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Ein Spiel von Katz' und Maus

von Spamano
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
20.03.2017
04.06.2022
16
54.913
3
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
03.07.2021 3.424
 
9. Kapitel

Ludwigs Sicht


„Ich weiß, was wir machen können!“, sagte Antonio plötzlich. „Wir können Matthew und Gilbert fragen Lovino zu begleiten, wenn er in der Universität ist.“

Der blonde Mann durchdachte den Vorschlag und kam letztendlich zum Entschluss, dass er diesen nicht mochte. Er wollte ungerne seinen Bruder und dessen Partner in dieser Situation involvieren. Wenngleich er wusste, dass sie gegenwärtig keinen anderen Fall aktiv bearbeiteten und die Arbeitszeit eher hinter dem Schreibtisch verbrachten. Gilbert hatte sich bereits mehrfach darüber beschwert. Trotzdem gefiel ihm der Gedanke nicht, seine Kollegen mit einer eindeutig schwierigen Person zu belasten, wie es Lovino war. Er konnte nicht wirklich nachvollziehen, wie Antonio irgendwelche positive Gefühle für den Italiener hegen konnte, schon gar nicht romantische. Und auch wenn der Spanier es bisher nicht ganz zu begreifen schien, die Menschen um ihn herum konnten deutlich sehen, wie er den Jüngeren ansah.

Was Ludwig jedoch ebenfalls nicht verstand, war, dass jemand wie Feliciano mit Lovino verwandt sein konnte. Ihr Auszubildende war das komplette Gegenteil seines Bruders. Viel freundlicher, viel kooperativer. Ihr äußerliches ließ jedoch keine Zweifel bestehen, dass sie nicht blutsverwandt waren.
Wenn der Deutsche darüber nachdachte, war er aber nicht unbedingt in der Position, in der er urteilen konnte. Gilbert und er waren definitiv blutsverwandt und doch waren sie sowohl vom Aussehen als auch ihren Charakterzügen so verschieden wie Tag und Nacht.

Schließlich stieß er einen leisen Seufzer aus und nickte. „Na schön.“
Er konnte in diesem Augenblick keine Alternative bringen und ohne diese, konnte er nicht einmal davon träumen Antonio umzustimmen. Er wusste, dass sein Partner nicht eher ruhen würde, bis sie einen 24/7-Schutz für Lovino garantieren konnten. Das war nur ein weiterer Beweis für die große Sorge – und Gefühle – die Antonio offensichtlich für den älteren Italiener hegte.
Hastig schüttelte er seinen Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben. Er gab sein Bestes, dies eher dezent zu tun damit Fragen vermieden werden konnten. Solange die Gefühle seines Arbeitskollegen ihrem Fall nicht im Weg stehen oder ihn anderweitig ablenken, ging ihn nichts davon an. Er würde es vermutlich sowieso nicht verstehen, selbst wenn er es versuchen würde. Hauptsächlich lag dies daran, dass Lovino eine äußerst unhöfliche Person war.

Der größere Mann blickte zum jüngeren Vargas-Bruder. Er könnte Antonio verstehen, wenn er Gefühle für Feliciano entwickeln würde. Immerhin war dieser empathisch und höflich. Er hatte etwas an sich, was die Leute augenblicklich zu beruhigen schien. Vielleicht war er ein wenig verträumt, aber er war fleißig. Insgesamt schien er Dinge auf eine andere Art zu sehen. Das konnte in gewissen Situationen sehr hilfreich sein. Lovino hingegen...

Feliciano bemerkte den Blick des Größeren schnell und erwiderte diesen. Ein Lächeln machte sich augenblicklich auf seinen Lippen breit. Ludwig bemerkte, dass er die Situation wohl noch immer nicht ganz zu begreifen schien. Er würde ihm allerdings helfen, dass er es früher oder später tat. Früher wäre ihm lieber, aber so wie der Auszubildende momentan aussah, könnte es doch eine Weile dauern.
„Gut. Jetzt wo das geklärt ist, sollten wir wohl ein paar mehr Sachen für Feliciano holen.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu. „Und Lovino auch.“

Aus dem Augenwinkel sah Ludwig, wie Lovino die Augen verdrehte und Antonio ein Lachen unterdrückte. Er selbst musste sich auf die Zunge beißen, um sich daran zu hindern dieses Verhalten zu kommentieren. Dies würde schließlich nur eine Diskussion auslösen, was wiederum zu einem verlängerten Aufenthalt führen würde. Das wollte Ludwig aus zwei Gründen nicht. Erstens könnten Felicianos Verfolger, falls diese existierten, Wind davon bekommen, dass sie vorgewarnt worden waren und dementsprechend handeln, bevor sie einen konkreten Plan ausgearbeitet hatten. Er wollte nicht, dass dem Auszubildenden etwas passierte. Zweitens war er der Meinung, umso weniger Zeit er mit Lovino in einem Zimmer verbringen musste, umso besser würden sich beide Parteien fühlen.

