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Ein Spiel von Katz' und Maus

von Spamano
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
20.03.2017
04.06.2022
16
54.913
3
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
02.06.2021 4.794
 
Kapitel 8.

Antonios Sicht


"Fernández. Beilschmidt", ertönte die Stimme von Kirkland. "In mein Büro. Jetzt. Ohne Eure Gäste."

Antonio blickte in die Richtung, aus der die Stimme des blonden Mannes gekommen war und verdrehte die Augen. Der Hauptkommissar war theoretisch gesehen sein Boss. Nun, wenn sie es genau nahmen, war er nicht nur theoretisch sein Vorgesetzter. Es bereitete Antonio allerdings alles andere als Freude unter Arthur zu arbeiten. Sie hatten ein Art Rivalität, die seit dem ersten Tage an bestand. Sie waren auch diejenigen, die bei jeder Betriebsfeier gemeinsame Wetten abschlossen und alles taten, um den jeweiligen Anderen bloßzustellen. Es war ein Wunder, das Antonio noch nicht seinen Job verloren hatte, aber das lag vermutlich daran, dass er trotz allem ein guter Detektiv war und Arthur sich vor allem jetzt kein Verlust leisten konnte. Aber selbst bevor der ganzen Geschichte mit dem Mafiamörder war der blonde Mann stets fair zu ihm gewesen. Das musste der Spanier nach vielen Jahren Leugnung schließlich zugeben.
Viele behaupteten außerdem, dass sich Arthur und Antonio in vielerlei Hinsicht ähnlich seien. Er konnte das nicht nachvollziehen. Ihre Äußerlichkeiten waren das komplette Gegenteil voneinander und vom Charakter wollte er erst gar nicht anfangen.

Durch einen plötzlichen Schmerz in seinem linken Oberarm wurde der braunhaarige Mann aus seinen Gedanken gerissen. Er verzog das Gesicht und seine freie Hand legte sich augenblicklich schützend über die Stelle, die eben geboxt worden ist. Erstaunt richtete er seine Aufmerksamkeit auf Lovino, der mittlerweile von Feliciano losgelassen worden war - sich freigekämpft hatte? - und die Arme vor der Brust verschränkte. "Lovi! Was sollte das denn?", fragte er beinahe entsetzt. Lovino hatte ihm das eine oder andere Mal bereits mit Schlägen gedroht, allerdings hatte Antonio ihn nie ernst genommen. Zurecht, denn der Italiener mochte es sehr viele Drohungen auszusprechen ohne den Hintergedanken, diese auch auszuführen. Es war einer der vielen Aspekte, die er als sehr niedlich empfand an Lovino. "Jetzt bekomme ich einen blauen Fleck!"
Der ältere Vargas-Bruder seufzte beinahe genervt auf, doch war er bereits an die dramatische Fassade des älteren Mannes gewöhnt. Er schüttelte den Kopf und entgegnete: "Es ist nicht meine Schuld, dass du schon wieder in deiner eigenen Welt warst. Sei froh, dass ich es war und nicht dein Partner. Dieser Muskelprotzen hätte dir vermutlich mehr als nur ein paar Knochen gebrochen."
Der Spanier musste sich ein Lachen verkneifen. Besonders als er den beinahe beleidigten Blick Ludwigs sah. Es stimmte allerdings. Der Blonde war stark, was natürlich damit zutun hatte, dass er gerne trainieren ging. "Und überhaupt, man sollte meinen jemand in deiner Branche hat eine bessere Konzentration."
Das wiederum brachte ein sanftes Lächeln auf seine Lippen. Lovinos Worte klangen meistens grob, aber eigentlich musste man bei ihm mehr zwischen den Zeilen lesen. Glücklicherweise hatte Antonio ein spezielles Talent dafür, sodass er direkt wusste, was der Barmann ihm eigentlich sagen wollte: Er sorgte sich. Das überraschte ihn nicht. Lovino war leicht zu überfordern und diese gesamte Situation war anstrengend. Es war einfach zu viel auf einmal passiert.
"Tut mir leid. Ich werde mich zusammenreißen." - "Das will ich hoffen! Sonst lasse ich dich garantiert nicht meinen Bruder beschützen", erwiderte der Jüngere. Antonio bemerkte gleich, dass er dennoch anfing sich zu entspannen. Lovino war wirklich niedlich.

