Ich lass dich nicht allein...

KurzgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Abby Maitland Captain Becker Connor Temple Jess Parker
26.03.2017
26.03.2017
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Vor ihr zwei geifernde Raptoren. Hinter ihr eine steil herab senkende Klippe. Dicht neben ihr eine Anomalie, die in eine prähistorische Epoche führte. Kreidezeit, wie sie vermutete.

Zitternd setzte sie einen Schritt zurück. Wäre sie doch heute nur zu Hause geblieben, oder hätte wenigstens ein EMD und ihr Handy mitgenommen. Beides lag noch im Auto, nur wenige Meter von ihr entfernt. Eine kurze Spanne, die nun unerreichbarer den je erschien. Sie wollte doch nur einen kurzen Spaziergang machen.

Hierher kam sie immer, wenn sie abschalten wollte. Schon seit ihrer Kindheit diente dieser Ort als ihr persönlicher Rückzugsort. Kaum eine Menschenseele traf man hier an. Das dies jemals ihr Ende bedeuten sollte, damit hatte sie nicht gerechnet. Und auch jetzt kam es ihr noch so irreal vor. Ein Wimmern drang über ihre rot geschminkten Lippen.

Lauernd kam einer der Raptoren näher. Speichel tropfte bereits aus seinem Maul, während er ihr die rasiermesserscharfen Zähne präsentierte. Grollend folgte der etwas Größere. Bald wäre es also vorbei. - Jess lächelte melancholisch. - Und sie würde nie mehr die Gelegenheit haben Becker ihre Gefühle zu gestehen.

Und was wurde aus Abby? Bei wem würde sich die hübsche Blondine zukünftig über Connor beschweren? Dieser tollpatschige Chaot… Jess hatte sie alle gleich vom ersten Moment in ihr Herz geschlossen. Sie waren so etwas wie eine Familie für sie. Sollte es das denn nun wirklich gewesen sein?

Entschlossen schüttelte sie den Kopf. Nein, das durfte einfach nicht sein. Nicht heute. Nicht hier. Und erst recht nicht so! Unruhig huschte ihr Blick umher. Die Situation schien ausweglos. Das grollende Knurren des vorderen Tieres ließ sie zusammen zucken. Es würde nicht mehr lange dauern. Der Jäger hatte seine Beute bereits in die Enge getrieben. Es wurde Zeit es zu erlegen. Jess zitterte bei dem Gedanken daran. Sie wollte nicht als Saurier-Futter enden. Ausgestorbene Tiere sollten keine Menschen fressen. Das war unnatürlich, einfach nicht richtig.

Und plötzlich setzte das Tier zum Sprung an und Jess traf eine Entscheidung…

»Es tut mir leid.«

Ihr letzter Gedanke. Dann sprang sie.



Sie lief. Immer weiter. Immer schneller. Hauptsache nicht stehen bleiben, nicht umdrehen. Ihr ganzer Körper schmerzte, doch es war ihr egal, drang nicht endgültig in ihr Bewusstsein. Sie wusste nur eins: Sie musste weg von hier. Immer weiter weg von den tödlichen Kreaturen, die ihr gefolgt waren. Die perfekten Jäger. Ob sie noch hinter ihr her waren? Jess wollte es nicht wissen. Nur am Rande registrierte sie ihre Umgebung.

Hochgewachsene Bäume. Unbekannte Sträucher. Alles schien ihr so fremd, doch gleichzeitig auch so vertraut. Das war sie also: Eine der längst vergessenen Welten der Geschichte. Ein lange schon ausgestorbenes Ökosystem. Zumindest im Glauben der restlichen Menschheit. Vielleicht hätte sie doch auf ihren Vater hören sollen, als er ihr nahe legte medizinische Fachangestellte zu werden. Wäre sie nicht schon völlig außer Atem hätte sie wahrscheinlich aufgelacht, so verschob sie dieses Vorhaben jedoch auf einen späteren Zeitpunkt.