Lovino schien seine Einstellung zu teilen, denn er verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte verächtlich. Ludwig musste sich stärker auf die Zunge beißen. Glücklicherweise erhob Antonio die Stimme, bevor einer der Beiden die Meinung änderte und die Situation ausarten konnte. „Gute Idee, Ludwig!“
Es war deutlich zu hören, dass er dennoch amüsiert von dem Verhalten seines Schwarms und seines Arbeitskollegen war.
„Wie wäre es, wenn wir uns gleich aufteilen. Du und Feli geht und holt Felis Sachen. Ich und Lovi gehen zu ihm, um seine Sachen zu holen.“

Der Blonde nickte eifrig. Dieser Eifer entging weder Antonio noch Feliciano. Sie warfen sich einen vielsagenden Blick zu und fingen schließlich an zu lachen. Es war offensichtlich, dass Ludwig zu jeglicher Idee zustimmen würde, die ihn ein paar Kilometer weiter von Lovino bringen würde. Zumindest schien dies auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
„Okay. Du schreibst mir, wenn ihr bei Feli ankommt und wenn ihr wieder bei dir seid. Nur um sicher zu gehen und um Lovino zu beruhigen“, sagte Antonio, bevor er einen überraschten Laut von sich gab. Der ältere Italiener hatte ihn mit der flachen Hand auf den Oberarm geschlagen. Allerdings war es nicht stark genug gewesen um weh zutun.
„Ich bin ruhig!“, beschwerte sich Lovino. „Macht doch was ihr wollt! Verdammter Bastard.“

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Es dauerte viel zu lange bis sie schließlich zu seinem Auto kamen. Jedenfalls empfand Ludwig die verstrichene Zeit als zu lange. Zu sagen, dass er erleichtert war, endlich das Gebäude verlassen z u haben, war reine Untertreibung. Er hatte noch nie eine solche Erleichterung verspürt die Arbeit zu verlassen und es hatte alles mit dem älteren Vargas Bruder zutun.
‚Liebe auf den ersten Blick‘ war ein Mysterium, worüber er viel gelesen hatte, aber nicht nachvollziehen konnte. ‚Hass auf den ersten Blick‘ jedoch...

Nun, vielleicht war „Hass“ nicht unbedingt das beste Wort, um seine Gefühle gegenüber dem Italiener zu beschreiben. Abneigung war ein besseres Wort. Und er hatte in all seinen Jahren noch nie eine solche Abneigung gegenüber jemanden nach dem ersten Treffen verspürt. Am liebsten würde er Lovino nie wieder sehen wollen, aber er wusste, dass dies unmöglich ist. Auch wenn Antonio nun weitestgehend für Lovino zuständig war, bedeutete dies nicht, dass Ludwig außenvor war. Leider.

„Nimm‘ es Lovi nicht übel“, sagte Feliciano plötzlich und riss den Deutschen somit aus seinen Gedanken. „Er meint es eigentlich nicht so. Er macht sich nur sehr viele Sorgen und weiß nicht, wie er seine Gefühle richtig ausdrücken soll.“
Der junge Mann kicherte leise. „In der Hinsicht ähnelt er unserem Großvater Romulus sehr.“

Überrascht zog Ludwig seine Augenbrauen höher. Feliciano sprach nur selten von seiner Familie und schon gar nicht in einem solchen nostalgischen Ton. Tatsächlich wusste fast niemand auf dem Revier irgendetwas über die Vargas Familie. An sich war das nichts Außergewöhnliches, aber in diesem Fall wunderte es den Blonden, denn er hatte das Gefühl, dass es eine bekannte Familie war. Noch als Feliciano sich bei ihm vorgestellt hatte, Monate zuvor, hatte der Name vertraut geklungen. Bis heute wusste er nicht genau wieso.
Er zwang ihn jedoch nicht, ihm mehr darüber zu erzählen. Wenn Feliciano bereit war, würde er es von sich aus tun.

