Aus einem anderen Leben

von Lixel
OneshotFreundschaft / P12
19.03.2017
19.03.2017
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Heyho, liebes CdrB-Fandom!
Die Idee für diesen kleinen OS hat mich vor einigen Tagen plötzlich ergriffen und nicht mehr losgelassen. Also dachte ich mir, schreibe ich ihn einfach mal nieder und packe ihn hoch.
Wie ich eben so bin, habe ich es mir nicht nehmen lassen, ein kleines Easteregg für jene einzubauen, die meine CdrB-Fanfiction "Schicksal" gelesen haben.
(Falls nicht alle meiner Leser sich geschworen haben, nie wieder eine meiner Geschichten zu lesen. Immerhin, nach dem Ende der letzten FF... :D)
Nun aber viel Spaß euch beim Lesen dieses kleinen Oneshots.

~~~

"Meinst du wir wären auch Freunde geworden, wenn wir uns nicht im Krankenhaus getroffen hätten?"
- "Klar. Ich hätt' dich in irgend'ner Disko aufgerissen."
- "Und ich hätt' dir gesagt, du sollst dich verpissen."
- "Ne ne, ich bin ziemlich attraktiv mit Haaren, musst du wissen, und verdammt groß, 1.93 mindestens wenn ich stehe, und die Frauen hätten mir die Bude eingerannt, wenn ich nicht im Krankenhaus gelandet wär'."
- "Ich hätt' dir ganz sicher gesagt, du sollst dich verpissen."



Es war eine dieser furchtbar langweiligen Nächte im Hochsommer. Es war warm, und viel zu stickig draußen, und trotzdem schien es Leute zu geben, die sich den ganzen Abend in noch stickigeren Diskotheken rumtreiben schienen zu wollten.
Emma war keine davon. Sie wusste selbst nicht, warum sie mitgekommen war, statt zuhause in ihrem wohltemperierten Zimmer zu bleiben.
Sich von fremden Typen begaffen lassen zu können, als wäre sie Frischfleisch, das zählte tatsächlich nicht unbedingt zu ihren liebsten Aktivitäten.
Am liebsten würde sie zuhause sitzen und für den Eignungstest lernen, den die für die Studiumszulassung bestehen musste. Wenn sie nicht angenommen werden würde, müsste sie noch ein Semester länger in Köln bleiben, statt endlich von ihrer kontrollverliebten Mutter wegzuziehen.
Gelangweilt ließ sie ihren Blick durch die kleine Disko schwenken, in der ihre Freundinnen seit dem bestandenem Abitur fast jeden zweiten Abend zu finden waren.
Dass sie noch nicht ganz volljährig war, schien niemanden großartig zu interessieren, vor allem deshalb nicht, weil eine ihrer Freundinnen vor Kurzem etwas mit dem Türsteher angefangen hatte.
Wahrscheinlich würden ihr hier auch Wodkashots ausgeschenkt werden. Aber heute hatte sie kein Interesse daran, etwas zu trinken.
Heute Abend müsste sie vor dem Schlafen noch einigen Vokabeln durchgehen, dafür brauchte sie einen kühlen Kopf.
Während ihre Augen noch nach ihren Freundinnen suchten, die wohl ganz plötzlich irgendwo auf der Tanzfläche verschwunden waren, tippte ihr jemand auf die Schulter.
Der Kerl, der vor ihr stand, war vielleicht knappe 1,90 und seine dunklen Haare lagen ganz wirr auf seinem Kopf herum.
Trotzdem kam er Emma merkwürdig vertraut vor, als kenne sie ihn aus einem anderen Leben.
"Hey", sagte er etwas verlegen und rieb sich mit einer Hand den Nacken.
Emma musterte ihn rasch und sah dann wieder zu ihm hoch.
"...Ja?", fragte sie nach einigen Momenten, in denen er geschwiegen hatte.
"Ich... Also ich hab' meine Telefonnummer verloren und da wollte ich fragen, ob ich deine haben kann", brachte er schlussendlich heraus.
Nicht sonderlich beeindruckt zog Emma ihre Augenbrauen hoch.
"Du kannst dich verpissen", antwortete sie trocken, als sie wenige Momente später Gott sei Dank eine ihrer Freundinnen in der Menge erblickte und zu ihr flüchten konnte.

Knappe drei Wochen später stand Emma wartend an der Kasse im Rewe, wollte sie sich in der Stadt doch nur schnell noch eine Packung Kaugummis und eine Flasche Wasser kaufen.
Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie sich zu erinnern, warum der Junge an der anderen Kasse, der sich mit seinem Opa so überschwänglich über Züge unterhielt, sie so stark an jemanden erinnerte.
Ihr fiel bloß beim besten Willen nicht ein, woher sie den schlaksigen Jungen kennen sollte.
Sie wurde allerdings beim Nachdenken unterbrochen, als sich plötzlich das bekannte Gesicht des Jungen aus der Disko vor ihres schob.
"Hey, ich kenn' dich doch! Ich hab' dich doch letztens in der Disko so komisch angequatscht, oder?"
Die ältere Dame vor ihr an der Kasse schien nicht sonderlich bemüht, ihr Kleingeld schneller zu zählen.
"Der Spruch mit der Nummer? Ja, das war ich", gab Emma ein wenig abfälliger zurück, als es geplant war.
"Jaahh, ich wollte mich dafür entschuldigen, das war auch echt peinlich. War 'ne Wette", entschuldigte er sich.
Emma zog die Brauen hoch.
"Was war denn der Wetteinsatz?"
"Ein Kasten Bier und ich hätte deine Nummer bekommen können, also wäre es nicht so peinlich gewesen, hätte das eine glatte Win-Win-Situation werden können."
"Blöd nur, dass es bei dem Kasten Bier geblieben ist", gab Emma unbeeindruckt zurück und drehte sich wieder nach vorne.
"Ich bin übrigens Leo!", eiferte der Kerl weiter, "Und gegen die Nummer hätte ich im Übrigen immer noch nichts einzuwenden."
Sie seufzte auf.
"Ich bin Emma und meine Nummer bekommst du im Übrigen immer noch nicht."
"Ooh komm schon! Dann musst du wenigstens am Samstagabend in meine WG kommen, ich und mein Mitbewohner, wir feiern nämlich 'ne Party.
Ist gleich um die Ecke, Haus 38, dritte Etage. Du musst einfach bei Roland klingeln!", rief Leo ihr noch hinterher, als sie zahlte.
"Mal sehen", rief sie über ihre Schulter und verließ den Laden.
Schon nach Verlassens des Ladens, wusste sie, sie würde nicht zu dieser Party gehen.

Nicht mal zwei Wochen später wartete Emma im Park auf eine Freundin, mit der sie sich verabredet hatte. Aber da besagte Freundin nicht unbedingt bekannt dafür war, pünktlich zu Verabredungen zu erscheinen, trug Emma, natürlich, wieder eines der Lernbücher mit sich.
Allerdings fiel ihr das mit der Konzentration heute nicht ganz so einfach, wie erdacht, fühlte sie sich doch mittlerweile schon genervt davon, in jeder willkürlichen Person auf der Straße jemanden zu erkennen, obwohl sie sich sicher war, dass sie ihn nicht kennen konnte.
Heute war es einer von diesem Skatern, die sie sonst immer viel zu nervig und rücksichtslos fand.
"Wen spionierst du denn da aus?", fragte besagte Freundin plötzlich, die so jäh hinter Emma aufgetaucht war, "Und hast du das dämliche Buch etwa schon wieder dabei?"
"Der Junge da hinten kommt mir bekannt vor", gab Emma zurück ohne auf die andere Bemerkung einzugehen.
"Wahrscheinlich ist er einem deiner Spanischbücher entsprungen. Wirklich Emmchen, du brauchst mal 'ne Pause von dem ganzen Gelerne", feixte Emmas Freundin weiter.
Aber tatsächlich war Emma gar nicht zu Späßen zumute, als sie Leo auf einem Weg auf der anderen Seite des Parkes sah.
"Weißt du was? Du hast Recht. Wir sollten mir eine Pause von dem Lernen geben und am besten ganz schnell in die Innenstadt flüchten", antwortete Emma deshalb und stand rasch auf, ignorierte den verwirrten Blick ihrer Freundin und entfernte sich mit schnellen Schritten von diesem Leo, der ihr viel zu oft über den Weg lief.

In der letzten Septemberwoche traf sich Emma mit ein paar Freunden am Weiher, um zu baden.
Es war noch mal richtig warm und sonnig geworden, und während die meisten ihrer alten Schulfreunde die letzten Tage vor dem Studium genießen wollten, hing sie immer noch, ehrgeizig wie sie war, die meiste Zeit in ihrem Zimmer rum und lernte für die Aufnahmeprüfung.