Ihre müden Beine führten sie schließlich zu einem großen Baum, der die Anderen noch um weiten überragte. Seine raue, teils abstehende Rinde und die dicken Äste eigneten sich hervorragend zum klettern, was sie mit ihren letzten Kraftreserven auch sogleich in die Tat umsetzte. Bloß nicht nach unten sehen, sprach sie sich stets zu. Ihre Höhenangst versuchte sie dabei so gut wie möglich auszublenden, bis sie oben ankam und sich auf einem der Äste niederließ, sich dabei so eng wie möglich an den Stamm drückte. Vorsichtig wagte sie einen Blick nach unten und ihre Entscheidung geriet plötzlich ins straucheln.

„Oh Gott. Was habe ich getan?“

Eine einzige Träne perlte aus ihrem Augenwinkel, während sie sich ihrer Situation bewusst wurde. Sie würde hier sterben. Warum hatte sie sich nicht gleich fressen lassen, bevor sie hier allmählich zu Grunde ging? Jess war keine große Überlebenskünstlerin, das hatte sich bereits damals im Feriencamp unter Beweis gestellt. Von was sollte sie sich nur ernähren? Fisch? Aber sie war doch Vegetarier. Welche Pflanzen waren giftig und welche konnte man essen? Und würde sie jemals heil von diesem Baum herunter kommen, um sich überhaupt Nahrung suchen zu können?

„Warum rettet mich den Niemand?“

Die Antwort lag klar und deutlich auf der Hand. Niemand wusste, wo sie sich befand. Heute war doch ihr freier Tag gewesen. Sie wollte eigentlich in die Stadt zum Shoppen gehen, wollte sich dort mit einer ehemaligen Schulkameradin treffen. Wahrscheinlich würde sie enttäuscht sein, wenn Jess nicht erschien und auch so kein Lebenszeichen von sich gab. Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie diesen Gedanken wieder. Sie hatte nun weitaus schlimmere Probleme.

Selbst wenn sie von ihrem Versteck herunter kommen würde und die Raptoren fort wären und die Anomalie noch offen wäre, so würde sie diese dennoch nicht erreichen. Sie kannte den Weg doch nicht mehr, hatte sich hoffnungslos verlaufen. Das war es also. Sie hatte ihr Ende selbst besiegelt…





„Jess!“, rief Abby laut nach ihrer Freundin.

Ihr Stimme klang immer verzweifelter, während sie auch Connor und Becker nach der quirligen Rothaarigen suchen hörte. Sie musste doch hier irgendwo sein, schließlich stand ihr Auto hier.

„Vielleicht ist sie durch die Anomalie gegangen.“

Matt klang besorgt, auch wenn er sich nach außen hin nichts anmerken ließ.

„Das würde Jess nie tun“, machte Connor auf sich aufmerksam. „Sie weiß, wie gefährlich das ist.“

„Vielleicht hatte sie einfach keine andere Wahl. Wir wissen doch gar nicht, ob etwas durch gekommen ist.“

Emelys Worten hatte Niemand mehr etwas entgegen zu setzen. Noch verzweifelter als vorher blickte Abby auf die Anomalie. Nein, das durfte einfach nicht sein. Jess war dem einfach nicht gewachsen. Zwar hatte sie sich damals gegen die Zukunftstiere im ARC wacker geschlagen, aber da hatte sie wenigstens Lester an ihrer Seite gewusst und sie hatten Waffen. Auf der anderen Seite hätte sie nichts davon bei sich. Auch Kampferfahrung hatte sie keine vorzuweisen. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde sie keinen Tag überleben. Daran, das es bereits zu spät sein könnte, verschwendete die Blondine keinen Gedanken.

„Wir müssen etwas unternehmen“, meldete sich Connor erneut zu Wort. „Wir können sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.“

Er wollte Niemanden mehr verlieren. Tom. Steven. Cutter. Bald hätte es sogar Abby erwischt. Waren das nicht bereits genug Opfer? Wie viele würde ihre Arbeit denn noch fordern? Er hatte sich geschworen, das so etwas nie wieder vorkommen würde. Und wenn er dabei selber drauf ging, dann sei es so, solange es in dem Wissen geschah, das er Jemanden dabei retten konnte. Es ging einfach nicht mehr. Er konnte nicht länger tatenlos herum stehen und zusehen, wie die Anomalien seine Freunde nach und nach umbrachten. Noch einmal stand er das nicht durch. Entschlossen drückte er auf den Knopf, sah wie die Anomalie sich wieder öffnete.

