Das Schloß der Trauer

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
02.04.2017
02.04.2017
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Hier will ich einmal eines meiner Kunstmärchen vorstellen; entstanden ist das kleine Werk vor knapp zwölf Jahren.



Das Schloß der Trauer


In längst entschwundenen Zeiten befand sich in einem fernen Land tief im Inneren eines schattigen und friedvollen Waldes ein prachtvoller Garten. Im Zentrum dieses Gartens aber thronte ein Schloß, dessen Glanz, Schönheit und Größe seinesgleichen suchte: dieses Schloß bewohnte Andovar, der berühmteste und mächtigste Magier des ganzen Landes. Weitere Bewohner des Schlosses (abgesehen von zahlreichen Bediensteten) waren seine geliebte Frau Siltonia und der junge Toroman, an den Andovar sein Wissen und seine Geheimnisse weitergab: er sollte dereinst Andovars Wirken fortsetzen und war für den großen Magier im Laufe der Jahre vom Lehrling zum Ziehsohn geworden.
Andovars Ruhm beruhte weniger auf seinen Zauberkünsten, so vollkommen sie auch sein mochten, sondern vor allem auf seiner Güte, Weisheit und Hilfsbereitschaft. Niemand konnte sich daran erinnern, daß er jemals seine bestaunenswerten Fähigkeiten mißbraucht hätte, doch oft hatte er sich ihrer bedient, um Menschen in der Not zu helfen. So hatte er Bauern, deren Felder in Dürrezeiten verdorrten, beigestanden, indem er Regenfälle beschworen hatte; ausgetrocknete Quellen ließ er neuerlich sprudeln; sogar Drachen, die Dörfer und kleine Städte bedrohten, gebot er Einhalt. Kein Besucher seines Schlosses, der um seine Hilfe bat, wurde abgewiesen, selbst den Ärmsten der Armen, von denen er keinerlei Lohn außer Dankesworten zu erwarten hatte, schenkte er Gehör. Berühmt waren nicht zuletzt auch seine Heilkünste: niemand im Land hatte größere Kenntnisse über Heilpflanzen, Arzneien als Andovar, und so hatte sein Wissen schon die Genesung vieler Kranker ermöglicht. Selbst Dahinsiechende, für die es kaum noch Hoffnung gab und auf die auch seine Tränke und Heilkräuter nicht mehr wirkten, hatte er mit heilsamen Zaubersprüchen noch dem Tod entreißen können. So genoß er im ganzen Land ein hohes Ansehen, und sein Schloß wurde auch das Schloß der Güte genannt. Mit seiner Frau Siltonia lebte er dort in der wundervollsten Eintracht, und mit Freude verfolgte er, wie die Fertigkeiten seines gelehrigen Schülers Toroman immer vollkommener wurden.
Doch eines Tages erkrankte Siltonia an einem rätselhaften Fieber, das sie immer mehr verfallen ließ und gegen das auch Andovar, trotz all seiner Kenntnisse und Zauberkünste, machtlos war. Es gelang ihm lediglich, mit magischen Tränken ihre Leiden zu mildern, doch er konnte nicht verhindern, daß die Krankheit seine geliebte Frau immer mehr ihrer Kräfte beraubte. Und so verlebte der große Zauberer immer trübere Tage, Gram und Verzweiflung befielen sein Herz.
Der junge Toroman half seinem verehrten Meister so gut er es vermochte bei der Pflege Siltonias, und so besuchte er die Kranke jedem Abend in ihrem Gemach und reichte ihr einen Trunk, den Andovar zuvor gebraut hatte. Für gewöhnlich wechselte er dann noch freundliche Worte mit ihr, bevor er sich in seine eigene Kammer zurückzog, um seine Zauberbücher zu studieren; mitunter spielte er noch für sie auf der Harfe, denn er war nicht nur für die Magie, sondern auch für die Musik begabt und verstand sich darauf, diesem Instrument schöne Melodien zu entlocken.
