Vogelfrei

von Glimmer
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
OC (Own Character) Sir Guy of Gisborne
16.03.2017
11.12.2019
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Kapitel 1 - Flucht




Er hatte Marian getötet. Er hatte den Sheriff getötet. Und er hatte versucht Isabella zu töten. Der Tod schien alles zu sein, wozu er fähig war. Der dunkle Drang, zu vollenden, woran er gescheitert war, füllte ihn aus wie die abgestandene Luft, die er atmete. Isabella musste sterben! Er hätte schreien können. Nach allem was er getan hatte, dachte er nach wie vor nur an den Tod. Er wusste, es gab kein Zurück mehr. Es war zu spät, um umzukehren, viel zu spät. Rache war sein einziger Antrieb geworden, alles was ihn noch am Leben hielt. Sie verhinderte, dass er sich mit seinem Schicksal abfand und resigniert in dieser Zelle auf seine Hinrichtung wartete. Oh, er hatte den Tod verdient, er wie kein anderer und er wünschte sich zu sterben, jeden Tag, jede Nacht, wenn ihn die Dämonen quälten, wenn Marians entsetzter Blick ihn heimsuchte. Doch nicht durch Isabellas Hand, nicht wenn seine verhasste Schwester als Sheriff von Nottingham triumphierte. Nach allem was sie ihm angetan hatte! Oh ja, er wünschte sich ihren Tod und der Hass auf sie hielt ihn aufrecht. Sie hatte ihn verraten an Hood, an Prinz John!

Jede Sekunde, die er hier unten in diesem Drecksloch verbrachte, widmete er nur einem Zweck: Flucht. Geduldig wartete er im Schatten, seine Augen huschten berechnend über die Geschehnisse in den Verliesen, nichts entging ihm, nichts vergaß er. Und dann eines Tages schlug er zu. Er überwältigte den Wachmann, der sich zu nahe an die Gitterstäbe herangewagt hatte, nahm ihm Schlüssel und Waffen ab und bevor noch irgendjemand Alarm schlagen konnte, verließ er die Kerker. Isabella würde büßen! Doch die Zahl der Wachen, die ihm entgegenströmte, sobald er die Gänge des Schlosses betrat, war zu hoch. Er wusste, er würde nicht bis zu ihr durchkommen. Es gelang ihm, ein Pferd zu stehlen und er floh, doch Isabellas Soldaten waren ihm dicht auf den Fersen. Durch den Wald, über die Felder bis in Sichtweite eines abgelegenen Dorfes schaffte er es, dann schoss man ihm das Pferd tot. Er stürzte schwer, seine Schulter spürte er nicht mehr, doch er floh zu Fuß weiter. Er würde es schaffen und er würde zurückkehren und sie bezahlen lassen! Wie im Rausch zogen die Geschehnisse an ihm vorbei, er fühlte die Schmerzen nicht, fühlte nur den Hass, der ihn antrieb und der durch seine Adern pulsierte wie Gift.

Als er die ersten Häuser erreichte, war die Straße menschenleer. Es war noch früh, die Sonne war kaum aufgegangen und die Tage im Kerker, die Anstrengungen der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Guy schlitterte um die Ecke, stürzte und fiel in den Staub. Seine Schulter brannte wie Feuer. Doch er war nicht bereit aufzugeben, obwohl jeder Knochen in seinem Körper schmerzte. Er raffte sich mit letzter Kraft vom Boden auf, taumelte, stolperte in einen Durchgang zu seiner Rechten. Die Reiter, sie kamen, sie würden ihn erwischen! Hastig huschten seine Augen umher, suchten den Innenhof, in den er gelangt war nach einem Ausweg ab. Eine Mauer umgab ihn, ein Garten, ein Brunnen in der Mitte. Ein Fluchtweg, irgendwo! Doch es gab keinen, er saß in der Falle! Die Wut der verzweifelten Erkenntnis schlug in ihm hoch. Nein! Es konnte nicht alles umsonst gewesen sein!

