NIMUKA MONOGATARI 3 : Die Beschlüsse des Sommers

von Nimuka
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12
Balsa Nimuka Prinz Chagum Shuga Tanda Torogai
23.03.2017
23.03.2017
5
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DAS VERGESSENE TAL (Tal der Tremiar, Kanbal Nord)

1. Das Opfer der Göttin
Verschiedene Überlegungen bewogen Balsa zu dem Entschluss das Hochplateau der Tremiar aufzusuchen. Zum einen nahm es ihre neuen Schützlinge Ranat und Puki aus dem direkten Einflussbereich Kanbals und somit aus dem unmittelbaren Schussfeld der Namenlosen, zum Andern war das Hochtal nur in den Sommermonaten zugänglich und des Weiteren hörte man nicht eben Gutes aus der Gegend. Die Tremiar waren ein zahlenmäßig kleines Volk, das sich vor Urzeiten um den großen Salzsee, auf der nördlichsten Hochebene, angesiedelt hatte und hauptsächlich vom Salzhandel lebte. Sie waren nicht direkt Kanbal unterstellt und sandten, obwohl verwandt, keinen Ersten Speer an den Hof. Sie galten als rückständig; seit alters her lebten sie relativ isoliert ohne sich in den Lauf der Geschichte einzumischen.
Im Gegenzug und auch wegen der Unzulänglichkeit der Region, im Nordosten hatte Kanbal es nie vollständig unterworfen. Niemand verstand sich zudem besser auf die Salzgewinnung als sie und Salz war mehr als bloßes Genussmittel – es war lebenswichtiger Nahrungsbestandteil. Insofern verschaffte sich Kanbal durch die Kontrolle der meisten Zugangswege einen entscheidenden Vorteil im Zwischenhandel und konnte die Preise der Tremiar – als Alleinabnehmer gering halten, während sie im Handel mit Neuyogo und Lota saftige Gewinne erzielten. Die Tremiar selber fristeten in ihrer Abgeschiedenheit ein karges Dasein und waren für ihre mürrische Verschlossenheit bekannt. Sie hingen einem alten Glauben an, der ihnen große Opfer abverlangte, und böse Zungen behaupteten, dass sie bei ihren Zeremonien mehr, als nur Bergziegen geopfert würden.
Um ihre Unabhängigkeit zu gewährleisten, hatte Balsa ein Zelt gekauft, das nun samt Gestänge auf dem Rücken des, ebenfalls frisch erstandenen, Maultiers gepackt ruhte. Geduldig trottete das Tier neben Ranat her, während der kleine Puki – sichtlich entzückt – obenauf saß und Balsa schweigend voranging. Als sie im unteren Teil des Passweges der ins Hochtal führte, am Wachturm mit den Kanbalwachen gelangten, schauten diese sie scheel an: «Ihr wollt tatsächlich da hoch?!», knurrte der eine sie an. Balsa nickte nur knapp. «Bringen neue Gedanken!», warf Ranat mit seiner sanften Stimme ein, während seine Augen funkelten. «Denkbar ungünstig», blaffte sie der Zweite an. «Die feiern in den nächsten Tagen das große Opferfest, da werdet ihr als Fremde kaum zugelassen sein! Mit den Tremiar ist nicht zu spaßen, denkt an das Kind!», warnte der Soldat «Wichtige Zeit gut! Überraschung!», sagte Ranat unbeirrt. Der Dritte der bisher geschwiegen hatte, trat hinzu «Seid ihr nicht die berühmte Balsa, ihr müsstet es besser wissen!» Die Anderen blickten sie erstaunt an. «Gerade deshalb bin ich doch mit dabei», gab sie lakonisch zurück. Jener zuckte mit den Schultern. «Wir haben euch gewarnt, wenn ihr da oben Ärger kriegt – wir können Euch nicht helfen.» Balsa verbiss sich – in Anbetracht der hageren Wachen – eine zynische Bemerkung, grüsste knapp und gab das Zeichen zum Weitermarsch. Jene brummten etwas Unverständliches und schüttelten die Köpfe. Nachdenklich sahen sie ihnen nach.
Der Weg führte im Zickzack in immer felsigeres Gelände, je höher, desto häufiger waren Stufen in den blanken Fels gehauen und desto steiler wurde der Anstieg. Die ohnehin schon klare Luft schien sich nochmals zu klären und noch dünner zu werden. Obwohl Ranats Atem schwerer ging, hielt er spielend mit. Zum Sonnenhöchststand hatten sie es geschafft. Der Pass mündete einige hundert Meter oberhalb der Talsohle in das Hochtal und gab nun den Blick über die leuchtende Ebene und den milchiggrünen Salzsee frei. Trotz dessen, dass die Sonne hier einen Dunstschleier trug, der vermutlich vom See herrührte, schien die Ebene im Licht zu glühen und ein erstaunlich warmer Wind trug einen salzigen Geruch zu ihnen hinauf.
«Schönes Land, aber hart leben hier», bemerkte Ranat in seinem gebrochenen Kanbal. Balsa nickte. Die Winter dauerten lange hier und letztlich vermochten die Tremiar nur durch den Salzhandel, oder besser, mit dem, was sie durch ihn einzutauschen zu überleben. «Fast eine Allein-Ordnung, interessant!», meinte Ranat nachdenklich und Balsa fragte sich, was genau er damit meinte. «Wie wollt ihr vorgehen», fragte sie ihn,  «willkommen werden wir kaum sein.» Ranat nickte «Hier alte Gedenkstätte von Göttin Tal», er deutete auf einen aufgeschichteten Steinaltar, an dem einige verblichene Fähnchen flatterten. «Hier warten. Tremiar Frau wichtig, kommen», ließ er gelassen von sich verlautbaren. Balsa runzelte die Stirn – was wohl das wieder zu bedeuten hatte? Eine Weile warteten sie stumm. Ranat kniete sich vor den Steinaltar und schien eine Bitte zu machen. Balsa zuckte die Schultern und setzte sich etwas erhöht hin und blieb wachsam.
Plötzlich stand Ranat auf und deutete über die Ebene. «Seht! Da kommen!» Balsa bemerkte sie nun auch. Sie sah Ranat irritiert an. Über wie viele Sinne verfügte dieser Mann?! – Zwei Gestalten näherten sich rasch in ihre Richtung, sie hatten es offensichtlich eilig. Nach einer Weile erkannte sie, dass es sich um ein Kind und einen Erwachsenen handelte. Anfänglich schien es, als würden die Beiden auf den Pass zuhalten, doch plötzlich, schon ziemlich nahe, bogen sie links ab und fielen in Laufschritt. Gleichzeitig war weit hinter ihnen eine kleine Staubwolke auszumachen – ein Reiter der sich im Galopp näherte – vermutete Balsa. Offenbar versuchten sich die Zwei ihm zu entziehen, denn sie hielten plötzlich eilig auf die Felsformationen zu, die links von ihrem Standort an eine zerfurchte Wand anschlossen. «Nicht gut!» sagte Ranat bestimmt und schien nachzudenken. Einen Moment verschwanden die zwei im toten Winkel unterhalb ihrer Felsnase, tauchten wieder auf, suchten sich hastig einen Weg durch die Felsen und begannen in einer Rinne die Wand hoch zu klettern. Balsa war alarmiert, die Zwei gingen ein erhebliches Risiko ein! Der Fels hier war bröcklig und vom Salzwind zerfressen.
Ihre Finte schien anfänglich aufzugehen, denn der Reiter hielt weiter auf den Pass zu, doch plötzlich hielt er abrupt an, sah sich um, wendete das Pferd und hielt schnurstracks auf die Beiden zu. Vor den Felsen sprang er vom Pferd und kletterte ihnen behände nach. Seine Faust umschloss einen großen Bogen, am Rücken trug er einen Köcher gefüllt mit Pfeilen. Hier schien eine ernste Angelegenheit im Gange, schloss Balsa und der Hergang gefiel ihr nicht. Von ihrer Warte aus konnten sie allerdings nicht allzu viel unternehmen, solange die Flüchtigen die Felswand nicht überwunden hatten, die linkerhand an einem Plateau, etwa auf ihrer Höhe endete. Fieberhaft überlegte sie, die Zwei hatten in etwa die Mitte der Felswand erreicht, unter ihnen erklomm der Verfolger einen aufragenden Felsblock und zog einen Pfeil aus dem Köcher. Er rief ihnen etwas zu und als keine Antwort zurückkam, legte er an. Die beiden klebten wehrlos an der Wand und beschleunigten ihr Vorankommen. Für einen geübten Schützen gaben sie ein leichtes Ziel ab, Balsa packte der Zorn, das war glatter Mord! Der Pfeil schnellte vom Bogen, ein Aufschrei in der Wand, legte die Vermutung nahe, dass er getroffen hatte. Die Zwei befanden sich noch einen knappen Viertel unter dem Plateau. Der Erwachsene schien getroffen, hielt sich aber oben. Das Kind verharrte unter ihm. Der Schütze legte sich einen neuen Pfeil zurecht. Balsa ballte die Fäuste. «Ranat, schreit sofort los, irgendwie, lenkt ihn ab!», brach es aus ihr heraus, während sie mit einem Sprung beim Maultier war, Puki absetzte und ein Seil aus dem Gepäck holte. Ranat begann zu schreien – nein – er heulte regelrecht los wie ein Wolf und steigerte das Geheul zu einem grausigen Schrei eines Raubvogels, unnatürlich, unmenschlich, unheimlich. Balsa selbst, jagte es einen  Schauer über den Rücken. Das hätte sie dem feinen Ranat nicht zugetraut und verdammt laut war es dazu! Die Schreie hallten gespenstisch von den Felsen. Der Schütze wandte sich irritiert um. Ranat versteckte sich hinter dem Felsen und setzte das fürchterliche Geheul fort. Jener ließ den Bogen sinken. Balsa jagte über den Felsen und achtete sorgsam darauf, dass sie nicht gesehen wurde. Es war eine geraume Strecke, bis sie über den beiden Kletternden sein würde und natürlich würde es schwierig sein die richtige Stelle über ihnen zu treffen. Ranat heulte noch immer als sie einen Blick über den Abgrund wagte. Die Flüchtigen sah sie nicht, aber der Schütze stand nun mit dem Rücken zu ihr und schaute angestrengt Richtung Ranat hoch. Gerissen von ihm, dass er sich nicht zeigt, dachte Balsa anerkennend, nie hätte man erraten, dass es sich um einen Menschen handelte – für den Tremiar musste es sich eher wie ein Berg-Ungeheuer anhören. Balsa bückte sich grimmig, hob einen faustgroßen Stein hoch, zielte sorgfältig und warf. Obwohl der Winkel schwierig war, traf sie! Der Mann zuckte aufschreiend zusammen und griff sich ans Bein. Nun gab es kein Halten mehr, panisch wirbelte er herum, sprang vom Felsen und humpelte zu seinem Pferd. Ranat ließ ein hündisches Gelächter aufgellen, hysterisch und abgehackt – der Andere ritt unverzüglich, ohne sich noch einmal umzublicken davon. 
