Göttliches Verlangen - Alte Narben

von Kapilutt
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
16.03.2017
20.02.2019
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Lia


***


„Ich mag Geschichten, aber ich werde nicht weiter fragen. Ich schätze es sehr, dass du mir alles erzählen würdest nur weil du mich liebst, aber du sollst dir nicht noch mehr Ärger als unbedingt nötig einbrocken, Ray. Der Ärger wird noch früh genug zu uns beiden finden“, entgegnete ich ruhig, ehe ich verzweifelt meinen Haustürschlüssel suchte.

Als ich ihn schließlich nicht fand, zuckte ich mit den Schultern und lief in die Küche, um mir den Ersatzschlüssel zu holen, der in einer Schublade ganz unten neben den Mülleimern lag. Während ich nach dem Schlüssel kramte, fiel mir in der Mülltonne ein ungewöhnlich formeller Briefumschlag auf. Unter Rays wachsamen Blicken griff ich nach dem Umschlag und öffnete ihn neugierig.

„Was ist das, Lia?“, fragte mein Freund behutsam, als er bemerkte, dass ich nicht weiter las und den Brief einfach nur fassungslos in der Hand hielt.
„Das ist das Schreiben…Mein Vater wusste Bescheid, dass der Ex meiner Mutter freigelassen wurde…Warum sagt er mir nichts?“, fragte ich verständnislos und ließ Ray das Schreiben lesen, während ich nach dem Ersatzschlüssel suchte und ihn schließlich auch fand.
„Vielleicht wollte er dich nicht unnötig stressen und hat nicht gedacht, dass der Ex deiner Mutter dich nochmal aufsucht“
„Normal sagt mein Papa mir alles, Ray. Das passt nicht zu ihm…Es gab immer nur ihn und mich, vor allem in der Zeit in der meine Mutter mit all ihren Problemen wie vom Erdboden verschluckt war. Ich bin seine Prinzessin und wir hatten schon immer ein sehr gutes Verhältnis…“
„Dann musst du ihn fragen, wenn er wieder da ist. Er wird seine Gründe haben“, munterte Ray mich auf und strich sanft über meine Oberarme, ehe er das Schreiben an meiner Stelle wieder wegwarf.
„Du hast wahrscheinlich recht. Ich wünschte nur, dass mich nicht alle wie ein Kind behandeln würden“
„Du bist ein Kind, Lia. Aber wenn es dich tröstet, ich würde nicht mit einem Kind schlafen“, lachte Ray frech und wich geschickt zurück, als ich verspielt nach ihm schlug, danach seine Hand griff und mit ihm zusammen das Haus meines Vaters verließ.
„Wenn du so weiter machst, koche ich nicht für dich mit“, grinste ich frech, während ich neben Ray herlief und einen guten Abstand zu ihm hielt, da wir unsere Beziehung noch geheim halten mussten.
„Du willst kochen?“
„Klar, ich habe heute noch nichts Vernünftiges gegessen und ich kann alles in etwas Genießbares verwandeln“
„Ich habe so gut wie nichts da, Lia…Ich bestelle uns was“
„Du bist genau so, wie Lucia es immer mal wieder beiläufig erwähnt“, lachte ich verspielt, da Lucia Cooper sich des Öfteren darüber beschwerte, dass Ray in dieser Hinsicht etwas faul war.

Er kochte nicht, er räumte nicht so wirklich auf, da er eh fast nie Zuhause war und alles andere, was man bequemer erledigen konnte, erledigte er bequemer, egal was es auf Dauer kostete. Immerhin konnte Ray es sich leisten, doch das hieß nicht, dass ich einverstanden damit war. Nur weil ich auf ihn stand, musste ich noch lange nicht alles gutheißen, was er tat.

