Reese vs. Stevie

von humanoid
OneshotFamilie, Freundschaft / P6
Malcolm Reese
19.03.2017
19.03.2017
1
1.555
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
19.03.2017 1.555
 
Reese vs. Stevie


Anmerkung: Dieser Oneshot ist an die Folge "Reese vs. Stevie" (S7 E3) angelehnt. In meiner Version hat er sich jedoch nicht die Beine selbst gelähmt, sondern trainiert lediglich in der Garage. ;)

* * *


„Achtundneunzig... neunundneunzig... einhundert.“ Seine Arme brannten wie Feuer, doch er drückte sich abermals hoch, verzog schmerzvoll das Gesicht und zählte weiter. Reese war seit fast einer Stunde in der Garage und trainierte. Er keuchte, trieb sich selbst an seine Grenzen und darüber hinaus. Der pure Gedanke an Stevie gab ihm die nötige Wut, um immer weiter zu machen. Wieso erkannte er erst jetzt, dass dieser kleine Krüppel ihm seinen Bruder wegnahm?! Reese biss die Zähne fest zusammen, ignorierte den stechenden Schmerz, der nunmehr seinen gesamten Oberkörper durchzog, und trainierte weiter. Er hatte vor, Stevie so sehr zu verprügeln, dass es ihm eine verdammte Lehre sein sollte. Selten hatte er sich so auf eine Prügelei gefreut.

Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen; Reese hob den Kopf und erblickte Malcolm. Sofort schoss ihm Adrenalin durch den Körper. Er ignorierte ihn und setzte stattdessen seine Liegestütze fort. „Hunderteinundzwanzig... hundertzweiundzwanzig...“

„Reese, was machst du denn da?“ Malcolm lief zu ihm und sah ihn verstört an. Sein Bruder war völlig durchgeschwitzt, seine Arme zitterten und sein Blick hatte etwas Irres, als er Malcolm anfunkelte und zischte: „Ich trainiere.“

Malcolm seufzte. „Geht's immer noch um Stevie?“ Als Reese nicht antwortete, verdrehte Malcolm die Augen. „Reese, du kannst das echt nicht bringen, Stevie ist unser Freund!“

Der Ältere hielt inne und sah Malcolm an. „Oh nein, er ist nicht mein Freund, er ist dein Freund. Er behandelt mich wie Dreck! Er beleidigt mich, er respektiert mich nicht...“ Er machte eine kurze Pause, verzog dann das Gesicht. „Und du unternimmst nichts!“

„Was?“ Malcolms Stimme klang heiser; er räusperte sich sofort.

„Du stellst dich immer auf seine Seite, du gibst ihm immer Recht – obwohl wir Brüder sind!“

„Warte mal...“ Malcolm blinzelte, „bist du eifersüchtig?“

„Nein, ich bin sauer!“ Reese zog die Augenbrauen zusammen. „Du und Stevie werdet immer befreundet sein, aber wenn du erstmal aufs College gehst und nicht mehr hier wohnst, werden wir dich überhaupt nicht mehr sehen! Und trotzdem wirst du deine Zeit noch mit Stevie verbringen, anstatt mit... mit...“ Er brach ab, zögerte eine Sekunde lang und setzte seine Liegestütze mit wütendem Gesichtsausdruck fort.

Malcolm stockte. Reese war tatsächlich eifersüchtig. Diesen Augenblick musste er sich für immer einprägen, denn eine solche Situation würde so schnell gewiss nicht wiederkommen. Malcolm wusste, dass Reese seine Gefühle nicht gut mit Worten ausdrücken konnte, daher war er von seinem Versuch ungewöhnlich berührt. Malcolm war, was das anging, das absolute Gegenteil von Reese. Er redete gerne und er konnte seine Gefühle meist sehr gut umschreiben. Nur dass es leider nie jemanden großartig interessierte, wie er sich fühlte. Zu gerne hätte er das nun mit Reese ausdiskutiert, doch er wollte seinen Bruder nicht unnötig quälen. Er hatte ohnehin schon eins und eins zusammenzählen können. Es war mehr als offensichtlich, dass Stevie seit geraumer Zeit ein rotes Tuch für Reese war. Malcolm kannte seinen Bruder so gut, dass es ihm leicht fiel, seine Blicke zu deuten. Reese war ein offenes Buch für ihn. Daher begriff er auch schnell, wie verletzt Reese in diesem Moment war. Er trainierte weiter, obwohl ihm der Schweiß bereits das Tanktop durchweicht hatte und seine Arme bedenklich zitterten.