Ein leises Geräusch ließ Guy herumwirbeln, einem in die Enge getriebenen Tier gleich. Erschrockene braune Augen starrten ihn an. Wie aus dem Nichts schien die Frau gekommen zu sein. Es war ihr Haus, ihr Hof - er war der Eindringling. Gleich würde sie schreien, ihn den Soldaten ausliefern! Er taumelte ein paar Schritte vor ihr zurück, unterdrückte voller Entsetzen den Drang, sie zum Schweigen zu bringen. Nein! Er konnte es nicht, doch er hätte auch nicht mehr die Kraft dazu gehabt. Die Rufe der Männer und das Getrappel der Pferde kamen unaufhaltsam näher. Ihre Augen huschten von seiner abgerissenen Gestalt zu dem Durchgang in den Hof von dem sich die immer lauter werdenden Geräusche näherten und wieder zu ihm zurück. Das Hufgetrappel wurde lauter, gleich, gleich hatten sie ihn. Er saß in der Falle! Es war aus!

Da fühlte er plötzlich schlanke Finger an seinem Arm. Schnell zog sie ihn mit sich über den Hof, durch die Hintertür hinein ins Haus. Er wusste nicht wie ihm geschah, es war nicht das Ende! Sie half ihm! Mit fliegenden Röcken lief die Frau auf den hinteren Teil des Raumes zu und hob den Deckel einer großen Truhe auf.

„Schnell! Hinein!“, zischte sie ihm zu, er hörte deutlich die Furcht in ihrer Stimme nicht vor ihm, sondern vor dem was sie im Begriff war zu tun. Ihre Blicke trafen sich, als er hineinstieg, lasen darin die Angst des jeweils anderen. Sie wussten nichts voneinander und doch hing plötzlich ihr Leben vom Schweigen des anderen ab. Er ließ es zu, dass sie ihm in die Truhe hineinhalf, seine Schulter, sein ganzer Körper schmerzten, doch er biss die Zähne zusammen unterdrückte ein Stöhnen. Der Deckel über ihm fiel zu, schwere Dunkelheit umschloss ihn. Er hörte wie sie in aller Eile ein Tuch über die Truhe warf, wie sie hastig begann, mehrere kleine Gegenstände auf dem flachen Deckel abzustellen. Dann hämmerte auch schon jemand gegen die Tür.

„Öffnet! Im Namen des Sheriffs!“

Jeder Muskel in Guys Körper spannte sich an. Er saß hier in der Falle wie ein Kaninchen! Er konnte nicht mehr davonlaufen, konnte sich nicht verteidigen! Das Schwert, dass er der Wache abgenommen hatte war nutzlos gegen so viele. Angst durchzuckte ihn. Nichts hinderte sie daran, ihn auf der Stelle den Soldaten auszuliefern, um ihre eigene Haut zu retten. Schwere Schritte erfüllten den Raum. Guys Herz schlug so laut, er war sich sicher, sie müssten ihn hören. Dumpf vernahm er ihre Stimme, wie sie die Soldaten mit Worten zu beschwichtigen versuchte, hörte wie sie alle Türen öffneten, seinem Versteck gefährlich nahe kamen – dann nach einer Ewigkeit entfernten sich die Schritte und eine Tür schlug zu. Guy wagte es nicht, sich zu rühren, unabhängig davon war so wenig Platz in der Truhe, er hätte es auch gar nicht gekonnt. Leise Schritte näherten sich seinem Versteck, die Gegenstände und das Tuch wurden entfernt, der Deckel angehoben. Licht stach ihm in die Augen. Dann drei gewisperte Worte.

„Sie sind weg!“

Guys Kopf sank zurück, als er begriff, was sie gesagt hatte. Ein leises ungläubiges Lachen entrang sich seiner Kehle. Er hatte es geschafft! Er war entkommen! Unter einiger Mühe stieg er schließlich aus der Truhe, sah die Frau vor ihm zum ersten Mal richtig an. Sie trug ein einfaches Kleid, das ihre schlanke Gestalt betonte und ihr helles, langes Haar fiel ihr in offen Wellen über den Rücken. Sie schien sich nicht zu fürchten, obwohl er gewiss alles andere als vertrauenerweckend aussehen musste. Ihre Augen ließen einander nicht los.

„Warum?“, fragte er ungläubig, seine Stimme war rau. Er konnte nicht verstehen, warum jemand so etwas tat, warum sie es tat.

