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Ein Spiel von Katz' und Maus

von Spamano
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
20.03.2017
04.06.2022
16
54.913
3
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.07.2021 3.432
 
ACHTUNG! TRIGGER-WARNUNG! Dieses Kapitel enthält Charaktertod.


10. Kapitel

Gilberts Sicht


Die Zeit verging wie im Flug und schon bald hatte ich mich an den neuen Mitbewohner in der Wohnung gewöhnt. Und obwohl wir Beilschmidts weltbekannt waren für unsere Gastfreundschaft, war ich zunächst nicht ganz begeistert gewesen, dass ich mein Zimmer ausräumen musste, damit der Vargas Junge mehr Privatsphäre hatte. Im Endeffekt kam es mir jedoch auch sehr gelegen, was bei der Akzeptanz des neuen Bewohners sehr geholfen hat, denn so konnte ich ihn besser im Auge behalten. Auch seinen Bruder konnte ich von Zeit zu Zeit sehen, wenn er in der Universität war. Allerdings war das auch schon wieder eine Weile her, denn Antonio bestand darauf, dass er möglichst viel Zeit mit Lovino verbrachte. Es war nicht schwer zu sehen, das der Spanier romantische Gefühle für den Jüngeren entwickelt hatte und deshalb war dieses Verhalten nachvollziehbar. Ich machte mir wenig Gedanken darum, da ich auch Lovinos Reaktionen auf Antonio gesehen hatte.

Viel mehr schwirrte in meinem Kopf herum, dass Ludwig nächste Woche Geburtstag hatte und ich verzweifelt nach einem Geschenk suchte. Na ja, vielleicht nicht unbedingt verzweifelt. Immerhin war ich sein großer Bruder – der Beste! – und niemand kannte ihn besser als ich es tat. Niemand wusste besser als ich, was West mochte. Nicht einmal er selbst. Aber es würde definitiv nicht schaden, wenn ich den Jüngeren nach seiner Idee fragen würde. Ich war mir ziemlich sicher, dass er ein Geschenk für West hätte. Immerhin waren sie Mitbewohner auf Zeit. Außerdem war ich nicht blind, auch wenn ich einige Probleme mit meinen Augen hatte. Ich sah trotzdem wie Feliciano meinen Bruder ansah. Und ich sah auch, wie Ludwig den Vargas Jungen ansah.

Ich gebe zu, das diese Erkenntnis am Anfang ein ganz schönen Schock darstellte. Mein kleiner, unschuldiger Bruder hatte noch nie jemanden mit so viel Emotion angesehen. Nicht einmal mich, wenn er besonders wütend war. Es gab mir einen weiteren Grund, weshalb ich Feliciano unbedingt im Auge behalten musste. Immerhin war es meine Pflicht meinen Bruder vor demselben Leid zu bewahren, das er in seiner Jugend mit dem geheimnisvollen Mädchen, das von einem Tag auf den Nächsten verschwand, erlebt hatte. Oder war es vielleicht eher, weil unser Vater beschlossen hatte umzuziehen? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Es lagen zu viele Jahre dazwischen. Der Punkt war, dass ich meinem Bruder diesen Herzschmerz ersparen würde und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

Aber kommen wir zurück zum eigentlichen Thema: Ludwigs Geburtstag nächste Woche und das absolut geile Geschenk, das ich ihm besorgen würde. Sobald ich eine Idee dafür bekäme. Es war nur eine Frage der Zeit, natürlich, bis meinem genialen Verstand etwas einfallen würde, aber ein wenig Unterstützung konnte nicht schaden.

Glücklicherweise hatte ich heute meinen freien Tag während Ludwig weniger Glück hatte und sich mit Antonio auf der Arbeit vergnügen musste. Nicht das ihm das etwas ausmachte. Immerhin war er genauso ein Workaholic wie es unser Vater gewesen ist. Der einzige Unterschied ist, dass mein Bruder zumindest auf mich hörte, wenn ich ihm sagte, dass er sich überarbeitete. Nicht als hätte er eine andere Wahl.
Apropos Arbeit. Roma, wie er mittlerweile von jedem genannt wird, war in den vergangenen Wochen ungewöhnlich ruhig gewesen. Das wiederum erinnerte mich daran, dass ich noch immer mit Antonio sprechen musste.
Ich war so frei gewesen, mir die Fallakte zu Roma auszuleihen und mir sind einige Gemeinsamkeiten zu meinem und Matthews letzten Fall aufgefallen. Die Erkenntnisse könnten bei der Suche nach dem Mörder helfen. Mir war natürlich klar, dass weder mein Bruder, noch mein bester Freund glücklich darüber sein würden, dass ich mich eingemischt hatte, aber es war offensichtlich, dass sie ohne meinen brillanten Verstand einfach nicht weiter kamen und wir konnten nicht noch mehr Verluste riskieren. Im schlimmsten Fall würde es Roma das nächste Mal auf meinen Bruder absehen und das konnte ich einfach nicht verantworten. Ich hatte geschworen, ihn zu beschützen und das würde ich tun.

Kaum hatte ich diesen Gedanken beendet, kam das neuste Haushaltmitglied in die Küche getappt. Er war in seinen Pyjamas, was mich nicht weiter störte. Seine Haare standen in alle Richtungen ab und er murmelte leise vor sich hin. Die Worte waren jedoch zu unverständlich, als das ich etwas heraushören konnte. Außerdem waren seine Augen geschlossen. Anscheinend hatte er sich bereits so sehr an seine neue Umgebung gewöhnt, dass er hier blind herumlaufen konnte. Keine Zweifel lag es daran, dass ich stets dafür sorge, dass alles auf seinem Platz liegt und kein einziges Sandkorn fehlplatziert ist. Einer musste es schließlich tun und Ludwig machte es immer falsch.

„Morgen Feli“, begrüßte ich ihn.
Der Jüngere zuckte sichtbar zusammen und richtete seinen Blick auf mich bevor er anfing breit zu lächeln. „Guten Morgen Gilbert, ve~“

Ich war noch immer nicht dahinter gekommen, was dieses „ve“ genau zu bedeuten hatte, aber es war auf eine ungewöhnliche Art und Weise niedlich. Ja, ich konnte definitiv verstehen, was West an ihm fand. Feliciano hatte viele Ticks, die nicht nur seltsam erschienen – wie seine Pasta-Obsession – und ihn dennoch niedlich aussehen ließen. Er erinnerte mich manchmal an Ludwig, als er noch ein kleiner Junge gewesen ist, der seinen großen Bruder brauchte. Oh, West war unfassbar niedlich gewesen. Gelegentlich erwischte ich mich dabei, wie ich mir diese Zeit zurückwünschte. Trotz meiner weißen Haare, war ich allerdings alles andere als ein alter Mann, der sich dauerhaft über die Gegenwart beschwerte. Nein, dieses Bild entsprach meinem Bruder schon eher. Aber genug davon!

„Hast du eigentlich schon eine Idee, was du Ludwig schenkst?“, fragte ich ihn direkt. Es gab keinen Grund um den heißen Brei herumzureden. Außerdem wusste ich, dass Feliciano eher verwirrt sein würde, wenn ich nicht direkt mit der Sprache herausrückte. Damit wollte ich natürlich nicht behaupten, dass der Braunhaarige dumm ist. Keineswegs. Aber hin und wieder brauchte er doch etwas länger um gewisse Dinge zu verstehen.
Auch jetzt sah mich der Italiener eher verwirrt an. „Geschenk?“

„Ja, du weißt schon. West hat doch nächst Woche Geburtstag“, erläuterte ich weiter. „Ich hab auch überlegt eine Party zu schmeißen, aber irgendetwas sagt mir, dass er davon nicht ganz so begeistert wäre.“

Erfahrung.
Dieses irgendetwas war eindeutig die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren gemacht hatte. Immerhin versuchte ich es jedes Jahr – seitdem Ludwig legal trinken durfte – ihn zum Feiern zu bewegen. Er war aber nicht der Typ dafür. Ich schätze, ich könne mich da glücklich schätzen. Immerhin musste ich ihn niemals mitten in der Nacht von irgendeiner Hausparty oder Diskothek abholen, wie gewisse andere Personen es für mich tun mussten. Mein Vater war damals alles andere als begeistert davon gewesen. Jetzt konnte ich verstehen weshalb. Wenn ich damit rechnen müsste, dass Ludwig Unsinn anstellte sobald er aus meinem Blickfeld verschwand, wäre es nicht unbedingt angenehm. Nicht das es mich daran hinderte trotzdem hin und wieder einige Dinge anzustellen mit meinen besten Freunden. Der Name „Bad Friend Trio“ war nicht aus der Luft gezogen.

„Ludwig hat was?“
Felicianos Stimme war schon immer ein wenig höher gewesen, aber in diesem Moment überraschte er mich doch ziemlich. Sie war einige Stimmlagen höher gesprungen. Beinahe erstaunt zog ich eine meiner Augenbrauen hoch. Das beantwortete wohl meine Frage, ob der Italiener eine Geschenkidee hatte. Anscheinend hatte er nicht einmal gewusst, dass Ludwig nächste Woche Geburtstag hat. Es war nicht schwer zu erraten weshalb. Schon seitdem er klein war, hielt er nicht viel von diesem „besonderen Tag“. Wo andere ihren Geburtstag mit einer großen Party feiern wollten, wollte er sich lieber in seinem Zimmer verstecken.

„Oh, nein! Gilbert, was mache ich denn jetzt? Ludwig ist immer so nett zu mir und ich weiß nicht einmal, wann er Geburtstag hat!!“

„Beruhig dich, Feli. Wir haben noch eine ganze Woche“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Es gelang mir nur begrenzt. „Wenn du willst, können wir heute Nachmittag in die Stadt gehen und nach ein paar Ideen Ausschau halten. Ich hatte sowieso vor einen Ausflug zu machen.“

„Wirklich?“
Feliciano sah mich an, als hätte ich ihm gerade von einem neuen Weltwunder berichtet. Der Blick ähnelte dem, dem er für gewöhnlich West zuwandte. Als hätte er die Sterne vom Himmel geholt. Es war wirklich niedlich.
Ich biss mir auf die Zunge, damit ich nicht anfing zu lachen. Diese Reaktion zeigte eindeutig, dass der Jüngere zumindest Gefühle für Ludwig hatte. Ich wusste nur noch nicht, ob es romantische oder platonische waren.
Nein, das war eine Lüge. Es war offensichtlich das es eher romantische Gefühle waren. Aber ich musste Feliciano noch mehr testen bevor ich sicher gehen konnte, dass er der Richtige für meinen kleinen Bruder ist.
„Ja, wirklich. Wir können um 14 Uhr los. West ist sowieso den ganzen Tag auf der Arbeit, also müssen wir uns auch nicht beeilen.“

--------------


Wie abgemacht, trafen wir uns um punkt 14 Uhr wieder in der Küche bevor wir losfuhren. Es gab ein relativ großes Einkaufszentrum, das nicht weit von unserer Wohnung entfernt war. Zumindest wenn man eine halbe Stunde mit dem Auto als „nicht weit“ bezeichnen konnte.

Feliciano redete die gesamte Zeit über alles und nichts. Da er auf meiner Beobachtungsliste war – doppelt sogar – machte ich mir die Mühe um ihm bei seinen Monologen zuzuhören, die hauptsächlich von Pasta, Ludwig und kurzzeitig auch seiner Familie handelten. Es war relativ einfach ihm zu folgen. Nichts für ungut, aber er erinnerte mich in gewissen Aspekten an Antonio. Mein Freund konnte genauso ohne Punkt und Komma sprechen, vor allem wenn es um den älteren Vargas Bruder ging. Dann machte er auch nur selten eine Atempause.
Die Themen des jüngeren Mannes interessierten mich zwar nicht unbedingt – abgesehen von meinem Bruder, natürlich – aber seine Stimme war angenehm und die lebhafte Art in der er sich ausdrückte, machte es beinahe unmöglich ihm nicht zuzuhören.

„Was möchtest du Ludwig eigentlich schenken, ve~?“, fragte mich der Auszubildende plötzlich. Ich blinzelte verwundert über den Themenwechsel. Schnell breite sich allerdings ein Grinsen auf meinem Gesicht aus.
Es hatte mir Kopfschmerzen bereitet und den gesamten Vormittag gekostet, aber schließlich kam mein brillantes Genie auf die perfekte Idee. West hatte sich vor einer Weile darüber beschwert, dass seine Hantelablage nicht mehr so stabil ist, wie sie sein sollte. Deshalb habe ich beschlossen, ihm einen Gutschein in einem Fitnessladen zu besorgen und diesen in einem Bierdosenkuchen zu verstecken. Auf diese Art konnte mein Bruder in aller Ruhe die perfekte Ablage aussuchen und er hätte zusätzlich einen Vorrat seines liebsten Getränks! Es war einfach genial.

„Das wirst du bald sehen“, sagte ich zu Feliciano. „Hast du schon eine Idee?“

Der Italiener legte den Kopf etwas schief und schien über etwas nachzudenken. Schließlich nickte er zögerlich. Er schien unsicher über die Idee zu sein, was mich tatsächlich neugierig machte.
„Ich dachte an einen Sortierkasten, weil Ludwig immer sehr angespannt zu sein scheint, wenn viele Dinge auf seinem Schreibtisch liegen. Das könnte ihm helfen, alles ordentlicher zu halten, ve~“

Meine Augen weiteten sich überrascht. Man konnte vieles über den Auszubildenden sagen, aber er war definitiv kreativ mit seinen Ideen. Ein Sortierkasten. Ich konnte nicht sagen, dass es eine schlechte Idee war, denn das war es ganz und gar nicht. Es stimmte, dass West ein Problem mit Unordentlichkeit hatte. Vor allem, wenn diese an seinem Arbeitsplatz herrschte, noch mehr auf seinem Schreibtisch. Er fürchtete immer, dass er etwas durcheinander bringen könnte. Ich konnte ihn verstehen. Vielleicht gab ich es ungerne offen zu, aber in mir steckte definitiv ein Perfektionist. Ich konnte es nicht leiden, wenn etwas auch nur einen Millimeter verschoben wurde.
„Gut beobachtet, Feli. Das ist eine gute Idee.“
Feliciano schien sich auf das Lob hin regelrecht zu entspannen. Seinen Schultern sanken dezent und er stieß einen kaum hörbaren Seufzer aus.

Wir spazierten durch die Läden, wanderten von einem zum nächsten. Wir hätten locker den gesamten Tag in diesem Einkaufszentrum verbringen können. Natürlich war es hierbei von Vorteil, dass Feliciano nicht nur ein gesprächiger, sondern auch sehr neugieriger Mensch war. Es war außerdem nicht schwer zu bemerken, dass er die Zeit mit mir nutzte um mir Fragen zu stellen. Dabei rückte Ludwig immer weiter in den Mittelpunkt unserer Themen. Felicianos Augen glänzten jedes Mal, wenn ich ihm eine weitere Kleinigkeit über meinen Bruder Preis gab und ich erwischte mich mehrmals beim Gedanken, dass der Jüngere vielleicht nicht die schlechteste Wahl für Ludwig sei. Zumindest zeigte er ernsthaftes Interesse.

Als wir das Zentrum endlich verließen, war es schon später Nachmittag und viele Läden begangen mit ihrem täglichen Ritual sich für den Feierabend zu wappnen. Viele Menschen waren mittlerweile nachhause gegangen. Hin und wieder huschten Personen in ihren Arbeitsuniformen vorbei, die nach der Arbeit in die wenigen Lebensmittelläden eilten, um sich ein Abendessen zu holen.
Feliciano und ich ignorierten den wenigen Betrieb und liefen zum Auto. Jeder von uns hielt das jeweilige Geschenk in den Händen. Ich selbst hatte den Gutschein in meinem Geldbeutel verstaut und hielt nur die vielen Bierdosen, die ich Zuhause noch zu einem „Kuchen“ basteln musste. Das musste ich heute noch erledigen, wenn ich nicht riskieren wollte, dass das Bier leer geht. Immerhin war das nicht nur Wests liebstes Getränk.

Ich spürte den Schuss mehr als das ich ihn hörte.

Ein plötzlicher Schmerz machte sich in meiner Brust breit. Meine Augen weiteten sich während meine Hände instinktiv das Bier fallen ließen und stattdessen an die schmerzhafte Stelle fassten. Das herausquellende Blut war warm und der Geruch von Metall stieg mir in die Nase. Bevor ich mehr tun konnte, gaben meine Beine nach und ich fiel auf meine Knie. Ein weiterer Schmerz breitete sich in meinem Kopf aus. Sekunden später lag ich auf dem Boden und öffnete meinen Mund.

Aber ich bekam keine Luft.

Die Geräusche um mich herum wurden durch ein schrillen Ton ersetzt.

Eine Dunkelheit überkam mich, wie ich sie nur selten erlebt hatte. Ich hörte mein Blut rauschen und vernahm Felicianos Stimme, wie er meinen Namen rief. Dann rückten einzelne Erinnerungen in den Vordergrund. Erinnerungen, die weit verborgen in meinem Gedächtnis lagen, erschienen eine nach dem anderen vor meinen Augen.

Meine Mutter, wie sie mich strahlend anlächelte.
Ihr Lächeln hatte mich immer beruhigt und mir die Furcht genommen.

Als ich meinen Bruder zum ersten Mal im Arm halten durfte.
Meine Mutter hatte mich ermahnt, dass ich vorsichtig sein sollte. Immerhin war Ludwig noch so klein gewesen. Gebrechlich.

Mein erstes Treffen mit Antonio und Francis in der Polizeiakademie.
Wir hatten von Anfang an eine kleine Rivalität zwischen uns, die uns allerdings schnell zusammen geschweißt hatte. Aus dieser flüchtigen Bekanntschaft entstand das Bad Touch Trio. Wir hatten uns geschworen, bis an unser Lebensende befreundet zu bleiben.

Meine erste Verabredung mit Elizabeta.
Sie war eine starke, unabhängige Frau, die sich von niemanden etwas hatte sagen lassen. Am Ende bekamen wir Hausverbot in dem Restaurant, weil ein Mann sich die Freiheit genommen hatte, Elizabeta unpassend zu berühren und sie hatte sich das ganz und gar nicht gefallen lassen.

Mein 30ster Geburtstag mit allen.
Ludwig hatte mithilfe von Antonio und Francis eine große Party veranstaltet. Es bedeutete mir viel, weil ich wusste, dass mein kleiner Bruder solche Feiern verabscheute.
Außerdem war Elizabeta auch gekommen, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt waren. Ich bin froh, dass wir immer befreundet geblieben sind, auch wenn die Beziehung nicht hielt.

Der Brief meines Vaters, den er dem Testament beilegen lassen hatte, indem er zum Ausdruck brachte, dass er stolz sei auf Ludwig und mich.
Es hatte den Verlust nicht leichter gemacht und ich hätte mir gewünscht, dass er uns diese Worte zu seinen Lebzeiten ins Gesicht gesagt hätte.

Mehr und mehr Erinnerungen kamen aus ihren tiefen Verstecken hervor. Sie brachten ein Lächeln auf meine Lippen, doch ich wusste, dass es nur ein mentales Bild war. Mein Körper hatte bereits jegliche Kraft verloren. Ich konnte nichts mehr tun.

Aber.. ich konnte noch nicht gehen.

Ludwig brauchte mich. Mein kleiner Bruder brauchte noch immer meine Hilfe. Er mag Erwachsen aussehen, doch in inneren ist er noch immer der kleine Junge, dessen erste Anlaufstelle ich bin. Ich konnte ihn doch nicht im Stich lassen!

Aber umso mehr ich mich gegen die Dunkelheit wehrte, umso mehr schien ich zu verlieren.

Und schließlich spürte ich ihn.

Meinen letzten Versuch Luft einzuatmen.

--------------


Es brach eine laute Unruhe aus als die Nachricht um Gilberts Tod das Revier erreichte. Ludwig und Antonio hatten sich gerade für den Feierabend bereit gemacht als der Anruf aus dem Krankenhaus kam. Trotz dessen das der vermutete Mörder Roma war, wurden beiden Kriminalbeamten der Kontakt mit dem Unfallort verboten. Die verunglückte Person stand Beiden nahe, weshalb Kirkland ihnen befahl Vorort zu bleiben bis Matthew mit Lovino eingetroffen war und sie zum Gerichtsmediziner brachte. Ludwig war der einzig lebendige Verwandte von Gilbert, weshalb es seine Aufgabe war, ihn zu identifizieren. So waren die Regeln, doch das machte es Ludwig nicht leichter die Situation zu verarbeiten.

Ludwig saß regungslos auf seinem Stuhl. Mit einem leeren Blick starrte er an die Wand. Sein gesamter Körper fühlte sich kalt und heiß zugleich an. Seine Atmung war eher eben. Er konnte die Nachricht vom Tod seines Bruders noch nicht komplett begreifen. Es ging nicht in seinen Kopf, dass die Person, die ihn heute morgen mit einem breiten Grinsen begrüßt hatte, plötzlich nicht mehr da sein sollte. Die Person, die sein gesamtes Leben an seiner Seite war, würde nie wieder einen weiteren Atemzug machen. Das war absolut unmöglich. Ludwig war in seinem Leben schon oft mit dem Tod konfrontiert gewesen. Seine Mutter, sein Vater, zahlreiche Opfer von den Mördern, denen er auf der Spur war. Doch er hatte immer seinen großen Bruder bei sich gehabt. Er hatte es nie offen zugegeben, aber er brauchte Gilbert. Er kannte kein Leben ohne ihn und ehrlich gesagt, konnte er es sich auch nicht vorstellen ohne ihn zu sein.

Während Ludwigs Schockzustand sich in Stille und Starre zeigte, äußerte sich Antonios Trauer auf eine ganz andere Art. Seine Seite des Büros war absolut verwüstet worden. Jegliche Akten, Stifte und andere Dinge, die vorher auf seinem Schreibtisch gelegen sind, waren nun im Zimmer verteilt. Das Bild, das das Trio zeigte und an der Wand gehangen hatte, war herunter gefallen. Der Bilderrahmen zerstört.
Antonio atmete schwer. In seinem Inneren herrschte ein Gefühlschaos, wie er es noch nie erlebt hatte.

Trauer. Er hatte seinen besten Freund verloren.

Frust. Er hatte seinen besten Freund nicht retten können.

Verzweiflung. Wenn er nur mehr gearbeitet hätte. Er hätte Roma schnappen können und dann wäre Gilbert noch bei ihnen. Sie wären feiern gegangen, weil sie wieder einen der Bösewichte geschnappte hatten.

Wut. Roma würde für seine Taten bezahlen.

„Antonio!“ Lovinos Stimme war fern. Sie drang nicht zu ihm hervor. „Antonio!!“
Sie war so weit entfernt. Er spürte zwei Hände an seinen Wangen, die sein Gesicht in Richtung des Italieners drehten. „Tonio!“
Die Stimme war noch immer fern, doch zumindest nahm Antonio sie nun wahr. Er konnte sie zuordnen und seine automatische Reaktion sich auf seinen Gegenüber zu fokussieren, versuchte sich in den Vordergrund zu drängen. Es fiel ihm schwer und es dauerte länger als gewöhnlich bis er sich endlich auf die ungewöhnliche Augenfarbe seines Schützlings fixieren konnte.
„Lovi. Er hat ihn..“, Antonio brachte kaum mehr als ein Flüstern hervor. „Gilbert. Er ist..“

„Ich weiß, Toni. Deshalb bin ich hier. Es ist okay. Atme. Es wird alles gut“, erwiderte Lovino. Er linste kurzzeitig zur Seite. Matthew hatte sich augenblicklich zu Ludwig begeben als sie das Zimmer betreten hatten und kümmerte sich jetzt um diesen. Ohne Worte hatten sie es für besser befunden, wenn Lovino sich um Antonio kümmerte. Vor allem nachdem sie die Verwüstung gesehen hatten, die der Spanier angerichtet hatte.

„Nichts ist okay!“ Antonio sagte die Worte lauter und schroffer als er beabsichtig hatte. „Er hat meinen besten Freund getötet, Lovino!“

Lovino sah seinen Gegenüber stumm an. Er sah die Trauer in seinen Augen und hörte den Zorn in seiner Stimme und er konnte weder seine Blässe, noch die Gänsehaut, die sich auf seiner Haut ausbreitete, zurückhalten, als Antonio erneut sprach.

„Ich werde Gilbert rächen. Ich werde Roma finden und ich werde ihn töten.“

✩ ✩ ✩ Ende – Kapitel 10 ✩ ✩ ✩


Vielen Dank fürs Lesen! Und tut mir leid für mögliche gebrochene Herzen. Falls es ein Trost darstellt: Es fiel mir alles andere als leicht :')
Leider ist das ein Teil der Geschichte, den ich absolut nicht auslassen konnte. Ich hoffe, ihr werdet bald verstehen wieso.

Außerdem, eine (Vor-)Warnung: Dieses Kapitel wird bald noch korrigiert. Durch einige Vorkommnisse meinerseits war es der lieben ReaAthera nicht möglich, das Kapitel vorher zu korrigieren. Ich hoffe, dass ich ab dem nächsten - spätestens dem übernächsten - Kapitel es endlich auf die Reihe bekomme, genug vorzuproduzieren, dass sie nicht ständig auf einzelne Kapitel warten muss.

Bis zum nächsten Mal! Vergesst nicht genug zu trinken und passt auf euch auf! :)
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