„Bitte was?“, fragte Ray überrascht, während wir in den Fahrstuhl in dem Apartmentblock, in welchem er lebte, stiegen.
„Immer wenn ich bei Liv bin und du in irgendeiner Form zur Sprache kommst, meistens im Zusammenhang oder Vergleich mit Kian, erwähnt Lucia ab und zu beiläufig deine schlechten Eigenschaften. Du bist stur, besserwisserisch und willst meistens recht haben und es beweisen. Du bist relativ unordentlich und kochst nicht für dich“
„Das muss gerade Lucia sagen“, brummte Ray etwas missmutig und ich konnte schwören, dass er kurz schmollte, was mich sichtlich amüsierte.
„Jeder hat Makel. Das ist in Ordnung, ich werde sehen, wie ich mich damit arrangiere“, schmunzelte ich und ergriff die kurze Zeit der Zweisamkeit, um Ray liebevoll zu küssen und mich sofort wieder von ihm zu lösen, da der Fahrstuhl sich öffnete und wir ausstiegen, um zu seiner Wohnung zu laufen.
„Und was glaubst du, was du für Makel hast, Lia? Meine kennst du ja schon?“
„Das ist eine merkwürdige Frage“, entgegnete ich, antwortete aber dann: „Ich bin eitel, ich habe Angst vor Männern und ich bin auf jeden Fall zu weich…Zu gutherzig…“
„Gutherzigkeit ist doch keine schlechte Eigenschaft, Lia“, schmunzelte Ray und zeigte mir seine Wohnung.
Ich stellte meine Tasche in sein Schlafzimmer und setzte mich zu Ray auf die Couch, ehe ich erklärte: „Doch schon…Liv hasst das an mir. Ich will und muss immer jedem helfen und ich verzeihe viel zu schnell…Meiner Mutter zum Beispiel habe ich sofort verziehen, als sie am Tag des Abschlussturniers aufgetaucht ist. Jetzt wünschte ich, dass ich es nicht getan hätte. Ich hatte gehofft, dass sie sich ändert, aber sie ist wieder wie vom Erdboden verschluckt und meldet sich nicht…Genauso wie damals…Ich habe es zwar befürchtet, aber es tut trotzdem weh. Klar, mein Vater liebt mich über alles und war immer für mich da, aber manchmal wünsche ich mir, dass ich eine richtige Mutter hätte, die sich um mich kümmert. Es war nicht das angenehmste mit meinem Dad über meine erste Periode zu sprechen. Damals kannte er Tiana noch nicht.“

Bei dem Gedanken an das peinliche Gespräch musste ich wieder lächeln. Ich hatte nachts angefangen zu bluten und mein ganzes Bett war rot gewesen. Ich hatte versucht alles zu verheimlichen und war sofort Damenhygieneartikel kaufen gelaufen, doch mein Dad hatte in der Zeit mein Bett gesehen und mich sofort besorgt gefragt, ob ich mir etwas getan hatte, als ich wieder kam. Als ich ihm verlegen erklärt hatte, dass ich meine Periode bekommen hatte, war er selbst peinlich berührt gewesen und wusste nicht, was er tun sollte, doch am Abend hatte er mir eine Wärmflasche geschenkt, da ich schreckliche Schmerzen bekommen hatte.

Warum hat mein Papa mir nur verschwiegen, dass Mums Ex wieder frei ist? Es muss einen Grund geben…Ich verstehe es einfach nicht. Mein Dad hat mir immer alles erzählt. Es passt nicht zu ihm mir so etwas Wichtiges vor zu enthalten…

„Ich kann verstehen, dass dich das mit deiner Mutter belastet, Lia. Ich bin ohne Vater aufgewachsen und weiß, wie das ist, vor allem wenn man Rat sucht. Allerdings glaube ich, dass es bei dir nochmal etwas schlimmer ist, da du glaubst, dass du deiner Mutter egal bist…Sie lebt und kümmert sich nicht…Mein Vater war tot. Das ist nochmal etwas anderes. Solche Gedanken konnte ich mir gar nicht machen“
„Das stimmt nicht, Ray. Deine Gedanken galten Fynn Cooper und wie du deinen Vater rächen kannst…“
„Du weißt es?!“
„Natürlich. Liv ist meine beste Freundin und sie ist knall hart, genauso wie ihr Vater. Auch wenn sie ihn über alles liebt und verehrt, legt sie dennoch auch alles Schlechte offen und urteilt darüber“, murmelte ich und blickte Ray dann liebevoll an, ehe ich weiter sprach: „Ich bin froh, dass du ihm vergeben konntest und das anscheinend sogar sehr schnell…Hättest du das nicht getan, wäre alles anders gekommen im letzten Krieg, nicht wahr?“
„Eine einzelne Entscheidung kann immer alles verändern“, bestätigte Ray und strich mir sanft die braunen Locken, die aus meinem Zopf fielen, hinters Ohr, ehe er mich leidenschaftlich küsste.
„Du musst zur Ratssitzung“, hauchte ich leise nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr.
„Ich wünschte, ich müsste nicht. Ich habe eigentlich gerade ganz andere Pläne mit dir, Lia“, raunte Ray, der meinen Hals verführerisch liebkoste, sich dann aber doch von mir los riss und einige Unterlagen zusammen sammelte.

