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Ein Spiel von Katz' und Maus

von Spamano
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
20.03.2017
04.06.2022
16
54.913
3
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Dieses Kapitel
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30.01.2022 1.990
 
11. Kapitel

Ludwigs und Antonios Sicht


Noch nie hatte Ludwig einen schwereren Weg zum Gerichtsmediziner erlebt, als an diesem Tag. Wenn er ehrlich war, hatte er auch noch nie so viele Emotionen auf einmal verspürt, wie in diesem Moment. Selbst nach dem Tod seines Vaters war er in einer besseren Verfassung gewesen, obwohl dieser auf unnatürliche Art und Weise verschieden war. Vermutlich hatte das etwas damit zu tun, dass Gilbert an seiner Seite gewesen ist. Gilbert, der ihn immer unterstützt hatte, bei jeglichen Vorhaben und ihn aufgeheitert hat, wenn etwas nicht nach Plan verlaufen war.
Er wusste nicht, was er ohne seinen großen Bruder tun sollte. Nicht nachdem dieser stets an seiner Seite gewesen ist. Es war unvorstellbar, dass die eine Person, auf die er sich immer verlassen konnte, plötzlich nicht mehr da war.
Zudem machten sich Fragen in seinem Kopf breit, auf die er keine Antwort wusste. Und selbst wenn er diese äußern würde, bezweifelte er stark, dass es ihm sonst jemand anderes erklären konnte.

Wieso musste es unbedingt Gilbert sein?
Von all den Leuten, die der Täter hätte nehmen können, wieso musste es unbedingt Ludwigs Bruder sein?

Während Ludwig sich mit dieser und anderen Fragen beschäftigte, arbeitete Antonios Kopf bereits an einem Plan, wie er den Mörder aus seinem Versteck locken konnte. Er würde keine Ruhe geben ehe er Roma in die Finger bekam. Er würde keine Sekunde ruhen ehe er Gilbert gerächt hatte. Dazu waren Antonio alle Mittel recht. Er wusste, dass nun die Zeit gekommen war, auch mit dreckigen Mitteln zu spielen und dreckig arbeiten, konnte der Spanier gut.
Feliciano für seine Rache zu opfern wäre leicht. Der Italiener war sehr naiv und würde vermutlich nicht einmal merken, dass er den Lockvogel darstellte. Roma aus seinem Versteck zu locken indem er Feliciano nutzte, wäre demnach ein Kinderspiel. Doch trotz seiner Trauer, seinem Frust, seiner Wut, war Antonio nicht gewillt, Feliciano zu opfern. Er wollte keinen weiteren Kollegen und Freund verlieren.
Eine andere Methode musste her und Antonio wusste, welchen Weg er dazu gehen musste.

Er musste mit Holland verhandeln.

Das war jedoch nicht so einfach. Es gab einen zweifellosen Hass zwischen den beiden Männern, der sie schon immer daran gehindert hatte, ein normales Gespräch zu führen. Antonio hatte schon lange aufgehört, sich um ein Bündnis zu bemühen, aber es wurde allerhöchste Zeit, dass sie diesen Groll beiseite legten. Der Spanier wusste, dass Lars viele Verluste zu melden hatte dank der zahlreichen Freiheiten, die sich die Mafia erlaubt hatte. Somit hatte er genug Gründe, weshalb sie sich zusammen schließen sollten.
Trotzdem würde Holland ihm nicht einfach zuhören, ganz zu schweigen von helfen. Er benötigte demnach die Hilfe von Emma, Lars‘ kleiner Schwester. Wenn jemand Holland überzeugen konnte mit ihm zusammen zu arbeiten, dann sie. Also war sein erster Schritt mit seinem „Bekannten“ aus der Untergrundszene Kontakt aufzunehmen.

Noch bevor er seinen Plan weiter ausarbeiten konnte, öffnete sich die Tür zu einem der Sektionssäle.
„Antonio“, ertönte Elizabetas sanfte Stimme, „Ludwig.“
Ihr Gesicht war blass, ihre Mundwinkel strikt nach unten gezogen. Ihre Hände zitterten. Ihre Schultern waren nach vorne gezogen und ihre Augen waren gerötet. Antonio konnte nicht darüber lachen, dass sie nur noch ein Fragment von der sonst so selbstbewussten Frau darstellte und eher dem Tod persönlich glich. Tatsächlich trieb ihm der Anblick der älteren Frau erneute Tränen in die Augen, denn die Realisation traf ihn auf einen Schlag.

Er hatte seinen besten Freund verloren.
Den Freund, der ihn mit seinen furchtbaren Humor immer zum Lachen gebracht hatte, selbst als Antonio die schwierigste Zeit seines Lebens durchmachte.
Den Freund, der immer als Erstes bemerkt hatte, wenn etwas Düsteres in Antonio vorging und ihm augenblicklich zur Seite stand ohne Fragen zu stellen.

Ludwig hatte seinen älteren Bruder verloren.
Den Bruder, der immer an seiner Seite gewesen ist und ihn in jeder Entscheidung seines Lebens unterstützt hatte, selbst wenn er dagegen war.
Den Bruder, der Ludwig dazu inspiriert hatte, seine Arbeit als Polizist auf diese Qualität zu bringen, die er heute leistete.