„Ich - , Ihr habt Hilfe gebraucht.“, erwiderte sie, Unsicherheit im Blick, als wäre sie sich selbst nicht genau über den Grund im Klaren. Doch bevor er noch etwas erwidern konnte, verzog er gequält das Gesicht als erneut ein scharfer stechender Schmerz durch seine vom Sturz lädierte Schulter zuckte und seine Hand fuhr automatisch hinzu. Ihre Augen huschten zu seiner Verletzung.

„Ich sehe mir das an!“, sagte sie bestimmt und deutete ihm, sich auf eine Bank zu setzen, die in einer Ecke des Raumes stand. Abermals verzog er vor Schmerzen das Gesicht, als sie ihm mit seiner Hilfe das schmutzige Hemd über den Kopf zog. Er sah wie sich ihre Wangen leicht röteten, als sie sich seine Schulter besah, wurde sich bewusst, wie nahe sie sich waren. Doch sie sagte kein Wort, holte eine Schüssel mit Wasser und einen Lappen und ließ sich erneut vor ihm auf der Bank nieder.
Schweigend beobachtete er, wie sie seine Wunde mit dem feuchten Lappen abtupfte, zuckte unter der Berührung ihrer sanften Finger zusammen. Doch er hielt den Drang zurück sie unwirsch anzufahren. Sie wollte helfen, er schuldete ihr mehr als das. Er schwieg stattdessen und musterte aufmerksam ihr Profil. Das Leben hatte bereits Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen. Sie war jung und doch sah er nichts Unbeschwertes an ihr. Ihr ernstes Gesicht hatte einen konzentrierten Ausdruck angenommen.

„Was ist passiert?“, fragte sie dann ohne von ihrer Arbeit auszusehen. Äußerlich gab es nur ein paar offene Schrammen, doch die Quetschungen und Blutergüsse, die sich dunkelblau und violett unter der Haut abzeichneten sahen gar nicht gut aus.

„Ich bin vom Pferd gestürzt.“

„Es wird dauern, bis es abheilt.“, teilte sie ihm mit. Für eine Weile erwiderte er ihren aufmerksamen Blick, sog den Anblick ihrer zarten weißen Haut, den feinen Linien ihres Gesichtes auf, dann nickte er knapp. Er spürte wie ihre Augen über seine verwahrloste Erscheinung und seine mitgenommene Kleidung huschten. Ihm war klar, dass sie seinen Stand verrieten. Doch sie stellte keine Fragen und gab ihm schließlich zu Essen. Er bemühte sich, nicht zu offensichtlich zu schlingen. Doch nach den langen Tagen im Kerker, war er ausgehungert wie ein Wolf. Schweigend sah sie ihm beim Essen zu, wartete geduldig, bis sein Teller leer war.

„Ihr könntet mir einen Gefallen tun, dafür, dass ich Euch geholfen habe.“, sagte sie dann ernst. Guy hob den Blick, starrte sie finster an. Natürlich gab es eine Bedingung! Er hätte es wissen müssen! Sie beugte sich ein wenig vor.

„Nehmt ein Bad.“, flüsterte sie ihm zu und ein kleines amüsiertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

Sie hatte ihm Kleidung neben den Waschzuber gelegt, ein Hemd aus hellem Stoff mit weiten Ärmeln und lange Beinkleider aus Hirschleder. Es war ihm ein wenig zu kurz an den Ärmeln und spannte an den Schultern, doch es würde gehen. Guy fühlte sich unwohl. Es war die Kleidung eines Fremden. Seine eigenen Sachen wären ihm lieber gewesen. Doch er befand sich gerade nicht in der Position Ansprüche zu stellen. Er fühlte sich nicht mehr so zerschlagen wie vor dem Bad und die Wärme des Wassers hatte seine Gedanken für kurze Zeit in andere Gefilde geschickt, trotzdem war er von dieser tauben Leere erfüllt, die ihn seit seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land immer wieder befiel wie eine Krankheit. Die Taubheit unterdrückte seinen Schmerz, legte sich über seine qualvollen Gedanken. Er war mit dem Kopf untergetaucht, hatte versucht die Stimmen darin nicht mehr zu hören. Doch die drückende Stille unter Wasser war lauter gewesen als die Schreie.