"Antonio. Wir sollten gehen bevor Kirkland ungeduldig wird", sagte Ludwig und riss die Turteltauben dadurch aus ihrer kleinen Blase. Der Älteste in dem Raum stöhnte genervt, bevor er kurz nickte. Er blickte zu den Vargas Brüdern. "Ich denke nicht, dass wir lange fort sein werden. Bleibt bitte hier. Falls etwas sein sollte, weißt du wo du uns findest, Feliciano. Oder ihr könnt euch auch an Francis wenden. Er ist gleich nebenan." - "Großartig, das muss mein Glück sein. Natürlich ist der Perverse hier."
Obwohl sein Freund gerade beleidigt worden ist, konnte sich der Spanier kein Lachen verkneifen. "Lovino, sei nett."
"Fratello, du kennst Francis?", fragte Feliciano erstaunt und Lovino begann augenblicklich davon zu erzählen, wie Antonio mit seinen zwei besten Freunden zum ersten Mal in die Bar gekommen waren.
Der ältere Detektiv nahm das als Zeichen, dass sie die Brüder nun beruhigt, allein lassen könnten. Ludwig hatte ihn bereits darauf hingewiesen, dass sie Kirkland nicht länger warten lassen sollten. Es wäre keine gute Idee und so sehr er ihn nicht mochte, er wollte dennoch ebenfalls fair zu ihm sein. Außerdem hatte Arthur viel zutun. Ihn länger warten zu lassen als unbedingt notwendig, wäre alles andere als fair. Nicht zu vergessen, dass Antonio sich gerade von seiner besten Seite zeigen wollte und dass alles damit zutun hatte, dass Lovino hier war. Auch wenn dieser nicht am Gespräch teilnehmen würde. Er wollte gute Resultate erzielen. Nicht nur Felicianos Sicherheit zuliebe, sondern auch um Lovinos Sorgen zu ertränken.

Das Gebäude war relativ groß, aber sie brauchten dennoch nicht lange, um beim Büro ihres Chefs anzukommen. Ludwig nahm sich die Freiheit zu klopfen und obwohl sie erwartet wurden, warteten sie darauf, dass ihnen eine Erlaubnis erteilt wurde das Zimmer zu betreten, bevor sie eben dies taten. Sie nahmen die Plätze auf der anderen Seite des großen Tisches ein und warteten bis der blonde Mann von seinen Dokumenten aufblickte. Es würde nicht allzu lange dauern, doch Antonio nahm sich dennoch die Zeit, um den älteren Mann zu betrachten. Er hatte das schon häufig getan in den vergangenen Jahren und doch tat er es immer und immer wieder. Für gewöhnlich sah Arthur müde aus, doch das war nichts im Vergleich zu seinem momentanen Zustand. Er war auffällig blass und hatte leichte Ringe unter seinen Augen. Außerdem fiel ihm auf, dass seine Hand dezent zitterte. Noch bevor er weitere Details in Erfahrung bringen konnte, richtete der Engländer seinen Blick auf seine Angestellten. Er presste die Fingerspitzen beider Hände aneinander. "Bitte sagt mir, dass Ihr in irgendeiner Art und Weise weiterkommen, konntet in Eurem Fall."

Die Detektive sahen einander an. Keiner von ihnen wollte unbedingt zugeben, dass sie noch immer nicht viel Informationen hatten über den Serienmörder, der umher wandelte. » Seraph « war ungewöhnlich in der Art wie er vorging. Organisiert und ohne den kleinsten Fehler zu machen. Für gewöhnlich hätten Mörder zu diesem Zeitpunkt bereits irgendetwas vergessen, was ihnen einen Anhaltspunkt auf das Täterprofil gab. Der Mann, der für die Mafia die Drecksarbeit erledigte, allerdings war komplett anders. Antonio hatte die Ehre ihn gestern kennenlernen zu dürfen und das organisatorische Talent mit eigenen Augen sehen können. Dies erinnerte ihn daran, dass er Arthur wohl sagen musste, dass seine Handwaffe sich momentan bei einem Mörder befand. Oh, das würde den Blonden alles andere als freuen. Der Spanier wusste bereits, dass er einen gewaltigen Anschiss dafür bekommen würde, und er bereitete sich mental darauf vor. Vermutlich würde er für den Rest seines Lebens mit der Bürokratie bestraft werden. Arthur wusste, wie sehr er es hasste, seinen Tag hinter dem Schreibtisch zu verbringen.
"Sir, wir haben gegenwärtig keine großen Erfolge zu melden. Allerdings gibt es etwas anderes, worüber wir mit Ihnen reden müssen", sagte Ludwig. Noch bevor er weitersprechen konnte, knallte Arthur mit seinen Händen auf den Tisch.
"Das kann doch nicht sein. Ihr arbeitet jetzt seit wie vielen Monaten an diesem Fall und Ihr habt es immer noch nicht auf die Reihe bekommen irgendetwas in Erfahrung zu bekommen? Ich habe Euch diesen Fall überlassen, weil Ihr angeblich die Besten der Besten seid. Davon sehe ich allerdings nichts. Himmelherrschaftszeiten." Arthur lehnte sich zurück in seinen Stuhl und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in den Nasenrücken. Oh, er würde Antonio definitiv umbringen, wenn er erfuhr, was passiert war.

