Das Lied von Macht und Schmerz

von indhigho
GeschichteAllgemein / P16
OC (Own Character)
19.03.2017
19.03.2017
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Das junge Mädchen saß am Fenster und sah hinaus in die trübe, hässliche Landschaft. Normalerweise war Summerton ein schönes Fleckchen Erde, aber an diesem Tag schien die Sonne sich hinter gigantischen Wolkenbergen verstecken zu wollen. Das Mädchen, eigentlich eher eine junge Frau, fuhr sich durch das mittellange, goldblonde Haar. In Verbindung mit ihren tiefblauen Augen entsprach sie ihrem Haus vollkommen: golden und indigoblau, das Haus Olymp. Und die ärgsten Widersache des Hause Calore, der Königsfamilie. Was hatten sie damals, vor vielen Jahrhunderten, alles versucht, selbst zu Königen gekrönt zu werden. Aber die verdammten Flammenkämpfer hatten alles an sich gerissen. Doch mit Hera war Hoffnung zurück gekehrt: Denn im gleichen Jahr wie sie, nur wenige Monate vorher, wurden die beiden Prinzen geboren: die ersten Zwillinge in der Geschichte von Norta. Maxin und Mevan, beide äußerst gutaussehend. Obwohl Mevan der Jüngere war wenn auch nur um sechs Minuten, würde auch er in der Königinnenkür eine Braut bekommen. Denn vor wenigen Wochen war Illea, das Land im Nordosten, unterworfen worden. Aber da es ein selbstständiges Land mit eigenen Silbernen war, sollte Mevan König von Illea werden, um dort Struktur reinzubringen. Und Maxin sollte König von Norta und Kaiser der Norta-Staaten werden. Soweit der Plan. Hera Olymp, das junge Mädchen am Fenster, lachte gehässig auf. Es war nur die Frage, ob sie Kaiserin und Königin oder nur Königin werden würde. Denn dass sie ausgewählt werden würde, stand außer Frage. Es gab dieses Jahr viele hübsche Mädchen, aber nur zwei Konkurrentinnen: Rosa aus dem Haus Iral und Fameleina aus dem Haus Samos. Die drei mächtigsten Häuser – neben der Königsfamilie – würden um die beiden Prinzen buhlen. Da dieses Jahr eben zwei Bräute ausgewählt werden würden, war alles noch größer und bombastischer aufgezogen als sonst. Und in der Arena würden zum Tode Verurteilte hineingeschickt werden, die wir umbringen sollten. Denn es war Krieg, und kein Kindergarten. Die beiden Königinnen müssten grausam und kalt sein und ohne mit der Wimper zu zucken töten, um die beiden Länder zu regieren und zusammenzuhalten.

„Hera! Komm her, Mädchen, dein Anzug lieg bereit!“ Aubrey, Hera’s Tante und das Familienoberhaupt. Das Mädchen löste sich vom Fenster und ging hinunter. Dann ergab sie sich der Fuchtel ihrer Tante und ließ sich waschen, ankleiden, schminken und frisieren.  Währenddessen klarte der Himmel immer mehr auf, bis sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecken stahlen und Heras Haar zum Leuchten brachten. Dann ging sie Seite an Seite mit ihrer Tante zu der Kutsche, stieg ein und ließ sich zum Palast fahren.

Keine zwei Stunden später saß sie neben Fameleina und Josefiné aus dem Haus Eagrie auf der Bank und wartete, dass sie hereingerufen wurde. Das Rhambos-Mädchen und das Mannsweib aus Haven waren schon verschwunden und hatten wohl eine tolle Show geliefert, dem Raunen der Häuser nach zu schließen. Un der Schreie der Verurteilten. Josefiné schwitzte, das sah ma deutlich. Aber hier unten war es nicht kalt. Sie war des Todes nervös. Ich beugte mich zu ihr herüber. „Keine Angst, Josefiné. Du wirst schon nicht ausgewählt. Die sind ja schließlich mit dir verwandt.“ Fameleinas Mund verzog sich zu einem gehässigen Grinsen. Sie stieg ein. „Ja, genau. Hera hat Recht. Also bring ihn am besten schnell um, das ist einfacher.“ Dann lehnten wir uns beide zurück und beobachteten ihre Reaktion. Sie unterdrückte tatsächlich Tränen.

Dann verschwand Fameleina. Ich war die letzte. Ich strich über meinen Anzug, er war fest und eng. Aber ich hätte auch ein Kleid tragen können, ich würde ja nicht einmal in die Nähe des Opfers kommen. Um mich herum quietschte das Eisen. Fameleina übertrieb es natürlich wieder. Sie würde ihn quälen. Aber da konnte ich mithalten.
Dann kam ein Wächter und sagte ausdruckslos: „Lady Olymp, sie sind dran.“ Ich sah im in die Augen. Er wandte sich schnell ab und ging los, ich ihm auf den Fersen.
Ich wurde von den Sonnenstrahlen geblendet. Mir gegenüber war ein Mann herauf gefahren worden, ein Roter. Er zitterte am ganzen Leib und wartete, dass ich zu ihm kam. In der Arena herrschte angespanntes Schweigen. Dann durchschnitt de kalte Stimme meiner Tante diese Stille: „Hera aus dem Haus Olymp.“ Ich warf nicht einen Blick nach oben zu der Königsloge, sondern schritt auf den Mann zu. Da hörte ich ein rasches Aufkeuchen von den Mitgliedern des Hauses Eagrie. Sie sahen es schon. Ich blieb direkt vor dem Mann stehen. Er war mir auf Augenhöhe. Ich streckte ihm die Hand hin und sagte: „Man grüßt sich.“ Er legte langsam und zitternd seine Hand in meine. Ich umschloss seine Hand. Mit der anderen fasste er sich an den Kopf und stöhnte auf. Er zog verzweifelt an seiner anderen Hand und ich ließ sie frei. Mit beiden Händen am Kopf sank er zu Boden. Ich richtete meinen Augen auf ihn. Er schrie auf, winselte. Ich gönnte ihm eine kurze Pause. Durch das betretene und überraschte Schweigen der Silbernen sagte meine Tante: „Peinigerin.“ Dann ließ ich alles auf den Mann los, bis er um Gnade schrie und bettelte. Ich lächelte nur. Dann bewegte er seine Beine nicht mehr. Meine geballte Wucht an Schmerz hatte ihm die Nerven zerrissen. Dann erlahmten seine Arme, dann der restlichen Körper. Nur sein Kopf war noch heile. Aber seine Nerven zerstört. Er lebte noch, war ein Wrack. Ich hatte ihn hingerichtet ohne ihn zu töten. Ich ließ von ihm ab und sah endlich zu der Königsloge. Der König lächelte, Maxin sah aus, als würde er gleich brechen, die Königin betrachtete mich interessiert und Mevan wirkte geschockt Dann sagte ich mit klarer Stimme: „Ich bringe den Mann nicht um. Löst eure Probleme selber, noch sind sie nicht meine.“ Dann wandte ich mich ab und ging in den Gang, der zum Raum führte, in dem die anderen Mädchen saßen. Meine Aufgabe war erfüllt.

Meine Tante und ich saßen in meinem Raum. Ich trug bereits ein Kleid in meinen Farben, es war recht eng, mit indigoblauer Grundfarbe und von goldenen, senkrecht fallenden Fäden überzogen. Schön war ich schon, auch mein Gesicht. Aber es ging hier nicht um Schönheit, kein Stück. Es ging um Kaltblütigkeit. Während meine Zofen mir eine kunstvolle Haarpracht auf meinen Kopf zauberten, redete meine Tante ununterbrochen auf mich ein. Ich hörte erst zu, als sie sagte: „Sie werden dich mit Mevan vermählen. Er ist der Härtere. Und sie kennen mich. Maxin würden wir in der Hochzeitsnacht schon umbringen, sodass wir Kaiser der Norta-Staaten werden. Das können sie sich nicht leisten.“ Recht hatte sie. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren die Zofen endlich fertig und wir machten uns auf den Weg zum Palast, auf den Weg in meine Zukunft.
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