Er blieb lange im Waschzuber sitzen, kam erst heraus als das Wasser bereits kalt war und Gänsehaut seine Arme überzog. Sie kannte ihn nicht, wusste nicht wer er war – was er getan hatte. Er war ein Fremder, und doch hatte sie ihm geholfen. Er gab es auf, sich zu fragen, wieso. Ihm graute davor, ihr unter die Augen zu treten, fragende Blicke auf sich zu spüren, Antworten finden zu müssen, die er nicht geben wollte. Wäre es nicht besser gewesen, die Soldaten hätten ihn gefunden? Wäre es nicht besser, er hätte seine gerechte Strafe bekommen? Wieso es hinauszögern, wenn die Hölle doch schon hier war, hier in seinem Kopf? Das Wasser troff ihm aus dem langen Haar, als er aufstand und eine kühle Brise über seinen Körper strich und ihn schaudern ließ.
Er würde dieses Haus verlassen, sobald es ging.

oOoOoOo


Als er nach dem Bad in den Wohnraum trat, gab er sich keine Mühe seine finstere Miene zu glätten. Sie sollte ruhig sehen, wen sie gerettet hatte, sollte sehen, was er für ein Mensch war. Doch niemand hielt sich in der Stube auf. Er ließ seinen Blick prüfend über den Raum gleiten. Es war einfach aber ordentlich, gerade das Nötigste befand sich darin, ein großer Webstuhl stand in der Ecke, eine Treppe, die nach oben führte. Doch etwas abgesehen von der Größe der Räume ließ erahnen, dass in diesem Haus nicht immer so bescheiden gelebt worden war. Irgendwann mochte der Wohlstand hier gehaust haben, irgendwann in längst vergangenen Tagen.

Stimmen wehten herein, aus dem Hof hinter dem Haus. Er trat zur Hintertür hinüber, sie stand offen und eine leichte Brise wehte herein. Er roch Blumen, den würzigen Duft von Kräutern und dort zwischen Gras und Pflanzenstauden stand sie, die Hände ausgestreckt nach einem Jungen, der mit leuchtenden Augen einen kleinen Lederball in die Luft warf. Sie lachte und fing ihn auf, rief dem Jungen etwas zu und jetzt lachte auch er. Guy starrte das Kind gedankenversunken an, sah sein gelocktes Haar im Licht der Sonne glänzen. Marian schob sich vor seine Augen, Marian dort im Garten mit einem Kind an der Hand, ihrem gemeinsamen Kind, das es nie gegeben hatte, aber das hätte sein können - irgendwann. Schmerz zog ihm die Brust zusammen. Er war ein Eindringling. Er gehörte hier nicht her, nicht in die Nähe dieser Menschen, die so viel Glück teilten. Er fühlte sich, als würde er dieses Lachen allein mit seiner Anwesenheit beschmutzen, es entweihen mit dem was er war. Gleichzeitig stieg der Zorn in ihm hoch. Wie konnte jemand sich freuen, wenn Marian tot war? Wie konnte die Welt für irgendjemanden noch Sinn haben? Er wollte sich in die Stube zurückziehen, wollte sie und dieses Kind nicht sehen.

Doch sie hatte ihn schon bemerkt, hatte sich nach der Tür umgewandt und kam zu ihm hinüber, hielt ihren Sohn an der Hand. Rasch wich er einige Schritte zurück in die Schatten des Raumes.

„Ich sehe mir die Schulter noch einmal an, wenn das in Ordnung ist.“, sagte sie und deutete auf Verbandszeug, das auf den Tisch lag. „Es wäre besser die Schulter zu stützen.“, fügte sie hinzu und hielt seine Augen mit ihren fest. Er fühlte sich durchleuchtet von ihrem Blick, etwas daran zwang ihn, sie anzusehen und gleichzeitig schienen ihn diese Augen zu beruhigen. Ein scheues Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Auffordernd nickte sie zu der Bank hinüber.

Er zögerte, dann trat er schlussendlich doch hinüber und ließ sich erneut auf die Holzbank sinken. Sie wusste was sie tat, das hatte er schon zuvor eingesehen. Sie hatte etwas an sich, dass seine Anspannung zumindest für den Moment zu beruhigen vermochte. Seine stechend blauen Augen folgten dem Jungen, der ihn neugierig, vielleicht auch ein wenig unsicher ansah.

