert bin ich, meine Fürstin,
Euch unverletzt nun endlich hier zu finden.
Nun sollten wir den Aufbruch nicht verzögern,
Gewiß nagt Sorge schon an euren Eltern.
Konstanze: Nicht ganz so eilig, wenn ich bitten darf!
Ich hattet Zeit genug, um mich zu finden;
Und doch seid ihr erst jetzt, da längst die Sonne
Die Abdankung für diesen Tag schon kundtat,
Und Sternenvolk die Nacht verkündet, hier.
An welchen Orten wolltet ihr mich finden?
Gedachtet ihr, erst bis zur Wüste Gobi
Zu reiten, um dann dort nach mir zu suchen?
Und während ihr die Heide noch durchstreiftet,
Hat rührend dieser Junge mich umsorgt,
Nun will ich ihn zu seinem Heim begleiten;
Geduldet euch noch, ich hab’ auch gewartet!
Zweiter Offizier: So wie ihr wünscht, soll es geschehen, Fürstin.
Konstanze geht mit Matthias ab.
Erster Offizier: Hat unser Fräulein je sich so benommen?
Ich glaube fast, ein Pfeil hat sie getroffen,
Den Amor selbst aus seinem Köcher zog
Und dann auf uns’re junge Fürstin abschoß.
Die Offiziere ziehen sich zurück.


3. Szene

Vor der Hütte des Schäfers
Der Schäfer und die Schäferin treten auf, der Schäfer hält eine Gerte in seiner Hand.
Schäfer: Wo dieser elende Bengel nur steckt? Ich werde ihm eine Lektion erteilen müssen.
Schäferin: Beruhige dich; ich bin sicher, Matthias ist aufgehalten worden.
Schäfer: Ja, von seiner Trägheit. Ich behandle den Jungen nicht streng genug und lasse ihm zu viel durchgehen.
Schäferin: Ganz im Gegenteil, du bist gar zu streng. Und dabei gibt Matthias sich so viel Mühe, um es dir recht zu machen, aber das siehst du gar nicht. Jeder sonst sieht es, nur du nicht, weil du störrisch und stur wie ein alter Ziegenbock bist.
Der Schäfer holt zu einer Erwiderung aus, die er aber nicht ausspricht, weil in diesem Moment Matthias auftritt, gefolgt von Konstanze, die sich aber zunächst im Hintergrund hält.
Schäfer: Wo warst du, Sohn? Ich hoffe, du hast einen guten Grund für dein verspätetes Erscheinen.
Matthias: Den habe ich wahrhaftig, und mein Grund ist nicht nur gut, sondern auch überaus liebreizend.
Er deutet auf Konstanze, die vortritt. Der Schäfer starrt Konstanze einen Moment lang verblüfft und mit offenem Mund an.
Schäfer nach einer längeren Pause: Das ist dein Grund? Dann muß ich mich wohl glücklich schätzen, daß du überhaupt heimgekehrt bist. zu Konstanze Seid gegrüßt, mein Fräulein.
Matthias: Sie ist die Tochter unseres Herzogs, Vater.
Schäfer: Euer Besuch ist eine große Ehre für uns, Fürstin. Wie kommen wir zu solch ungeahnter Würde?
Konstanze: Dankt eurem Sohn, der mir heute mehrfach geholfen hat.
Schäfer: Bleibt doch noch ein wenig bei uns. Ich könnte euch mit Schafskäse bewirten, dem berühmtesten der ganzen Provinz.
Matthias und seine Mutter stöhnen leise auf.
Konstanze: Es ist mir unmöglich, noch länger zu bleiben, ich habe heute schon solche Darlehen an Zeit aufgenommen, daß ich schon jetzt die Zinsen fürchte.
Sie lächelt Matthias an.
Dann ist dies wohl der Moment unseres Abschieds, Matthias. Ich hoffe, das Schicksal führt uns noch einmal zusammen.
Matthias lächelt nun auch Konstanze wehmütig an. Konstanze winkt Matthias noch einmal zu und geht ab.
Schäferin zum Schäfer: Mußtest du uns so vor dem edlen Fräulein blamieren und ihr auf so plumpe Weise deinen Käse anbieten? Was bist du doch selbst für ein Schaf!
Schäfer: Vorhin ein Ziegenbock, jetzt ein Schaf; offenbar gefällt es dir, mir heute ein Fell überzustreifen!
Schäferin: Ja, wenn du dich auch wie ein Esel aufführst!
Schäfer: Ach, sei still, Weib! Was verstehst du schon vom Geschäft, es war eine gute Gelegenheit.
Schäferin: Ich gebe es auf, von einem Kamel ist eben keine Einsicht zu erwarten.
Schäfer: Ebensowenig von einer Kreuzotter, daß sie kein Gift mehr verspritzt. Fell, Hörner und Höcker hast du mir schon angeschwatzt, warum nicht noch ein Geweih?
Matthias: Hört doch endlich auf zu streiten; es ist spät, wir sollten in die Hütte gehen. Ich bin müde.
Schäfer: Ein vernünftiges Wort, Sohn.
Schäferin: Fürwahr; das erste vernünftige, das ich gehört habe, seit uns die Herzogstochter verlassen hat.
Schäfer: Oh, die gereizte Hornisse will noch weiter stechen.
Matthias: Geht, wenn es euch beliebt, noch das ganze Tierreich durch; ich gehe jetzt in die Hütte.
Matthias geht in die Hütte hinein.
Schäferin: Laß uns ihm nachgehen, wir haben noch den ganzen morgigen Tag zum Streiten Zeit.
Sie folgen beide Matthias in die Hütte.


