NIMUKA MONOGATARI 2 : Berufungen

von Nimuka
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12
Balsa Nimuka Prinz Chagum Shuga Tanda Torogai
23.03.2017
23.03.2017
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BOTSCHAFT FÜR TANDA (YASHIRO)

1. Antrag und Sendung
«Und plötzlich war Kokki wieder weg!» wetterte Watanabe «Ich konnte machen was ich wollte, ihn festbinden, ihn einsperren, irgendwie hat es der verdammte Esel immer geschafft abzuhauen.» Der untersetzte Mann mit Stirnglatze ereiferte sich. Tanda lächelte, so war eben sein Onkel, eigentlich ein gutmütiger Kerl, aber immer am rumpoltern. «Und dann stand er plötzlich wieder da! Nach zwei Monden! Wie wenn nie was gewesen wäre! Und hatte natürlich einen Mordshunger! Ich sage dir, Tanda, die Torogai hat ihn verhext! Die hat ihm irgendetwas gegeben, eine Droge oder so!» Nun lachte Tanda geradewegs hinaus «Onkel, jetzt mach aber mal halb lang! Torogai hat das doch überhaupt nicht nötig! Die pfeift deinem Esel von Kanbal aus und der startet hier in Yashiro durch – der weiß noch viel weniger wie ihm geschieht, als du!» Watanabe strich sich über die Glatze und äugte Tanda misstrauisch an. «Und du, Junge, treibst du nun auch schon solche Späße?» Tanda schüttelte belustigt den Kopf. Watanabe schaute ihn verschwörerisch an: «Kannst du mir nicht so ein junges, schönes Weib herbeizaubern, das hier den Laden schmeißt und mich abends ein bisschen verwöhnt?» Tanda strich sich über seine verletzten Oberschenkel. Die Wunde, die ihm der Lalunga auf dem Weg nach  Saanan gerissen hatte, war fast verheilt. Er war solange in Yashiro bei Watanabe, dem Bruder seines verstorbenen Vaters, geblieben. Tanda lächelte erneut. «Glaubst du, die würde es lange aushalten bei dir?» Watanabe knurrte etwas Unverständliches, doch bevor er zur Antwort ansetzen konnte klopfte es leise an der Tür. Es war früher Nachmittag, Watanabe schüttelte den Kopf, zu früh für seine Kumpane, wer mochte das bloß sein? Er öffnete vorsichtig die Tür und vor ihm stand tatsächlich eine junge, schöne Frau, vielleicht Mitte Zwanzig mit langem, schwarzen Haar, das durch ein Stirnband zurückgehalten wurde. Watanabe blieb der Mund offen stehen und er blickte erbleicht zu Tanda zurück. «Guten Tag der Herr, bin ich da richtig bei Herr Watanabe?», fragte die Frau mit einem sanften Stimmchen und ließ ihre Rehaugen auf Watanabe ruhen. Dieser schluckte zweimal, kratzte sich am Hinterkopf und sagte: «Ja, ja, das... das bin ich! Womit kann ich Ihnen dienen?» Langsam fasste er sich und rieb sich eifrig die Hände. «Ich bin Anui.» Und nur schon wie sie ihren Namen auf der Zunge zergehen ließ, brachte Watanabe schier um den Verstand. «Ich bin eine Angestammte der Shuwa–Sippe und habe von einer anverwandten Heilerin von Tomi den Auftrag erhalten dem Heiler Tanda eine Botschaft zu überbringen. Wohnt er nicht zurzeit hier?» Watanabes dienstfertiges Lächeln erlosch augenblicklich. «Ta... Tanda, ja, ja... äm, kommen Sie nur herein Anui-Chan...äm Anui-San.» Tanda war aufgestanden und die beiden deuteten eine Verbeugung an. Anui zog ihre Holzsandaletten aus und trat leise mit bloßen Füssen auf die Tatami. «Sie erlauben, sie sind Heiler Tanda?», strahlte sie ihn mit einem unvergleichlichen Lächeln an. «Ja richtig, nehmen Sie doch Platz. Was führt Sie zu mir?» Sie blickte fragend zu Watanabe, der immer noch wie angewurzelt bei der Tür stand. «Onkel, willst du der liebreizenden Frau Anui nicht ein Tee anbieten!?» Watanabe riss die Augen auf, schloss endlich die Türe, warf Tanda einen finsteren Blick zu und verschwand in der Küche. Anui lächelte einerseits scheu andererseits ganz gezielt wie es Tanda schien. Ihm wurde ganz anders. «Am Frühlingsfest von Nogo hat mich eine entfernte Verwandte von Ihnen, so viel ich weiß eine Cousine ihrer Mutter, angesprochen und mir ans Herz gelegt, Ihnen folgendes auszurichten. Sie ist eine Heilkundige von Tomi und dort soll ein Mädchen seit dem Besuch des Prinzen an unerklärlichen Übertritten in die Nayugo–Welt leiden. Sie bittet Sie, sich ihrer anzunehmen, da sich in Tomi niemand  auf diese Dinge versteht.» Tanda hob die Brauen. «In Tomi?!» «Ja, sie sollen das Mädchen kennen, die Enkelin des Dorfvorstehers!» Da erinnerte sich Tanda – das war die Kleine, die den Prinzen in die Berge begleitet hatte...wie hieß sie noch gleich, Ni...Nimuka! Hm... ja, das Mädchen war irgendwie speziell.» Watanabe trat umständlich mit dem Teetablett in den Raum. Er hatte einen ganz roten Kopf.  «Nun, ehrlich gesagt, Tomi liegt nicht gerade am Weg... und nach meiner langen Abwesenheit sollte ich mich hier unbedingt wieder um meine Kunden kümmern... Aber... ja, ich werde schauen, dass ich es mir werde einrichten können. Aber vor einem Mond wird das kaum der Fall sein. Vielleicht wäre das auch eher ein Fall für Torogai?» «Mein Esel!» entfuhr es Watanabe. Anui wandte sich ihm fragend zu: «Wie mein Herr? Ihr Esel heißt Torogai? Ein eigenartiger Name für so ein gewöhnliches Tier!» «Es ist eben ein ganz besonderer Esel, Anui-San!» griente Tanda und nun musste auch Watanabe losprusten, während Anui verhalten lächelte und es nicht ganz klar war, was in ihrem Köpfchen vorging. Wie dem auch immer sei – es sah anmutig aus.
Als sie gegangen war, atmete Watanabe schwer. «Jung müsste man sein, da könnte man seine Trümpfe ausspielen...» seufzte er. Tanda zuckte die Schultern und lächelte. «Es gibt noch anderes auszuspielen als die Jugend, Onkel...» neckte er. Watanabe zuckte resigniert die Schultern. «Wenn wir schon dabei sind, was ist eigentlich mit dir und Balsa?» Tandas Gesicht verdüsterte sich. «Hast du sie wenigstens gefragt?» Nun war es Tanda der seufzte und die Schultern zuckte. «Der Winter in der Bärenhöhle war fürwahr lang genug und wie wir uns so in Eintracht um Prinz Chagum kümmerten, fühlte es sich wirklich an wie... wie eine Familie... es war eine schöne Zeit...» Watanabe wartete. «Und...?» half er weiter. «Ich habe sie dann gefragt, aber...», er brach ab. «Was?...» «Sie wollte sich nicht festlegen... sie war sogar aufgebracht... das sei doch nicht der richtige Zeitpunkt, etc.», er atmete schwer ein und seufzte abermals. «Nach dem der Prinz wieder im Palast in Sicherheit war, ist sie dann unverzüglich wieder nach Kanbal aufgebrochen...» Watanabe schaute ihn enttäuscht an. «Tja Junge... das tut mir leid, aber willst du nun wirklich wieder Jahre auf dieses Weibsbild warten... ich meine, bald bist du dreißig...» Tanda senkte den Kopf und blickte bekümmert vor sich hin. «Die Gefühle... es scheint mir schon so unendlich lange her, seit wir zusammen aufgewachsen sind... da waren sie voller Feuer... aber jetzt... ich weiß nicht mehr...», er ließ hilflos die Arme sinken.

Es war ein Tag im zweiten Frühlingsmond, Tanda hatte alle Hände voll zu tun. Er war aus dem nahen Yashiro zu seiner verborgenen Hütte zurückgekehrt, hatte dort eiligst seinen Heilgarten bestellt, war zwischendurch unterwegs in Kosenkyo wo er Apotheken und Privatpersonen mit den Restbeständen seiner Medikamente belieferte und war vollauf beschäftigt mit der Herstellung von bestellten Arzneien. Am späten Nachmittag dieses warmen Frühlingstages spürte er sie kommen. Schließlich war sie nicht nur seine Lehrerin, sondern seit dem fünften Lebensjahr auch gewissermaßen seine Mutter gewesen. Sie hatte ihn, nachdem seine Eltern beim Brand von Unter-Ogi umgekommen waren, abwechselnd mit Onkel Watanabe betreut. Torogai platzte wie immer ohne anzuklopfen herein. Sie begrüßten sich heiter. Tanda war ihren markigen Humor gewöhnt und Torogai mochte insgeheim die Lieblichkeit seines Wesens. Am Abend saßen sie zusammen am Feuer und aßen eines von Tandas Suppengerichten, wofür er so geschätzt wurde. Tanda hob an, Torogai zu berichten: «Meine Sippe mütterlicherseits aus Tomi hat nach mir geschickt.» Torogai hob die Brauen. «Dieses Tomi kommt gar nicht mehr aus dem Gerede, unsere