„Was hast du vor?“

Aufgelöst war Abby neben ihn getreten. Er sah Angst in ihrem Blick, weswegen er ihr ein aufmunterndes Lächeln zukommen lies.

„Ich muss-“

Bevor er seinen Satz jedoch beenden konnte, sackte er plötzlich in sich zusammen. Ihr Blick glitt zu dem Pfeil, der halb in seinem Hintern steckte. Suchend schaute sie sich nach dem Schuldigen um. Becker hatte die Waffe noch immer im Anschlag.

„Ich bin für eure Sicherheit verantwortlich. Wenn Jemand durch die Anomalie geht, um nach Jessica zu suchen, dann bin ich das.“

Matt nickte dem Soldaten einvernehmlich zu.

„Beeil dich. Wir halten hier solange die Stellung. Wenn sich die Anomalie schließt, bist du auf dich alleine gestellt.“

Becker nickte. Dem Risiko war er sich durchaus bewusst, doch auch ihm lag viel an der Navigatorin. Sie gehörte zu seinen engsten Freunden. Freundschaft… Bevor er das Militär verließ und zum ARC wechselte, hatte er bereits schon vollkommen vergessen was dieses Wort wirklich bedeutete. Erst durch Abby, Connor und all den Anderen wurde er sich dessen wieder gewahr. Freundschaft war das, was sie alle miteinander verband. Es war ihre ganz persönliche Luft, die sie zum atmen benötigten. Und wenn irgendetwas geschah, so wussten sie alle, das sie sich aufeinander verlassen konnten. Und Jess war eben solch ein Teil von ihnen. Sie verließ sich auf sie, stand wahrscheinlich gerade Todesängste durch. Ohne weiter darüber nachzudenken wagte er den entscheidenden Schritt.

Prüfend blickte er sich um. Kein Lebewesen weit und breit. Ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, das vermochte er nicht zu beurteilen. Jedenfalls war er auf alles gefasst. Eventuell wurde er sogar schon beobachtet. Ruhig, aber aufmerksam, streifte er durch das meterhohe Gras, welches den Boden fast gänzlich überwucherte. Sein Ziel war der Wald, der sich direkt vor ihm befand. Wenn Jess irgendwo Schutz gesucht hatte, dann sicherlich dort. Die Waffe vor sich haltend ging er weiter. Ein Rascheln hinter ihm. Er wurde also verfolgt. Sich nichts anmerken lassend setzte er seinen Weg Schritt für Schritt fort. Hoffentlich fand er Jess bald und hoffentlich war sie wohlauf. Er hatte nämlich nicht vor länger als nötig an diesem Ort zu bleiben. Immerhin hatte er definitiv andere Vorstellungen eines Urlaubszieles.

„Jessica“, flüsterte er leise den Namen der Gesuchten. „Wo steckst du nur?“

Und plötzlich sah er etwas rotes in der Ferne aufleuchten. Die Stirnrunzelnd ging er geradewegs darauf zu, ignorierte das erneute Rascheln hinter ihm. Was auch immer ihn verfolgte, es griff ihn vorerst nicht an. Es spielte mit ihm. Ein Spiel, auf welches er nicht vorhatte sich einzulassen. Dann erreichte er den erblickten Gegenstand. Es war ein Schuh. Sofort schrillten in ihm jegliche Alarmglocken. Er kannte nur eine Person, die solche grellen Mordwerkzeuge trug. Jess!

Aufmerksam sah er in alle Richtungen, schaute sogar hinauf in die Bäume, doch nirgendwo fand er auch nur eine Spur von ihr. Ich gebe nicht auf, sprach er sich gedanklich zu. Sie ist nicht tot, wiederholte er immer wieder wie ein Mantra. Zumindest bis er einen zischenden Laut hinter sich vernahm. Schnell sprang er zur Seite und wich nur knapp dem Angriff eines ausgewachsenen Bagaaratan. Etwa drei Meter groß. Definitiv ein Fleischfresser. Und ebenso definitiv stinksauer, das es sein Mittagessen wagte sich gegen ihn zu aufzulehnen. Dennoch war sich Becker sicher, das das nicht das Tier gewesen war, welches ihn verfolgt hatte. Eine Drei-Meter-Echse hätte er wohl kaum die ganze Zeit übersehen können.