Die Autofahrt zu Felicianos Wohnung verlief ohne Vorfälle. Der Auszubildende sprach über alles mögliche, wie üblich. Ludwig schämte sich beinahe zu sagen, dass er nur mit einem Ohr zuhörte. Das Gerede erinnerte ihn zu sehr an Antonio, da die Themen hauptsächlich Lovino beinhielten. Eine Person, die Ludwig eher vergessen wollte. Auch wenn ihm bewusst war, dass das nicht so einfach ist.
Sie packten mehrere Sachen ein, die der Italiener am vorherigen Abend vergessen hatte und machten sich schließlich auf den Weg zu Ludwig nachhause. Er nahm es ihm nicht übel, dass er einige Dinge vergessen hatte. Schließlich war es spät abends gewesen als Antonio ihn angerufen hatte und der Jüngere hatte vermutlich geschlafen.

Dieses Mal überlegte der Blonde, ob er einen weiteren Schlüssel anfertigen lassen sollte. Im Endeffekt entschloss er sich jedoch dagegen. Feliciano würde jederzeit entweder in seiner oder Gilberts Nähe bleiben. Deshalb würde er keinen eigenen Schlüssel benötigen. Davon abgesehen wusste Ludwig nicht, wie er seinem Vermieter beibringen sollte, dass einerseits sein Bruder beschlossen hatte, dauerhaft bei ihm zu bleiben und andererseits, er einen Arbeitskollegen aufgrund eines Falles bei sich behalten sollte. Wenn ihm Zweiteres keine Angst einjagen würde, so würde er sich sicherlich aufgrund von Gilbert beschweren. Hier ging es hauptsächlich um die Lautstärke. Es dem Vermieter jedoch nicht zu sagen, würde sich allerdings falsch anfühlen. Er müsse sich da etwas einfallen lassen.


„West? Bist du schon wieder Zuhause?“, hörte Ludwig die Stimme seines Bruders, sobald sie die Wohnung betreten und die Tür hinter sich zugezogen hatten. Der Blonde blickte in die Richtung, aus der sein Bruder gesprochen hatte, während er seine Schuhe auszog. Bevor er ihm jedoch antworten konnte, wandte sich Feliciano schon zu Wort und rief: „Hallo Gilbert!“
Dies lockte den Albino in den Flur. Er schien beinahe überrascht zu sein den Jüngeren zu sehen. Dabei hatte Ludwig ihm erst heute Morgen gesagt, dass es durchaus möglich ist, dass Feliciano eine Weile lang bei ihnen bleiben würde. Apropos, er müsste ihm später die Situation etwas genauer erklären.

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Den Nachmittag verbrachte die Gruppe damit, Gilberts Sachen aus dem Gästezimmer in Ludwigs Zimmer zu bringen. Glücklicherweise hatte der ältere Mann nicht ganz so viele Besitztümer. Das lag hauptsächlich daran, dass er schon oft umgezogen war und er sich viel Arbeit ersparen wollte. Es handelte sich eigentlich nur um ein paar wenige Akten aus der Arbeit, Klamotten und einige Mitbringsel aus der alten Wohnung, beispielsweise einige Fotoalben oder Souvenirs von seinen – und seiner Freunde – vielen „Abenteuern“.
Sie waren pünktlich zum Abendessen fertig und machten es sich anschließend auf der Couch im Wohnzimmer bequem. Sowohl Gilbert als auch Ludwig tranken ein kühles Bier. Feliciano dagegen hatte beinahe schüchtern nach einem Rotwein gefragt. Glücklicherweise hatte Francis ihnen eine Flasche geschenkt, nachdem Gilbert wieder zu seinem Bruder gezogen war, weshalb sie der Bitte nachkommen konnten.

Zunächst hatte die Gruppe angefangen einen Film zu schauen, der im Fernseher lief. Schnell wandten sie ihre Aufmerksamkeit jedoch einander zu. Es gab unzählige Themen, über die sie sprechen konnten und es schien beinahe so, als hätten sie es sich zur Aufgabe gemacht, jedes einzelne noch am selben Abend abzudecken. Noch mehr Themen kamen hinzu, je weiter der Abend voranschritt, ermutigt von dem Alkoholintus. Kurz vor 20 Uhr entschloss Gilbert schließlich, er solle besser schlafen gehen. Immerhin musste er morgen früh raus, um den neuen Arbeitsplan mit Matthew zu besprechen. Und so fanden sich Feliciano und Ludwig allein in letzterem Wohnzimmer wieder, beide mit einem Glas eines alkoholischen Getränks ihrer Wahl.