Da war es Balsa, als würde sie an der Stirn angerührt. Erstaunt blickte sie hoch, Puki war an den Rand der Felswand getreten und blitzte sie an, gleichzeitig deutete er schräg unter sie und Balsa verstand. Der Kleine ist fürwahr auch nicht auf den Kopf gefallen, dachte sie bei sich, er wies ihr die Position über den Zweien in der Wand. Sie bewegte sich weiter am Abgrund entlang bis ihr Puki 'Halt' bedeutete. Sie befestigte ein Seil um eine Felsnase und knüpfte zwei weitere an. Das lose Ende band sie an ihren Gürtel. Dann bewegte sie sich an den Abgrund und spähte hinunter. Ein leises Stöhnen unter ihr, bestätigte ihr, dass sie richtig lag, langsam ließ sie sich herunter, während sie mit den Füssen Halt an der Wand suchte.
Zuerst stieß sie auf den Verletzten. Zitternd krallte er sich am Felsen fest. In seiner Schulter steckte ein Pfeil. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Balsam erkannte, dass er recht jung war, ein Knabe von vielleicht sechzehn Sonnen erst. Unter ihm stand auf einem Felsvorsprung ein halbwüchsiges Mädchen. Mit großen Augen starrte sie Balsa von unten an. Die Kleine saß fest, denn am Verletzten vorbei gab es kaum Tritte und Griffe. «Schaffst Du den Aufstieg alleine, wenn er weg ist?» rief sie ihr zu. «Glaub scho», kam es gepresst zurück.  «Rett’ mei’ Bruder!» fügte sie noch in ihrem seltsamen Tremiardialekt an.  «Halt durch!», wandte sie  sich dem Jungen zu. Er atmete flach, seine Augen waren verdreht. Es sah nicht gut aus. «Kannst Du mich hören?» Balsa griff an die Schulter des Jungen. Er gab nur ein Wimmern von sich. Balsa atmete durch, knapp konnte sie mit ihm auf dem Vorsprung stehen. Der Junge befand sich nahe der Agonie, von ihm konnte sie keine große Mithilfe erwarten. Sie band ihn – Gürtel an Gürtel – an sich fest, hatte einige Mühe seine festgekrallten Hände vom Felsen zu lösen, legte seine Arme über sich und band sie vor ihrer Brust zusammen. «Halt dich an mir fest!» wies sie ihn an. Sie spürte eine schwache Reaktion, der Junge drückte sich an sie, er schien zu begreifen. Zähne knirschend zog sich nun Balsa Meter für Meter hoch, das Seil schnitt ihr schmerzhaft in die Hände. Nach bangen, unendlich anstrengenden Minuten kam sie oben an und wurde von Ranat und Puki in Empfang genommen. Sie lösten den Jungen von ihr und legten ihn auf die Seite. Balsa rappelte sich hoch und wandte sich sofort wieder über den Abgrund. «Kommst Du hoch?» rief sie dem Mädchen zu. «Ig... ig weis nid...» kam es ächzend von unten. Langsam ließ sie eine Seilschlinge herunter «Ergreif das Seil, bind Dich fest!» rief sie ihr zu. Nach einer kurzen Zeit straffte sich das Seil «Passt!» drang es zu ihr hoch. Gemeinsam mit Ranat zogen sie nun das Mädchen hoch, griffen, als es in Sicht kam, nach seinem ausgestreckten Arm und hievten es über die Felskante. Endlich! Die ärgste Gefahr war vorüber.
Die Kleine stürzte sofort zu dem Verletzten, bei dem Puki schon kniete. «Maurotar, Bruder!» schluchzte sie und brach über ihm zusammen. Puki trat herbei, er berührte das Mädchen an der Schulter und es beruhigte sich zusehends. «Was hattet ihr vor?» drang Balsa in sie. «Wir wollt zur Stätt der Sumpa Takan...» sagte das Mädchen und schniefte. «Mei Bruder wollt mig rettn!» Balsa schaute sie fragend an. Sie hatte ein schönes, ovales Gesicht und hohe Wangenknochen, über denen schräg stehende, ausdruckstarke Augen leuchteten. Ihre dunkle Hautfarbe wies einen Stich ins Olive auf, wie es den alten Völkern zueigen war. «Ig bi die Irmin-Te!», sie presste die Lippen zusammen und schlug die schwarzen Augen nieder «Was Irmin Te?», schaltete sich nun Ranat ein und legte seine Hand auf die Schulter des Mädchens. «Ig bi die Auserwählt für die Sumpa-Takan, die Göttin des Salzsees. Morgen ist das große Takan-Fest, da... da geh ig ins 1000jährige Leb’.» Balsa begriff nicht, aber Ranat erfasste die Situation sofort. «Das heißen du werden geopfert?!» Die Kleine, sie mochte elf oder zwölf sein, nickte stumm und mit erstickter Stimme brach es aus ihr. «Aber mei Bruder sagt, das sei ne Lüg! Auch meng Ander denkt so im Dorf!» Balsa war schockiert, dann waren die Gerüchte also wahr! Die Tremiar opferten noch immer Menschen!!! «Deswegen wolltet ihr abhauen!» Das Mädchen weinte, aber es schüttelte den Kopf, «Nein, hatte Traum...»
«Wie dein Name, kleine Frau?», schaltete sich Ranat wieder ein.  «Ailin-Sin», kam es schwach von ihr. «Wir versprechen, Ailin-Sin, nicht geschehen das!», sagte Ranat tröstend und schaute Balsa fest an. Balsa runzelte die Stirn. Ja schön denn, da haben wir uns wieder was Schönes eingebrockt, dachte sie bei sich. «Trotzdem müssen wir zurück ins Dorf, dein Bruder wird sonst sterben, der Pfeil muss raus und die Wunde versorgt werden», sagte sie bestimmt. Puki hatte unentwegt seine kleine Hand auf der Stirn des Verletzten liegen und dieser schien sich mehr und mehr zu beruhigen. Sein Atem ging noch immer flach aber regelmäßig und seine Gesichtszüge entspannten sich.
Plötzlich schlug er die Augen auf, matt blickte er in die Runde. «Ig werd sowieso sterb’n, die Rekan-Pfeil sind mit saur’m Salz getränkt, es wird sich in meine Eing'weid fressen! Lasst mig hier und nehmt Ailin-Sin mit, verlasst das verflucht' Tal und kehrt nie mehr z’rück!», brachte er leise und erschöpft hervor. «Das keine Lösung», sagte Ranat sanft. «Wer sind die Leute im Dorf die Opfer nicht wollen?» Ailin-Sin war sichtlich erleichtert, als sie ihr Bruder bei Bewusstsein sah. Sie richtete sich auf und wechselte von Dialekt in ordinäres Kanbal: «Der Amar-Kah, er ist das Dorfoberhaupt, in seiner Sippe sind schon lange Stimmen gegen den Brauch der Irmin-Te laut, aber der Keropa-Sumpu, der Oberpriester der Göttin und seine Priesterkrieger, die Rekan – wie jener der uns verfolgt hat – sind zu mächtig. Maurotar schaltete sich wieder ein: «Sie droh’n die Sumpa-Takan nähm Rach, die Leut hab’n Angst. Wenn z’viel Regen fällt, fällt die Salzernt schlecht aus, dann bedeutet das Hunger im Tal!» «Hat der Amar-Kah keine... Soldaten, die auf seiner Seite stehen?» «Die Rantar, sie untersteh’n seinem Befehl, sie sind die Dorfwach’n, aber sie hab’n keine Giftpfeil. Auch der Wampa, unser Heiler, hasst die Sumpa-Priester, aber allein ist er schwach.» Maurotar brach erschöpft ab. «Ruhe Dich aus nun, wenn wir ins Dorf gehen, steht ihr unter unserem Schutz, dafür bürge ich» sprach Balsa fest. «Wir müssen dich zum Transport auf das Maultier laden, so kannst du nicht gehen» verkündete sie besorgt. Maurotar nickte schwach, «Seid auf der Hut, die schieß’n ohne Warnig!»
«Hören mich, Maurotar!» wandte sich Ranat nun eindringlich an ihn. «Niemandem erzählen von Pfeil!» Maurotar sah Ranat verständnislos an. «Schweigen! Verstehen du? Nachher begreifen!» Maurotar stimmte schließlich – wenn auch etwas verwirrt – zu. Auch Balsa war nicht klar, worauf Ranat raus wollte, aber dann entwarf er vor ihnen einen Plan, dem sie wider Erwarten einige Raffinesse zugestehen musste. Zum Schluss wies er sie an, mit Puki und Maurotar voraus zugehen, er müsse mit dem Mädchen an der Gedenkstätte noch etwas erledigen – wobei er sie im Unklaren darüber ließ, um was es sich handle. So luden sie den stöhnenden Maurotar auf den Rücken des Maultiers, während Puki strahlend auf den Schultern Balsas Einsitz nahm. Als Ranat Balsas Blick begegnete, lachte er trocken und sagte: «Er beisst nicht... nicht immer...» Balsa verdrehte die Augen und nahm – vollbeschäftigt mit ihrer Kundschaft – den Weg ins Tal unter die Füße.
Nach einem beschwerlichen Abstieg erreichten sie die Talsohle und nur kurze Zeit später wurden sie von Ranat und Ailin-Sin wieder eingeholt. Letztere schien eine geheimnisvolle Wandlung durchgemacht zu haben und wirkte auf einmal viel gefasster und irgendwie ‚erwachsener’ als noch eben auf dem Pass. Wenig später betraten sie alle gemeinsam die karge Salzsteppe, auf der nur vereinzelt zähe Büschel von Gras wuchsen und erreichten nach einer guten halben Stunde die Höhe des Sees. Die Luft hier, war ausgesprochen feucht und machte trotz der relativen Wärme klamm. Der Grund wurde alsbald offenbar. Am seichten Ufer des Sees waren in regelmäßigen Abständen knapp mannshohe Salzhaufen zur Trocknung gehäufelt. Die kurze Sommerzeit wurde eifrig zur Salzgewinnung genutzt. Der Weg führte geraume Zeit am weißen Ufer des Sees entlang, um dann sanft gegen das Dorf am Hang anzusteigen. Ranat hatte Anweisung gegeben, den Pfeil der in Maurotars Schulter steckte, sorgfältig zu verdecken. Noch etliche Entfernung vor den ersten Häusern trafen sie auf zwei Dorfwachen. Als jene an der Spitze der Gruppe Ailin-Sin erkannten, wurden sie ganz aufgeregt, kamen auf sie zu, warfen sich vor ihr nieder und riefen: «Geheiligte Irmin-Te! Ihr kommt zurück! Bewahrt uns vo der Rach der großen Sumpu-Takan! Ehr und Dank euch!» «Erhebt euch, Rantar!», wies das Mädchen sie kühl an, «ein Heiliger Mann aus einem fernen Lande hat mich im letzten Moment vor dem schrecklichen Bergdämon Wartarak gerettet! Er will dem Amar-Kah seine Aufwartung machen – meldet uns an. Mein Bruder wurde im Kampfe schwer verletzt, berichtet unverzüglich dem Wampa, er soll sich bereithalten. Und haltet uns die Rekan-Sumpu vom Leib, sie werden ihre Feigheit noch teuer bezahlen! Ruft alle Rantar zu unserem Schutze zusammen!» Die beiden Wachen rappelten sich auf, äugten neugierig nach Ranat und Puki und bedachten Balsa mit einem kritischen Blick. Dann machten sie kehrt und eilten Richtung Dorf vorbei.