Malcolm ging neben ihm in die Hocke. „Hey“, sagte er sanft und wartete, bis Reese in seinen Bewegungen innehielt. Der Ältere verzog schmerzvoll das Gesicht und stützte sich erschöpft auf seine Unterarme. Als er Malcolm ansah, brach dem Jüngeren beinahe das Herz. Reese litt wirklich. Er konnte es in seinen Augen sehen. So kannte er seinen Bruder überhaupt nicht und er hatte gehofft, ihn niemals so verletzt zu sehen.

„Wie du schon sagtest, wir sind Brüder“, begann er mit sanfter Stimme. „Wir werden immer zusammen sein, ob wir wollen, oder nicht.“ Er grinste kurz. „Geburtstage, Weihnachten... Wir werden uns immer sehen. Das wird unser ganzes Leben lang so bleiben.“

Reese hatte ihm aufmerksam zugehört, senkte nun den Kopf ein wenig. „Wirklich?“

„Ja.“ Malcolm lächelte. Er würde es nie zugeben, aber die Tatsache, dass Reese eifersüchtig auf Stevie war, beflügelte ihn völlig. Eine Welle der Euphorie überkam ihn und sein Herz überschlug sich beinahe, als er leise sagte: „Reese, ich weiß, dass wir das nie sagen, aber... ich liebe dich, das weißt du, oder?“

Der Ältere hatte sich mittlerweile hingekniet, um seine Arme zu entlasten. Er lächelte kurz. „Ja, ich weiß.“ Er zuckte die Schultern. „Ist ja auch egal. Ich schätze, ich werde mich damit abfinden müssen, dass Stevie immer irgendwie... dazwischen ist.“ Er sah Malcolm nicht an. „Ich hätte auch gerne einen besten Freund, aber... naja... du bist mein bester Freund.“ Er schluckte, fühlte sich sichtlich unwohl, doch die Worte waren einfach so herausgekommen, er hatte sie nicht zurückhalten können.

Malcolm sah Reese mit offenem Mund an. Er hatte noch nie so ehrliche Worte von ihm gehört. Noch nie. Sein Herz schien kurz auszusetzen.

„Du bist auch mein bester Freund“, sagte er heiser und schluckte ebenfalls. „Wenn ich wählen müsste, würde ich mich immer für dich entscheiden.“

Nun sah Reese ihn an. „Ehrlich?“

„Natürlich.“

„Weiß Stevie das auch?“

Malcolm lachte leise. „Bestimmt.“

Reese zuckte mit den Schultern. „Vielleicht solltest du ihm das mal sagen.“ Er schielte rüber zu seinem Bruder und grinste, als Malcolm wieder lachte.

„Weißt du... Stevie hat's nicht leicht“, sagte der Jüngere dann nachdenklich. „Er braucht mich.“

Reese seufzte lautlos. „Ich brauch dich auch.“ Er sah ihn geradewegs an; so intensiv, dass Malcolm beinahe zurückzuckte.

„Das war mir nicht so klar“, gab er zu. „Aber... ich verspreche dir, dass ich immer für dich da sein werde.“ Malcolm schluckte.

„Schon gut.“ Reese winkte ab, lächelte kurz und zwang sich dann auf die Beine. Ihm tat jeder Knochen im Körper weh. „Ich geh dann mal wieder rein.“ Sein Kopf war leicht gesenkt.

Malcolm stand ebenfalls auf. Der Anblick des völlig zerstörten Reese ließ sein Herz stolpern. Er wusste selbst nicht wie ihm geschah, doch es passierte ganz automatisch, dass er plötzlich den Abstand zwischen ihnen mit nur einem Schritt überbrückte und seine Arme um den verschwitzten Körper seines Bruders schlang. Unter allen anderen Umständen wäre es eine regelrechte Strafe gewesen, Reeses nassen Oberkörper zu umarmen, aber in dem Moment störte es Malcolm kein bisschen – ganz im Gegenteil; er drückte ihn fest an sich und hielt den Atem an, vor Aufregung. Er rechnete fest damit, dass es nur noch wenige Sekunden dauern würde, bis Reese ihn von sich stoßen und ihm anschließend eine reinhauen würde. Innerlich wappnete er sich und verkrampfte automatisch ein bisschen.

Niemals hätte er damit gerechnet, dass Reese die Umarmung erwidern würde. Doch als sich starke Arme um seinen Körper legten, hämmerte sein Herz wie verrückt in seinem Brustkorb. Malcolm hatte seine Wange an die Brust seines Bruders geschmiegt, seine Stirn berührte dessen Hals. Reese stand regungslos wie eine Salzsäule da, doch Malcolm spürte deutlich, dass auch sein Puls wie wild raste. Es dauerte einen Augenblick, bis Reese begann, seinem jüngeren Bruder vorsichtig über den Rücken zu streicheln. Malcolm schloss die Augen. Er kam nicht umhin, diese Berührungen wirklich angenehm zu finden. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal länger als zwei Sekunden umarmt wurde – und erst jetzt merkte er, wie sehr ihm ein solcher Körperkontakt gefehlt hatte.

Dass er Reese jemals so richtig umarmt hatte, daran konnte er sich überhaupt nicht erinnern. Er liebte seine Brüder über alles, doch Körperkontakt beschränkte sich bei ihnen immer nur auf Prügeleien. Auch Hal und Lois hatten längst aufgehört, ihre Söhne zu umarmen oder ihnen einen Kuss zu geben. Es war einfach nicht üblich im Hause Wilkerson – und das war völlig in Ordnung so. Dass es Malcolm aber ganz tief in seinem Inneren doch so gefehlt hatte, einfach mal umarmt zu werden, überraschte ihn selbst. Er ahnte nicht, dass es Reese genauso ging.

Reese hatte die Augen geschlossen und seinen Kopf ein klein wenig an Malcolms geschmiegt. Es tat so unsagbar gut, diesen warmen Körper im Arm zu halten, dass er beinahe sentimental wurde. Seine Hände fuhren sanft über den knochigen Rücken seines Bruders; er ertastete die einzelnen Rippen und die Wirbelsäule. Er spürte jeden Atemzug von Malcolm; fühlte seinen warmen Atem gegen seinen Hals strömen.

Die Umarmung dauerte an. Erst nach einigen Minuten löste Malcolm sich langsam wieder von Reese. Es fiel ihm schwer, den Körperkontakt komplett zu brechen, deshalb hielt er sich noch kurz an seinem weißen Tanktop fest. Reese behielt seine Hände komplett auf Malcolms Rücken; er wollte nicht, dass dieser Augenblick vorbeiging. Ihre Blicke trafen sich – und als Reese etwas schüchtern lächelte, war das Eis endgültig gebrochen. Malcolm lächelte ebenfalls und ein Glücksgefühl strömte durch seinen Körper. Er hatte genau das Richtige getan, als er seinen Bruder umarmt hatte. Es schien ihm besser zu gehen.

„Danke“, hörte er Reese leise sagen.

„Nichts zu danken.“ Malcolms Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern. Er lächelte, als Reese ihn noch einmal kurz an sich drückte und dabei seine Hand in Malcolms Haare gleiten ließ. Danach drehte er sich um und ging. Malcolm blieb mit stark pochendem Herzen zurück.

Vielleicht sollte er zukünftig doch ein bisschen mehr Zeit mit seinem Bruder verbringen.

Vielleicht sollte er ihm öfter zuhören – und ihn vielleicht hin und wieder einfach mal in den Arm nehmen.

* * *
Review schreiben