„Feliciano, kann ich dich etwas fragen?“, sagte Ludwig eine Weile, nachdem Gilbert fälschlicherweise in sein Schlafzimmer gegangen war. Dies deutete wohl darauf hin, dass er heute selbst auf der Couch schlafen müsse, aber in diesem Moment war das nicht mehr als eine unwichtige Nebenbemerkung, die er machte.
Feliciano blickte zu dem Blonden und nickte leicht, woraufhin Ludwig fortfuhr.
„Hast du keine Angst? Ich meine, dein Leben könnte in Gefahr sein. Nicht, dass ich dich verängstigen möchte. Aber du scheinst diese Situation doch relativ gut aufzunehmen.“

Der Angesprochene legte den Kopf schief. Die Gestik erinnerte Ludwig an einen Welpen, der ein Kommando nicht verstanden hatte. Es war unglaublich niedlich. Es dauerte einen Moment, bis der junge Mann die Frage richtig registrierte. Sobald er das jedoch tat, blinzelte er erstaunt. Erneut schien er einen Augenblick zu benötigen. Er verschaffte sich etwas mehr Zeit, indem er einen großzügigen Schluck aus seinem Glas nahm. Sein Gesichtsausdruck war ernst.
Endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit – antwortete Feliciano.
„Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen, Ludwig?“

Der Deutsche zögerte nicht eine Antwort in Form eines Nickens zu geben. Das brachte Feliciano zum Lächeln, bevor er fortfuhr. „Ich habe gewaltige Angst. Die Mafia ist kein Gegner, den man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Das weiß ich.“
Er machte eine kurze Pause und verzog den Mund. Eine Zunge schnellte hervor und befeuchtete seine Lippen. Ludwig konnte seinen Blick nicht von diesen nehmen. Glücklicherweise schien der Jüngere davon nichts zu bemerken.
„Aber… ich habe keine Angst davor, dass sie mir weh tun. Ich habe mehr Angst, dass sie meinen Brüdern etwas antun. Weißt du, wir Vargas‘ hatten schon oft mit denen zutun. Nicht ich selbst, natürlich. Aber mein Großvater.“

„Romulus?“ Der Name war seinen Lippen entwichen, bevor Ludwig sie zurückhalten konnte. Er bereute es augenblicklich als er den traurigen Glanz in Felicianos Augen bemerkte.
Dennoch sprach Feliciano weiter. „Ja. Kennst du die Geschichte?“
Ludwig schüttelte den Kopf. Der Name kam ihm bekannt vor, aber er konnte diesen keiner Geschichte, keinen Nachrichten zuordnen. „Nein. Du erwähntest vorhin nur seinen Namen.“

„Ah. Möchtest du sie hören?“, fragte Feliciano zögerlich. Es ähnelte viel mehr einem Flüstern. Es schien als würde er ihm gleich ein Geheimnis erzählen, das er vorher noch nie jemandem erzählt hatte. Es schien als würde er ihm einen Teil seines Selbst offenbaren. In gewisser Weise stimmte dies wohl. Die Familiengeschichte konnte viel über eine Person offenlegen. Schöne Erinnerungen, schlechte Erinnerungen, Traumen. All das konnte man anhand der Familiengeschichte erfahren und so den Charakter einer Person besser einordnen. Hauptsächlich wollte Ludwig jedoch, dass Feliciano weitersprach. Er mochte es, ihm zuzuhören. Deshalb nickte er.