Elizabeta hatte ihren engsten Vertrauten verloren.
Den Mann, der sie mit lächerlichen Versprechen von einer grandiosen Hochzeit, vier Kindern und ein Haus am Meer immer zum schwärmen gebracht hatte.
Den Mann, der ihr die Trennung nie böse genommen und sie stattdessen aktiv unterstützt hatte ihren jetzigen Ehemann zu umgarnen.

Antonio musste Lächeln bei dem Gedanken, dass Gilbert seine eigenen Bedürfnisse stets beiseite geschoben hatte, um die Leute zu unterstützen, die er liebte. Doch die Erinnerungen waren gleichzeitig überwältigend und brachten ihn erneut zum weinen. Seine Brust fühlte sich leer an. Sein gesamter Körper fühlte sich kalt an. Die einzige Wärme, die er verspürte, ging von Lovino aus, der neben ihm saß und seine Hand hielt. Antonio hoffte inständig, dass ein Teil dieser Wärme auf ihn übergehen würde und das Loch in seiner Brust füllte. Dem war aber nicht so. Diese gesamte Situation fühlte sich an wie ein schlechter Traum und er würde nichts lieber wollen als aufzuwachen. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, wie Ludwig sich fühlen musste, wenn er selbst bereits in einem solchen Ausmaß leiden musste.

Ludwig fühlte sich, als wäre er in ein bodenloses Becken voller kaltem Wasser getaucht worden aus dem es kein Entkommen gab und der Sauerstoff ihm langsam ausging. Sein Kopf, der sonst von seiner logischen Seite dominiert wurde, musste plötzlich mit einem Orkan voller Gefühle zurecht kommen, die er noch nie empfunden hatte. Ganz zu schweigen von dem Fakt, dass er diese kaum auseinander halten konnte. Dennoch zwang er seinen Körper in eine stehende Haltung als Elizabeta seinen Namen sagte. Diese Aktion geschah aus reinem Reflex und benötigte weder die Entscheidung seines Kopfes, noch die seines Herzes. Offensichtlich war es die richtige Reaktion, denn nur wenige Sekunden später fand er die ältere Frau in seinen Armen wieder. Sie klammerte sich an ihn während ihr gesamter Körper bebte.

Es hieß, dass die Trauer um einen geliebten Menschen erträglicher wurde, wenn man mit jemanden weinte. Aber auch wenn Ludwig seinen Tränen freien Lauf lassen wollte, so konnte er es nicht über sich bringen. Die Offenbarung solcher Gefühle würde bedeuten, dass er das Ableben seines Bruders als Realität akzeptierte und dafür war er noch nicht bereit. Tatsächlich hielt ein großer Teil in ihm noch daran fest, dass dies nur ein überaus geschmackloser Witz war. Schließlich waren diese Sorten schon immer Gilberts Favoriten gewesen. Gleichzeitig wusste er, dass sein Bruder niemals so grausam wäre. Außerdem führte kein Weg daran vorbei.

„Kann.. Kann ich ihn sehen?“, fragte er leise. Er fühlte sich dabei mindestens fünfzehn Jahre jünger. Klein und hilflos.
Elizabeta, die ihr Gesicht noch immer in seine Brust presste, zögerte.
„Ich weiß nicht, ob du das wirklich möchtest“, erwiderte sie schließlich. Ihre Stimme klang gebrochen.

„Hab ich denn wirklich eine andere Wahl?“, sagte Ludwig mit einem bitteren Unterton. Er wusste noch von damals, dass nur Verwandte die Identität eines Toten bestätigen konnten, wenn der Verstorbene welche hatte. Als ihr Vater ermordet wurde, hatte Gilbert diese Aufgabe übernommen während Ludwig im Wartebereich bleiben musste. Erst jetzt konnte er nachvollziehen, welche Gedanken und Gefühle sein Bruder durchlebt haben muss. Es waren keine schönen Gefühle.

„Ich kann.. Ich könnte es dir ersparen. Ich kann das Dokument ausfüllen“, sagte Elizabeta und brachte ihn somit zurück in die Realität. Sie trat einen Schritt zurück und blickte auf. Ihre Augen waren nun auch geschwollen. „Du musst das nicht tun, Ludwig. Lass mich dir helfen.“

Die ältere Frau hatte schon immer versucht ihm unbequeme Dinge abzunehmen. Vermutlich lag es daran, dass sie sich schon lange kannten und sie ihn als kleinen Bruder betrachtete. Oder es war eine unvermeidbare Angewohnheit, die sie sich dank Gilbert angeeignet hatte. Vielleicht war es auch eine Mischung aus Beidem.
Leider wusste Ludwig, dass sie ihm diese eine Aufgabe nicht abnehmen konnte, nicht durfte. Auch wenn er nichts lieber täte als sie abzugeben. Er musste seinen Bruder mit seinen eigenen zwei Augen sehen. Er musste sich von Gilberts Schicksal selbst überzeugen, sonst wäre es unmöglich für ihn abzuschließen. Sein Kopf würde ihm keine Ruhe gönnen. Er würde den Tod seines Bruders für immer anzweifeln.