„Aiden ist schüchtern. Verzeiht ihm seine Unhöflichkeit.“ Die Form in der sie ihn ansprach, bestätigte ihm, dass seine Kleidung seinen Stand verraten hatte. Mit einem sanften Schubs an der Schulter und einem aufmunternden Lächeln bedeutete sie dem Jungen, sie alleine zu lassen und er lief offenbar erleichtert, sich Guys düsterer Präsenz entziehen zu können wieder in den Garten zurück, seinen Ball fest vor die schmale Brust gepresst.

„Was ist mit seinem Vater?“, fragte Guy, dem der Blick nicht entgangen war, mit dem sie ihn und die Kleidung die er nun trug, gemustert hatte. Ihre Augen nahmen einen verschlossenen Ausdruck an und ihr Lächeln erlosch. Doch es tat ihm nicht leid, dass er gefragt hatte. Sie richtete ihren Blick auf das weiße Tuch, das sie in die Hände nahm – es waren schöne Hände - und ließ sich vor ihm auf der Bank nieder, während sie das Tuch unschlüssig zwischen den Fingern drehte.

„Er ist tot. Ein Unfall im letzten Winter.“, gab sie knapp zur Antwort und er sah Traurigkeit über ihr Gesicht huschen, stille, kalte Traurigkeit. Sie konnte nichts für den Tod ihres Geliebten, ihre Trauer war rein. Augenblicklich fühlte Guy sich unbehaglich, er räusperte sich.

„Ihr lebt hier allein?“, fragte er weiter, während sie ihm das Tuch zu einer Schlinge band.

„Ihr könntet uns ausrauben und seelenruhig durch die Tür verschwinden, ich könnte Euch nicht aufhalten.“, erwiderte sie gelassen und verknotete ihm die Schlinge, die seine Schulter stützen sollte, im Nacken, sah ihn nicht an dabei. Er zuckte leicht zurück, so viel Nähe war beinahe zu viel für ihn. Doch sie hatte ihre Hände bereits wieder zurückgezogen und löste die Fäden aus der Schere mit der sie den Stoff zurechtgeschnitten hatte.

„Wer sagt Euch, dass ich nicht genau das vorhabe?“, fragte er finster. Sie sollte nicht den Eindruck bekommen er wäre ein guter Mensch, wie sie es offenbar dachte, ein Mensch, der es wert war, das man ihm half. Ihre rätselhaften braunen Augen sahen ihn ruhig an.

„Niemand sagt mir das. Ich muss Euch wohl einfach vertrauen.“, lächelte sie leicht und ließ die Schere in ihrer Schürze verschwinden. „Aber bevor Ihr uns ausraubt würde ich Euch raten ein paar Tage hier auszuruhen. Rechts ist Eure Schwerthand, nicht wahr? Und mit dieser Schulter wird es schwer sein, ein Schwert zu führen.“

„Warum helft Ihr mir?“, fragte er noch einmal, fast vorwurfsvoll. „Ihr kennt mich nicht, Ihr wisst nichts von mir!“

„Ihr seht auch nicht besonders vertrauenswürdig aus, wenn ich ehrlich bin.“ Sie sah nicht weg, sah ihn unverwandt an. „Ihr habt Hilfe gebraucht.“, wiederholte sie dann schließlich ein wenig ausweichend. Doch Guy spürte, dass da mehr war.

„Und der wahre Grund?“, fragte er nach, ein wenig unwirsch wie ihm auffiel, doch sie schien sich daran nicht zu stören.

„Ich – Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es meine Art der Vergeltung – für all die schrecklichen Dinge die der Sheriff... diesem Dorf angetan hat.“ Ihr kurzes Zögern war ihm nicht entgangen, aber das war nicht sein Problem. Wahrscheinlich hatte jeder der Menschen hier schon persönlich unter irgendeiner Anordnung des Sheriffs gelitten, oder unter seiner eigenen Anordnung. Wenigstens erkannte ihn hier keiner, in die äußeren Dörfer hatte er immer nur Soldaten geschickt, um sich nicht zu weit von der Burg zu entfernen.

