Frühlingserwachen

OneshotDrama, Suspense / P16
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers OC (Own Character)
20.03.2017
20.03.2017
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Frühlingserwachen


„Ein seiden entrückter Himmel
stand über mir,
wie ihn nur ein Winternachmittag
dem Einsamen schenkt...“
- Elmar Kupke (*1942)

Die Eisschicht war glasklar und glänzte in dem unnatürlichen Licht des Labors. Stirnrunzelnd blickte er das geschützte Objekt an, in dem der Mann feststeckte. Seit siebzig Jahren hatte er unentdeckt dort gelegen.
Im ewigen Eis und niemandem war es aufgefallen. Da die Landschaft dort aber auch ständig in Bewegung war, wunderte es ihn nicht, dass es noch niemandem aufgefallen war. Das hier war ja auch eine Entdeckung, die vollständig dem Zufall zuzuschreiben war.
Allerdings würde der Captain – der strahlende Held aus dem Zweiten Weltkrieg – nicht lange unbehelligt bleiben. Zumindest nicht, wenn es nach S.H.I.E.L.D. ging, denn Nick Fury war sehr deutlich gewesen.
Sie hatten den Captain unversehrt aus der eisigen Hölle herausschaffen und dann nach New York bringen sollen. Dort kam der Mann her und er sollte sich zumindest ansatzweise in einer Gegend wiederfinden, die er wiedererkannte.
Auch wenn er nicht davon ausging, dass das heutige New York auch nur im Geringsten mit dem vor siebzig Jahren verglichen werden konnte. Er entschied aber nichts, also war der Mann nach New York gebracht worden.
Vorher sollte er das Auftauen noch beaufsichtigen und dabei sein, falls etwas Unvorhergesehenes geschah. Was das sein könnte, war ihm ein Rätsel, schließlich war der Mann tiefgefroren und bewegungsunfähig.
Er sah allerdings so lebendig aus, dass es ihm einen eiskalten Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ. Unter der Eisschicht waren die Wangen nicht eingefallen und seine gesamte Erscheinung wirkte weder ausgemergelt noch leblos.
Captain America sah alles andere als tot aus.
Das war er auch nicht, zumindest nicht laut den Gerätschaften, die den Eisblock seit Stunden in diesem unterirdischen Labor abtasteten und untersuchten. Die wenigen Eingeweihten hielten sich derweil vornehm zurück.
Nick Fury hatte sich auch noch nicht blicken lassen, aber sie würden auch ohne ihn das Auftauen einleiten. Das hatte er befohlen und wenn der Direktor von S.H.I.E.L.D. etwas befahl, dann wurde das auch gemacht.
Ohne Ausnahme.
Mit vorgehaltener Waffe, in der sich heute nur Betäubungsgeschosse befanden, stellte er sich neben den Eisblock und beobachtete, wie zwei dünne Laser damit begannen das Eis zu durchbohren und allmählich abzutauen.
Die dünne Schicht aus Wasser lief behutsam, wenn nicht sogar ehrfürchtig über ihren ehemaligen Aggregatzustand und tropfte leise, fast geräuschlos, in eine Auffangrinne, die um den Edelstahltisch herum führte und die Flüssigkeit in ein Behältnis unter dem Tisch leitete.
Fasziniert sah er sich das Schauspiel an und ihm wurde das erste Mal bewusst, wie langsam Eis eigentlich ohne fremdes Zutun auftaute. Normalerweise würde es Stunden, wenn nicht sogar Tage in Anspruch nehmen, um einen so großen Block Eis wie den, den er gerade vor sich hatte, aufzulösen.
Nicht einmal Captain America hatte so viel Zeit, auch wenn er lange genug hatte warten müssen, dass ihn jemand fand. Fury hatte seit zwei Jahren von nichts anderem gesprochen und er wusste nun endlich wieso.
Der Mann unter dem Eis sah alles andere als schmächtig aus, er war riesengroß und muskulös obendrein. Mrs. Carter hatte immer nur in den höchsten Tönen von ihm gesprochen, damals, als sie noch Reden im Namen ihrer eigenen Organisation gehalten hatte.
Nun konnte er verstehen, woher das kam. Das zeugte von dem Respekt für seine Person und für seine Kraft. Es war unglaublich, wie er aussah. Nicht umsonst nannte man ihn den Supersoldaten. Diese Bezeichnung war ausnahmsweise wirklich passend.
Das erste Mal in seinem Leben war er nicht von der Person hinter einem Spitznamen enttäuscht. Bisher waren es immer überschätzte Sportler oder Würdenträger gewesen, aber dieser Mann war wirklich das, was man von ihm sagte.
Es hätte ihn auch nur desillusioniert und enttäuscht, wenn er das Gegenteil festgestellt hätte. Fury versprach hier aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Eigentlich etwas, das er immer an ihm zu schätzen gewusst hatte.
„Es sind bereits drei Zentimeter abgeschmolzen“, gab einer der Wissenschaftler im Kittel zu verstehen und stellte sich direkt neben den Eisblock, der von außen sehr glänzte, weil immer mehr Wasser von ihm zu tropfen begann.
Die Wassernasen liefen so langsam an der Außenhaut herab, dass er sich vorkam, als würde er ein Video in Zeitlupe betrachten und keinen tatsächlichen Vorgang dieser Art. Wieder überkam ihn das Gefühl von Faszination.
Gleichzeitig wünschte er sich nicht in der Haut des Eingefrorenen zu stecken, denn es musste die Hölle sein aufzuwachen und dann zu erfahren, dass alle, die man kannte, tot sind oder im Begriff stehen bald zu sterben.
