Insomnia

OneshotAngst, Suspense / P18
OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
02.04.2017
02.04.2017
1
2475
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Insomnia


„Der Schlaf ist das Bild des Todes.“
- Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Laute Musik dröhnte seit Stunden durch die kleinen Lautsprecher, die in jeder Ecke des Raumes befestigt waren. Bisher verlief alles wie gewöhnlich. Der Soldat schwieg und saß bloß gegen eine der kahlen Betonwände gelehnt auf dem feuchten Boden.
Er hatte die Knie angezogen und war offensichtlich zum Sprung bereit, wenn sich unerwartet die Tür seiner Zelle öffnen sollte. Das würde sie allerdings nicht. Noch nicht. Noch war diese Phase der Ausbildung nicht beendet.
Unzufrieden sah er sich das langweilige Spektakel auf dem kleinen Überwachungsmonitor an. Die Kamera war in einem der Lautsprecher versteckt und filmte den Soldaten rund um die Uhr und das seit vier Tagen.
Seit genau sechsundneunzig Stunden. Der fünfte Tag brach in genau zehn Sekunden an und wieder würde der Soldat nur zwei Mahlzeiten am Tag erhalten, eine morgens um sechs, die andere abends um sechs.
In den letzten zwei Tagen war der Schlafmangel sogar schon sichtbar geworden. Die Augen wurden kleiner und strahlten Feindseligkeit aus, der Körper angespannter und unbeweglicher. Insgesamt steigerte sich die Aggressivität der Atmosphäre in der Zelle.
Das spürte er sogar bis in sein Büro, in dem der Überwachungsmonitor aufgestellt war. Das wenige Gebaren des Soldaten sprühte diese Atmosphäre förmlich durch die Kabel bis in das Büro, das ein Stockwerk über der Zelle lag.
Als musikalische Untermalung hatten sie sich eine Mixtur aus kreischenden orchestralen Arrangements und Schreien echter Folteropfer ausgesucht. Hier sollte nicht bloß der Lärm an sich entscheiden, sondern auch die Art des Lärms spielte eine Rolle.
Seufzend lehnte er sich in seinem Drehsessel vor dem Schreibtisch zurück und strich sich über den kurzen Schnauzbart, um sich irgendwie zu beschäftigen. Die Wachschicht zu übernehmen war nicht besonders spannend, vor allem, da der Soldat seit vier Tagen nichts anderes tat, als dort auf dem Boden herumzusitzen.
Das Quietschen der sich öffnenden Bürotür in seinem Rücken ließ ihn erschrocken zusammenfahren und sich mit dem Stuhl Richtung Ausgang drehen. Ein Genosse stand dort, einer der recht neuen Hydra-Rekruten, die er noch nicht beim Namen kannte.
„Läuft die Musik noch?“ fragte sein unverhoffter Besuch und streckte ihm eine Akte entgegen, in der sie ihre Ergebnisse über das Verhalten des Soldaten sammelten. Sie hatten schon viel an ihm ausprobiert, einfach weil sie wissen wollten, wie sich Zolas Serum auf die verschiedenen Bedürfnisse des Körpers und des Geistes auswirkten.
„Ja, und sie bleibt an. Ich will wissen, wann er durchdreht. Er hält das jetzt schon ganz schön lange durch, finden Sie nicht?“ fragte er den Genossen, der als Antwort nur die Achseln zuckte.
„Keine Ahnung, hab mir keine Regelstatistik angeguckt. In einer halben Stunde bekommt er sein Abendessen, ich werde es vorbereiten“, sagte der junge Mann nun und drückte ihm die geschlossene Akte in die Hand.
Ohne Verabschiedung verließ der Mann sein Büro und schloss unsanft die Tür hinter sich. Ein typischer Soldat, genau wie er einer war. Und der Mann in seiner Zelle. Desinteressiert legte er die Akte zunächst vor sich auf den Tisch und sah noch ein paar Sekunden ungerührt auf den Bildschirm.
Nach einer weiteren ereignislosen Minute schlug er die Akte nun doch auf, auf der in großen kyrillischen Buchstaben „Эксперимент, спать“ stand. Langsam blätterte er etwas abgelenkt in den langen Listen und sonstigen Notizzetteln herum und blieb schließlich an einem Bericht hängen, der sogar noch in den Fünfzigern verfasst worden war.
Von dem Mann, der diesen Soldaten konditioniert hatte – Genosse Morosow.* Der ehemalige Speznas-Soldat hatte den Amerikaner gebrochen und neu aufgebaut. Ein rundum ausgetauschter Mensch, wenn man so wollte.
Sie hatten den Soldaten gelöscht und trainiert, gequält und ausgebildet. Sie hatten ihn mit Schmerzen und Folter gefügig gemacht. Mit psychischer Tortur und sonstigen Mitteln, mit denen man einen Menschen zu dem formen kann, was er am Ende sein soll.
Hier war es darum gegangen eine menschliche Waffe zu erstellen. In den Notizen Morosows las er nun ein wenig herum, bis er an einer bestimmten Passage hängenblieb.