Balsa prüfte beiläufig die merkwürdige Verfassung in der sich das Mädchen befand. Es wirkte plötzlich so unnahbar wie... wie eine Göttin! Doch je näher sie dem Dorf kamen, das zur Hauptsache aus einfachen Steinhütten bestand, desto wachsamer hatte Balsa zu sein. Einen hinterhältigen Pfeil wie Maurotar wollte sie nicht riskieren. Sie hielten sich denn auch dicht hinter Ailin-Sin, da diese durch ihren Status als Irmin-Te geschützt schien.
Das Haus des Wampas lag Eingangs Dorf und noch bevor ihnen Neugierige begegneten, bogen sie rechterhander der Hauptstrasse  zu dessen Haus ab und führten das Maultier mit Maurotar in den  Innenhof seiner Wohnstatt. Der Wampa, ein drahtiger, hochgeschossener Mann mit aufmerksamen Augen und feinen Händen empfing sie in einem einfarbigen Kleid und führte das Maultier in einen Stall. Mit einem traurigen Blick nahm er Notiz von dem Pfeil im Rücken Maurotars und half, den von der Reise halb Ohnmächtigen ins Haus zu tragen. Sie legten ihn behutsam auf ein Behandlungslager «Der Pfeil muss raus und die Wunde unverzüglich verarztet werden!» sagte Balsa angespannt. Der Heiler schüttelte den Kopf, «Dat is ein Rekan-Pfeil, der is mit saur'm Salz bestrichen, das Herausnehmen beschleunigt die Vergiftung nur, eine Rettig für ihn gibt's nich – morgen früh ist der Jung’ tot.» Ailin-Sin pflanzte sich vor ihm auf, «Ihr tut wie geheißen, ihr scheidt’ den Pfeil raus und verbrennt ihn sofort – einen solchen habt ihr nie gseh’n! Verstanden!?» Der Wampa sah sie verständnislos an. «Maurotar wurde von einem Wartarak angefallen, der hat ihm seine Krallen in die Schulter geschlagen, so lässt ihr die Wunde aussehen und nicht anders, auch wenn ihr sie näht, selbst wenn ihr sie ritzen müsst, verstanden!» «Aber Ailin-Sin...» wollte der Wampa widersprechen. «Keine Widerrede, ich bin die Irmin Te, tu, wie ich dir heiß Wampa, sonst musst Du büss’n!» herrschte sie ihn unverwandt scharf an. Der Wampa verstand zwar nicht mehr als vorher, aber er zog erschrocken den Kopf ein, verbeugte sich tief und sagte steif: «Entschuldigt, verehrte Irimin-Te, meine Respektlosigkeit, ich tue wie ihr befiehlt.» Ranat trat mit Puki vor, «Dieses Kind bleiben bei Verletzte, es helfen.» Der Wampa warf einen erstaunten Blick auf Puki. Dieser trat vor und lächelte. «Er Name Puki, stumm, nicht sprechen – aber verstehen schon!» erklärte Ranat sachlich. Der Wampa runzelte die Stirn, als er aber den Blick Ailin-Sins einfing, fügte er sich ohne Widerrede. Puki trat zu ihm und berührte seine Hand, dieser zuckte überrascht zurück und blickte Puki misstrauisch an. Balsa beobachtete es, feixte und konnte bestens nachfühlen. Wenigstens ging es andern genauso... Sie ergriff das Wort: «Wir schicken euch in Kürze zwei Rantar zum Schutze! Außer die Anwesenden lasst ihr niemand ins Haus! Wenn wir heute zurück kommen, wollen wir die Wunde sauber verpflegt sehen!» Der Wampa zuckte die Schultern, nickte aber. «Was soll ich sag’n, wenn die Tempa oder Rekan-Sumpa hier aufkreuz’n und Einlass heischen?» «Ihr handelt auf höchstes Geheiß der Irmin-Te, das Wohl des Tals steht auf dem Spiel!» «So is es!» bestätigte Ailin-Sin.
 Balsa, Ranat und Ailin-Sin traten wieder auf die Hauptstrasse und schritten Richtung dem Komunal-Haus der Tremiar; Gläubige und Neugierige säumten nun ihren Weg, huldigten der Irmin-Te, warfen sich vor ihr nieder, streuten Salz vor ihre Füße und riefen Dankesbezeugungen. Balsa war in höchster Alarmbereitschaft und hatte ihre Augen überall – der selbstsichere Auftritt Ailin-Sins und die erheischten Ehrbezeugungen vereinfachte hingegen die Überwachung. Vor der breiten Treppe des stattlichen Gemeindehauses mit verputztem Sockel und weiß getünchten Wänden standen eine Reihe von Rantar, den weltlichen Wachen des Dorfvorstehers, sie ließen sie auf Geheiß der Irmin-Te ohne Widerrede ein, welche zwei von ihnen ins Bilde setzte und zum Haus des Wampa ab beorderte. Sie nutzte die Allmacht die jeder Irmin Te am Vorabend ihrer Opferung gewährt wurde, voll zu ihrer aller Vorteil aus.
Im Innern erwartete sie in einem Prunkzimmer, das einem beschiedenen Thronsaal nachempfunden war, flankiert von den Verdienstvollen des Dorfes und etlichen Rantar der Amar-Kah. Der kräftige Mitvierziger, mit streng zusammen gebundenem Haar und Schnauzbart, saß aufrecht auf einem reich verzierten, vergoldeten Stuhl. Er trug eine tiefblaue Robe mit einfachen geschwungenen Silberfadenstickereien und weißen Fellsäumen. An seiner Brust prangte ein steinbesetztes Amulett und ebenso leuchtete an seinem schwarzen, in die Breite gefalteten Filzhut an der Stirn ein taubeneigroßer Luisha. Als die Irmin-Te mit den zwei Fremden den Raum betrat, hob er überrascht die Brauen, alle knieten sich unverzüglich nieder und berührten mit der Stirn den Boden und ebenso er tat – wenngleich auch zögerlich –  Anstalten vor dem Kind nieder zu gehen. Doch sie hielt ihn zurück: «Setzt eu, Amar-Kah, der Anschein eures Willens g’nügt mir, ig respektier eure Stellung als di maßgebend’ unsr’s Lands.» Ein Raunen ging durch den Raum und der Amar-Kah – sich wieder setzend – wirkte angenehm überrascht. Ailin-Sin holte Atem. Balsa befand, dass sie ihre Sache beidruckend gut erledigte. «Die Irmin-Te hat Gäst mitbracht, die sich heut für das Tal der Tremiar groß Verdienste g’macht haben!» fuhr sie fort. «Ich stell euch diesen heil'ge Mann, Ranat aus Indrakar vor, das Land, das weiter noch liegt als Chin.» Ranat trat vor und verneigte sich vor dem Amar-Kah, dieser nickte knapp während Ailin-Sin fortfuhr: «Und hier die Speerkämpferin Balsa, einz’ge Schülerin des vormaligen Erste Speers vo Kanbal, mit ehrvollen Verdienste für den Hof in Neuyogo.» Balsa legte ihren Speer zu Boden und verneigte sich ebenfalls vor dem Würdeträger. Die Irmin-Te reckte sich und sprach: «Ich bitt drei Sitz für uns b'reit zu stell’n, denn wir haben Wichtiges mitzuteilen!»
Der Amar-Kah machte ein Zeichen. Drei lederne Hocker wurden gebracht.  Sie setzten sich vor den Dorfvorsteher, Balsa, rechterhand und ihren Speer auf dem Fuße ruhend, überwachte aus dem Augenwinkel stetig die Türe schräg hinter ihnen. Der Amar-Kah ergriff das Wort: «Ig bi überrascht, gesegnet Irmin-Te. Heue Mittag meldet mir ein Tempa-Sumpu, ihre Heiligkeit sei mit ihrem Brud’r gefloh’n und hab mit ihrem unrein Handeln die Wohlg’sinnung der Sumpa Takan in Frag g’stellt und nu steht ihr in aller Ehr vor mir – wie muss ig das versteh’n?» Die Irmin-Te stand auf. «Der Priesterdiener hat euch falsch informiert. Mei Brud’r und ig sind NICHT gefloh’n. Heut Nacht erschien mir die Sumpu-Takan, als grüne Frau vom See im Traum und hieß mig am oberen Eingang des Tals, bei ihrer alten Gedenkstätte, Gebete zu verrichten. Mein Bruder hat mich dabei begleitet. Der Keropa-Sumpu hat uns schmählich misstraut und uns einen Rekan hinterher geschickt, ja er hat es sogar g’wagt euch seine traulose Vermutung als Tatsach hinz’stell’n! Der Wahrheit aber entspricht, dass wir an der Gedenkstätt von einem Wartarak ang’fallen worden sind und der Rekan feige g’floh’n ist, statt der Irmin Te zu Hilfe zu eilen, während mein Bruder wie ein Berglöwe mit dem Dämon gekämpft hat und nun mit aufgerissener Schulter beim Wampa liegt!» Ein Raunen ging durch die Reihen und Balsa staunte über die Art, wie Ailin-San ihre Worte wirken ließ. 