„Mein Großvater war ein geschätzter Geschäftsmann, bevor die Mafia sich einmischte“, fing Feliciano an. „Zu der damaligen Zeit, vor 25 Jahren, waren sie noch klein in dieser Gegend, aber auf dem direkten Weg ihren Einfluss zu steigern. Sie kauften Firmen auf, erpressten Leute, bestachen die hohen Tiere in allen Fachrichtungen. Ihr Einfluss stieg stündlich, bis sie schließlich alles unter Kontrolle hatten. Alles bis auf eine Ausnahme.“

„Die Firma deines Großvaters.“

„Ganz genau. Nonno weigerte sich mit ihnen zusammen zu arbeiten. Sie versuchten die Firma zu kaufen, aber mein Großvater hatte bereits genug Geld, um sich zu Ruhe zu setzen, wenn er es denn gewollt hätte. Sie versuchten ihn zu bestechen, aber auch hier brachte sie das Geld und die versprochene Macht nicht weiter. Schließlich hatte Großvater das schon alles! Sie versuchten ihn zu erpressen, aber Nonno hatte sich nie für seine Entscheidungen geschämt. Nicht einmal für die schlechten Dinge, die er getan hat, um so weit im Leben zu kommen. Er wusste, dass sie falsch waren, aber er akzeptierte es und übernahm die Verantwortung dafür. Er war so stark und unantastbar. Und dann...“ Feliciano zögerte erneut. Ludwig blieb still und gab ihm Zeit sich zu sammeln.
„Sie versuchten es jahrelang. Wieder und wieder und wieder. Und als er nicht hören wollte, beschlossen sie ein Zeichen zu setzen. Schließlich konnten sie machen, was sie wollten. Wer sollte sie aufhalten? Sie hatten doch schon alles.“

„Sie verletzten ihn?“

Feliciano lachte bitter auf. Es war das komplette Gegenteil von seinem sonst so fröhlichen, wohlklingenden Lachen. „Na ja, nein. Zumindest nicht körperlich. Emotional, ja. Sie nahmen ihm das Wichtigste, was er hatte. Seine Tochter und seinen Schwiegersohn. Meine Mutter und meinen Vater.“

Stille.

Ludwig sah den jüngeren Mann geschockt an. Er wusste, dass die Mafia skrupellos war. » Seraph « war das perfekte Beispiel dafür. Er hatte oft mit Opfern zutun, die Angehörige aufgrund der Mafia verloren hatten, aber keiner von ihnen war ihm bisher so nahe gestanden. Nicht das Feliciano ihm nahe stand. Sie kannten sich fast nicht. Dennoch waren sie Arbeitskollegen. Er kannte ihn besser als die Familienangehörigen, die ihm ihre Geschichte erzählten.

„Nonno hat sich immer die Schuld dafür gegeben. Er sagte oft, dass wenn er früher eingestimmt hätte. Wenn er das Unvermeidliche nicht so herausgezögert hätte. Wenn er nicht so naiv gewesen wäre, zu glauben, er könne allein gegen die Mafia ankämpfen, ihr standhalten. Vielleicht wären sie heute dann noch hier. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so stimmt.“
Der Italiener blickte auf. Er schien einen Moment lang etwas in Ludwigs Augen zu suchen. Ob er es fand, wusste der Blonde nicht, aber er sprach weiter. „Ich glaube, dass ist das einzige Mal gewesen, dass er irgendetwas in seinem Leben wirklich bereut hat.“

Ludwig wusste nicht, was er sagen sollte. Einen Elternteil zu verlieren war schmerzhaft, das wusste er. Einen Elternteil aufgrund einer nicht natürlichen Ursache zu verlieren, war noch viel schmerzhafter und das wusste er genauso gut. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Feliciano sich gefühlt haben muss seine Eltern – beide – so früh zu verlieren. Wie sich sein Großvater gefühlt haben muss seine Tochter und seinen Schwiegersohn zu verlieren. Sein Brustkorb schien sich zu verengen und es fiel ihm schwer, Luft zu bekommen. Niemand sollte seine Familienangehörigen so früh und auf solch eine grausame Art und Weise verlieren. Niemand.
„Es... tut mir so leid, Feliciano“, sagte er. Seine Stimme leise und brüchig.

„Weißt du, Marcello und ich haben es Nonno nie übelgenommen. Lovino allerdings... Er hat sich am Anfang noch sehr schwergetan. Er ist der Älteste. Er kannte unsere Eltern wesentlich besser als Marcello und ich es je getan haben. Unsere Eltern sind viel gereist für die Arbeit, deshalb kannten wir sowieso nur Nonno. Lovino dagegen...“, Feliciano schluckte schwer und machte erneut eine Pause. Er blickte in die Ferne, nachdenklich. „Der Tod unserer Eltern hat etwas mit ihm gemacht. Aber er wusste auch, warum Nonno so gehandelt hat und er war auch nie wirklich wütend auf ihn. Er war wütend auf die Mafia, ist es immer noch.“
Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Ich glaube, du hättest Lovi sehr gemocht, wenn du ihn damals kennengelernt hättest. Er hat immer gelächelt und immer Witze gerissen.“