Fauchend stürmte diese wieder auf ihn zu. Er hatte kaum Zeit seine Waffe einzusetzen, als er auch schon unerwartete Hilfe bekam. Zwei Raptoren. Beide stürzten sich gleichzeitig auf den viel größeren Gegner. Er hätte nie gedacht einmal diese Killermaschinen zu seinen Freunden zählen zu werden. Dennoch beschloss er lieber schnell das Weite zu suchen, bevor sie mit dem Großen fertig waren. Er war nicht so der Typ fürs Dessert. Zum Glück waren die Raptoren gerade zu sehr abgelenkt, um sein Verschwinden zu bemerken.

Während er weiter ziellos durch das dichte Geäst des prähistorischen Waldes streifte, warf er an einer unbedachten Stelle seinen Blick in den Himmel. Die Sonne schien bereits unterzugehen. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Wenn er Jess nicht bald fand… Kopfschüttelnd wandte er diesen Gedanken schnell wieder ab. Daran wollte er einfach nicht denken. Er konnte nur hoffen, das die Anomalie bis zu seiner Rückkehr offen blieb.

„Jess!“, rief er nun laut in den Wald hinein.

Ihm blieb keine Zeit mehr. Ihnen beiden nicht. Wann hatte er sich das letzte Mal so hilflos gefühlt?

„Jessica!“

Leise hörte er etwas aus der Ferne. Es klang wie… Sein Name! Schnell sprinte er in die Richtung des Geräusches, darauf hoffend es sich nicht nur eingebildet zu haben. Immer schneller wurden seine Schritte, immer hektischer ging sein Puls.

„Becker! Ich bin hier oben!“

Atemlos blieb er stehen, schaute in die Krone eines alten Baumes, dessen majestätisches Astwerk sich gigantisch dem Himmel empor streckte. Er wusste, in welch ernster Lage sie sich noch immer befanden, dennoch konnte er sich bei Jess Anblick ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es war erleichtert und belustigt zu gleich. Schnell verschwand diese Regung wieder und machte seiner gewohnt neutralen Mine Platz.

„Es wird alles gut. Du kannst jetzt ruhig runter kommen.“

Hektisch schüttelte die Rothaarige den Kopf, klammerte sich mehr an den dicken Stamm, als sie es ohnehin schon tat. Seufzend band er sich die Waffe auf den Rücken.

„Soll ich wirklich erst hoch kommen?“

„Ich...ich habe Höhenangst“, flüsterte sie mit weinerlicher Stimme, jedoch so laut, das er es auch verstehen konnte.

Besorgt sah er zu ihr hinauf. Dafür hatte sie sich aber ein denkbar schlechtes Versteck gesucht, wenn auch ein ziemlich gutes. Zumindest vor kleineren Tieren, die zudem keine besonders guten Kletterer waren.

„Keine Angst. Ich weiß, das du das schaffst und wenn du fällst, dann fange ich dich auf. Versprochen.“

Noch immer nicht ganz überzeugt nickte sie ihm schließlich zaghaft zu und atmete tief durch. Langsam wandte sie ihm den Rücken zu und setzte vorsichtig einen Fuß auf den unterliegenden Ast. Nachdem sie sich versichert hatte, das dieser auch wirklich stabil war, folgte auch gleich darauf der zweite Fuß. Langsam arbeitete sie sich so voran, bis sie plötzlich den Halt verlor und abrutschte. Einen erschrockenen Aufschrei ausstoßend kniff sie fest die Augen zusammen und erwartete einen schmerzhaften Aufprall, stattdessen landete sie ziemlich weich, wurde gleichzeitig von zwei Armen umschlossen. Becker hatte sein Versprechen nicht gebrochen. Etwas anderes hätte sie auch nicht erwartet.

„Nicht das ich dieser Stellung abgeneigt wäre, aber dafür ist gerade nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt.“

Verwirrt öffnete sie wieder die Augen und sah Becker ins Gesicht. Erst jetzt wurde ihr bewusst, das sie gänzlich auf ihm drauf lag. Eine feine Röte zeichnete sich auf ihren Wangen ab, während sie sich schnell wieder aufrappelte und etwas Abstand nahm.