Wieder holte sie Atem: «Dann, wie ich wehrlos dem Bergdämon ausgeliefert war, eilten mir unsere Gäste überraschend zu Hilfe und während diese Speerkämpferin todesmutig den Wartarak in die Flucht schlug, bannte der Mann aus Indrakar den Bergdämon mit Heiligen Worten für immer in die Felswand oberhalb des Passes – ja seit dem heutigen Tag ist diese Gefahr für die Salzkarawanen für immer gebannt!.» «Wenn dem so ist, wie ihr sagt, haben sich die Fremden gleich doppelt Verdienste für die Tremiar erworben! Wir stehen tief in Eurer Schuld!», sagte der Amar-Kah sichtlich bewegt. «Wünscht ihr Salz zum Lohne zu nehmen oder kann unser bescheidenes Land euch eine andere Bitte erfüllen?» Ranat räusperte sich und lächelte, aber Balsa befand, es sehe eher so aus, als fletsche er die Zähne... «Danke Amar-Kah! Dienen ist unser Weg! Wir beschreiten ihn gerne. Das Feuer unserer Herzen soll eine Fackel für Jene in der Not der Finsternis sein. In diesem Sinne bitte ich euch, sorgfältig den Worten der Irmin-Te zu lauschen, welche nicht nur die Auserwählte der Göttin des Tales ist, sondern heute an ihrer Gedenkstätte ihre Stimme der Verkündigung vernehmen durfte! Das ist der eigentliche Grund, warum der Dämon erwacht ist, nämlich, weil just in diesem Moment, eine neue Zeit angebrochen ist und er zurück in die Verliese der Vorzeit zu kehren hatte!» Wieder ergingen sich die Anwesenden in Verwunderung und Balsa beobachtete fasziniert und angewidert zugleich das geschickte Ränkespiel, das Ranat in Szene zu setzten im Begriff war.
Gerade wollte Ailin-Sin ansetzten, da ertönte Lärm vom Eingang her, ein Gezeter ging los und innert einem Sekundenbruchteil schnellte der Speer Balsas in ihre Hand und sie war aufgesprungen. Gleichzeitig regten sich die Rantar, fassten entschlossen an ihre Schwerter und traten näher an der Amar-Kah heran. Umringt von schwer bewaffneten Rekan-Sumpu und gefolgt von zwei bleichen Gehülfen betrat ein kleiner Mann mit einem eigenartigen schwarzgelben Spitzhut, eine lange schwarzweiße Schärpe hinter sich herziehend den Raum. Die Anwesenden wichen ängstlich zurück und machten Platz für die Ankommenden.  «Wat geht hier vor?!» wetterte der Mann mit schneidender Stimme. «Wie kommt die befleckte Irmin-Te dazu – gar im V'rbund mit Fremd'n – ohne ausdrücklich Erlaubnis des Keropa-Sumpu vor der Versammlung zu sprech'n? Das ist Frevel im höchsten Grad! Die falsch Schlang ist ab sofort ihrer Ehrenstellung als Irmin-Te enthob'n. Nichts als eine unendlich lang Salzstraf wartet auf sie! Packt sie und werft sie in den Trog!» Der Hohepriester zischte und spie angewidert aus. Balsa war mit einem Schritt vor die erbleichte Ailin-Sin getreten und versperrte den zwei Rekan mit vorgehaltenem Speer den Weg.  «Die heilige Irmin-Te steht unter unserem Schutz, denn wir haben sie und die Ehre der Sumpa-Takan heute vor den Dämonen der Berge verteidigt!» «Wat erdreist' sich dat fremd Kanbal-Weib!» keifte der Keropa Sumpu, «Nieder mit ihr!» Die beiden Rekan stürzten unverzüglich mit ihren Lanzen heran, doch Balsa schlug ihnen mit einem einzigen kraftvollen Schlag die Waffen aus der Hand. Mit einem Sprung war sie vor dem empörten Priester. «Ein weiterer Angriffsbefehl von euch, Keropa Sumpu und mein Speer spaltet euch in zwei Hälften!» blaffte Balsa los. Totenstille herrschte augenblicklich im Raum. Ailin-Sin schüttelte ihren Schrecken ab und holte tief Atem «Wenn das rechtmäßige Oberhaupt der Tremiar seine Ehrengäste nun gebührend zu schützen gedächte!», ließ sie mit klirrender Stimme in die Stille fallen.
Der Amar-Kah machte ein Zeichen und seine Rantar schlossen links und rechts von Balsa an und bildeten einen geschlossenen Halbkreis um Ailin-Sin, Ranat und den Amar-Kah. «Ig muss scho sehr bitt'n Keropa Sumpu!», ließ nun dieser eine sonore Stimme erklingen, «aber ihr gefährdet die Sicherheit unseres Land's, wenn ihr die Ehre der Irmin-Te in Frage stellt. Wenn sie zur Flucht geschritten wäre, wie mir euer Tempan weismachen wollte, warum ist sie dann jetzt im Besitz einer Weissagung der Göttin zurück gekommen?» Der Amar-Kah schilderte den Vorfall bei der Gedenkstätte, wie er ihn von Ailin-Sin vernommen hatte. «Sie lügt!» bellte der Keropa, aber er zähmte seine Wut in Anbetracht der neuen Situation. «Könnt ihr es beweisen?», fragte ihn der Amar-Kah ruhig. «Ja», spie der Keropa schneidend aus. «Ihr Brud'r wird morg'n am Salzbrand sterb'n! Nämlich hat ein Rekanpfeil ihrer beid'r Flucht verhindert und die ganz G'schicht um den Wardarak und die wundersam Rettung durch die Fremd'n ist ne infam Lüg!» knurrte er. «Nu gut, Keropa-Sumpu», wägte der Amar-kah, «wenn morg'n ihr Brud'r am Salzbrand g'storben ist, mögt ihr nach eurem Gutdünk'n mit der Irmin-Te verfahr'n, wenn nicht, und er an der Opferfeier erscheint, möge die Irmin-Te in aller Ehr verkünd'n, wat sie von der Sumpa Takan vernomm'n hat; die Fremd'n bleib'n bis zu diesem Zeitpunkt unsere Gäste und unantastbar! Hiermit lös ig die Versammlung auf.» «Wie ihr befiehlt», zog sich der Keropa zerknirscht zurück. Ailin-Sin blickte besorgt zu Balsa, welche scharf beobachtete, wie sich der Raum langsam leerte. Nur Ranat, schien – wie immer – heitere Zuversicht auszustrahlen.
«Wo verbringt normalerweise die Irmin-Te ihre letzte Nacht vor der Opferung?» fragte Balsa Ailin-Sin. «Sie wird im Kreis ihrer Familie g'ehrt» gab diese zurück. «Bist Du in Sicherheit dort?»  Sie zuckte die Schultern, «Der Keropa wird sich kaum wag'n, nach diesem Dämpfer, ein Vorstoß zu start'n. Wieso sollt er auch, die Zeit arbeitet für ihn, Maurotar wird morg'n g'storb'n sein und alles is vorbei. Lieber wär ig da auch tot, als die Salzstraf zu erleid'n...» Ranat war hinzugetreten. «Fürchte nicht, Maurotar nicht sterben, versprochen!» Sie blickte ihn traurig an, «Noch niemand hat die Pfeil der Rekan überlebt», sagte sie entmutigt.  «Was ist die Salzstrafe?» forschte Balsa weiter. «Sie schneid'n Dir Wund'n, je nach Vergeh'n, eine oder viele, dann verbind'n sie sie mit Salz und Kalk.» Um Balsas Mund erschien ein harter Zug. «Je nach Schwer der Strafe, lass'n sie dich länger oder kürzer. Die Wunden heil'n nich, sie brenn'n nur immerzu und fress'n sich tiefer ins Fleisch, manchmal bis auf die Knoch. Früher oder später werd'n die Leute verrückt, sie vergessen alles was vordem war, sogar ihren Namen... Der Keropa-Sumpu lässt die härteren Typen, dann zu den Rekan ausbild'n...» Ailin-Sin brach ab. Betroffenheit machte sich breit. «Abscheulich! Darum sind sie so grausam!» stellte Balsa bitter fest. «Ja, ein Teil kennt uns gar nicht mehr, sie seh'n sich nach der Tortur als von der Salzgöttin Gezeugte, als eine Art Übermenschen.»
«All das aufhören», sagte Ranat,  «Vertrauen!» «Wie geht so eine Opferung von statten?» wollte Balsa weiter wissen. «Dat Zeremoniell findet in der Grossen Salzgrott statt. Dort ist die Quell des Sees; der größte Teil des Wassers fließt ins Tal und bildet den Grossen Salz-See. Aber ein kleiner Teil hat neb'n her in der Grott einen kleinen, aber tief'n Salzteich entsteh'n lass'n. Dort lieg'n all die Narmo-Te, die vorangegang’nen Opferkind im tausendjährig'n Schlaf der Glückseeligkeit. Dort werd'n mir morg'n die Tempo-Ta – die Steinschuh – ang'schnallt und ich werd über die Treppe, über die letzte Stuf in die Tiefe des Sees schreit'n und von der Sumpa Takan empfang'n werd'n.» Die Irmin-Te blickte zu Boden. «Wenn ig damit des Glück und Wohl meines Volk's gewähr'n kann... dann... dann tu ig das gern... aber... » «Niemand diesen Tausch wollen!» schüttelte Ranat energisch den Kopf. «Es ein Irrglaube sein, hat Regen deswegen immer schweigen?», fragte er Ailin-Sin herausfordernd. «Nei, aber da hat der Keropa-Sumpu behauptet, das Opfer sei nid rein g'nug g'wesen und hat deren Familie verflucht. Mei Sipp ist jetzt scho in höchst'r G'fahr, weil meine Ehre in Frage steht. Falls ein böser Regen das Salz wegschwemmt oder schon nur die Salzernt-Plätz überschwemmt, sind wir schuld! Deswegen leb'n all in Angst hier, jedes Jahr trifft's ne and're Sipp, nur die Priesterschaft muss nie ein Opfer stell'n! Aber er, der Keropa Sumpa, er steht in direkter Verbindung mit der Göttin, er weiß g'nau wat sie will...» Balsa schüttelte den Kopf, «Glaubst du wirklich, die Göttin, die für euch alle sorgt, stehe mit diesem boshaften Zwerg in Verbindung? Das sagt er nur, weil er damit seine Machtstellung halten kann.» Die Irmin-Te biss sich auf die Unterlippen. «Dasselb sagt auch Maurotar und viele and’re Jungs, aber ig... ig weiß nid... und die Alten, die hab'n sowieso Angst!» «Es wird aufhören, das verspreche ich dir!» sagte Balsa so fest entschlossen, dass sie selber von sich erstaunt war; «Geh nun zu deinen Eltern, beruhige sie, auch wegen Maurotar, wir werden vermutlich die Nacht beim Wampa verbringen. Wir sehen uns morgen! Wir geben Dir in der Früh Bescheid, Kopf hoch, Ailin Sin!»
