Jealousy

von humanoid
OneshotAllgemein / P6
Malcolm Reese
15.03.2017
15.03.2017
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Jealousy



Malcolm stand in der Küche. Er war gerade dabei, sein Wasserglas abzuspülen, als er geistesabwesend aus dem Fenster sah und dabei eine Entdeckung machte, die ihn sofort in seiner Bewegung innehalten ließ. Reese saß draußen im Garten auf der Bank – mit einem Mädchen. Malcolm kniff die Augen ein wenig zusammen, um besser sehen zu können, die Sonne blendete ihn ein wenig. Er hatte das Mädchen noch nie zuvor gesehen, jedenfalls konnte er sich nicht an sie erinnern. Reese hatte seinen Arm locker auf der Rückenlehne hinter ihr abgelegt; sie unterhielten sich und lachten immer wieder. Zu allem Überfluss stand das Fenster sperrangelweit offen, doch obwohl er angestrengt lauschte, konnte er nichts verstehen. Sie redeten zu leise und waren zu weit weg. Nur das ständige Gekichere des Mädchens drang bis zu ihm ins Haus durch.

Ein seltsames Gefühl kroch in Malcolms Inneren hoch. Eines, das er nicht definieren konnte. Er fühlte eine Art Enttäuschung, die er sich absolut nicht erklären konnte. Eine Mischung aus Resignation, Ärger, aber auch Neugierde. Noch nie zuvor hatte er einen solch seltsamen Gefühlscocktail verspürt. Je länger er zu seinem Bruder und dem Mädchen starrte, desto mehr Gefühle kamen hinzu. Das überforderte ihn, er drehte sich schnell um, nahm sich ein frisches Handtuch aus dem Schrank und trocknete sein Glas ab. Dabei zitterten seine Hände ein wenig, was ihn leise seufzen ließ. Was war denn auf einmal los mit ihm?!

Er kam nicht umhin, abermals aus dem Fenster zu schauen. Sein Herz machte einen gewaltigen Satz, als er sah, wie die beiden sich ganz langsam näherkamen. Reese beugte sich in Zeitlupentempo zu dem Mädchen, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Malcolm schluckte, sein Herz raste. Er sollte sich das nicht ansehen, er kam sich vor, wie ein Spanner. Er sollte einfach wieder zurück in sein Zimmer gehen und sich weiter langweilen. Oder Fernsehen. Oder Dewey nerven. Irgendetwas. Aber er sollte seinen Bruder nicht dabei beobachten, wie er mit irgendeinem Mädel rummachte.

Sein Magen sank ein paar Etagen tiefer, als sie sich tatsächlich küssten. Reese hatte seine Hand etwas unbeholfen auf ihre Schulter gelegt, rutschte nun ein Stückchen näher zu ihr. Malcolm starrte mit offenem Mund aus dem Fenster. Ihm wurde heiß und kalt zugleich. Der Kuss wurde intensiver – und plötzlich fiel Malcolm das Glas aus der Hand und zerbrach mit einem lauten Klirren auf dem Boden in tausend kleine Einzelteile. Er gab einen erschrockenen Laut von sich und duckte sich schnell, ehe sie ihn entdecken konnten. Auf dem Boden kauernd wartete er kurz ab, sein Herz pochte wie verrückt und er schluckte nervös. Schnell machte er sich an die Arbeit, die Scherben aufzusammeln. Mit fahrigen Bewegungen raffte er die Spuren seines Missgeschicks zusammen, als er plötzlich irgendetwas Rotes auf den Boden tropfen sah. Er betrachtete seine Hände, und ihm wurde augenblicklich schlecht. Ein tiefer Schnitt durchzog seine Handinnenfläche und ließ das Fleisch pulsieren.