Eine unangenehme Stille machte sich in dem Büro breit. Keiner der Detektive wollte etwas sagen. Zumindest nicht, bis Arthur sich weiter beruhigt hatte. Glücklicherweise dauerte das nicht allzu lange. Hauptsächlich, weil er wohl so wenig Zeit wie möglich mit ihnen verschwenden wollte. Das nahm Antonio zumindest an. Er war auch nur ungerne hier, aber er hatte nun mal keine Wahl.
"Wenn Ihr keine Erfolge zu vermelden habt, wieso wolltet Ihr dann einen dringenden Termin bei mir? Ihr wisst, dass ich einen vollen Terminplan habe", fragte der Hauptkommissar, nachdem die Stille sich für gute fünf Minuten hingezogen hatte. Antonio hatte eher das Gefühl, dass Jahre vergangen waren. Er musste nicht zu Ludwig schauen, um zu wissen, dass er angespannt war. Anders als Antonio war er nicht daran gewöhnt von seinem Chef angemotzt zu werden. Schließlich entschloss er sich auch, das Gespräch hastig fortzuführen.
"Wir wissen nicht wer er ist, aber wir haben einen Anhaltspunkt wer sein nächstes Opfer sein könnte. Wenn wir dieses rechtzeitig identifizieren, könnten wir vielleicht mehr über ihn in Erfahrung bringen."
Arthur legte die Stirn in Falten. Er sagte nichts darauf, sondern schien stumm darauf zu warten, dass Antonio fortfuhr. Als er dies nicht tat, machte er erneut Gebrauch von seiner Stimme. "Woher stammt diese Information?"

Nun, dies war der interessante Teil der Erzählung. Antonio war sich nicht sicher gewesen, ob er seinem Boss die komplette Wahrheit sagen sollte oder nicht. Im Angesicht seiner Laune wäre es jetzt allerdings fatal Fehler zu begehen. Arthur würde früher oder später herausfinden, dass Antonio ihm etwas verschwiegen hatte. Er würde dann mit harten Konsequenzen rechnen müssen und für die war er nicht bereit. Die Bestrafung seines Vorgesetzten konnten grausam sein. Natürlich würde er ihn vermutlich nicht feuern, da er sich diesen Luxus einfach nicht leisten konnte, aber der Spanier wollte dennoch nicht herausfinden, was der Blonde sonst noch im Ärmel hatte. Er durfte jetzt keine Strafen bekommen, sonst würde es ihm schwerer fallen Feliciano zu beschützen. Außerdem wollte er, dass sein Partner sich beruhigte. Er hatte Ludwig noch nie so angespannt gesehen. Und er war sicherlich nicht scharf darauf, dass Gilbert ihn später anschreien würde, wenn er seinen kleinen Bruder nicht richtig behandelte.
Davon abgesehen, war er sich ziemlich sicher, dass Arthur die Wahrheit schnell herausfinden würde. Ein weiterer Grund warum Antonio etwas gegen Arthur hatte: Irgendetwas war zwischen ihm und Francis. Der Franzose hatte ihm nie verraten was genau zwischen ihnen lief, aber Antonio war nicht blind. Er sah genau wie sein Freund ihren Boss ansah und er wusste, dass er weich wurde, wenn es um seinen Schwarm ging. Nicht das Antonio sich beschweren durfte. Schließlich würde er genau dasselbe tun.