Sie trennten sich und Balsa und Ranat begaben sich unverzüglich zum Haus des Heilers. Noch immer war Balsa auf alles gefasst und bewegte sich äußerst vorsichtig. Die beiden Rantar vor der Tür des Wampa, meldeten keine besonderen Vorkommnisse – das war schon mal äußerst beruhigend! Sie fanden den Wampa in seiner Küche vor, wo er einen starken Sud für die Wundheilung kochte. Maurotar schlief im Nebenzimmer auf einer Liege und – zu ihm hingekuschelt – lag überraschenderweise Puki. Der Wampa begrüßte sie skeptisch. «Ig hab getan, wie mir die Irmin-Te g'heißen und den Pfeil entfernt und verbrannt. Ig weiß nid was sie sich denkt, aber ig hab scho manchen Kampf geg das saure Salz angetret'n – die Rekan spar'n nicht mit ihren Pfeil'n – aber noch nie ist's mir g'lung'n ein Opfer zu rett'n, wieso sollt dat bei Maurotar anders sein?!» Balsa zuckte die Schultern, sie wusste nicht, wie Ranat die Sache lösen wollte; dieser nickte dem Wampa nur zu und schien nicht sonderlich beeindruckt von seiner Rede. «De Kleine is ulkig!» kicherte jener plötzlich und überraschend los. «Der... der hat waß... da wird ma selb'r ganz sprachlos...» Balsa grinste, Puki hatte wohl wieder seinen speziellen Charm spielen lassen...  Aber in Wirklichkeit machte sie sich ernsthaft Gedanken über die spezielle Natur des Jungen.
«Könnt ihr uns, zumindest eine Nacht beherbergen? Da wir nicht wissen was morgen ist... möchten wir uns möglichst bereithalten.» eröffnete sie dem Heiler. Der Wampa äugte sie undurchdringlich an. «S'ist noch ein Krankenzimm'r mit Liegen frei... », sagte er langsam und fügte fragend an. «Ihr seid morg'n zur Opferung zug'lass'n? Aber sagt, wie habt ihr den Keropa Sumpu dazu beweg'n können?...» «Wie steht ihr zu ihm?» antwortete Balsa prüfend mit einer Gegenfrage. «Alle fürcht’n ihn, da mach ig keine Ausnahme. Er hat sich inzwisch'n durch seine drastisch Method'n gewissermaßen zur Gerichtsbarkeit der Tremiar aufg'schwungen... in Verbindig mit seinem Hohepriester-Amt ist er... beinah allmächtig... da erübrig'n sich eine Frag wie ihr sie stellt weitgehend...» erwiderte er vorsichtig. Ranat machte dem Versteckspiel auf seine Art ein Ende: «Der Keropa Sumpu und seine Schergen werden morgen abgesetzt.» Balsa blickte Ranat bestürzt an. Von wo nur, bezog der Mann diese unverschämte Gewissheit?! Der Wampa zuckte zusammen. Mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme ließ er verlautbaren: «Wenn dem denn so wär, könnt ihr noch hundert Jahr hier wohnen bleib'n... aber erfahrungsgemäß, seid ihr wirklich gut berat'n, euch auf  ’nen schnell'n Abgang vorzubereiten...» 
«Wer wird sich zur Wehr setzten, außer der Priesterschaft?» fragte Balsa gezielt weiter. Der Wampa zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Sud zu. «Ein'ge Uralte werd'n aufheul'n, die Sippe des Keropa natürlich und – vereinzelt nu – jene der Tempa Sumpu... denn viele der Sippschaften schämen sich bereits der eig'nen Leut...  am stärkst'n Gege'wehr ist  von den durch'knallten Salzsträflingen zu erwarten, die... die werf'n sich lachend für die Göttin in ihr'n Speer, Lady... da muss sie schon höchst persönlich aus dem See steig'n...» «Wird scho passen!» knurrte Ranat überraschend im Tremiar Dialekt. Balsa verdrehte die Augen und schnaubte kopfschüttelnd aus. «Danke Wampa.» sagte sie freundlich, «gut möglich, dass ihr morgen alle Hände voll zu tun kriegen werdet...» 
Balsa ließ die Rantar-Wachen für die Nacht austauschen; trotzdem blieb sie die halbe Zeit wach und wachte gleichermaßen über Maurotar. Dieser stöhnte sporadisch auf, dabei doch, schien sich das anfängliche Wundfieber eher abzusenken. Puki blieb bei ihm liegen, öffnete von Zeit zu Zeit die Augen und blinzelte Balsa an. Dabei erblühte auf seinem Gesicht ein so entwaffnendes Lächeln, dass es sie in die schiere Wehrlosigkeit trieb. Lieber hätte sie eine solche nie in ihrem Leben verspürt... andererseits – so sehr sich etwas in ihr sträubte – kam sie dennoch nicht umhin ergriffen zu sein...

2. Die Geburt der Ramin Pa
Der Morgen kam früh um diese Jahreszeit und in dieser Höhe. Über dem Tale erglühte der ewige Schnee der mächtigen Kanbal-Kette, während das Licht nach und nach die tieferen Regionen ertastete. Der See lag noch lange im bläulichen Schatten – still und geheimnisvoll. Vogelgesang vernahm man in dieser Höhe kaum, nur ganz hoch am stahlblau klaren Himmel, zogen einige Weißkopfadler ihre Kreise. Ranat schlief wie immer selig und musste von Puki geweckt werden. Der Wampa begab sich unverzüglich ans Lager Maurotars, maß seinen Puls, überprüfte die Naht und kontrollierte seine Temperatur. Blankes Erstaunen machte sich auf seinem Gesicht breit, als er feststellte, dass es dem Jungen besser ging. Er konnte sich benommen aufsetzten und als sie frühstückten, konnte er sogar etwas Hirse zu sich nehmen. Er selber schien über seinen Zustand am meisten überrascht. «Vom bohrend’n, brennend’n Schmerz spüre ich kaum noch was! Wat is gescheh’n?» er schaute sie fragend an. Der Wampa zuckte mit den Schultern. Balsa atmete innerlich auf. Ranat setzte sich zu dem Jungen und blickte ihn prüfend an. Als aber Puki erschien, geriet der Junge in Wallung «DU! Du warst dat in meinem Traum... da war dieses...  dieses unglaublich Licht! Dieses...» es verschlug ihm die Sprache. «Ganz ruhig, Maurotar», suchte ihn Ranat zu besänftigen, «ich wollen, dass Du mir jetzt ganz aufmerksam zuhören, es ist... ganz fest wichtig... hörst Du... auch für Leben deine Schwester!» Maurotar schluckte schwer und nickte. Ranat begann nun ihn sorgfältig ins Bild zu setzten und ihn zu instruieren, was seine Rettung und seine wichtige Rolle am Zeremoniell betraf. Balsa stellte nicht zum ersten Mal fest, dass Ranat, auf seine Weise, höchst intelligent und souverän vorging. Sein Plan, obwohl doch so hastig entworfen, war stimmig in sich und leuchtete ein.
Es würde noch manche heikle Situation auf sie zu kommen, so galt es, dem Gegner nun möglichst überraschend entgegen zu treten und jeden Vorteil optimal auszunutzen. Dazu gehörte der Informationsvorsprung, den sie jetzt besaßen und so ließ Balsa durch die eine der Rantar-Wachen, die ‚frohe Botschaft’ sowohl ins Hause der Irmin-Te als auch zum Amar-Kah übermitteln um ein möglichst ge- und entschlossenes Vorgehen zu ermöglichen.

Die hohe Grotte füllte sich langsam mit Menschen. Überall waren Fackeln in roh geschmiedeten Haltern  an den Felsen und Säulen befestigt, welche die Schatten der Stalakt- und Stalagmiten eindrücklich an die Grottenwände warfen.  Aus dem oberen, hinteren Teil der Grotte, sprudelte dampfend die salzhaltige Quelle aus dem Felsen und bildete am Fuße der Grotte einen Bach der an den Höhleneingang floss. Ein Rinnsal hingegen suchte sich einen anderen Weg hinunter und hatte mit der Zeit, im hinteren Teil der Grotte, einen milchiggrünlichen See gebildet. In ihn führte eine Treppe, deren Stufen im trüben Wasser verschwanden – der letzte Gang einer jeden Irmin-Te. – Neben dem See war erhöht ein goldener Thron errichtet, der der Verehrung des Opfers diente und der jetzt noch unbesetzt war.
Zwischen See, Thron und dem Bach hatte jetzt ein Orchester Platz genommen, das, als sich das Volk versammelt hatte, begann eine schrille Musik anzustimmen: Donnernde Pauken, nasale eindringliche Tröten, durchbrochen mit krachenden Becken, untermahlt mit alsbald einsetzenden tief brummenden Blechhörnern schufen eine pompöse Kakophonie, die bedrohlich in der Grotte widerhallte und die Gewichtigkeit des Anlasses unterstrich. Die Priesterschaft hielt nun gemessenen Schrittes, allen voran der rotgoldenen eingekleidete Keropa, gefolgt von seinen grün gewandeten Tempas und flankiert von zwei Reihen schwarz gekleideten Rekan mit Lanzen Einzug und nahmen neben dem Thron der Irmin Te Platz. Zur vordersten Bankreihe traten der Amar Kah, mit seiner engsten Familie und den Gästen Balsa und Ranat und setzten sich ebenfalls. Nun verstummten die Pauken und Becken, die Tröten wurden von spitzen Schalmeien überlagert die mit schrillem Ostinato eine Erwartung erheischende Spannung schufen. Endlich hielt verschleiert in einem grünlich schimmernden Kleid und einer goldenen Krone auf dem Haupt die Irmin-Te mit ihrer Familie Einzug. Die Auserwählte setzte sich aufrecht auf den Thron. Die Familie nahm vor ihr Platz. Das Orchester verstummte ganz und mit einem Schlag war es still, nur das Tropfen und Plätschern der Tropfsteine und des Baches war zu vernehmen.
Da erhob sich der Keropa-Sumpu auf ein Podest und hob zu sprechen an. «Ig grüss euch, Männer und Frauen der Tremiar, die nach dem Will'n der Großen Göttin des Sees, Sumpa Takan gedeih'n. Willkommen zu ihrem Opferfest, mit dem wir sie gnädig stimmen mög'n, um den Fortbestand unser'r G'meinschaft zu g'währleist'n.» Einen kurzen Moment ließ er seine Worte wirken, dann fuhr er mit schneidender Stimme fort «Doch hört, ihr Menschen des Salzsees, dies Jahr droht unser'm Land große G'fahr!» Ein ängstliches Murren ging durch die Reihen der Zuschauer. «Die Ehr der Irmin-Te und ihrer Sipp steh'n im höchst'n Maß in Frage!!» Erschreckte Rufe wurden laut. «Ja, ihr habt recht g'hört! Meine zuverlässig'n Rekan hab'n mir b'richtet, die Irmin-Te sei mit ihrem Bruder Maurotar Richtung Talausgang g'flüchtet. Ich ließ sie von meinem tüchtigsten Mann verfolg'n, der die Flüchtig'n noch vor dem Pass stellte und den infamen Fluchthelfer mit einem tödlich'n Pfeil zur Strecke bracht. Das Schicksal der Irmin-Te war so verwirkt, dass sie alsbald von einem Bergdämon an'griffen wurd und meinem Rekan schien es nur die g'rechte Straf, die die Sumpa Takan für sie auserkoren habe und überließ sie ihrem Schicksal.» Beifälliges Gemurmel erhob sich.