Die fand schon in der nächsten Woche statt, und sie wollte unbedingt angenommen werden.
Während ihre Freunde sich im Wasser vergnügten, saß Emma also auf einer Decke im Gras und blätterte in einem der vielen Bücher, die sie zum lernen besorgt hatte.
Dass ihr dieser halbwüchsige Junge, der sich mit seiner Mutter einige Meter entfernt um seinen Gameboy stritt, schon wieder verdächtig bekannt erschien, blendete sie einfach aus.
"Spanisch?", fragte eine Stimme hinter ihr, ehe dessen Besitzer sich ungefragt auf der Decke neben Emma niederließ.
Sie musste nicht mal aufschauen, um zu wissen, wer es war.
"Sag' mal, stalkst du mich irgendwie?", fragte sie nur unbeeindruckt, ohne Leo eines Blickes zu würdigen.
"Ob du's mir nun glaubst oder nicht, es ist tatsächlich immer Zufall. Aber ich bin trotzdem traurig, dass du nicht zur Party gekommen bist", wechselte dieser rasch das Thema.
"Ich hatte besseres zu tun", gab Emma zurück und blätterte eine Seite um.
"Spanischbücher zu lesen?", fragte Leo uns gluckste leise.
Emma stieß entnervt Luft aus.
"Ich muss für eine Prüfung lernen, damit ich zum Studium zugelassen werde.
Und bevor zu fragst, du bekommst meine Nummer immer noch nicht, ich hab' gerade echt keinen Kopf für sowas", gab sie bissig von sich.
"Wenn du meinst", entgegnete Leo und stand wieder von der Decke auf, "Meld' dich bei mir, wenn du durch bist, mit dem Stress."
Als er ging und Emma neben sich schaute, sah sie einen kleinen Zettel mit einer Telefonnummer neben sich liegen.
Sie zerknüllte ihn und schmiss ihn ins Gras, ehe sie sich wieder dem Spanischen zuwandte.

Hüpfend bewegte Emma sich durch die Innenstadt Kölns. Obwohl sie nie ein großartiges Problem mit ihrer Heimatstadt gehabt hatte, freute sie sich unendlich, bald nach Berlin zu ziehen.
Das ewige Lernen hatte sich ausgezahlt, bald könnte Emma weg von ihrer kontrollsüchtigen Mutter und in ihr eigenes kleines Leben starten.
Durch den Anruf aus Berlin, war sie so gut drauf, wie schon lange nicht mehr. Nicht mal die grauen Wolken, die langsam aber sicher den Herbst einläuteten, oder der kälter werdende Wind, änderten etwas daran.
Stattdessen schlenderte sie entspannt durch die Innenstadt ihrer noch-Heimat, tagträumend von ihrem Leben am anderen Ende Deutschlands.
Dass der Jungen, der über die rote Fußgängerampel hastete, ihr schon wieder so seltsam bekannt vorkam, das interessierte sie inzwischen gar nicht mehr.
Auch die lautstarke Diskussion, die er am Telefon mit seinem Vater zu führen schien, brachte sie nicht von ihren Gedanken ab. Erst, dass der Junge fast von einem Moped angefahren wurde, erregte wieder ihr Interesse.
"Pass gefälligst auf, wo du hinfährst!", fauchte er den Rollerfahrer an.
"Hallo?! Was heißt hier, ich soll aufpassen? Du hattest Rot!", konterte dieser aufgebracht.
"Ja und? Du hast ja nicht umsonst Bremsen."
"Sei mal lieber froh, dass ich sie noch benutzt habe", knurrte er nun.
"Oh, ja. Ich bin dir ja so dankbar, dass ich nicht tot bin", gab der Fußgänger nur sarkastisch von sich, hob sein Handy wieder an sein Ohr und stritt im Weggehen weiter mit seinem Vater.
Erst nach ein paar weiteren Momenten, erkannte Emma, dass der Rollerfahrer, wie sollte es anders sein, niemand geringeres als Leo war.
Dieser versuchte gerade seinen Roller zu parken, ehe er abstieg und seinen Helm abnahm und unter dem Sitz verstaute.
Bemüht lässig stolzierte Emma zu ihm hinüber.
"Das ist jetzt das vierte Mal, dass wir uns zufällig über den Weg laufen", begrüßte sie ihn munter. Ihre gute Laune war noch immer nicht abgeklungen.
"Muss Schicksal sein", witzelte Leo zurück, "Warum denn diesmal so gute Laune?"