"Von » Seraph « persönlich", gab der braunhaarige Mann schließlich die Antwort. Arthur sah ihn mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck an. Schnell wandelte sich dieser jedoch. In den Augen des Älteren entfachte ein zorniges Feuer. Er umklammerte die Armlehnen seines Stuhls. "Fernández. Ich weiß, du hast das Feingefühl eines Milchbrötchens, wenn es um solche Dinge geht. Aber selbst du solltest wissen, dass solch ein Witz in Angesicht der Ernsthaftigkeit der Lage unangebracht ist." Die Stimme des Briten wurde noch lauter. "Wenn du nichts Sinnvolles zu diesem Fall beitragen kannst, dann kann ich dich ganz einfach rausnehmen und du kannst den Rest deiner jämmerlichen Karriere hinter dem Schreibtisch verbringen, du inkompetenter Witzbold."
Antonio zog die Augenbrauen hoch. Arthur Kirkland war häufig wütend auf ihn, das konnte er nicht bestreiten. Aber etwas war anders an diesem Verhalten.
"Es klingt unglaublich, aber ich kann versichern, dass das kein Witz ist. Es kam durch einen Trick zu einem Treffen zwischen » Seraph « oder Roma, wie er offiziell bekannt ist, und mir. Ich habe keine Zeugen, die das bestätigen können, aber ich habe nach dem Vorfall augenblicklich Ludwig verständigt. Er hat mir etwas offenbart, weshalb wir eigentlich mit Dir reden wollten", erklärte Antonio. Er versuchte seine Stimme möglichst eben zu halten. Jedes kleinste Detail würde Arthur signalisieren, dass er lügt, deshalb versuchte er möglichst neutral zu bleiben. Immerhin war es die Wahrheit. "Ich habe noch den Brief mit dem Vorwand, den er mir gestern früh geschickt hatte. Er liegt in meinem Büro, falls Du es einsehen willst."

Erneut richtete Arthur seinen zornigen Blick auf Antonio. Er musterte ihn schweigend. Schließlich wandte er sich zu Ludwig als wolle er eine Bestätigung, dass es stimmte. Der jüngere Blonde nickte. Dies schien den Briten zu beruhigen, zumindest teilweise. Gleichzeitig spannte er sich weiter an und umklammerte die Armstützen seines Stuhls noch mehr. Antonio wusste wie verdächtig dieses ganze Szenario klingen musste. Der Mörder, den sie seit Monaten suchten und der absolut keine Spuren hinterließ, wollte sich plötzlich mit einem der Hauptverantwortlichen in seinem Fall treffen. Das klang ziemlich unglaubhaft und wäre Antonio nicht selbst dabei gewesen, würde er auch denken, es sei ein schlechter Scherz. Normalerweise zeigten sich Mörder auch nicht so direkt. Zugegeben, Roma war gut organisiert, dass man nicht viel über sein Aussehen herausfinden konnte, aber er hatte sich ihm trotzdem gezeigt. Wüsste der Spanier nicht den Grund für das Treffen, würde er auch vermuten, dass er die Polizei einfach nur verhöhnen wollte. Nein, er dachte es selbst, während er wusste, warum Roma sich treffen wollte. Aber er konnte schlecht etwas dagegen unternehmen, noch nicht.
Dies brachte ihn auch auf den Gedanken, dass er vielleicht die Begegnung erklären sollte. Den Hauptkommissaren würde das sicherlich interessieren. Außerdem mussten sie einen Plan ausarbeiten, wie sie von nun an vorgehen würden. Insbesondere mussten sie einarbeiten, wie sie Feliciano und Lovino in Sicherheit bringen konnten. Noch dazu mussten sie sich Felicianos Freundschaftskreis genau anschauen und herausfinden, wer von ihnen im Kontakt mit der Mafia stand. Diese Person könnte das nächste Ziel sein. Er konnte sich allerdings vorstellen, dass es nicht sehr leicht sein würde, diese Person zu finden, denn Feliciano war ein sehr geselliger Mensch und hatte dementsprechend sicherlich viele Freunde.
Also erzählte Antonio von dem Treffen. Er vergaß nicht alle Details zu nennen, die er noch im Kopf hatte. Und auch das seine Waffe im Besitz des Mörders war, erwähnte er. Wie erwartet, war Arthur alles andere als begeistert, aber es war nichts was sie noch ändern könnten.

Die Besprechung mit Arthur dauerte deutlich länger als die Detektives geplant hatten und es endete damit, dass Arthur einige Termine absagen musste. Schon allein die detaillierte Beschreibung, die Antonio über das Treffen mit Roma gab, dauerte lang. Anschließend kamen noch die Fragen, die Arthur verständlicherweise hatte. Antonio hatte mit nichts anderem gerechnet. Doch hatte er meist nicht die Antworten, die sich die anderen wünschten.