Nichts, um das er ihn beneidete.
Seufzend blickte er sich im Labor um, doch konnte er nichts länger als ein paar Sekunden fixieren. Gleichmäßigkeit, gepaart mit professionellem Equipment, das ordentlich überall aufgestellt stand und nur darauf wartete, benutzt zu werden.
Sägen, Skalpelle und sogar Rippenspreizer hatten sie bereitgelegt, denn sie rechneten wohl mit dem Schlimmsten, wenn sie den Captain aus seiner Schutzhülle befreit hatten. Sollte er auch besser davon ausgehen? Vom Schlimmsten?
Er dachte noch einmal darüber nach, was er tun würde, wenn er sich in dieser Lage befände, doch tat er es nicht, also fiel es ihm mehr als schwer seine Vorstellungskraft anzukurbeln und in den Kopf des Mannes zu sehen, der noch keine Chance hatte, sich mit seinem derzeitigen Zustand auseinanderzusetzen.
Mit einem mulmigen Gefühl in seiner Magengegend sah er weiter dabei zu, wie der bewegungslose Körper mehr und mehr freigelegt und erkennbar wurde, dass er nach Luft schnappte und die Augäpfel unter den Lidern bewegte.
Das waren die ersten Anzeichen für ein bewusstes Erleben der Umwelt. Wer sich schon vor dem Öffnen der Augen umsah, der hatte Angst. Für einen Moment glaubte er die Angst riechen zu können, doch war es sicherlich nur Einbildung.
„Er atmet viel zu hektisch, seine Lungen kollabieren uns noch!“ rief einer der Ärzte, die sich schon an dem freigelegten Oberkörper zu schaffen machten und schnippte einem der Assistenten zu, welcher sofort mit einer Sauerstoffmaske auf ihn zu kam.
Hektisch presste der Arzt dem Aufwachenden die Maske auf das untere Gesicht und versuchte den zappelnden Kopf in Position zu behalten. Mit immer größer werdender Kraft stemmte sich der Captain gegen die Griffe und gegen den letzten Rest des Eises, das gerade einmal seinen Oberkörper freigab.
Mit einem Ruck schaffte er es einen großen Sprung in das Eis zu reißen, doch brauchte er noch mehrere Anläufe, um seine rechte Hand daraus zu befreien. Panik konnte er nun auf dem Gesicht des Erwachten erkennen und er legte seine Waffe an.
„Schießen Sie doch endlich!“ schrie der Assistent, der just in diesem Moment von dem freien Arm getroffen und dann nach hinten geschleudert wurde.
Zögerlich legte er den Finger an den Abzug und behielt den Captain im Auge, der sich offensichtlich verängstigt und aufgekratzt gegen die Hände und Geräte zur Wehr setzte. Er atmete tief ein und wieder aus und drückte ab.
Das Betäubungsgeschoss traf den Mann, der schon aufrecht auf dem Edelstahltisch saß, direkt in den Oberkörper, doch wurde er nicht bewusstlos. Überfordert von dem unerwarteten Ergebnis seines Schusses, begann er damit an der Tasche seiner Hose zu zerren, in der sich noch zwei weitere Geschosse mit den Narkose-Kanülen befanden.
Bis er nachgeladen hatte, waren allerdings noch zwei weitere Ärzte, ein Bewaffneter und mehrere Geräte weggeschleudert worden. Vorsichtig nahm er den Erwachten wieder ins Visier und verpasste ihm die zweite Kanüle in den unteren Bauchbereich.
Die dritte landete im oberen Rücken, weil er sich wand wie ein wildgewordenes Tier in Gefangenschaft. Nach und nach froren seine Bewegungen ein und verlangsamten sich auf ein Minimum.
Captain America verlor das Bewusstsein so langsam, wie er es zurückgewonnen hatte und fiel nach vorne über, sodass er halb auf seinen immer noch eingefrorenen Beinen zum Stillstand kam und kein Lebenszeichen mehr von sich gab.
In einem Anflug aus Mut und Selbstüberschätzung trat er mit vorgehaltener Waffe auf den Bewusstlosen zu und fasste ihm mit den Fingern an den Hals, um seinen Puls zu ertasten. Er war schwach, aber er war vorhanden.
„Er lebt“, rief er in den Raum, ohne mit jemand Bestimmtes zu sprechen und zog seine Hand zurück, um sie an die Waffe zu legen. Dieses Erwachen hatte der Mann sich sicher anders vorgestellt, sofern er von so etwas wie einer Rettung geträumt hatte.
Nick Fury hatte es sich bestimmt auch anders vorgestellt.
Er selbst hätte es sich anders gewünscht.
Nicht für seine Karriere, die hiermit höchstwahrscheinlich dem Tode geweiht war, sondern für den Mann, der noch so viel nachzuholen und zu verstehen hatte, dass es einer Folter glich, wenn sie es ihm nicht schonend beibrächten.
Er hoffte, dass Nick Fury schonend sein würde.

Anmerkung: Die Idee zu diesem OS hat mir Miwa86 vor einer Ewigkeit in einem Review zum OS Schuld und Sühne (wo es übrigens um ein erstes Gespräch zwischen Fury und Steve nach dessen Erwachen in New York geht) mit einem einzigen Halbsatz geliefert – danke dafür! :) Doch erst heute sollte die Veröffentlichung stattfinden, denn ein Frühlingserwachen muss natürlich ordnungsgemäß am kalendarischen Frühlingsanfang erfolgen.
Was meint ihr dazu, auch wenn es etwas alternativ aufgezogen ist und den Canon ein klein wenig außer Acht lässt? Ich bin gespannt!
LG, Erzaehlerstimme
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