Der Keropa ließ den Blick spöttisch über die erste Reihe, wo der Dorfvorsteher, Balsa und Ranat saßen und als er ihre (von Ranat verordneten) bekümmerten Minen sah, fuhr er befriedigt mit hämischer Stimme fort: «Und warum sitzt die Irmin-Te nun auf ihrem Thron? Und warum entweih'n wildfremd Menschen aus dem Unterland unser Heil'ges Fest? Ig will es euch sagen: Weil sich nämlich die Irmin-Te erdreistete, zurück zu kommen, um eine infame Lügeng'schicht im Hause Amar-Kah zu verbreit'n, worin sie zur Gebetsstätte der Sumpa Takan am Eingang des Tal's g'rufen und dort von einem Wardarak an'griffen worden sei. Ihr Bruder sei im Kampfe gegen jenen verletzt worden und sie seien hernach von diesen Fremden g'rettet worden. Eine ganz und gar abstruse G'schicht, die nur eine Zweck hat, nämlig ihr'n abscheulich'n Frevel zu deck'n!» Die Spannung beim Volke wuchs.
Der Keropa erhob seine Arme und ließ sie theatralisch fallen, er lachte. «Doch zum Glück hab'n wir handfest Beweis für die Richtigkeit unserer G'schicht! Ihr alle könnt zwischen einer Wund die ein Bergdämon gerissen hat und einer die ein Pfeil hinterlassen hat unterscheiden, nicht? Und ihr alle wisst bestens, was mit denen, die von einem Rekan-Pfeil getroff'n werd'n, innert zwölf Stund g'schieht! Ja, richtig, sie erleiden untrüglich und nach dem Will'n der Sumpa Takan den schmählich Tod. Darum hab ig vom Amar-Kah verlangt, dass uns allen heut der Beweis erbracht würde, dass der Brud'r der Irmin-Te am Leben sei. Diesen Beweis bleibt er uns nun schuldig, denn den Brud'r kann ig hier an seinem Platz in der Reihe der Rompa-Sippe nid entdeck'n und so frag ig euch: Was tut diese Unperson, die unser aller Schicksal mit Füß tritt auf dem Thron? Hat sie nicht die schlimmste aller Straf'n, den Salztod verdient!?» Wütende Schreie erhoben sich nun aus dem Volk: «Die Salzstraf! Die Salzstraf! Schneidet ihren Rücken, ihre Hände, ihre Schenkel!» Einige erhoben sich bereits und drängten gegen den Thron, als ein Trupp Rantar aufsprang und eine Kette vor der Irmin-Te bildete.
Der Keropa wusste genau, wie man Menschen manipulierte, das musste auch Ranat und Balsa einsehen, doch dann erhob sich zum Glück der Amar-Kah. «Ruhe!» rief er mit seiner tragenden Stimme. «Ruhe! Der Amar-Kah spricht zu euch!» Die Heißsporne wurden auf ihr Plätze zurück verwiesen. Langsam kehrte wieder Ruhe ein. Der Amar-Kah hob an: «Ja, s'ist wahr, mir wurd'n gestern beid G'schicht'n vor'tragen und s'ist vereinbart worden, dass, könne die Irmin-Te den Beweis durch ihren Brud'r erbring'n, sie nicht nur die rechtmäß'ge Irmin-Te sei, sondern auch G'legenheit hät, uns zu unterbreit'n, was sie gestern direkt am Altar der Sumpa Takan von ihr erfahr'n hat und was es mit der Anwesenheit des Heiligen Mannes vo Indrakar an unser'm Fest heut auf sich hat. Zweifellos fiele – wenn denn ihr Brud'r am Leben is – ein äußerst scheel's Licht auf die Priesterschaft und wir müsst uns frag'n, wenn sie mit solcher Art Ränkespiel'n die Sicherheit unser's Landes gefährde, ob sie denn mit den richtig'n Leut besetzt und mit den ang'mess'nen Befugnissen ausgestattet sei.»
Wieder war Stille eingetreten. Der Keropa-Sumpu blickte scharf und finster in seine Richtung und es schien, als würde er – aufgrund der Gelassenheit des Amar-Kah – plötzlich von Zweifeln geplagt. Balsa hingegen behielt die Bewegungen der Rekan ganz genau im Auge. «Ich bitt nun die Irmin-Te ihr'n Brud'r – tot oder lebendig – vorzubring'n.» rief der Amar-Kah mit feierlicher Stimme in die Stille. Die Irmn-Te machte ein Handzeichen und am Eingang der Grotte entstand auf einmal Bewegung. Langsam schritt da Maurotar an der Hand eines glatzköpfigen Kindes und gefolgt vom Wampa durch die Reihen und präsentierte sich dem rauenden, Hälse reckenden Volke. Als er vorne innehielt, fielen dem Keropa-Sumpu fast die Augen aus dem Kopf; ungläubiges Staunen machte sich auch unter den Leuten breit.
Maurotar stand mit halbnacktem zerkratztem Oberkörper, über dessen  Schultern ein Verband gelegt war, da und ließ dann seine matte Stimme vernehmen: «Ja, ig hab die g'segnete Irmin-Te begleitet, als sie gestern Nacht im Traume von der Göttin des Salzsees g'rufen wurd. Als sie an der Gedenkstätte am Pass tief im Gebet war und die Stimme Sumpa Takans zu ihr sprach, wurde sie unvermittelt vo ’nem Wardarak an'griffen, mit dem ich – so wahr ich hier steh – bis ans End meiner Kräft 'kämpft hab. Dabei erwies sich der Rekan, der uns im Misstrau hinterherg'schickt wurd als äußerst feige und verantwortungslos, hat er uns doch schmählich im Stich gelassen und ist g'flüchtet! Diese Fremden waren es, Balsa aus Kanbal, Ranat und dieses Kind aus Indrakar, die mir zu Hilfe geeilt sind, den Dämonen besiegt und für alle Zeiten in die Felswand oberhalb des Passes gebannt haben!» Ein ungläubiges Geflüster ging durch die Reihen.
Nun meldete sich umsichtig der Wampa zu Wort. «Nu also, gestern Nachmittag wurd dieser Mann zerschund'n, mit einer klaffenden Fleischwund an der Schulter zu mir gebracht. Wer will, kann meine Stiche zählen – von einem Pfeil stammt diese Wund mit Bestimmtheit nicht! Und... ihr kennt mig – ig geb's schmählich zu – konnt ig jemals etwas geg'n nen Giftpfeil der Rekan ausricht'n? Nein, konnt ig nid, und wär die G'schicht der Priesterschaft wahr, ig hät auch datmal den Verletzten nid rett'n können!» Er hielt erschöpft inne. Balsa ließ die Priesterschaft nicht aus den Augen. Der Keropa war bleich geworden, die Tempa kneteten nervös ihre Hände. Die Rekan verhielten sich – bis auf einen – auffällig teilnahmslos. Der Amar-Kah trat wieder vor «Nu müss'n wir uns frag'n warum uns die Priesterschaft in einer solch wichtig'n An'glegenheit hinters Licht führ'n wollt?! Beabsichtigt sie damit ihr eig'ne unrühmlich Roll bei der Verteidigung der Irmin-Te zu vertusch'n oder fürchtet sie gar die Verkünd'gung des Wort's der Heil'gen Sumpa Takan durch den Mund der Irmin-Te? Wie dem auch sei, dieser offensichtliche Betrug, darf nicht ungesühnt bleib'n! Doch dazu später. Die Irmin-Te jedenfalls, hat den Beweis ihrer Unschuld erbracht, ihre Ehr ist unangetastet und so übergebe ig ihr, der G'segneten das erbetene Wort.»
Die Irmin-Te erhob sich mit Bedacht. Ein seltsames Licht flackerte auf ihrem Antlitz. «Ihr alle wisst um meine Unbeflecktheit», rief sie mit tapferer Stimme in die Menge, «nu durft ig erfahren, dass ig von der Sumpa Takan vor allen Irmin Te ausg'wählt und g'schätzt bin. Nämlich wurd ig in der vorletzten Nacht im Traum vo ihr zur alten Gedenkstätte g'rufen. Ig bi demutsvoll und b'schützt durch mei Brud'r ihrem Ruf g'folgt. Als ig an ihrer Stätte am Pass niederkniete und mich ihr darbot, ist sie mir als grüne Frau erschienen und hat mir eine göttliche Verheißung für die Tremiar aufgegeben. So verkünd ich euch nu gehorsam ihre Worte.» Eine andächtige Stille war der Grotte entstanden. Die Irmin-Te hob an:

Eine Zeit lang hab ich allein die Kinder der Tremiar
nach eurem Willen aufgenommen – und es war gut so.

Doch wird aus der Irmin-Te des heurigen Sommers
nicht die Narmo-Te meines tausendjährigen Grunds!

Wahrlich, eine neue Zeit ist an gebrochen, denn tief
aus dem Westen ist erschienen der Zeuge der Vermählung

Von ihm denn, soll die Irmin-Te lernen und selber
meinem geliebtem Volke mit neuer Kunde dien'

Denn höret, ihr Menschen der Tremiar:  Aus ihr ist heut
die Ramin-Pa, die ‚Verkünderin der Weisung’ erstanden.

Denn am nahen Tag der Sonnenfeier, werd ich erwählen
den Sohn der Milchstrasse zu meinem ewigen Gemahl.