Wieso hat er sich ausgerechnet bei Antonio gemeldet?
- Nun, es war allgemein bekannt, dass Ludwig sich an das Gesetz hielt ohne Ausrutscher. Antonio dagegen war bereit Risiken einzugehen, wenn es ihm in seinem Fall weiterbringen könnte. Kontakte zu Untergrundorganisationen waren bei ihm viel wahrscheinlicher als bei Ludwig.

Wieso warnt » Seraph « die Polizei vor? Warum liegt ihm Feliciano am Herzen?
- Er hat vermutlich gefürchtet, dass Feliciano verletzt werden könnte und sie alle wussten, dass er keine Unschuldigen tötete. Es besteht außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass er ebenfalls Teil von Felicianos Freundschaftskreis ist und ihn deshalb bei Namen kannte.

Wieso hatte er sich direkt gezeigt? Er hätte eine anonyme Anzeige machen können.
- Vielleicht hatte er Angst, dass die Polizei den Hinweis als fälschlich abstempeln würde.

Wieso übernimmt » Seraph « die Aufgabe nicht selbst? Warum wendet er sich ausgerechnet an die Polizei?
- Vielleicht wollte er einen Zeitpunkt wählen, indem Feliciano mit diesem mysteriösen Bekannten gemeinsam ist und er wollte kein Risiko eingehen, nachdem er bereits Anya verwechselt hatte.

Alle Fragen konnten nur mit einem "vielleicht" oder "eventuell" beantwortet werden. Sie konnten nie eine hundertprozentige Antwort geben. Das machte Antonio ziemlich frustriert, aber er konnte es in diesem Moment nicht ändern. Vielmehr musste er hoffen, dass sie bei ihren Vermutungen richtig lagen.
Außerdem gab es eine besondere Frage, auf die sie keinerlei Antwort wussten. Sie konnten sich nicht einmal eine rein hypothetische ausdenken.

Wovor hat Roma Angst?

✩ ✩ ✩ ✩ ✩ ✩


Einige zu viele Stunden später verließen die Detektive endlich das Büro ihres Vorgesetzten. Sie hatten sich einen Plan überlegt, wie sie die Vargas Brüder beschützen konnten, aber dieser wird ihnen vermutlich nicht sonderlich gefallen. Vor allem Lovino könnte sich dagegen wehren, aber es ging um ihre Sicherheit, deshalb musste er hoffen, dass er bereit dazu war. Wenn nicht für sich, dann zumindest für seinen kleinen Bruder.
Antonio hatte sich gestern noch einige Zeit mit Lovino unterhalten. Vor allem hat ihn die scheinbar schlechte Beziehung interessiert, die die Brüder hegten. Aber es war offensichtlich, dass Lovino trotzdem bereit war viel für seine kleinen Brüder zu opfern und dass sie ihm sehr am Herzen lagen. Es war beinahe tragisch, dass sie sich nicht gut verstanden und Lovino hatte häufig einsam gewirkt. Der Spanier wollte nichts lieber, als ihn in den Arm zu nehmen. Er hatte es allerdings nicht getan, denn der Barmann war manchmal zögerlich mit plötzlichem körperlichem Kontakt, um nicht zu sagen ängstlich. Manchmal zuckte er bereits zusammen, wenn Antonio sich nur ein bisschen zu schnell bewegte. Er hatte sich aber nie wirklich viel dabei gedacht.
Jedenfalls war er sich sicher, dass Lovino sich trotzdem beschweren würde. Das war in Ordnung. Irgendwie würde er ihn sicherlich überzeugen können. Nein, er musste ihn überzeugen. Immerhin wollte er nicht, dass ihm etwas passierte. Er würde sich sonst niemals verzeihen können.