Er nahm einen tiefen Atemzug. „Nein, ich muss das tun. Das schulde ich ihm. Und das schulde ich mir.“
Elizabeta sah ihn mitfühlend an. Schließlich nickte sie jedoch. „In Ordnung. Aber ich gehe mit dir.“

Ohne auf seine Antwort zu warten, drehte sie sich zu Antonio und Lovino. Sie fixierte den Jüngeren der Beiden mit ihrem Blick. Der Italiener erwiderte diesen stumm. Es war ihm unangenehm mit jemanden Augenkontakt zu halten, den er kaum kannte, aber er hatte keine andere Wahl.
„Du bleibst bei ihm heute, nicht wahr?“
Sie deutete mit ihrem Kinn auf den Spanier, der erneut in seinen Gedanken versunken war. Lovino sah kurz zu ihm herüber und nickte. „Feliciano und ich bleiben bei ihm.“

„Nein. Feliciano wird in psychiatrischer Betreuung untergebracht“, mischte Ludwig mit. „Matthew und er werden dort für ein paar Tage bleiben. Sie sind schon auf dem Weg dorthin.“

Der Blick des Italieners verfinsterte sich und er öffnete seinen Mund um etwas zu erwidern. Kurz darauf entschloss er sich jedoch anders und nickte. Es war unklar, weshalb er keine Diskussion anfing. Verstand er wohlmöglich, dass sein Bruder etwas traumatisches erlebt hatte und deshalb höchstwahrscheinlich psychiatrische Hilfe benötigen würde? Oder war es lediglich Mitleid, dass er verspürte? Egal welchen Grund er letztlich hatte, Ludwig war dankbar für diese Güte. Er hatte nicht den Kopf jetzt mit dem sturen Mann zu diskutieren.

„Du brauchst auch psychiatrische Betreuung“, sagte Lovino schließlich. Ludwig biss die Zähne zusammen. Soviel zu dem Thema, dass Lovino Güte zeigte und nicht mit ihm diskutierte. „Zumindest solltest auch du nicht alleine sein.“

„Ich komme schon klar“, gab Ludwig nach einer kurzen Sekunde zurück. Tatsächlich wusste er nicht, ob das der vollen Wahrheit entsprach. Wie gefährlich konnte es werden, wenn er in seine Wohnung zurückkehrte nachdem er sich an die Präsenz von zwei lauten Mitmenschen gewöhnt hatte? Aber es war ihm unangenehm mit jemanden wie Lovino über solche Gefühle zu sprechen. Es war merkwürdig seinen Gegenüber etwas sagen zu hören, dass beinahe an Sorge herankam.

„Ludwig wird bei mir und Roderich bleiben. Keine Sorge“, sagte Elizabeta. Sie blickte zum Blonden und fügte hinzu: „Keine Widerworte. Ich lasse dich nicht alleine, Ludwig.“

Der jüngere Mann wusste nicht was er dazu sagen sollte. Es machte ihn auf einer Seite froh, dass er diese Nacht nicht alleine verbringen musste. Gleichzeitig wollte er jedoch keine Last für Elizabeta und Roderich sein. Eine Diskussion stand jedoch vollkommen außer Frage, denn er hatte nicht genug Energie dafür. Er wollte nur noch diesen Tag schnellstmöglich hinter sich bringen. Glücklicherweise musste er nichts sagen, da Lovino sie unterbrach. Vermutlich war ihm die lange Stille zu unangenehm geworden.
„Also gut, da das geklärt ist, bringe ich Antonio jetzt nachhause. Gute Nacht.“

Er zog den älteren Mann in eine stehende Position während dieser noch immer tief in seinen Gedanken versunken schien. Lovino ließ es zu, denn er wusste, dass Antonio diese Zeit für sich brauchte um seine Gedanken zu sortieren. Er wusste, wie es war jemanden wichtigen zu verlieren und ihm war bewusst, wie wichtig der Albino für den Spanier gewesen ist. Er wollte nichts lieber tun, als ihm einen Teil seines Schmerzes zu nehmen, aber das war nicht möglich. Lovino hätte sonst nicht gezögert ihm diese Situation so leicht wie möglich zu machen. Aber der Tod war etwas furchtbares und jeder musste auf seine eigene Art und Weise damit klar kommen. Er wünschte nur, es hätte nicht so weit kommen müssen.

Später als Antonio und Lovino gemeinsam im Taxi saßen, das sie direkt zur Wohnung des älteren Mannes bringen würde, brachte der Spanier endlich etwas über die Lippen. Er drückte Lovinos Hand fest in seiner, beinahe schmerzhaft.
„Ich werde ihn töten, Lovino. Ich werde ihn finden und ich werde ihn töten.“

Antonio bemerkte nicht, wie sich Lovinos Schultern anspannten. Er hörte nicht, wie sein Gegenüber leise schluckte und er merkte nicht, wie der Barmann seinen Blick abwandte um seinen Gesichtsausdruck zu verstecken.

„Natürlich wirst du das.“
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