Und fortan mit ihm mit Milde und Weisheit dem Tale dien'
denn  in  meinem und in seinem Namen muss enden alle Qual»

Die kryptischen Worte verhalten bedeutungsschwanger in der Großen Grotte, obgleich ihre Bedeutung nicht vollständig zu erfassen waren, begriffen doch alle das eine: Dieses Jahr würden keiner Jungfrau die Tempo-Ta angezogen, nicht würde sie über die Stufen des Schicksals in den Salzteich steigen und ihr kurzes Leben mit der tausendjährigen Glückseeligkeit im Schoss der Göttin eintauschen. Neu geboren war die Ramin-Pa, die Verkünderin der Weisungen! –
Nur einer wollte es nicht begreifen, einer gab nicht auf und ein zweiter wollte Rache, Rache für den Betrug! Balsa hatte den Rekan aufmerksam im Auge behalten, sie beobachtete genau wie sich seine Wut aufbaute – vermutlich war es der gestrige Pfeilschütze – und nun in blanken Zorn überlief. Sie hatte seine und ihre eigene Strecke zum Thron der Irmin-Te abgeschätzt und wusste, dass sie nur ein Chance hatte, wenn sie blitzschnell seinem Impuls folgte. Mit einem gellenden Schrei: «Tod der Verräterin», sprang er auf und fast gleichzeitig startete Balsa mit dem Speer in ihrer Rechten los. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Die Beiden trafen unter dem Thron der Irmin-Te aufeinander. Pochenden Herzen starrte jene auf den sich anbahnenden Kampf. Der Rekan war ein würdiger Gegner, er wusste sehr wohl mit seiner Lanze umzugehen, geschickt parierte Balsa seine wütenden Vorstöße. Der Amar-Kah war aufgesprungen und befahl seine Rantar zwischen Thron und Priesterschaft. Der Keropa-Sumpu zögerte, er wirkte überrumpelt und verwirrt. Balsa hingegen gewann langsam die Oberhand, sie zwang ihren Gegner mehr und mehr in die Schranken und drängte ihn in die Defensive. Eine Blöße konnte sie sich nicht erlauben – bestimmt war die Speerspitze des Rekan mit Gift präpariert! Das metallische Klirren der Lanzen erfüllte die Grotte. Gebannt verfolgten die Dörfler den Kampf. Der Rekan hatte nicht mit solch erbitterter Gegenwehr gerechnet, seine Kräfte ließen nach, Balsa hingegen kam erst richtig in Fahrt und nutzte alsbald eine falsche Handstellung ihres Gegners ihm mit einem entscheidenden Schlag die Lanze aus der Hand zu schlagen. In hohem Bogen flog sie durch die Luft und blieb scheppernd vor den Dörflern liegen. Den Rekan packte die blinde Wut nun, er zückte unverzüglich einen Dolch und stürzte sich mit einem Schrei auf Balsa, sie schwenkte den Speer gegen ihn, doch er achtete nicht darauf und sprang ohne Rücksicht auf Verluste direkt in die Spitze. Es gab ein hässlich knirschendes Geräusch, seine Bewegungen erlahmten, er ließ das Messer fallen und gab einen erstickten Laut von sich. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Balsa blickte ihn voller Wut an. Warum zum Donner, konnte sie ihr Gelübde nicht halten?! Mit einem Ruck zog sie den Speer aus seinem Leib. Der Mann griff sich an die Brust und sackte lautlos zu Boden. Balsas Missfallen war um so größer, als dass sie wusste, dass der Mann für die Wahrheit eingestanden war. Aber es war keine Zeit für Mitgefühl. Die Stimmung in der Grotte war am kippen. In den nächsten Minuten würde sich entscheiden wer die Oberhand gewinnen würde, denn tatsächlich kam der Ausbruch des Rekan gegen die Irmin-Te einem schlimmen Verstoß gegen die Regeln gleich.
Urplötzlich war ein eigenartiges alles durchdringendes Knirschen zu vernehmen, der Boden der Grotte vibrierte und tief in ihrem Grund ertönte ein glucksendes Geräusch. Alle hielten mit einem Mal inne und lauschten gebannt. Ein Erdbeben? Ein Einsturz? Bange Stille trat ein. Steinchen und Sand rieselten vom Deckengewölbe. Auf einmal erhob sich die Irmin-Te von ihrem Thron und wies mit offener Hand auf den Teich: «Seht! Das Zeichen!», rief sie wie in Trance. Sie löste ihren Schleier und warf ihn mit einer endgültigen Bewegung in den See. «Die Sumpa Takan will kei Opfer mehr!» Der milchige Wasserspiegel des Teiches war in Bewegung geraten, in seiner Mitte bildete sich ein glänzender Strudel. Der Schleier zog einige träge Kreise, wurde dann aber von ihm erfasst und rasch in die Tiefe gesogen. Diejenigen die saßen, erhoben sich nun, alle traten vor, um die unglaublichen Geschehnisse besser beobachten zu können. Ohne Zweifel – der See lief ab! Langsam erschien – glänzend – Stufe für Stufe der Schicksals-Treppe an seinem Ufer; dann wurden nach und nach die salzverkrusteten, weißlichen, nahezu senkrechten Wände sichtbar. Der Wasserspiegel sank und sank, rascher und rascher und verschwand im Halbdunkel unter der gaffenden Menge. «Dat is das Zeichen, wat mir die Göttin 'zeigt hat!», verkündete die neuerkorene Ranim-Pa mit singender Stimme. Balsa war verwirrt... davon war keine Rede gewesen! Improvisierte sie nun oder... Jene fuhr mit bedrohlichem Unterton fort: «Jetzt wird offenbar werd’n die Herrlichkeit der g'segneten Opfer im tausendjährigen Leb, die Lieblichkeit eurer Töcht'r, ihre rosig'n Wang'n, die ihr ein letztes mal an euch gedrückt, ihre zart’n Hände, die ihr zum Abschied geküsst, die klar’n Aug’n, mit denen sie euch ihr'n letzt'n, traurig'n Blick g’schenkt, bevor sie über die Treppe des Schicksals g’schritten sind! Jetzt werdet ihr sie wiederseh'n, wenn wahr ist was uns die Priesterschaft erzählt hat, jetzt ist gekommen die Stund der Wahrheit!»
Die Tremiar hätten in diesem Augenblick verwirrter nicht sein können, erregtes Stammeln und Plappern, erschreckte Rufe wurden laut. Einige Namen der Narmo-Te wurden gerufen. Balsa verließ geistesgegenwärtig  das Gedränge und kletterte am Rand des hinteren Ufers auf einen Felsen um den Überblick zu behalten. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich vor allem auf die Rekan. Sie waren vorgetreten, hielten ihre Lanzen stramm und bildeten eine Schutzgarde um den grimmigen Keropa und die verängstigten Tempa. Es sah nicht danach aus, als würde der Keropa mit einem irrwitzigen Befehl ein Blutbad unter dem Volke anrichten wollen. Die Rantar schützten wieder den Thron in dessen Kreis auch Ranat, Puki und der Amar-Kah getreten waren. Wenn es nicht noch zu einem Volksaufstand kam (oder sich die Leute gegenseitig über den Rand des Teichs drängten) schien die ärgste Gefahr gebannt.
Plötzlich war aus der finsteren Tiefe ein lautes Schmatzen und langgezogenes Schlürfen zu vernehmen – dann war es wieder still. In diese augenblicklich eingetretene Ruhe ertönte nun die kalte Stimme der Ramin-Pa: «Was sehe ich? Was seht ihr, g’schätzte Bürger des Tals?» – Stille – «Ich sehe ein dunkles Loch! Müssten nun nicht die süßen Stimmen der Narmo-Te erklingen und sie aufsteigen um uns zu begrüßen? Oder gedeihen sie selig im Schosse der Göttin und teilen mit ihr die Wolken über dem See? Jetzt ist die Stunde der Wahrheit! Sagt mir Bürger, was seht ihr?» provozierte sie. «Nichts!», schrien die Leute, «wir sehen nichts, es ist dunkel! Bringt Fackeln! Licht muss her!» riefen die Vordersten nach hinten. Fackeln wurden durchgereicht, die Vordersten zündeten vorsichtig über den Rand des Schachts ins Dunkle. Noch immer war nichts zu erkennen, der See war erstaunlich tief gewesen. Ein Beherzter warf eine Fackel runter, eine Zweite, Dritte folgten nach. Sie fielen durchs Dunkle und schlugen zischend auf – aber sie erlöschten nicht. Nun ging ein erschrockenes Raunen durch die vorderste Reihe. Im Aufflammen der Fackeln waren sie zu sehen, kreuz und quer lagen sie da, Haufen von verbleichten, salzverkrusteten Leibern in schlaffen Kleidern, mit offenen Mündern, Salz zerfressenen Augen und aufgedunsenen Gesichtern. Dutzende, die jüngst Geopferten zuoberst, hunderte von all den Jahrzehnten davor darunter, vielleicht gar tausende! Die schönsten Töchter der Tremiar konserviert vom Salz im ewigen Tod... und nicht im ewigen Leben. –  «Was sehen wir, Leute?!» schrie die Ramin-Pa wie im Rausch dazwischen, «Leichen liegen hier! Grausige Haufen, verklumpt und verklebt von Schlick und Salz! Eure schönsten Töchter dahin in Dreck und Schmutz!» keifte sie. «Die Priester haben uns belogen!» – «Die Priester haben gelogen! Gelogen!» schrie nun auch die Meute auf und wie in Ekstase fiel die Irmin-Te schrill in den Ruf mit ein und deutete auf den Keropa Sumpu. Schockiert und hasserfüllt wandten sich die vordersten Mannen den Priestern zu, während die hinteren Reihen an die Grube vorrückten und in großes Wehklagen ausbrachen.
Balsa ahnte Schlimmes. Warum auch benahm sich die Kleine plötzlich wie eine Furie!? Der Mob, gewaltbereit bis in die Fingerspitzen, schob sich entschlossen vor. Für die Priester würde es nichts mehr zu tun geben – das wusste auch der Amar-Kah – die Frage war nur, wie viele Menschen die Rekan mit in den Tod reißen würden. Eine Einmischung war hier völlig sinnlos, diese Angelegenheit mussten die Tremiar unter sich ausmachen. Geschlossen mit wütendem Gebrüll rückte die Meute gegen die Priester an. Der Keropa Sumpu war kreidebleich geworden. Die Tempas hinter ihm schlotterten am ganzen Leib und wimmerten. Die Gruppe, umschlossen von den grimmigen Rekan, wich langsam zurück. Die Musiker waren längst geflohen. Die Ramin-Pa wies mit ausgestrecktem Arm auf die Priesterschaft. Ihre Haut spannte sich satt über die hohen Wangenknochen, ihre Augen glühten: «Ihr habt die Göttin des See’s verraten! Ihr habt die Heilige Sampa Takan verraten!» schrie sie wie von Sinnen. «Verräter! Verräter!» echote der Mob.