Als sie endlich bei ihrem eigenen Büro ankamen und die Tür öffneten, erblickten sie sogleich die beiden Italiener. Lovino hatte sich auf Antonios Arbeitsplatz breit gemacht, während Feliciano dasselbe auf Ludwigs getan hatte. Beide hatten einen Teller mit Pasta vor sich stehen. Feliciano schien darüber sehr erfreut, während der ältere Bruder die Mahlzeit skeptisch musterte. Sobald die Tür sich öffnete, blickte er jedoch auf. Antonio bemerkte gleich, dass sich etwas in seinem Gesicht änderte. Um genauer zu sein, sah er ein kleines Leuchten in Lovinos Augen. Es war nicht sehr auffällig, wenn man ihn nicht gut kannte. Aber der Spanier konnte mittlerweile stolz behaupten, dass er den Kleineren besser kannte als viele andere und er achtete auf solche kleinen Details, wenn es um ihn ging.
"Endlich! Von wegen ihr seid nur kurz weg", sagte Lovino. Er verschränkte die Arme vor der Brust und drehte seinen Kopf weg von Antonio. Dieser wiederum konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er antwortete: "Tut mir leid, Lovi. Wir mussten Kirkland erstmal die ganze Situation schildern und dann kamen Fragen auf. Und dann mussten wir natürlich noch den Plan besprechen, um euch Beide zu beschützen."
Der ältere Italiener seufzte genervt und sah zurück zu seinem Bekannten. "Antonio, wie oft muss ich es dir noch sagen? Ich brauche keinen Beschützer. Feliciano ist derjenige, der in Gefahr zu schweben scheint, nicht ich. Fast niemand weiß, dass wir verwandt sind, und wir haben uns vor heute seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen."
"Aber Lovi", jammerte Feliciano plötzlich auf. Der Auszubildende sah nicht besonders glücklich aus. Antonio wusste, dass er sich genauso viel Sorgen um Lovino machte, wie Lovino um Feliciano.
"Lovino, die Mafia weiß es sicherlich. Ich hatte seit Jahren kein Kontakt mit meinem Bruder und trotzdem wusste Roma von ihm."
Die Schultern des Kleineren spannten sich an. Es war kaum bemerkbar, aber Antonio fiel es augenblicklich auf. Er nahm jedoch an, dass diese Reaktion natürlich war, wenn man von einem gesuchten Serienmörder sprach, der immer noch auf freiem Fuß war. "Ich will einfach kein Risiko eingehen."
"Was meinst du damit, dass du keinen Kontakt mit deinem Bruder hast? Du hast mir doch erzählt, dass du neulich mit ihm gesprochen hast?", fragte Lovino plötzlich. Sein typisch grimmiger Blick wurde noch grimmiger. "Hast du mich angelogen?"

Antonio war sehr überrascht über diese Frage, diesen Versuch das Thema zu wechseln. Er schmunzelte und schüttelte den Kopf. "Nein, ich hab dir gesagt, dass er Kontakt zu meiner Mutter aufgenommen hat und sie mir ganz begeistert Textnachrichten geschickt hat. Es war ziemlich niedlich, aber darum geht es gerade nicht. Wir werden dich trotzdem beschützen."
"Ich will nicht beschützt werden, verdammt. Ich bin keine Jungfer in Nöten", beschwerte sich der Italiener erneut. "Ich bin alt genug auf mich selbst aufzupassen."
"Du hast den Vorschlag noch gar nicht gehört und trotzdem beschwerst du dich. Es geht hier um eine Vorsichtsmaßnahme. Wir können nicht verantworten, dass dir etwas passiert", wandte sich Ludwig nun ein. Lovino verzog das Gesicht. Antonio hatte ihn noch nie so unzufrieden gesehen. Es war beinahe schon beeindruckend. Allerdings war es wichtig, dass die Gruppe sich zumindest tolerieren konnte, wenn der Plan aufgehen sollte. So wie er Lovino kannte, würde das jedoch im Streit enden, wenn er sich jetzt nicht einmischte.