***
Der Soldat weigert sich Nahrung aufzunehmen. Nach seinem ersten Einsatz mit menschlichem Ziel verändert er sich immer mehr und wird instabil. Sein Geist ist nicht mehr so leicht zu kontrollieren wie noch zuvor.
Amerikaner kommt immer weiter an die Oberfläche und versucht die Programmierung zu umgehen. Doch Folter macht ihn wieder gehorsam und ruhig. Zola drängt mich dazu, Alternative zu entwickeln.
Ich arbeite an einem Ausweg aus gefährlicher Lage.
***
Da brachen die Aufzeichnungen ab. Neugierig schlug er die gesammelten Zettel Morosows weiter nacheinander auf und suchte nach dem Ausweg, an dem der Mann gearbeitet hatte, um den Soldaten wieder in den Griff zu bekommen, falls er den Verstand verlor und auf die Wachen und Wissenschaftler losging.
Das war ihnen auch schon einmal passiert, doch war das schon fünf Jahre her. Seit den Fünfzigern hatte sich viel verändert, die Technik und auch die Waffen waren in den letzten zwanzig Jahren ausgereifter und letztendlich benutzerfreundlicher geworden.
Das spielte auch ihnen hier in die Karten, wenn sie ein so gefährliches Individuum in Gewahrsam hatten wie den Winter Soldaten, wie er seit seinem ersten Auftauen unter Zola genannt wurde. Der Schweizer war seit ein paar Monaten 'tot', aber das Schlafexperiment führten sie dennoch an dem Probanden durch, ganz im Sinne des Wissenschaftlers.
Endlich fand er einen Notizzettel, der vielversprechend aussah, was die Problemlösung Morosows anging.

