Morgengrauen

von Ilcuvi
OneshotDrama, Freundschaft / P12
Leo Roland
30.03.2017
30.03.2017
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Nach langer Abstinenz habe ich doch mal wieder eine kleine Szene geschrieben, die ich gerne mit euch teilen möchte, weil es ruhig noch mehr Fanfiktions zum Club der roten Bänder geben könnte. Sie spielt am Ende der Folge "Die Expedition" (Folge 3) der 1. Staffel.
Über konstruktive Kritik, Meinungen oder auch nur Austausch zu dieser Szene freue ich mich natürlich sehr!

Gewidmet ist diese Geschichte Il Re dei Ladri, weil sie es letztendlich war, die in mir den Wunsch nach dieser Geschichte geweckt hat, und weil ohne sie der Kontrast zwischen Leos Gedanken und dem beginnenden Tag vielleicht gar nicht entstanden wäre.

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Morgengrauen


Als er die schnellen Schritte einer Nachtschwester das dritte Mal ihrem Zimmer vorbei eilen hörte, gab er auf. Es war sinnlos. Er würde es nicht schaffen, noch einmal einzuschlafen. Nicht heute. Nicht an dem Tag, an dem seine Chemotherapie wieder starten würde.
Müde rieb Leo sich die Augen und richtete sich auf. Hinter der regungslosen Silhouette seines Zimmergenossen Jonas konnte er durch die Lamellen am Krankenhausfenster sehen, dass der Himmel seinen dunkelsten Punkt bereits überwunden hatte. Der Tag, den Leo niemals erleben wollte, war doch hereingebrochen. Der Tag, an dem seine vierte Chemotherapie beginnen würde.
Chemo... Schon wenn er das Wort nur dachte, hatte er das Gefühl, dass sein Magen sich zusammenkrampfte und die Luft im Zimmer unglaublich stickig wurde. Scheiße! Hätte er sich doch nicht überreden lassen! Er war sich so sicher gewesen, das nicht noch einmal mitzumachen: die Schmerzen, die Übelkeit, das Ausgeliefertsein, die Angst. Lieber ein Ende von allem als das!

Doch sie hatten ihn überredet. Verdammt raffiniert waren sie dabei vorgegangen. Eine Expedition: Pah! Spuk auf der 5. Etage: Kinderkacke! Von Anfang an war ihr Ausflug nur ein Plan gewesen, um ihn umzudrehen, ihn zu überzeugen, den ganzen Scheiß noch einmal mitzumachen. Und er war darauf hereingefallen.
Er hatte einfach nicht mehr gekonnt, als sie ihn in den Chemoraum gebracht hatten. In den Raum, in dem er so viele schlimme Stunden verbracht hatte und der immer noch Teil mancher Alpträume war. Da waren sie aus ihm herausgekrochen: seine Angst und seine Verzweiflung. Da hatte er sich so hilflos und verletzlich und klein gefühlt, wie zuletzt bei der Beerdigung seiner Mutter.
Und in diesem Moment waren sie da gewesen: seine Freunde. Sie hatten ihn angesehen, als könnten sie ihn verstehen. Und sie hatten ihm zugesichert, für ihn da zu sein. Sie hatten ihm versprochen, ihn nicht allein zu lassen, nicht einen verdammten Moment der kommenden Chemo.
Und da war er eingeknickt. Die Anteilnahme seiner Freunde und ihr Versprechen, bei ihm zu sein, hatten ihn an diesem Ort, an dem er ganz schwach war, weich werden lassen.
Und dann hatten sie auch noch das Bild gemalt. Das Bild! Sie Sechs, ihr Club, verbunden durch das rote Band! Es war herrlich gewesen, es an die Wand zu sprühen. Ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung, weil es verboten war, weil es etwas war, dass die Erwachsenen, die Ärzte und Pfleger, nicht erlaubten, weil es nicht zu diesem Ort passte. Dabei hatte er sich ihnen so nah gefühlt: Emma, Jonas, Toni und auch Alex, der kurz vorher auf sein Zimmer zurückgekehrt war, und Hugo, dessen Idee das ganze angeblich gewesen war.
Und dann hatte schließlich er zugestimmt, die Chemo zu machen.