"Lovi, lass mich es mich kurz erklären und danach kannst du mir immer noch sagen, wenn es dir nicht gefällt", sagte Antonio hastig und stellte sich zwischen Ludwig und Lovino. Der ältere Italiener hielt inne, bevor er schnaubte. Dennoch deutete er ihm kurz darauf, fortzufahren. Feliciano nickte zustimmend, Ludwig ebenfalls.
Der Spanier seufzte leise und erklärte schließlich die zwei Möglichkeiten, die sie hatten.
"Die erste Möglichkeit ist, dass wir uns gemeinsam eine der polizeilichen Wohnungen leihen, die normalerweise für Überwachungen verwendet werden. Das bedeutet, wir müssten für eine bisher unbestimmte Zeit zusammenleben. Der Vorteil hierbei wäre, dass ihr Beide einen 24/7-Schutz hättet. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass einer von euch in eine Falle laufen wird. Demnach kann niemand Feliciano wegen Lovino bedrohen, weil ihr immer mit uns zusammen wärt." Er machte eine kurze Pause. Feliciano schien begeistert von diesem Vorschlag. Lovino dagegen sah mehr als nur unzufrieden aus. Hastig fuhr er fort bevor der Barmann einen Kommentar bringen konnte. Er mochte Lovino wirklich gerne, aber er konnte sehr streitsuchend sein. Das war nicht immer sehr einfach. Vor allem, wenn man nicht daran gewöhnt war wie Ludwig.
"Der zweite Vorschlag ist, dass einer von euch jeweils mit einem von uns zusammenbleibt. Es wäre auch ein 24/7-Schutz. Außerdem wäre die Chance gering, dass wir... emotional werden und uns streiten." Antonio hatte in seiner Karriere bereits einige Fälle bearbeitet, in denen er auch Undercover gehen oder von einer bestimmten Lokalisation beobachten musste. Häufig hatte er dabei einen Partner. Er musste auf die harte Art und Weise lernen, dass diese Arbeiten die schwierigsten von allen waren. Selbst wenn man mit seinen besten Freunden für zwei Wochen in einem kleinen Raum eingesperrt war, endete das häufig sehr böse. Das letzte Mal als Antonio und Gilbert gemeinsam ein Team bei einem solchen Fall gebildet haben, haben sie danach für ganze zwei Monate nicht mehr miteinander gesprochen. Und selbst dann haben sie nur wieder damit angefangen, weil sie es von Kirkland aus mussten.
"Normalerweise würden wir euch in eins der Schutzprogramme einschreiben, aber es dauert in der Regel zumindest einige Tage, bis diese genehmigt werden. Nach dem Vorfall mit... Fräulein Bradinskaya wollen wir jedoch kein Risiko eingehen. Außerdem vermuten wir, dass Roma sich auch zurückhalten würde, wenn nur einer von uns bei euch ist."

Der Raum war nach dieser Ansage einige Zeit lang ruhig. Jeder schien über die Möglichkeiten nachzudenken. Antonio wusste bereits, dass ihm Option 2 lieber wäre. Gerade in diesem Fall konnten sie sich keine Auseinandersetzung leisten. Sie mussten zusammenarbeiten. Das ging nicht, wenn sie sich dauerhaft in einem engen Raum befanden. Vor allem sorgte er sich um Lovino. Er war gelegentlich provokativ ohne es zu wollen oder merken. Antonio hatte damit kein Problem, weil er genug Zeit hatte sich daran zu gewöhnen. Ludwig dagegen nahm vieles zu ernst. Wenn die Beiden aneinandergerieten, wäre ein großer Streit unvermeidbar.
Nach einer kleinen Weile räusperte sich Ludwig. "Ich wäre für Option 2. Eine Studie hat gezeigt, dass-"
"Oh, mein Gott", murmelte Lovino genervt und kniff sich in den Nasenrücken. "Jetzt kommt der noch mit Studien daher."
"Lovi, sei nett!", jammerte Feliciano. "Ich finde beides okay, ve~"
Antonio räusperte sich, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken bevor Ludwig die Chance bekäme zu antworten. "Ich wäre ebenfalls für Option 2. Erfahrungsgemäß endet Option 1 selten gut."
Er blickte zu dem älteren Vargas-Bruder. "Was ist mit dir, Lovi?"

Lovino lehnte sich in dem unbequemen Stuhl zurück und betrachtete den Spanier eine Weile lang. Schließlich öffnete er den Mund. "Beide Vorschläge sind scheiße. Ich gehe nachhause."
"Lovi, bitte. Ich will nur, dass du in Sicherheit bist", bat ihn Antonio. Er klang beinahe schon verzweifelt. Vermutlich, weil er es wirklich war. Er konnte nicht riskieren, dass Lovino in Gefahr gebracht wurde, wenn er ihn beschützen könnte. Erneut lieferten sich die Beiden einen kurzen Blickkampf. Schließlich seufzte der Jüngere genervt auf. "Fein, okay. Dann eben der zweite Vorschlag. Aber nur unter einer Bedingung. Ich will nicht mit dem Muskelprotzen in eine Gruppe gesteckt werden."
"Da kann ich nur zustimmen", erwiderte Ludwig und Antonio konnte sich ein kleines Lachen nicht verkneifen. Er hatte den Blonden noch nie so ungeduldig gesehen. Aber er wusste, dass Lovino ein spezielles Talent hatte, Menschen auf die Palme zu bringen. Antonio fand es amüsant. Aber nur, weil es bei ihm nicht zu wirken schien.
Feliciano klatschte fröhlich in die Hände. "Ja, Lovi ist sicher, ve~ Und ich kann bei Ludwig übernachten~"
Lovinos Blick verfinsterte sich erneut, doch er sagte nichts dazu. Antonio seufzte erleichtert auf. Das lief gar nicht so schlecht, dachte er sich. Zumindest hätte es um einiges schlimmer verlaufen können.