***
Neue Programmierung hilft bei unkontrollierbarem Schub des Soldaten. Habe ihn zusammen mit Zola auf ein bestimmtes Wort trainiert, das ihn zur Ruhe kommen lässt. Aber offiziell ist es noch nicht in das Protokoll aufgenommen worden, mit dem die Wachen ausgestattet werden, um mit ihm zu arbeiten.
Wenn der Soldat instabil wird, muss nur Спутник genannt werden.
***
Mit dieser Information ausgestattet, löste er seinen Blick von den krakeligen Notizzetteln und legte sein Kinn in seiner Handfläche ab. Falls der Soldat also in ein paar Stunden oder vielleicht sogar erst Tagen durchdrehen sollte, weil er nicht schlafen konnte, dann wusste er aus erster Hand, was die Situation entschärfen konnte.
Wieso um alles in der Welt war dieses wichtige Detail noch nicht in ihr Verhaltensprotokoll aufgenommen worden, um die schlimmsten Missgeschicke verhindern zu können? Um Menschenleben der Genossen retten zu können?
Es war ihm unbegreiflich und er schnaufte einmal wütend, denn er konnte es wirklich nicht verstehen. Das hier entzog sich seinem Verständnis für Logik, aber er hatte innerhalb der Hydra-Hierarchie noch nicht viel zu melden, außer die Leitung dieses Experimentes hier.
Daran würde er in Zukunft etwas ändern, um die neue Information gebührend verarbeiten zu können. Ziemlich zufrieden mit sich selbst und seiner Entdeckung lehnte er sich in seinem Drehstuhl zurück und verschränkte die Hände auf dem Hinterkopf.
Sein Blick wanderte wieder zu dem Bildschirm auf seinem Tisch und er beobachtete nun sehr viel nervöser den Soldaten, der immer noch unbewegt auf demselben Fleck in seiner Zelle hockte wie in den letzten sechsundneunzig Stunden und dreißig Minuten.
Der Genosse, der ihm vorhin die Akte gebracht hatte, müsste auch gleich das Abendessen des Soldaten durch die Luke in der Tür schieben. Gebannt richtete er sich auf und sah den Soldaten stur an.
Und dann, obwohl er nicht mehr damit gerechnet hatte, erhob sich der Soldat ruckartig und stellte sich in die Mitte der Zelle, wo er für ein paar Sekunden verharrte. Dann sah er zu der Kamera, durch die er gerade beobachtet wurde, so als wüsste er, welche Einstellung er an seinem Schreibtisch gewählt hatte.
Erschrocken zuckte er mit seinem gesamten Körper von dem Schreibtisch weg und verfolgte jede der mechanischen Bewegungen des Soldaten, er zielstrebig auf den Lautsprecher zukam und ihn kurzerhand aus der Wand riss.
Der Bildschirm wurde schwarz und danach rauschte der übliche schwarz-weiß-graue sogenannte Schnee darüber. Panisch erhob er sich und zog sofort die Waffe, die er immer am Gürtel mit sich trug.
Er verließ sein Büro und stapfte durch die kahlen Flure, die ebenfalls aus Beton gegossen waren und begab sich in die untere Etage, in der gerade die laute Musik verstummte. Hektisch presste er sich mit dem Rücken gegen die nächste Wand und horchte in die Stille hinein.
Ein lauter Knall erschrak ihn und er umklammerte die Waffe noch fester, um sie ja nicht zu verlieren. Kurz darauf hörte er Glas zerspringen und auf den Boden fallen. Der Soldat hatte wohl die Lampen zerschlagen, die auf den Fluren an den Decken hingen.
In dem Weg, der seinen Flur kreuzte, ging auch das Licht aus und dann erklang ein lautes Scheppern, gefolgt von einem Schmerzensschrei, der seinesgleichen suchte. Ekel und auch Angst ergriffen nun Besitz von ihm und er schluckte einmal laut.
Viel zu laut für seinen Geschmack...
Doch es näherte sich niemand seinem Versteck, wie er zuerst befürchtet hatte. Vorsichtig entfernte er seine Taschenlampe, die er auch immer mit sich führte und leuchtete mit dem kurzen Lichtkegel um die Ecke, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Am Boden lag der Genosse, der ihm die Akte gebracht hatte und wohl gerade auf dem Weg war, das Tablett mit dem Essen beim Soldaten abzuliefern. Das hatte vorhin das Scheppern verursacht als es auf den Boden gefallen war.
Die Pampe, die sie ihm jeden Tag servierten, war ebenfalls überall verteilt und mischte sich nun mit dem Blut, das aus der Nase des Bewusstlosen oder vielleicht auch Toten auf den Betonboden lief. Heftig atmend ließ er den Kegel der Taschenlampe weiter durch den Flur huschen und hoffte dadurch den Soldaten aus seinem Versteck zu locken.
Quälend lange Sekunden vergingen und das Adrenalin flutete unaufhörlich seinen angespannten Körper, der sich immer noch ununterbrochen gegen die Wand presste, so als würde sie nachgeben und einen geheimen Fluchtweg preisgeben.
Irgendwann hallten klatschende Schritte durch den Flur und er leuchtete aus Reflex in die ungefähre Richtung, aus der er die Geräusche nun vernahm. Er blendete den Soldaten direkt, der sich nur die silberglänzende, mechanische Hand vor die Augen hielt und weiter auf ihn zu lief.
Die Augen reflektierten das Licht und er konnte erkennen, dass ihm da gerade ein Ungeheuer entgegenkam. Ein Monstrum, das bereit war zu töten, um hier raus zu kommen oder, um zu schlafen...
Die Schritte näherten sich weiter und kamen direkt vor ihm zum Stillstand. Er beleuchtete die nackten Füße, die von dem nassen Betonboden etwas aufgequollen waren. Plötzlich wurde er am Hals gepackt. Es war die Metallhand, die seine Kehle zu zerquetschen drohte.
Mit letzter Kraft versuchte er zu sprechen und das Codewort zu sagen, das er vorhin in Morosows Aufzeichnungen gefunden hatte, doch kamen erst nur krächzende analphabetische Laute aus seinem Mund.
Irgendwann hatte er so viel in dem Griff gezappelt, dass er wieder etwas mehr Luft bekam und mit seinen Händen griff er nun nach der Prothese des Soldaten. Die Waffe und die Taschenlampe waren auf den Boden gefallen.
Спутник“, röchelte er stimmlos und sofort lockerte sich der Griff des Soldaten um seinen Hals. Ungebremst fiel er zu Boden und ging auf die Knie, um sich in Ruhe an den Hals zu greifen, der ununterbrochen schmerzte.
Es hatte funktioniert. Der Soldat tat ihm nichts mehr an, sondern blieb reglos vor ihm stehen, um ihn von oben herab anzusehen. Immer noch angsteinflößend, aber nicht mehr angriffslustig. Er hatte es geschafft.
Und nun wussten sie auch, was Schlafmangel bei dem Soldaten auslöste – eine unkontrollierbare Mordlust, die einer Bestie zugeschrieben werden konnte. Doch wussten sie ebenfalls, wie sie die Kontrolle zurückbekamen.
„Geh zurück in die Zelle und stell dich mit dem Gesicht zur Wand“, befahl er, nachdem er die zehn Worte gesagt hatte, die Morosow ebenfalls erdacht hatte, um den Soldaten zu programmieren. Das Experiment würde nun weitergehen.
Und schlafen dürfte der Soldat erst, wenn er darum bettelte – was er nicht durfte.
Das würde interessant werden.

* Dieser werte Herr wird euch in einem anderen Projekt ausführlicher vorgestellt werden, das am Dienstag hier im Fandom veröffentlicht wird. Ein kleiner Foreshadowing-Moment, wenn man so will ;)

Anmerkung: Eine kleine Szene aus den 1970ern, in der ich dieses Experiment am Winter Soldier ansetzen wollte. Das Codewort, um das es hier geht heißt einfach „Sputnik“ und fungierte laut den Comics tatsächlich als ein Safeword, wenn man so will. Allerdings ist der Winter Soldier dort sogar bewusstlos geworden, wenn es angewendet wurde. Unser OC könnte diesen Effekt noch herbeiführen, wenn man den Gedanken mal weiterspinnt.
Rückmeldung zu dieser Idee hier würde mich natürlich auch interessieren – ich zähle auf euch ;)

LG, Erzaehlerstimme
Review schreiben