Balsa wurde übel, das war echt nicht nach ihrem Geschmack. Da entdeckte sie Puki; er saß mit gekreuzten Beinen und geschlossenen Augen am Fuß des Thrones, der ganze Aufruhr schien wie Wasser an ihm abzuperlen. Balsa schüttelte den Kopf.  Ganz nach hinten an die Grottewand gedrängt, gab der Keropa in Panik den letzten sinnlosen Befehl zum Ausfall seiner Mannen. Balsa schloss kurz die Augen, nun ging das Gemetzel los! Die Rekan taten einen entschlossenen Schritt vor und senkten die Lanzen. «Verräter! Verräter!» schrie die Meute. «Los! Los!» kreischte der Keropa in Todesangst. Dann – Balsa traute ihren Augen nicht – wie auf geheimen Befehl drehten sich die Rekan um, skandierten: «Verräter! Verräter! Wir sind die Söhn' der Sumpa Takan! Rache!» und stachen erbarmungslos zu. – Das Kreischen und Todeswinden der Priester erstarb rasch. Als sie hinsanken, waren die meisten von ihnen schon tot. Aber die Rekan spießten sie auf ihre Speere und hievten sie die leblosen Körper über die Köpfe. Sie trugen sie heulend durch die triumphierende Menge, steuerten auf die Grube zu und warfen die Gelynchten in hohem Bogen auf die Leichenhaufen hinab. Tausendfach ertönten die Schreie der Menge im Blutrausch und die Ramin-Pa fiel hysterisch ein. Es war, als entlüden sich hunderte von Jahren der Unterdrückung in ihnen. Die dröhnende Grotte gab tausendfach wieder, was die Menge tumultartig skandiere und als diese in ein kräftiges Siegeslied mündete, überlagerten sich die Echos tausendfach, gleich einem gewaltigen Kanon.
Die Menschen zogen nun allesamt an der Totengrube vorbei, grüssten ein letztes Mal ihre Töchter und warfen zum Abschied ihre Fackeln hinab. Dann ergriffen die Rantar und die Rekan gemeinsam das Podest. worauf die Ramin-Pa erschöpft, aber kerzengerade auf dem Thron saß, hievten sie hoch und setzten sich singend mit ihr Richtung Grottenausgang in Bewegung. Ranat hatte Puki geistesgegenwärtig auf die Schulter genommen. Was mit dem Rekan-Schützen, mit dem Balsa gekämpft hatte, geschehen war, hatte sie verpasst, er war weg. Sie verließ ihren Beobachtungsposten und schloss sich Ranat und der Sippe des Amar-Kah an, die sich dem Zug hinter dem Thron anschlossen. Nun herrschte eine ausgelassenen Stimmung und es schien, als sie aus der Grotte ins milde Sommerlicht des Tales traten, dass ein jahrhundertealter Fluch vom Volk der Tremiar abfiel und einer neuen Lebensfreude Bahn brach, die sich alsbald auf dem vorbereiteten Festplatz feierlich und ausgelassen entlud.
Die neue Ramin-Pa wurde ausgiebig geehrt und mit Geschenken überhäuft; auch von ihr schien die düstere Raserei, von der sie in den letzten Stunden beherrscht worden war, gänzlich abzufallen. Sie lächelte unentwegt und erfreute sich der reichlichen Gaben. Ziegen waren geschlachtet worden und wurden nun über den Feuern gebraten, vielerlei Töpfe mit wohlschmeckenden Speisen, machten die Runde. Nun floss auch das Buttergärgetränk Kum, das die Tremiar ansetzten in Strömen und als sich die Leute satt gegessen hatten und noch nicht allzu betrunken waren, gesellte sich der Amar-Kah zu der Ramin-Pa aufs Podest, erheischte in die Hände klatschend die Aufmerksamkeit der Feiernden. und richtete das Wort an sein Volk: «Geehrte Tremiar, heut is ein großer Tag! Wir hab'n uns aus der düst'ren Intrige der Priesterschaft befrei'n können, während die Göttin des Tals durch die Ramin-Pa ihr'n Willen zur Vermählung mit dem Sohn der Milchstrasse bekannt 'geb'n hat. Wir steh'n gemeinsam an der Schwelle einer neuen Zeit und die Göttin hat uns für dies'n Übergang einen Heiligen Mann aus dem fern'n Indrakar zur Seit' g’stellt, der uns die Weisheit'n des Sternensohn's lehren wird! Hier is er!» Damit bestieg Ranat das Podest und verneigte sich tief. In radebrecherischem Kanbal, das interessanterweise gar nicht so fern vom abgehackten Tremiar-Dialekt lag, stellte er sich und Puki vor, bedankte sich bei den Menschen für die Unterstützung und stellte in Aussicht in den nächsten Tagen eine Auswahl von Schülern und Schülerinnen zu treffen und sie in den nächsten Wochen in der Weisheit des Sohnes der Milchstrasse zu unterrichten. Diese Botschaft wurde mit verhaltenem Wohlwollen aufgenommen – für viele war Ranat nach wie vor einfach ein Fremder – als aber die Ramin-Pa noch einmal darauf hinwies, dass, ohne ihre Rettung durch Ranat, sie jetzt tot wäre und das Volk heute keine Befreiung erlangt hätte, ja, nicht einmal das Opfer der Irmin-Te hätten erbringen können, brandeten ihnen Dankes- und Freudesbezeugungen entgegen.

Bald hernach zogen sich Ranat, Balsa und Puki von den Festlichkeiten zurück. Erst jetzt bemerkten sie, wie unendlich anstrengend die letzten zwei Tage gewesen waren. Sie ließen sich von den Rantar einen Lagerplatz zwischen Dorf und See zuweisen, wo sie ihr Zelt aufstellen konnten. Es war geräumig, nahezu quadratisch mit großem Vordach und einem Boden aus einfach gemusterten Teppichmatten nach Nomadenart.
Am Abend als die Nacht gefallen war und sie im Schein eines Talglichts noch bei einem Tee saßen – Puki hatte sich bereits auf dem Lager Ranats niedergelegt – atmete Balsa tief ein und wandte sich ernst an Ranat: «Das war ja ein dreister Coup den ihr da inszeniert habt!» Ranat lächelte und streifte sie mit einem belustigten Blick. Er wusste genau, was nun kam. «Ihr habt Ailin-Sin an die Gedenkstätte gerufen?!», stellte sie mehr fest, als dass es eine Frage war. Ranat wägte: «Nun... so direkt nicht...  Irmin Te zentrale Mittlerin von alte Göttin mit System neu», eröffnete er betont neutral, «Aber... was habt ihr mit dem Mädchen auf dem Pass  gemacht?» drang Balsa weiter in ihn. «Meditiert.», gab dieser nur knapp zur Antwort. «Medi...was?» rief Balsa aus. «Versenkung von Geist... zusammen... Vermittlung mit Bildsprache», half Ranat nachsichtig lächelnd nach. «Aber die Kleine versteht doch gar nichts von diesen Dingen!» Ranat runzelte die Stirn «Da täuscht ihr euch... Entschuldigung Frau Balsa, nicht alle haben Kindheit mit Schmerz und Tod...» Balsas Augen weiteten sich. «Woher...» aber sie brach resigniert ab – vor Ranat waren alle Menschen wie offene Bücher. Dieser fuhr eindringlich fort: «Irmin-Te Auserwählte – alle Hoffnungen Tremiar auf sie! Wenn sie sprechen von Heirat Göttin... dann Glück für neue Richtung!»  «Dann... dann habt ihr alles vorausgesehen und... geplant?» bohrte Balsa weiter. Ranat schüttelte den Kopf. «Nein, so nicht... ihr müsst verstehen Zeitstrom!» Balsa schaute ihn kritisch an. «Er nicht ganz Alles vorgemacht... aber Manches eben schon; Beispiel: Überall bekannt, dass Monat Sommer Opferfest der Tremiar. Wissen von Kalender... einfach!» «Ja, aber ich habe doch den Vorschlag gemacht in das Tal der Tremiar hochzusteigen!» warf Balsa sachlich ein. Ranat bedachte sie mit einem freundlichen Blick, dann sagte er leise:  «Balsa, versteht... 'Arbeit wir' auf viele Weise zusammen! Wollen nicht kränken... aber Ihr/Ich: Das Konzept Trennung! Wir gehen von EINHEIT aus!» Balsa fühlte sich, als habe man ihr auf den Kopf geschlagen. Sie schnaubte frustriert aus.
Ranat machte einen neuen Versuch: «Göttin Tremiar müde, suchen neue Weg. Wir Weg haben von Sternenmann und Platsch! – er klatschte in die Hände – Finden!» «Aber... aber... das sind doch alles nur Geschichten...  diese Sumpa und dieser... Milchmann vom Himmel!» versuchte Balsa eine Ausfall. Ranat lachte herzhaft auf: «Ja richtig, Geschichten...  aber macht nichts!», schmunzelte er. «Alle Gruppe Menschen, jedes Volk haben Wache im Geist! Will Entwicklung! Name, Bilder, Anzahl Gott... alles nur wie Kleid für Mensch. Wenn wachsen – Kleid zu klein... dann neues Kleid! Einfach! Tremiar suchen neues Kleid – jetzt haben. «Aber...» Balsa brach ab. Ranat hob lächelnd den Zeigefinger: «Glaubt mir... wenn Zeit nicht gut – Krieg jetzt!» «Ja und... und der See?» brachte Balsa das Unfassbare ins Spiel. Ranat wiegte den Kopf. «Tja... meint ihr wirklich wir hätten gemacht kaputt?!» «Wer... wer...» Balsa kam ins Stocken. Ranat nickte ihr nur zu und hob die Hand an: «Ja eben, da seht ihr...» Sie musste sich endgültig geschlagen geben und verstummte.
Ranat wandte sich ihr ganz zu und blickte sie mit seinen sanften  Augen direkt an. «Balsa glauben gerechte Mann töten. Gelübde brechen... ja?» Er traf ins Schwarze. Balsa’s Blick verschleierte sich, aber ihr Herz pochte. Ranat hob entschuldigend die Hände: «Aber das nicht wahr... Mann leben!» Balsa schaute ihn ungläubig an. Die Situation erinnerte sie an den Kampf mit Kalbo vor bald einem Jahr. Nachdem sie ihn mit ihrem Speer durchstoßen hatte und er blutüberströmt auf dem Feld liegen geblieben war, kam ihr da dieser Treiber der Lehrerin nachgelaufen und behauptete, der Mann sei unverletzt! Als sie daraufhin ihre Speerklinge kontrolliert hatte, war da tatsächlich kein Spritzer Blut zu finden gewesen... Sie ergriff langsam ihren Speer, besah sich die Spitze, roch am Futteral, auch diesmal – keine Spur von Blut! Verwirrt setzte sie sich wieder zu Ranat. «Kein Makel, Frau Balsa. Gelübde erfüllt! Jetzt Zeit danach!» ließ er sanft aber bestimmt von sich vernehmen. Sie brütete irgendwie verloren vor sich hin. Ranat beugte sich zu ihr vor «Balsa muss glauben Gute für sich! Warum nicht?» Balsa zuckte die Schultern. Ranat erhob sich. «Wünschen gute Nacht Frau Balsa, ruhig schlafen, niemand wird kommen und stören.» Leise begab er sich in seinen Teil des Zeltes.