Er kickte ein paar kleinere Scherben mit dem Fuß zur Seite, um sich Platz zu schaffen, dann setzte er sich hin und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Küchenzeile. Ihm wurde für wenige Sekunden schwarz vor Augen. Er hatte Blut noch nie gut sehen können. Der Hochbegabte schloss die Augen und atmete tief durch. Als er die Augen nach einer gefühlten Ewigkeit wieder öffnete, blickte er geradewegs in Reeses grüne Augen. Vor Schreck zuckte der Jüngere kurz zusammen.

„Was – was ist–“, stammelte er verwirrt und wollte gerade wieder auf seine verletzte Hand hinab sehen, die bedenklich schmerzte, als Reese ihm sanft unters Kinn fasste. „Nicht hingucken!“, sagte er schnell, griff nach dem Handtuch, welches noch auf der Küchenzeile lag, und besah sich Malcolms Hand. Nebenbei wischte er ihm das Blut von den Fingern. „Du musst das ausspülen.“ Reese wusste natürlich um Malcolms Ängste, was Blut anging. „Kannst du aufstehen?“

„Ich denke schon. – Nein warte, gib mir noch einen Moment.“ Wieder atmete der Jüngere ein paar Mal durch, ehe er schließlich einen Versuch startete, aufzustehen. Reese griff ihm dabei unter die Arme; er hatte Angst, sein Bruder würde wieder umkippen. Die Angst war nicht unbegründet – kaum stand Malcolm, schon wurde ihm schwindelig.

„Nicht auf die Hand gucken, okay? Ich mach das jetzt ein bisschen sauber, ja?“ Reese schlang seinen Arm um Malcolms Mitte, um ihn festzuhalten. Mit der anderen Hand öffnete er den Wasserhahn und spülte die Wunde aus, um sicherzugehen, dass keine kleinen Scherben zurückblieben. Malcolm gab einen zischenden Laut von sich und presste die Augen fest zusammen. Er wollte keine Memme sein, aber seine Hand schmerzte wirklich. „Bin gleich fertig“, hörte er Reese leise murmeln. Er war ihm so nah und er roch so angenehm, dass Malcolm plötzlich nicht mehr wusste, ob der Schwindel wirklich von der Verletzung, oder von der Nähe seines Bruders ausgelöst wurde. Er musste dem Drang, seinen Kopf auf Reeses Schulter zu legen, mit aller Kraft widerstehen. Dennoch lehnte er sich etwas mehr gegen ihn, woraufhin Reese den Griff um seinen Körper gleich verstärkte. Das fühlte sich gut an; viel zu gut.

„So, fertig.“ Er drehte Malcolms Hand vorsichtig hin und her, um sich die Verletzung genau anzusehen. „Ich glaube nicht, dass das genäht werden muss.“ Seine Stimme klang so seltsam sanft. Da Malcolm noch immer die Augen geschlossen hielt, konnte er sich ganz auf diesen Klang konzentrieren. „Aber es muss verbunden werden; blutet immer noch. Setz dich noch mal eben hin, ich hol Verbandszeug.“ Er ließ Malcolm ganz langsam zu Boden gleiten und flitzte sofort los, um den Verbandskasten zu holen.

Als er wiederkam, saß Malcolm wie ein Häufchen Elend auf dem Küchenboden, völlig bleich im Gesicht.

„Geht’s?“, fragte Reese und schluckte. „Sollen wir doch lieber ins Krankenhaus?“

„Nee, schon okay.“ Er sah sich kurz um. „Wo ist denn dein… Date?“

Reese sah sich ebenfalls kurz um, als würde er erst jetzt bemerken, dass sie überhaupt weg war, und zuckte dann mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Malcolm schwieg, während sich sein Bruder neben ihn hockte, ihm die Wunde desinfizierte und dann begann, sie zu verbinden. Der Jüngere ließ die Prozedur tapfer über sich ergehen. Reese hatte schon früh gelernt, Wunden zu versorgen, immerhin hatte er das bei sich selbst auch immer machen müssen. Glück für Malcolm; Reese verband die Wunde perfekt.