"Ich hab' bestanden, falls es dich interessiert", gab Emma zurück. Sie hatte eigentlich geplant, bei weitem lässiger zu klingen, als sie es nun tat.
"Heißt das etwa, dass du mir endlich deine Nummer geben willst?", schmunzelte Leo und hob den Blick von seinem Roller.
Sie konnte nicht mal antworten, öffnete nur den Mund, als Leo sie schon wieder unterbrach.
"Oder wir gehen jetzt einen Kaffee trinken. Ich hab' Zeit, außerdem sieht es nach Regen aus."
Emma war sich nicht genau sicher, ob es die Freude über Berlin war, die sie zum antworten verleitete, oder auch nur der leichte Nieselregen, der begann vom Himmel zu tropfen und ihre Haare dünn benetzte. Oder vielleicht war es doch dieser Leo, der so etwas Vertrautes, so etwas Besonderes an sich hatte.
"Okay", antwortete Emma schließlich, langgezogen und zögerlich, mit einem leichten Lächeln im Gesicht.

In dem Café, in das Leo sie einlud, war Emma vorher noch nie. Es war geradezu winzig, es standen nur vier kleine Tische im Raum, mit jeweils zwei Stühlen.
Das Lokal hatte etwas heimeliges, was einen geradezu einlud, einfach nur dazu sitzen, zu reden, Kaffee zu trinken und den Regentropfen an der Scheibe zuzusehen, wie sie herabglitten.
Leo erzählte, dass seine Schwester eine Zeit lang in diesem Café gekellnert hatte. Emma beschloss, demnächst öfter herzukommen. Vielleicht sogar mit Leo.
Während Leo, nachdem sie beide bestellt hatten, noch mit der Bedienung plauderte, sah sich Emma etwas um, und hörte dem Gespräch von zwei Mädchen zu, die an einem Tisch genau neben dem Fenster saßen.
Während das mollige Mädchen mit den Locken ihre Torte in vollen Stücken zu genießen schien, stocherte ihre kurzhaarige Freundin nur in ihrem Kuchenstück herum und blickte aus dem Fenster auf die verregnete Straße.
"Willst du mein Stück auch noch essen, Olga?", fragte sie ihre Freundin.
"Jamie, ich finde, du solltest daran arbeiten, dass du nichts herunter bekommst, wenn es regnet", antwortete Olga, nahm aber nach einen kurzen Moment auch Jamies Stück an sich.
Das Schnippen vor Emmas Gesicht lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Leo.
"Emma? Bist du noch bei mir?", fragte er belustigt.
"Was? Oh, ja, klar. Sorry, ich...", sie dachte kurz nach, "Die beiden Mädchen da drüben kommen mir total bekannt vor, aber ich weiß nicht woher."
Unauffällig drehte sich nun auch Leo um.
"Jetzt wo du es sagst, mir irgendwie auch. Komisch sowas, heh? Ich hab das auch total oft", sagte er und wandte sich wieder Emma zu.
"Du hast das auch?", fragte Emma überrascht, "Mich macht das ganz verrückt."
"Ja! Hast du mitbekommen, dass mir vorhin fast so ein Typ vor den Roller gerannt ist? Bei dem hatte ich das auch."
"Ich auch! Oder auch als wir uns im Rewe gesehen haben, da war ein Junge mit seinem Opa an der Kasse neben uns, der kam mir auch total bekannt vor! Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst."
"Doch, mir ging's genauso, das weiß ich noch. Und am Weiher, da saß auch ein kleiner Junge mit seiner Mutter, bei dem ich hätte schwören können, ihn zu kennen!"
"Und letztens, da habe ich einen Skater im Park gesehen, da war's genau dasselbe!", erzählte Emma weiter.
"Ich glaube, den habe ich auch gesehen!"
Emma kicherte leise.
"Wir waren da übrigens sogar zur selben Zeit im Park, ich bin dir nur aus dem Weg gegangen. Du warst mir in der Disko schon total suspekt, weil du mir auch so vertraut vorkamst."
"Dein Ernst?", fragte Leo erstaunt, "Deshalb hab' ich dich die ganze Zeit beobachtet, und meine Kumpels haben dann deshalb diese Bierkasten-Wette mit mir gestartet."
"Du machst doch Witze!", stieß Emma verblüfft aus.
Leo zog einen Mundwinkel hoch und zuckte die Schultern.
"Vielleicht kennen wir alle uns ja. Aus einem anderen Leben."
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