Eines Abends stieg Toroman, die Harfe in der einen, den Becher mit dem Trank in der anderen Hand, die Treppe, die zu Siltonias Gemach führte hinauf, um ihr in der gewohnten Weise aufzuwarten. Zu seiner und seines Meisters Freude hatte sich Siltonia an diesem Tag so gut wie seit langer Zeit schon nicht mehr gefühlt, und so war sie sogar am Nachmittag mehrere Stunden in dem Schloßgarten herumgelaufen und hatte sich an den blühenden Rosen erfreut. Andovar und sein Schüler hofften nun beide, daß dies die ersten Anzeichen einer Genesung waren, trauten sich aber nicht, dies laut auszusprechen.
Toroman erschrak, als er eintrat. „Herrin, ich bringe euch euren Abendtrunk“, sagte er, doch die Worte erstarben fast in seiner Kehle, denn der Schreck schnürte ihm regelrecht den Hals zu: Siltonia saß in ihrem Lehnstuhl, wie sie es zu dieser Zeit immer zu tun pflegte, doch ihr Gesicht war totenbleich, und ihre Hände zitterten. „Danke, mein lieber Junge“, sagte sie noch mit so schwacher Stimme, daß ihre Worte kaum zu hören waren, dann versuchte sie, sich aus ihrem Stuhl zu erheben, sackte dabei aber in sich zusammen und fiel zu Boden. Toroman stürzte sogleich in das nur wenige Türen entfernte Zimmer, in dem Andovar seine Abende zubrachte und rief seinen Meister herbei.
Andovar folgte seinem Schüler mit größter Eile in das Gemach seiner geliebten Frau, doch er konnte ihr nicht mehr helfen. Siltonia lag auf dem Boden, versuchte noch, sich wieder zu erheben, doch alle ihre Anstrengungen waren vergebens, immer kraftloser waren ihre Bewegungen, und ihre Augen trübten sich ein. Verzweifelt und unter Tränen sahen der große Zauberer und sein Lehrling mit an, wie Siltonia vor ihren Augen starb. Ein letztes Mal noch erhob sie sich, wobei ihre linke Hand leicht zitterte, dann sank sie in sich zusammen, und ihr Blick wurde starr.
Andovar wich die ganze Nacht hindurch nicht von der toten Siltonia. Unterdessen begannen die Bediensteten und Handwerker, die im Schloß arbeiteten, unter Toromans Leitung damit, einen gläsernen Sarg für ihre verstorbene Herrin zu fertigen. Als dieser schließlich vollendet war, wurde er in einem Kellergewölbe des Schlosses aufgestellt, das nun zu Siltonias letzter Ruhestätte werden sollte. Endlich trugen Andovar und Toroman Siltonia auf einer Bahre in jenes Gewölbe hinunter und betteten sie in den Glasarg.
Weinend küßte Andovar seine tote Frau auf die Stirn und sagte dabei: „Oh, meine geliebte Siltonia, all meine Zauberkünste sind nicht viel wert, denn auch mit ihnen habe ich dich nicht retten können. Doch ich will mein Wissen um die Magie so lange erweitern, bis ich einen Weg finde, dich ins Leben zurückzurufen, und dies soll die wichtigste Aufgabe meines weiteren Lebens sein.“ Er benetzte sie mit einem Zauberwasser und fuhr fort: „Dieses Wasser wird deine Schönheit bewahren, bis zu dem Tag, an dem ich meine Aufgabe erfüllt habe.“ Toroman sprach kein Wort, doch aus seinen Augen quollen die Tränen im Übermaß.
Das Leben auf dem Schloß veränderte sich nun sehr. Wo früher Heiterkeit geherrscht hatte, wohnten nun Trauer und Düsternis. Andovar sprach nur noch wenig, aß kaum und verließ nur selten sein Arbeitszimmer; wie früher wurden noch immer Hilfesuchende im Schloß empfangen, doch zumeist war es nun Toroman, der sie begrüßte, und für gewöhnlich war er es auch, der sich dann ihrer annahm; nur in den seltenen Fällen, in denen seine Zauberkünste nicht ausreichten, verließ Andovar das Schloß und griff selbst ein. Ansonsten aber verließ der große Magier nur selten das Gebäude und niemals den Schloßgarten. Oft suchte er Siltonias Gemach auf, das in genau jenem Zustand, in dem es an ihrem letzten Lebtag gewesen war, belassen wurde. Dort verbrachte er dann häufig mehrere Stunden in völliger Stille.