4. Szene

Heidelandschaft
Die vier Offiziere. Konstanze tritt auf.
Dritter Offizier: Aus welchem Grund habt ihr so lange euch
Mit einem Knaben aus geringem Volk
Beschäftigt? Tadelnswert sind solche Grillen.
Es sollen Fürsten nicht mit Hirten reden,
Sofern es nicht die Umstände erzwingen.
Konstanze: Dann klärt mich auf, und lüftet das Geheimnis:
Wie soll den Fürsten man vom Hirten trennen,
Wenn beide man der Kleidung und der Herkunft,
Der Namen und der Titel ganz beraubt?
Quillt rotes Blut nicht auch aus Fürstenadern,
Sobald man sie mit scharfen Messern ritzt?
Benötigen nicht Grafen und Barone
Ein Serum nach dem garst’gen Vipernbiß?
Bedarf ein König nicht der Kunst des Arztes,
Wenn furchtbar ihn die Fieberkrämpfe schütteln?
Der Wohlgebor’ne trägt Brokat und Samt,
Der Friedensrichter urteilt im Talar;
Doch sind nicht hohe Titel auch nur Kleidung?
Durchsticht man mit dem Auge alle Schleier
Und schält sodann den Menschen selbst heraus,
So findet sich in groben Steinen Gold,
Doch das, was glänzt, erweist sich als Pyrit.
Vierter Offizier: Höchst unbedacht sind eure Worte, Herrin.
Denn Adel wird erworben durch Geburt,
Er hebt den Fürsten ab vom nied’ren Volk,
Verleiht ihm inn’ren Schmuck, entrückt sein Wesen,
Und diesen Glanz legt nie ein Nobler ab.
Denkt nur an Bienenvölker, edles Fräulein:
Betrachtet weiter nun den Spalt, der Drohnen
Und Königinnen voneinander trennt;
Er ist nur schmal, gemessen an der Kluft,
Die Fürsten von den nied’ren Ständen trennt.
Konstanze: Es scheint fast, daß ihr selbst den Unsinn glaubt.
Zweiter Offizier: Der Jugend Torheit ist der Fehl geschuldet,
Daß schmachvoll ihr den eig’nen Stand herabsetzt.
Konstanze: Wenn wahr ihr sprecht, so solltet ihr bedenken,
Daß mich Geburt hoch über euch erhebt;
So zwingt die eig’ne Lehre euch zum Schweigen.
Erster Offizier: Der Stich mit dem Florett der Worte saß.
Konstanze: So sei’s genug der Worte: Reitet zu!
Alle ab.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast