Auf Wiedersehen

von Auma
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
20.03.2017
20.03.2017
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Auf Wiedersehen

Es würde Regen geben, bald. Sein Bein ziepte wie verrückt. Kurzerhand griff Caedmon nach seiner Laute um sich irgendwie abzulenken. Das warten, war wohl das schlimmste. ER wusste nicht, ob König Henry und mit ihm seine Söhne die Schlacht gegen Herzog Robert von der Normandie schon geschlagen hatte, ob diese gewonnen oder verloren worden war. Leise kam seine Frau in ihre gemeinsame Kammer. Irgendwie wusste sie es immer wenn er sie brauchte. Es wunderte ihn aber auch nicht, immerhin waren sie seit bald 30 Jahren verheiratet. „Was bedrückt dich Liebster?“ Sanft hatte sie ihre schmale Hand über seine gelegt, welche den Hals der Laute hielt. „Ich mache mir Sorgen um meine Söhne. Ich weiß sie sind erwachsen und können kämpfen aber wir haben jetzt schon so lange keine verlässlichen Neuigkeiten mehr vom Kontinent gehört.“

Kurz hatte er sie angesehen, bevor er wieder durch das Fenster auf das herbstliche East Anglia blickte. Leise seufzte Aliesa: „Glaubst du mir ging es anders, wenn du in den Krieg ziehen musstest? Aber lass uns hoffen, dass dies der letzte Feldzug gegen Robert ist.“ Plötzlich verdunkelte sich der Himmel und es fing an in Strömen zu regnen. Caedmons Bein hatte also wieder recht gehabt.

Gemeinsam gingen sie schließlich in die Halle zum Abendessen hinunter. Langsam ließ Caedmon seinen Blick durch die Halle schweifen und seufzte. Viele vertraute Gesichter, wie sein Vetter Alfred oder seine Schwester Hyld, fehlten und riefen ihm ins Gedächtnis, dass auch er die 50 schon lange überschritten hatte. Sanft nahm Aliesa seine Hand und schaute ihn fragend an: „Ich bin froh, dass ich dich habe, ohne dich würde ich nicht leben wollen. Habe ich dir das eigentlich mal gesagt?“  flüsterte Caedmon ihr leise ins Ohr. Schwere Schritte vor der Tür jedoch hinderten sie an einer Antwort und beide blickten nach vorne zur Tür.

Tropfnass betrat sein zweitältester Sohn Wulfnoth die Halle und sein Gesicht ließ Caedmons Herz für einen kurzen Moment aussetzen. „Nein!“ Es war nur ein Wort und doch hallte seine Stimme ungewöhnlich laut in der ansonsten stillen Halle wider. „Vater es tut mir leid aber Alfric ist tot.“ Mit rot geränderten Augen schaute Wulfnoth seinen Vater an, welcher wie erstarrt an seinem Platz saß. Einzig Aliesa bewahrte einen letzten Rest an Haltung: „Komm Wulfnoth, du musst aus den nassen Sachen raus, dann kannst du uns erzählen, was passiert ist.“ Sanft führte sie ihren Stiefsohn aus der Halle. Caedmon folgte ihr etwas langsamer, seine Beine kamen ihm auf einmal so unglaublich schwer vor.

Mit  fünf Personen wurde es in der kleinen Kammer etwas eng, doch stören tat es keinen der Anwesenden. „Geht es wieder mein Sohn? Weißt du wie dein Bruder gestorben ist?“ Wulfnoth sah seinem Vater nicht in die Augen, hatte seinen Blick stur auf seine Hände gerichtet als er anfing zu erzählen: „Herzog Robert ist ein Feigling. Ich weiß dir und Aliesa muss ich das nicht sagen, aber es ist so. Den ganzen September jagden wir ihn durch die Normandie und lieferten uns immer wieder kleine Scharmützel mit seinen Adligen, bis wir ihn schließlich dann Ende September zur Schlacht stellen konnten. König Henry ist ein viel besserer Stratege als sein Bruder Robert und so dauerte es nicht lange, da stellte er ihn zum Zweikampf und nahm in schlussendlich auch gefangen. Aelfric und ich hatten den König die ganze Schlacht hindurch nicht aus den Augen gelassen. Aber kurz nachdem Robert von seinem Bruder gefangengenommen wurde, wurden wir noch einmal heftig bedrängt - ich glaube ein paar von Roberts Adligen wollten versuchen ihn zu befreien – Vater du weißt wie gut Aelfric kämpfen konnte aber selbst der beste Kämpfer hat hinten keine Augen!“ Tief holte Wulfnoth Luft, die Erinnerung an den Tod seines großen Bruders hatte ihm erneut die Tränen in die Augen getrieben. Auch seinem Vater und seiner kleinen Schwester Mathilda erging es nicht anders. Tief holte er zum zweiten Mal Luft, bevor er weiter erzählte: „Ich wurde selbst gerade von zwei Seiten angegriffen und konnte nur hilflos zusehen wie ihn die Lanze in den Rücken getroffen hat. Er ist in meinen Armen gestorben Vater.“ „Wann war die Schlacht?“ fragte Leif, welcher auch mit ihnen in die Kammer gekommen war. Kurz überlegte Wulfnoth, sein Zeitgefühl war ein bisschen durcheinander: „Ich glaube vor zehn Tagen.“ Humorlos lachte Caedmon auf: „Das Schicksal geht manchmal merkwürdige Wege.“ Leicht strich er Aliesa über die Hand. „Aelfric starb fast auf den Tag genau 40 Jahre nach seinem Großvater.“ Langsam ging Caedmon die wenigen Schritte und nahm seinen Sohn  in den Arm, dass hatte er nicht mehr gemacht, seit dieser mit acht meinte für so was zu alt zu sein. Doch heute war es egal, sein großer Bruder, vor welchem er damals so erwachsen erscheinen wollte  dadurch war tot. Schließlich löste sich Wulfnoth aus der Umarmung und fragte, den Blick leicht nach unten gesenkt: „Vater wärst du mir sehr böse, wenn ich nicht bis zu Beerdigung hier bleiben würde? Ich will nicht mehr kämpfen. Ich habe genug davon für ein ganzes Leben. Ich weiß, dass Onkel Guthric einmal zu dir gesagt hat, dass ich zu ihm nach Ely ins Kloster gehen könnte und ich glaube das würde ich gerne. Habe ich dafür deinen Segen?“

Still wartete er auf die Entscheidung seines Vaters. Dieser schaute ihn traurig aber voller Verständnis an, wusste er doch  nur zu genau, wie sein Sohn sich fühlte: „Natürlich hast du meinen Segen. Seit Guthric mich damals gefragt hatte… Ich wollte immer, dass du diese Wahl aus freiem Willen triffst. Vielleicht findest du dort deinen Frieden, wie dein Onkel es getan hat.“

Keine zwei Tage später versammelte sich Caedmons Haushalt und ein großer Teil der Menschen von Helmsby auf dem Friedhof hinter der kleinen Kirche, welche er einst hatte erbauen lassen, um dem letzten der angelsächsischen Krieger, wie Leif Aelfric in seiner Chronik genannt hatte, das letzte Geleit zu geben.

Ende

A/N Die handelnden Personen gehören nicht mir sondern Rebecca Gablé.

       Die erwähnte Schlacht zwischen König Heinrich I von England und seinem Bruder Herzog Robert    

       von der Normandie fand tatsächlich am 28 September 1106 statt.
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