Das Lächeln verschwand so schnell wie es gekommen war.
„Ich glaube, Lovi wusste einfach nicht, wie er mit seiner Trauer umgehen soll und hat sich ein paar Sachen von Nonno abgeschaut, der auch nicht gerade auf die gesündeste Art und Weise mit dem Schmerz zurechtgekommen ist. Deshalb ist Lovi manchmal so zynisch und macht die Dinge, die er jetzt tut. Aber... er meint es nicht so. Deshalb nimm es ihm nicht übel. Bitte. Er möchte niemanden verletzten. Er hat nur... Angst.“

Ludwig schluckte schwer. Er tat sich immer noch schwer zu denken, dass Lovino kein komplettes Arschloch war, aber er konnte es zumindest versuchen. Zu wissen, dass Lovino und er etwas gemeinsam hatten, würde sicherlich dabei helfen.

Plötzlich stand Feliciano auf. Erneut war ein Lächeln auf seinen Lippen. So als hätte er ihm nicht gerade die tragische Geschichte erzählt, wie seine Eltern umgekommen waren. „Ich bin ziemlich müde. Gute Nacht, Ludwig.“

„Gute Nacht“, erwiderte Ludwig aus Reflex.

Feliciano ging in das Gästezimmer, in dem er für eine Weile nun hausen würde. Ludwig blieb jedoch sitzen. Er blieb noch lange sitzen, sein Kopf voll mit neuen Informationen und in seiner Brust Gefühle, bei denen er sich schwer fand, alle zu identifizieren.
Sympathie für Lovino. Mitleid für die Vargas Familie. Aber da war noch etwas anderes. Ein Gefühl das sich wie eine kalte Hand um sein Herz legte und zudrückte während es ihm gleichzeitig ein angenehm warmes Gefühl in der Bauchregion bescherte.

✩ ✩ ✩ Ende - Kapitel 9 ✩ ✩ ✩


Vielen Dank fürs Lesen! Einen ganzen Monat ist das letzte Update schon her. Ich muss mich entschuldigen für das herauszögern. Wie letztes Mal angekündigt, hatte ich meine Prüfungen und anschließend ging es drunter und drüber mit einem Umzug, neuer Arbeitsstelle, etc.
Es kann sein, das dieses Kapitel ein wenig hektisch erscheint bzw. etwas kürzer ist als die Anderen. Es ist auch möglich, dass ich an einem bestimmten Punkt hierher nochmal zurückkehre und das Kapitel  umschreibe. Das wird allerdings eher erst nach Beendigung der Fanfiktion passieren und falls ich doch früher auf diese großartige Idee kommen sollte, dann werde ich es euch definitiv wissen lassen!

Apropos Beendigung der Fanfiktion. Ein paar kleine Details.
Ich habe einen Schreibplan erstellt und bin momentan in der Vorproduktion. Diese Kapitel werden anschließend an ReaAthera geschickt, die sich als Betaleserin gemeldet hat. Vielen lieben Dank dafür nochmal! ★
[Dieses Kapitel ist noch nicht betagelesen, deshalb können durchaus noch Fehler vorkommen. Ich entschuldige mich dafür!]

Updates sind momentan jede zweite Woche geplant, vermutlich am Mittwoch, da das mein kürzester Arbeitstag ist. Es kann sein, dass es mehr Updates geben wird, sobald die Geschichte in der Vorproduktion fertiggestellt ist. Hier würde ich auch vorher Bescheid geben. Ich möchte nur keine Versprechen machen, die ich nicht halten kann, deshalb wird es zunächst bei diesem 2-Wochen-Rhythmus bleiben. Die Geschichte wird allerdings auf jeden Fall fertiggestellt! [Nicht wie letztes Mal, wo ich für vier Jahre verschwunden bin, haha]

Außerdem noch eine kleine Anmerkung. ReaAthera hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass "Detektives" in Englisch und Deutsch zwei verschiedene Berufe sind. Ich meine tatsächlich die Kriminalbeamten, wenn ich von "Detektives" rede und werde es ab jetzt auch so übernehmen, um Verwirrungen zu vermeiden.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein noch angenehmes Wochenende. Trinkt genügend und vergesst nicht zu essen! Bis bald :)
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