"Ihr habt aber etwas nicht bedacht, ihr Genies", sagte Lovino dann. Antonios Lächeln wäre beinahe verschwunden. Aber nur beinahe.
"Selbst wenn ihr es unbedingt wollt, könnt ihr uns keine 24/7 beschützen. Zumindest mich nicht. Ich werde nur wegen diesem Schwachsinn definitiv nicht auf der Arbeit fehlen. Die Wohnung bezahlt sich nicht von allein."
Der ältere Detektiv blinzelte überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet, obwohl es definitiv Sinn machte. "Aber Lovi, es geht hier um deine Sicherheit."
"Aber Toni", ahmte ihn der Jüngere nach, "Ich habe trotzdem noch ein Leben und ich werde mich nicht in einem Zimmer verschanzen, nur weil ihr paranoid seid."
Ludwig schnaubte genervt. "Weißt du eigentlich, wieviel wir für deine Sicherheit opfern müssen? Zeig ein wenig Respekt!"
"Oh, halt die Klappe. Ich rede gerade nicht mit dir", erwiderte Lovino, ohne den Blonden auch nur einen Blick zu würdigen.

"Du kannst dir sicherlich frei nehmen." - "Oh, ich werde mir garantiert meinen hart verdienten Urlaub nehmen, um bei einem Fremden in der Wohnung eingesperrt sein zu können", entgegnete er sarkastisch.
"Es ist eine Ausnahmesituation. Du befindest dich bis auf weiteres unter polizeilicher Aufsicht."
Lovino lachte höhnisch auf. "Klar. Problem dabei ist nur, das normale Menschen dafür gefeuert werden. Und selbst wenn ich meinen Urlaub dafür aufopfern würde, lässt mein Chef niemals zu, dass ich 5 Wochen am Stück nicht zur Arbeit komme. Außerdem, was ist mit meinem Studium? Ich kann nicht nicht mehr erscheinen, sonst fliege ich schneller raus, als das ich bis drei zählen kann. Oder schlimmer, ich werde gezwungen die Studiengebühren weiter zu zahlen. Weißt du wie teuer so ein Studium ist, Toni?"
Der Braunhaarige sah deutlich überrascht aus. Ludwig wandte sich ein: "Eine solche Kündigung wäre nicht ordentlich. Das kann dein Vorgesetzter nicht tun."
Lovino sah den Blonden zweifelnd an. "Das Leben läuft nicht so legal, wie du es dir anscheinend vorstellst, Muskelprotz." - "Du könntest vor Gericht gehen damit."
"Klar, weil ich in einem unterbezahlten Job als Barmann sicherlich genug Geld habe einen Anwalt zu bezahlen."

"Ich weiß, was wir machen können!", sagte Antonio plötzlich. "Wir können Matthew und Gilbert fragen Lovino zu begleiten, wenn er in der Universität ist."
Ludwig sah nicht sonderlich begeistert aus von dieser Idee, aber es war das Beste was sie jetzt gerade hatten. "Na schön."

✩ ✩ ✩ Ende - Kapitel 8 ✩ ✩ ✩


Vielen lieben Dank fürs Lesen! Ich hoffe Euch geht es gut. Es wird langsam wärmer, deshalb vergesst nicht, genug zu trinken.

Ein paar kleinere Details, die ich als extra Gedanken hinzufügen möchte.

1. Oliver Kirkland, der Zeuge im ersten Kapitel, und Arthur Kirkland sind nicht miteinander verwandt. Zumindest nicht direkt. Mir ist erst jetzt aufgefallen, dass ich dieselben Nachnamen verwendet habe.
2. Ich hab noch keinen richtigen Plan, wann die Updates kommen werden. Momentan strebe ich allerdings an jede Woche ein Kapitel zu veröffentlichen. Allerdings möchte ich direkt vorwarnen, dass ich nicht weiß, wie es nächste Woche aussehen wird. Ich hab eigentlich Prüfungen nächste Woche, haha
3. Ich habe einen kleinen Plan angelegt, was ich in den nächsten Kapiteln mit einbringen möchte. Und oh, ich freue mich sehr darauf diese Sachen auszuschreiben. Allerdings denke ich, dass ihr nicht sehr begeistert sein werdet. Es werden jedoch Trigger Warnungen am Anfang der jeweiligen Kapiteln folgen. Und keine Sorge, das nächste Kapitel hat noch keine Angst. :)

Das war es jetzt erstmal. Passt auf Euch auf!
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