„Becker, ich-“

Angesprochener schüttelte nur den Kopf.

„Später. Jetzt müssen wir erst einmal zurück zur Anomalie.“

Dieses Vorhaben gestaltete sich wesentlich einfacher, als angenommen. Kein einziger Dinosaurier begegnete ihnen auf ihrem Weg. Nicht mal ein Pflanzenfresser. Misstrauisch zog Becker die Augenbrauen zusammen. Wenn er eins bei der Armee gelernt hatte, dann das man dem Frieden in solch einer Situation keineswegs trauen darf. Es war die bekanntliche Ruhe vor dem Sturm.

„Jess, bleib dicht neben mir und wenn ich dir sage, das du laufen sollst, dann tust du das. Verstanden?“





Unruhig lief Abby hin und her, dabei immer mal wieder auf die zum Glück noch bestehende Anomlie werfend. Sie war mittlerweile mit Connor alleine. Matt und Emely wurden wegen einer zweiten Anomali von Lester abkommandiert. Die beiden Soldaten, die sie zu ihrem Einsatz begleitet hatten, waren ebenfalls mitgegangen. Nun war es an dem Technik-Genie das Zeitportal zu sichern. Abby war viel zu nervös dafür. Ob Becker Jess schon gefunden hatte? Ging es beiden gut? Waren sie gar schon auf dem Rückweg? Und warum zum Teufel funktionierten die Funkgeräte durch die Anomalien nicht? Das Warten machte sie bald wahnsinnig.

Es waren nun schon fast zwei Stunden vergangen, seit Becker verschwunden war. Wer wusste schon, wie lange Jess darin fest saß… Sie hoffte so sehr, das alles ein gutes Ende nehmen würde. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, die Navigatorin nie wieder zu sehen. Sie war doch ihre Freundin. Wenn nicht sogar ihre Beste. Es musste ihr einfach gut gehen. Plötzlich begann die Anomalie leicht zu wackeln. Schnell ging Connor ein paar Schritt zurück, während Abby sofort an seiner Seite war. Beide hatten ihre Waffen im Anschlag. Nun war Professionalität gefragt. Ein Fehler könnte ihr beider Ende bedeuten.

Als sie jedoch sahen was, beziehungsweise wer aus der Anomalie kam, lösten sich ihre Sorgen sofort wieder auf. Doch nur für einen kurzen Moment. Beckers Mine sah alles andere als glücklich aus und auch Jess wirkte ziemlich abgehetzt.

„Connor. Anomalie. Schnell!“

Sofort kam der Computerspezialist diesem eindeutigen Befehl nach und drückte sofort auf den Knopf der bereits positionierten Schließanlage. Gerade noch rechtzeitig, wie der Soldat erleichtert feststellte. Entspannt sanken seine Schultern herab.

Es war nicht vorhersehbar gewesen, das in der Nähe der Anomalie ein Carcharodontosaurus und ein Gigantorsaurus einen Revierkampf austrugen, ebenso wie nicht zu erahnen war, das die Beiden in Aussicht auf eine Portion leckeres Menschenfleisch plötzlich Freundschaft schlossen. Das war der Moment gewesen, als er Jess befahl zu rennen. Sie sollte sich in Sicherheit bringen, während er die Riesenechsen ablenkte. Leider hatte die Rothaarige schon immer ihren eigenen Willen gehabt.

„Ich lass dich nicht alleine“, hatte sie ihm zugerufen, dabei zusehend, wie einer der beiden Dinosaurier immer näher kam.

Die Raptoren waren ihr eindeutig lieber gewesen, das sah man ihr nur all zu deutlich an. Pure Panik lag in ihrem Blick. Eine Gefühlsregung die sich nur noch mehr steigerte, als sie sah, wie der Gigantosaurus Becker immer näher kam, seine großen spitzen Zähne ihn nur um Haaresbreite verfehlten. Dann wurde sie sich jedoch ihrer eigenen Gefahr bewusst. Der Carcharodontosaurus war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Jess handelte instinktiv. Noch einmal würde sie nicht davon laufen. Nur noch einmal würde sie tapfer sein müssen, dann wäre sie endlich wieder zuhause.