Ich seufzte selbst enttäuscht, doch ich wusste genauso gut, wie Ray, dass wir und so etwas nicht leisten konnten. Würde er nicht zeitig auftauchen, würde man ihn suchen und ihn mit mir zusammen finden. Das durfte nicht passieren, noch nicht und auch wenn es mir schwerfiel, ließ ich ihn ziehen.

„Erzähl mir heute Abend über deine Mutter, Lia. Wir werden eine Lösung finden“, lächelte Ray zuversichtlich, als er mir einen Abschiedskuss gab und verschwand.

Er schloss mich ein und ich lächelte die Tür noch lange verliebt an. Ich schätzte sein gutes Herz ungemein. Er war wirklich süß und ich glaubte nicht, dass er wusste, wie sehr seine Worte mich freuten. Mir war bewusst, dass er nichts für mich und meine Mutter tun konnte, doch es reichte mir, dass er mir und meiner Mum helfen wollte und sich für mich und meine Probleme interessierte. Vielleicht half es mir mal seine Meinung zu dem ganzen Thema zu hören. Wenn ich mit Liv über meine Mutter sprach, endete es immer gleich, da Liv sehr voreingenommen war. Sie konnte meiner Mum nicht verzeihen, Liv hasste meine Mum, für das, was sie mir und meinem Dad angetan hatte und das ließ sie mich jedes Mal deutlich spüren. Wahrscheinlich hatte meine beste Freundin auch recht mit ihrem Verhalten, doch ich war noch nicht bereit loszulassen. Ich konnte es einfach nicht. Ich hoffte, dass Ray mir noch einmal einen anderen Blickwinkel auf alles liefern konnte. Ich wollte meine Mutter einfach nicht aufgeben, doch wenn auch Ray es so wie Liv sah, dann war es wahrscheinlich das Beste für mich. Auch meine Kräfte hatten irgendwo ein Ende.
Nach einiger Zeit begann ich mich genauestens in Rays Wohnung um zu sehen. Aufgeräumt war es wirklich nicht. Wenn man zur Tür rein kam, stand man in seiner riesigen, lichtdurchfluteten Wohnküche mit großem Panoramafenster, die in modernen Schwarz-, Weiß- und Holztönen gehalten war. Man hatte einen wundervollen Blick auf Taian, da Ray im letzten Stock wohnte und niemand konnte seine Wohnung einsehen. Angrenzend an die Wohnküche folgte das Gästezimmer, welches Dante aktuell bewohnte und gegenüber befand sich ein großes Badezimmer. Neben dem Badezimmer war Rays Schlafzimmer und diesem gegenüber hatte er ein total chaotisches Arbeitszimmer, in welchem sich zu meiner Überraschung ein halbes Waffenarsenal befand. Es schien so, als wären es Familienerbstücke, denn auf jeder einzelnen Waffe, jeder Skulptur und auf jedem Kunstwerk, war das Zeichen seiner Familie eingraviert. Am Ende des Flurs befand sich des Weiteren eine Abstellkammer, die er auch als Vorratsraum nutzte. Da ich mich alleine etwas langweilte begann ich auf zu räumen. Ich ertrug den Gedanken an die ganze Unordnung nicht und schaute nichts ein, was vertraulich wirkte, während ich alles ordnete. Mir war es wichtig, dass ich Rays Privatsphäre nicht verletzte, egal wie sehr es mich auch reizte alles durch zu stöbern. Ich ließ es brav bleiben und durchwühlte schließlich seine Küche, bis ich alles fand um Lasagne zu machen.
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