Geschichte mit dem Prinzen macht auch überall die Runde. Natürlich ganz zum Missfallen des Hofes... Aber sie wissen inzwischen, was sie uns zu verdanken haben und halten sich wohlweislich still. Die Mär von der Erblindung durch königliche Blicke bröckelt im Volk weitum... geschieht ihnen recht! Was für ein Humbug! Nun, was wollen sie in Tomi?» «Erinnerst du dich an die kleine Geschichtenerzählerin, die als Einzige noch von den Lalungas wusste?» «Die, die dann mit Chagum abgehauen ist?» «Ja, genau!» «Die hab ich in Nogo wiedererkannt, ’saß an der Strasse und hat den Prinzen angehimmelt... aber... aber da war noch was anderes, hm, zum Donner? Die hatte auf jeden Fall eine erweiterte Ausstrahlung. Was soll mit dem Mädchen sein?» «Sie scheint seit unserem Besuch im Dorf willkürliche Übertritte nach Nayugo zu erleiden und man bittet mich, mich ihrer anzunehmen.» «Hm», feixte Torogai, «das ist ja interessant! Die ist doch in der Blutlinie von der Mutter Mora. Mein Lehrer Gashin war mit der noch bekannt – eine der letzten großen Schamaninnen der Yaku!» «Das seid doch ihr, Torogai! Niemand anderes kann euch das Wasser reichen!» «Hab dich nicht so, Tanda, du solltest dich nach dieser Angelegenheit mit den Sig–Salua–Blüten ruhig etwas ernster nehmen! Ohne dich und deine Eingebung wären wir alle von den Lalungas verschlungen geworden, mit Haut und Haar, wie Fischfutter!», knurrte Torogai. «Aber die Sache mit der Kleinen hat was, das kannst du mir glauben, die würd' ich mir mal in Augenschein nehmen.» «Wollt nicht ihr diese Aufgabe übernehmen, ich bin hier so angebunden an den Garten und meine Kundschaft.» «Ne, ne, Tanda, tu nicht so, ich sagte dir schon, es gibt Wichtigeres auf der Welt als dein Kräutergarten! Wie lange habe ich dich nun schon unterwiesen? Du hast genug Mittel und Wissen, die Kleine in die Lehre einzuführen, und ihr ein paar Kniffs zu zeigen. Da bist du genau der Richtige für das zarte Geschöpf – der bleibt doch schon nur die Luft weg, wenn ich mal freundlich huste... Ha!»
Torogai verzog ihr gefurchtes Gesicht. Tanda blickte verdrossen ins Feuer, das beschauliche Leben als Heiler kam seinem Wesen weit mehr entgegen, als die aufreibende Stellung eines Schamanen. «Mach nicht so ein Gesicht, Tanda, ich werde solange zu deinen Pflänzchen schauen, mit meinen siebzig Sonnen bin ich froh, wenn ich hier etwas rasten kann und ich hab sowieso in Kosenkyo zu tun.» «Dann soll ich wirklich beginnen, diese Nimuka in die Lehre einzuweihen?», gab er sich geschlagen. «Ja, fang mal mit der Lehre der 'Sieben Reiche' an, das Andere gibt sich wie von selbst. Die ist aufgeweckt genug, um sich dann selber zu entscheiden. Glaub mir und sei nicht überrascht, wenn's plötzlich ab geht – ziehs einfach durch!» «Was meint Ihr damit?» «Ich bin mir da nicht sicher Tanda, aber ich hör da was läuten... dieses Tomi überhaupt, Gashin hat da mal eine Bemerkung über die Gegend fallen gelassen... er sprach vom 'Blauen Palast' der vor Urzeiten von den Zwillingen errichtet worden sein soll.» Tanda hob die Brauen «Von den Zwillingen! In Sayugo?» «Gashin hat sich nie deutlich darüber geäußert und Tarangi wusste schon überhaupt nichts mehr darüber. S'ist ne alte Yaku–Mythe, mach dir nichts draus, davon gibt's unzählige, 'ging mir nur eben mal durch den Kopf.» Tanda schwieg eine Weile... aber von ferne hörte er ein schwelendes Summen, nicht unähnlich jenem am Ende der Frühlingszeremonie. In ihrer beider Gegenwart geschahen oftmals außerordentliche Dinge, und obwohl Tanda sich nicht eben mit Eifer der schamanistischen Lehre verschrieb, spürte er, dass sich die Positionen zwischen Torogai und ihm, nach und nach anglichen. Er gab sich einen Ruck. «Nun, wenn's sein muss, so werd ich gegen Ende des Mondes nach Tomi aufbrechen. Aber lasst uns miteinander in Verbindung bleiben, Schamanin Torogai!» «Nur zu, ich löse mich nicht plötzlich in Luft auf», brummte diese und zündete sich gelassen ein Pfeifchen an.