Doch nicht nur Andovars Kummer war grenzenlos, auch Toroman litt sehr. Er hatte die Schloßherrin verehrt, und es gab keinen Raum in dem prachtvollen Gemäuer, in dem er nicht auf irgendeine Weise an sie erinnert wurde. Toroman wußte wohl, daß die Erinnerungen an einen Verstorbenen zu den kostbarsten Schätzen der Hinterbliebenen zählen, doch in jenen Tagen der Trauer vermehrten die Erinnerungen eher noch sein Leid, da sie ihn den erlittenen Verlust um so mehr spüren ließen. Auf dem Balkon sah er immer Siltonia, die dort gern den Sonnenaufgang betrachtet hatte, vor sich stehen; im Festsaal hörte er ihre Schritte, wenn er sein Mahl einnahm, hatte er das Gefühl, ihre Stimme zu vernehmen. Und immer wieder stieg er hinab in das Kellergewölbe, wo Siltonia in ihrem gläsernen Sarg lag und zu schlafen schien, und legte Blumen, die er im Schloßgarten gesammelt hatte, neben den Sarg. Besonders litt er aber auch darunter, daß er dennoch sein Leben mit Fleiß und Hingabe weiterführen mußte: gern hätte er es seinem Meister gleichgetan und sich auch hinter seinem Gram verschanzt, doch die Sorgen der vielen Hilfesuchenden, die das Schloß aufsuchten, waren dafür zu brennend, und auch seine magischen Studien duldeten keinen Aufschub. Und auch die Nächte linderten sein Leid nicht: er war dann zwar ungestört, doch immer wieder sah er vor seinem inneren Auge Siltonias letzte Momente; nur allzuoft fand er keinen Schlaf und wanderte unruhig in dem riesenhaften Gebäude umher.
Die trostlose Stimmung, die Besitz vom Schloß ergriffen hatte, übertrug sich auch auf die Bediensteten, und im Laufe der Zeit zogen sie schließlich einer nach dem anderen aus, bis Toroman mit seinem Meister allein das Gemäuer bewohnte. Auch die seltener werdenden Gäste spürten die Veränderung, und so wurde das einstige Schloß der Güte schon bald das Schloß der Stille und schließlich das Schloß der Trauer genannt.
Auch Andovar und sein getreuer Schüler sprachen nur noch wenig miteinander; oft nahmen sie gemeinsam ihre Mahlzeiten ein, ohne ein Wort zu sprechen, und verbrachten ihre Tage ansonsten in ihren Zimmern. Manchmal bat Andovar Toroman allerdings, ihm etwas auf der Harfe vorzuspielen, so wie er es früher für Siltonia getan hatte, und doch gab es einen großen Unterschied: während die Schloßherrin früher gern sanften, heiteren Melodien gelauscht hatte, wünschte Andovar nun, daß sein Lehrling ihm mit traurigen Klängen die einsamen Stunden verkürzte. Ansonsten sah auch Toroman seinen Meister, der noch immer verzweifelt nach einem Zauber, mit dem sich Tote wieder zum Leben erwecken ließen, suchte, immer seltener.
Schließlich war auch der junge Magier bestrebt, möglichst viel Zeit außerhalb des Schlosses zu verbringen, da er mehr noch als den dort allgegenwärtigen Erinnerungen dem Zustand auswegloser Trauer, der nun das ganze Schloß erfaßt hatte, entkommen wollte. So pflegte er zunächst den Schloßgarten; später trat er auch öfters Studienreisen an, um sich von anderen Zauberern unterrichten zu lassen, denn sein gramgebeugter Meister hatte ihm zuletzt nur noch wenig beibringen können. Mitunter glaubte Toroman, daß es auch für Andovar gut wäre, einmal das Schloß für längere Zeit zu verlassen, doch auf entsprechende Andeutungen hatte der gealterte Magier so mißmutig reagiert, daß Toroman davor zurückschreckte, seinen Gedanken klar auszusprechen. Und so gingen die Tage in dem vereinsamten Schloß dahin.