Scheiße! Was für eine bescheuerte Idee! Wie hatte ihm das passieren können?!
Wütend schlug Leo die Faust auf seine Bettdecke. Er würde Jonas jetzt sagen, dass sie das Ganze vergessen konnten. Er würde keine weitere Chemotherapie machen!
Seine Augen waren bereits so sehr an das nicht mehr ganz dunkle Licht gewöhnt, dass er erkennen konnte, dass Jonas ihm zugewandt schlief. Er würde ihn jetzt wecken und ihm sagen, woran sie waren. Entschlossen setzte er sich auf und schob sein gesundes Bein über die Bettkante.
Jonas würde es verstehen, bestimmt würde er es verstehen, bestimmt. Doch zunächst würde er ihn ansehen... Verständnislos. Dann vielleicht ärgerlich. Und Emma! Sie würde wütend werden. Oder traurig? Toni. Alex. Hugo. Sie alle wären jedenfalls schrecklich enttäuscht. Enttäuscht, dass ihr Plan nicht geklappt hat. Enttäuscht vielleicht von ihm.
Er fuhr sich mit der Hand über den kahlen Kopf. Verflixt! Das konnte er nicht tun! Er konnte seine Zusage nicht zurück nehmen! Wegen ihnen.
Um irgendetwas zu tun, das ihn von seinen eigenen Gedanken ablenkte, stand Leo auf und hüpfte zum Fenster. Die letzte Nacht war stürmisch gewesen, aber der neue Tag schien ein guter zu werden. Das Nachtgrau der Morgenstunden bekam im Osten langsam einen rosa Anstrich. Er lehnte die Stirn an die kühle Scheibe. Jetzt ließ das dunkle Glas ihn vor dem grauen Himmel sein eigenes Spiegelbild sehen. Es würde bestimmt ein Tag werden, an dem die Menschen außerhalb des Krankenhauses gerne rausgingen. Ein Tag der Luft und der Sonne. Ein Tag zum Leben.
Doch für ihn, Leo, würde es ein Tag im Chemoraum werden. In einem Raum, der trotz des Bildes an der Wand für ihn ein Raum des Leids blieb. In wenigen Stunden würde er dort sitzen oder liegen, auf einem Bett oder auf einer Liege. Gefesselt durch eine kleine Nadel in seinem Arm und einen dünnen Schlauch an eine Plastiktüte mit einer unscheinbaren Flüssigkeit. Ein Folterinstrument, das sich Tropfen für Tropfen den Weg in seinen Körper bahnen würde. Und er würde nichts tun können. Nichts tun können außer zu ertragen: den Schmerz, die Übelkeit, die Würdelosigkeit. Dieses beschissene Ausgeliefertsein! Nichts konnte man dagegen tun, nichts war man mehr.
Wütend wischte er sich eine Träne aus dem Auge. Auch dabei war er sicher gewesen, dass er es nie wieder tun würde: wegen einer Chemotherapie anfangen zu weinen. Und jetzt war es schon das zweite Mal, dass er dieses Vorhaben nicht einhielt. Aber er konnte es nicht ändern. Er hatte Angst. Er hatte so eine verdammte Angst!
Sie würden bei ihm sein, sie hatten es ihm versprochen. Doch in seinem Körper würde er trotzdem allein sein, das wusste er. Es gab Dinge, die konnte man mit niemandem teilen, so sehr man es auch wollte.
Er wischte sich noch einmal übers Gesicht und zwang seinen Blick vom Fenster weg zurück zu Jonas. Doch, immerhin, sie würden da sein. Die ganze Zeit. Alles würde schrecklich sein wie immer, aber er wäre nicht allein. Das machte einen Unterschied. Es würde trotzdem schrecklich werden, aber es machte einen Unterschied. Und an der Wand würde das Bild prangen, das sie gemalt hatten, und ihn die ganze Zeit daran erinnern, dass sie einander hatten. Emma, Jonas, Alex, Toni und Hugo. Seine Freunde. Der Club der roten Bänder.
Die roten Bänder waren ein Zeichen für gewonnene Schlachten. Er selbst hatte es sich lange so vorgestellt. Er musterte die verbliebenen zwei Bänder an seinem Handgelenk. Es lag wieder einmal eine Schlacht vor ihm. Wenn er diese auch gewann, wäre der Sieg nicht allein errungen. Vielleicht hätte er selbst sogar am wenigsten dazu beigetragen. Seine Freunde hatten für ihn gekämpft. Wenn die Schlacht gewonnen wurde, dann nur wegen ihnen.
Er atmete einmal tief durch. Seine Freunde. Sie würden bei ihm sein.

Wieder eilte eine Schwester an ihrem Zimmer vorbei. Irgendwo brauchte ein Mensch Hilfe. Im Krankenhaus brauchte so oft ein Mensch Hilfe und wenn jemand sie nachts brauchte, war es besonders dringend.
Das mochte Leo an den Nächten nicht. Man wusste immer genau, wenn es irgendjemandem in der Nähe schlecht ging, und wenn man nicht wieder einschlafen konnte, gab es wenig, was die Gedanken davon ablenken konnte.
Der Sechzehnjährige guckte auf den Wecker seines Zimmergenossens und seufzte. Es würde noch ein paar Stunden dauern bis es losgehen würde.
Er konnte doch nicht noch so lange darauf warten, dass es losging! Dabei würde er noch wahnsinnig werden! Verzweifelt presste er seine Handflächen gegen die Stirn.
Dann fiel sein Blick wieder auf Jonas, der friedlich schlief. Vielleicht könnte er... Er zögerte. Seine Freunde würden ihm die nächsten Tage so viel beistehen, da hatte Jonas wirklich noch ein paar Stunden Ruhe verdient. Aber das hieße, dass Leo seine Angst noch eine ganze Weile allein ertragen müsste und das konnte er einfach nicht. Nein, das konnte er nicht. Er brauchte einen Freund. Jetzt!
„Du, Jonas, hast du Bock, mit mir Karten zu spielen?“
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