„Der Sheriff ist tot.“, sagte Guy kalt. „Prinz John hat den Posten neu besetzt.“ Er sah Überraschung in ihren Augen, konnte sich nicht erklären warum er Genugtuung dabei fühlte, dass er etwas wusste, was ihr neu war. Vielleicht weil er es hasste, von anderen abhängig zu sein, vielleicht, weil er sie im Stillen ein wenig verachtete für ihre Gutherzigkeit.

„Wer ist der neue Sheriff?“, fragte sie ruhig, er konnte ihr nicht ansehen, ob Vaiseys Tod in irgendeiner Hinsicht etwas bei ihr ausgelöst hatte.

„Isabella Thornton.“, sagte er und konnte den Hass in seiner Stimme unschwer verbergen. Aufmerksam sah sie ihn an, doch sie sagte nichts. Sie schien noch nie von Isabella gehört zu haben, ein Glück, dann fiel ihr auch sicherlich nicht deren Mädchenname ein - Gisborne.

„Wenn Prinz John sie eingesetzt hat, dann wird sich wohl nicht allzu viel verändern.“, stellte sie nüchtern fest.

„Vermutlich nicht.“, gab Guy wortkarg zurück und starrte auf die Tischplatte. Isabellas Namen auszusprechen hatte den Rachedurst mit einem Mal wieder angefacht, ihn auflodern lassen wie griechisches Feuer. Er war geschwächt, er musste warten, aber sie würde ihre Strafe schon noch bekommen.

„Ich bin Eleanor.“, sagte die Frau dann ganz unvermutet und stand vom Tisch auf, sie griff sich einen Eimer und ging zur Tür hinüber, eine Hand blieb auf der Klinke liegen, dann wandte sie sich noch einmal zu ihm um.

„Wie heißt Ihr?“

„Guy – “ Er hatte den Mund gerade noch rechtzeitig wieder geschlossen bevor ihm sein berüchtigter Beiname herausgerutscht wäre. So oder so, hätte er sich schlagen können, weil er ihr seinen richtigen Vornamen gesagt hatte. Angespannt beobachtet er ihr Gesicht. Hatte sie ihn erkannt? Doch sie lächelte unverändert dieses untergründig traurige Lächeln. Hatte keine Ahnung, wer da an ihrem Tisch saß und ihre Verbände trug.

„Dann weiß ich wenigstens wie ich Euch in nächster Zeit nennen soll.“, sagte sie beinahe verschmitzt und trat mit dem Eimer in der Hand nach draußen.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich bleibe.“, rief er ihr ein wenig ungehalten nach, seine dunkle Stimme klang beinahe drohend.

„Nein, aber Eure Verletzungen haben es gesagt.“, rief sie mit einem Lächeln über die Schulter gewandt zurück, während sie auf den Brunnen im Hof zuging. Da hatte sie wohl Recht, auch wenn er es hasste, sich das einzugestehen. Seine Schulter fühlte sich taub an, er konnte den Arm kaum heben und bei jeder Bewegung schoss der Schmerz hindurch.

„Na schön!“, knurrte er ungehalten, aber ganz konnte er es nicht abstreiten, dass ihm die Aussicht auf ein warmes Bett und ein paar Mahlzeiten zusagte, nach all den Tagen im Kerker der Burg. Ein kleines zynisches Lächeln huschte über sein Gesicht und er hob den Becher mit Wasser an, den sie ihm hingestellt hatte. Gerade ihm, der es so wenig verdient hatte, wurde Gastfreundschaft zu teil! Wenn sie nur wüsste, wer er wirklich war! Er sah besser zu, dass sie es in der kurzen Zeit nicht herausfand. Ohnehin wäre er in ein paar Tagen wieder aus ihrem Leben verschwunden und sie konnte weitermachen wie bisher, friedlich mit ihrem Sohn unbehelligt von einem Fremden, dem der Hass die Kehle hinaufkroch und dem die Schuld die Luft abdrückte. Isabella ich kriege dich! Bald wirst du bezahlen, für deinen Verrat!

Ja bald hatte er seine Rache, bald schon würde jegliches Gefühl in ihm erneut absterben, bald würde ihm wieder alles egal sein.
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