Die Aussicht auf ein heißes Bad ließ sie neuen Mut fassen. Entschlossen sah sie sich um, bis ihr Blick auf das EMD auf dem Boden fiel. Das Trageband war zerrissen, sodass Becker es wohl verloren haben musste. So schnell sie konnte stürmte sie auf die Waffe zu, spürte dabei wie die Erde unter ihr bebte. Das gigantische Tier kam immer näher. Es war nur eine Frage von Sekunden, bis es sie erreicht hätte. Noch im vorbeirennen schnappte sie sich die Waffe, drehte sich um und feuerte direkt ab. Nur dem Glück hatte sie es wohl zu verdanken, das sie das Urzeitmonster direkt ins Maul traf.

Benommen sank es zu Boden, doch Jess wusste, es würde nicht lange so ruhig bleiben. Jedoch nutzte sie diesen Moment zu ihrer Flucht in Richtung der Anomalie, wohl wissend das Becker ihr folgen würde. Pech nur das sein Gegner noch immer topfit war. Jetzt konnten sie nur darauf hoffen, das auf der anderen Seite jemand auf sie wartete. Jemand, der den Zugang sofort versperren würde…

„Jess“, wurde sie sofort stürmisch von Abby in die Arme genommen. „Jage uns ja nicht noch einmal so einen Schrecken ein.“

Entschuldigend lächelte sie die Blondine an.

„Tut mir leid, ich… Es erschien mir irgendwie klüger einen Kurztrip zu machen, als mich fressen zu lassen.“

Lachend klopfte ihr Connor von hinten auf die Schulter.

„Und? Erreicht es die Top-Ten der favorisierten Reiseziele?“

„Ich bevorzuge da eher Sand, Strand und keine Dinosaurier“, gab sie ihm grinsend eine Antwort, bevor sie sich Becker zuwandte.

Der Soldat schien noch immer ziemlich erschöpft. Erst jetzt fiel ihr sein zerrissenes Shirt und das Blut an seinem Arm auf. Erschrocken sog sie tief einen Schwall Luft ein.

„Du bist verletzt.“

Besorgt trat sie näher, um sich die Wunde genauer ansehen zu können, doch Becker entzog ihr den Arm, während ein Lächeln über seine Mundwinkel zuckte.

„Das ist nur ein Kratzer. Die Hauptsache ist doch eher, das es dir gut geht, Jess.“

Ihr Name aus seinem Mund löste schon wie all die Male davor ein Kribbeln in ihrer Bauchgegend aus. Wenn sie es ihm doch nur endlich sagen könnte. Doch plötzlich schien ihr Mut verflogen. Wieder einmal. Ein deprimiertes Seufzen drang aus ihrer Kehle, ehe sie sein Lächeln gezwungen erwiderte.

„Mir geht es gut. Dank dir. Ohne dich wäre ich ver-“

Ihre Worte wurden jedoch von ein paar weicher Lippen gestoppt, die sich auf einmal auf ihre legten. Beckers Lippen. Sein Geschmack war genauso wie sie sich ihn immer vorgestellt hatte. Herb und süß zugleich. Genüsslich schloss sie die Augen, wollte diesen Moment für immer festhalten. Connors Stimme war es schließlich, die sie zurück ins Hier und Jetzt beförderte.

„Abby, damit schuldest du mir 20 Doller. Ich wusste doch, das unser Captain nicht ganz so abgebrüht ist, wie er immer tut.“

Auch Becker schien diese Worte ganz genau vernommen zu haben, funkelte er den Jüngeren doch ziemlich angriffslustig an, als er sich langsam wieder von ihren Lippen löste. Um diese Angelegenheit würde er sich allerdings erst später kümmern. Jetzt hatte etwas oder eher gesagt jemand anderes oberste Priorität. Und dieser Jemand stand genau vor ihm und sah ihn ganz verträumt an. Lächelnd legte er ihr eine Hand auf die Wange, streifte sanft mit dem Daumen darüber, um etwas Schmutz zu entfernen.

„Hast du Lust mal mit mir essen zu gehen?“
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