„Fertig.“ Er lächelte – und dieses Lächeln ließ Malcolm vollends schwach werden. Sein Herz begann so heftig zu schlagen, dass er zu perplex war, um das Lächeln überhaupt zu erwidern. Reese, der das bemerkte, blickte ihn fragend an, sodass Malcolm sich um eine Erklärung bemühte: „Tut mir echt leid, dass sie abgehauen ist. Das war meinetwegen, oder?“

„Nee, das war schon gut so. Du warst sozusagen meine Rettung.“ Er ließ einen langen Seufzer und fasste sich an den Kopf.

„Wieso?“

„Die Kleine ist mega nervig, die steht wohl auf mich.“ Er verdrehte die Augen.

„Na und? Die ist doch süß, oder nicht?“ Malcolm musste genauer nachhaken.

Reese verzog das Gesicht und machte eine unsichere Handbewegung. „Schon, aber… irgendwie springt der Funke nicht ganz über, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Hmm. Kommt vielleicht noch.“

„Nee, nee, lieber nicht. Ich glaube, das war mein letzter Versuch.“

Nun war Malcolm derjenige, der seinen Bruder fragend ansah.

„Mit einem Mädchen, meine ich“, sagte Reese deutlicher.

„Wie jetzt?“ Malcolm verstand kein Wort.

Wieder verdrehte Reese genervt die Augen. Er zögerte einen Moment lang, zuckte dann erneut mit den Schultern. „Ich denke, ich bin schwul.“ Das sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt – und Malcolm beneidete ihn dafür. Für Malcolm war es auch selbstverständlich, aber gewiss nicht für den Rest der Familie, dessen war er sich ziemlich sicher. Zu oft hatte er schon die ein oder andere homophobe Äußerung vernommen – ob diese „nur Spaß“ gewesen waren, oder nicht, konnte er nicht genau sagen.

„Echt?“, fragte der Jüngere überflüssigerweise.

„Schätze schon.“ Reese lehnte seinen Kopf gegen die Küchenzeile hinter sich. „Das mit den Mädels… das ist einfach nichts.“ Er grinste, und Malcolm musste ebenfalls schmunzeln. Der Jüngere zuckte nun auch mit den Schultern. „Dann ist das eben so.“ Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens traute Malcolm sich, die folgende Frage zu stellen: „Hast du schon mal ‘nen Kerl geküsst?“

„Nee, noch nicht.“

„Hm.“

Wieder schwiegen sie einen Moment lang. Die Situation hatte etwas seltsam Friedliches. Malcolm genoss die Nähe seines Bruders und das Geheimnis, welches er soeben mit ihm geteilt hatte. Dafür hatte es sich sogar gelohnt, einen Schnitt in die Hand auf sich zu nehmen. Er lächelte, als ihm bewusst wurde, dass Reese ihm etwas wirklich Bedeutendes anvertraut hatte.

„Find ich echt cool, dass du mir das erzählt hast“, sagte er und rempelte ihn kumpelhaft mit dem Ellenbogen an.

Reese grinste. „Solange du mich nicht damit aufziehst.“ Seine Miene verfinsterte sich gespielt und er warf ihm einen gestellten, bösen Blick zu. „Sonst setzt es was!“ Er ballte die Fäuste, grinste gleich darauf aber schon wieder.

Malcolm lachte leise. „Quatsch. Sonst würd‘ ich mir ja ‘n Eigentor schießen.“

„Wieso?“

„Naja…“ Der Jüngere zögerte kurz, kratzte sich nervös an der Schläfe. Eigentlich war er noch gar nicht bereit dazu, sein Geheimnis ebenfalls preiszugeben, aber andererseits… würde es je einen besseren Zeitpunkt geben? Er schluckte. „Ähm…“ Seine Gedanken rasten; er wollte die Worte sehr gut abwägen – doch Reese kam ihm zuvor: „Bist du auch schwul?“ Ihre Blicke trafen sich und Malcolm zuckte beinahe zurück, so intensiv war Reeses Blick. So wach und klar. Sein Herz stolperte in seinem Brustkorb umher und er befeuchtete sich nervös die trockenen Lippen. „Ich, ähm… ich weiß nicht so genau, aber… ich denke schon…“ Er spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss. Er konnte Reeses Blick nicht standhalten und senkte beschämt den Kopf.

„Astrein!“ Reese grinste breit.

Malcolm hob den Kopf und sah ihn wieder an; seine Augen strahlten ihm entgegen und er konnte nicht anders, als ebenfalls zu grinsen. „Warum ist das so toll?“

Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Find‘s einfach gut.“

Es vergingen ein paar Sekunden, dann räusperte Malcolm sich. „Ich sollte jetzt mal die Scherben wegkehren, bevor Mom heimkommt und ausrastet.“

„Lass das mal bleiben, dich kann man ja nicht alleine lassen“, grinste Reese. Da war es wieder, dieses Grinsen, das Malcolm schwach werden ließ. Seit wann grinste Reese so? Auf diese ganz spezielle, süße Art und Weise?! „Ich mach das schnell“, sagte er, stand auf und holte sich ein Kehrblech. – Und seit wann war er so lieb zu Malcolm? Er hätte ihm sonst nie im Leben angeboten, ein solches Chaos für ihn aufzuräumen.

Malcolm stand langsam auf. Reese kniete auf dem Boden und kehrte rasch die Scherben zusammen.

„Reese?“ Malcolms Hals fühlte sich furchtbar trocken an.

„Hm?“

Er hatte keine Ahnung, warum er die folgende Frage stellte; es war, als müsste er es einfach tun. „Auf was für Kerle stehst du so?“

Der Ältere dachte einen Augenblick lang nach. „Weiß nicht.“ Er kehrte die letzte Scherbe auf, ließ den Inhalt des Kehrbleches in den Mülleimer poltern und stand anschließend etwas ratlos vor seinem Bruder. „Ich denke... derjenige sollte auf jeden Fall kleiner sein, als ich. Und etwas schmächtiger. Ich beschütze gerne.“ Er grinste. „Und ich mag... braune Haare... und blaue Augen...“ Er sprach etwas zögerlich, während sein Blick über Malcolm glitt; angefangen bei seinen Haaren, dann zu seinen Augen, und hinab zu seinen Lippen. „Und volle Lippen.“ Er schluckte, wandte seine Augen rasch von Malcolms Lippen ab und grinste verlegen. Wenn Malcolm nicht alles täuschte, hatten sich die Wangen seines Bruders leicht rötlich verfärbt. Doch Malcolm konnte sich selbst nicht von der Nervosität freisprechen; sein Herz pochte, als wäre er einen Marathon gelaufen. Seine Hände verkrampften sich automatisch und ein Schmerz durchzog seine Rechte, in die er sich geschnitten hatte.

Reese riss ihn aus seinen Gedanken, indem er fragte: „Geht's der Hand etwas besser?“

„Ja.“ Malcolm strich vorsichtig über den Verband. „Ja, auf jeden Fall. Danke nochmal.“

„Kein Ding.“ Er deutete herüber zum Wohnzimmer. „Wrestling?“

„Was?!“, krächzte Malcolm und schnappte nach Luft.

Reese zog die Augenbrauen hoch. „Im Fernsehen, meine ich... Wrestling läuft jetzt.“

„Achso!“ Er begann, etwas zu laut und etwas zu schrill zu lachen. „Klar, lass uns Wrestling schauen. Warum auch nicht?“ Er trat nervös von einem Fuß auf den anderen und wartete, bis sein Bruder damit fertig war, ihn skeptisch zu mustern. Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer, setzten sich aufs Sofa und schauten sich das Match an.

Malcolm dachte lange darüber nach, dass sein Bruder Reese auch schwul war.

Er dachte auch lange darüber nach, dass er exakt Malcolms Aussehen beschrieben hatte, als Antwort darauf, auf was für Kerle er stand.

Und er dachte lange darüber nach, wie schön Reese aussah, wenn er lächelte...


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