Eines Abends kehrte Toroman von einer seiner Reisen zurück, und obwohl er sehr müde war, wollte er sich nicht schlafen legen, ohne zuvor noch Andovar besucht zu haben. So suchte er zunächst das Arbeitszimmer seines geliebten Meisters auf, fand die Tür aber verschlossen. Schüchtern klopfte Toroman an, ohne daß jemand geantwortet hätte. Schließlich trat er beherzt ein, fand das Zimmer aber leer. Auf dem Tisch lagen aber noch zahlreiche aufgeschlagene Zauberbücher. Toroman sah hinein und erkannte sogleich, daß Andovar wieder nach einer Möglichkeit gesucht hatte, Tote ins Leben zurückzurufen. Doch wo war nun Andovar? Nach kurzem Überlegen wurde dem jungen Magier klar, daß es nur eine mögliche Antwort gab.
Er stürzte hinunter ins Kellergewölbe, in dem sich Siltonias Sarg befand. Und wie er es erwartet hatte, fand er hier auch seinen alten Lehrmeister. Andovar lag neben dem Glassarg, den er geöffnet hatte, er wirkte gebrochen und völlig erschöpft. In dem Sarg lag Siltonia, nach wie vor ohne einen Hauch von Leben. Blitzartig begriff nun Toroman, was geschehen war: der alte Zauberer hatte wohl geglaubt, einen Weg, seine geliebte Siltonia wiederzubeleben, gefunden zu haben, doch der Versuch war wohl fehlgeschlagen und hatte ihn seiner letzten Kräfte beraubt.
Toroman versuchte, Andovar aufzurichten, doch sein Lehrer schien es kaum zu bemerken. Mit brechenden Augen murmelte er leise „Siltonia“. „Meister, verlaßt mich nicht“, rief Toroman unter Tränen aus, doch schon im nächsten Augenblick wich der letzte Funke Leben aus Andovar.
Der verzweifelte junge Zauberer benetzte Andovar mit dem gleichen Wasser, mit dem dieser selbst einst die tote Siltonia beträufelt hatte und schützte so auch seinen Körper vor dem Verfall; dann fertigte er, diesmal ganz ohne Hilfe, einen gläsernen Sarg an, der dem, in dem Siltonia ruhte, in allem vollkommen gleich war.
Schließlich bettete er seinen toten Meister in diesen Sarg, den er neben den Siltonias gestellt hatte, so daß die beiden Liebenden nun nebeneinander in dem dunklen Gewölbe lagen; stumm sprach er seine letzten Abschiedsgrüße für Andovar. Dann schmückte er das Gewölbe mit den herrlichsten Blumen aus dem Schloßgarten aus, nachdem er sie zuvor mit einem Zaubertrank, dessen Rezept seine eigene Erfindung war, behandelt hatte. „Dieser Trank wird dafür sorgen, daß eure Grabblumen niemals welken und immer frisch bleiben werden, mein Meister“, sprach er leise.
Nachdem er sein Werk vollbracht hatte, verließ er den Raum; dann verschloß er die Tür des Gewölbes mit einem Zauberspruch für immer. Nur er selbst hätte die Tür wieder öffnen können, doch Toroman beabsichtigte, niemals zurückzukehren. Schließlich befestigte er an der schweren Tür noch ein Schild, auf dem geschrieben stand:

Hier ruhen Siltonia und Andovar, der grosse Zauberer, für alle Ewigkeit in Liebe vereint.


Nachdem er seinem Meister so den letzten Dienst erwiesen hatte, schnürte Toroman ein Bündel mit seinen wichtigsten Habseligkeiten zusammen und verließ das Schloß, um bei einem anderen Zaubermeister seine Ausbildung zu beenden.
Toroman kehrte niemals zurück, doch das Schloß der Trauer steht, wie gesagt wird, noch immer in jenem Wald und ist nun ein riesenhafter Grabstein, der bis zum Ende aller Tage an Siltonia und Andovar, die ihr Leben lang durch eine einzigartige Liebe verbunden waren, erinnert.
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