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Bring ihn heim (Fortsetzung zu "Gitter brach mein Wiegenlicht")

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Jane Foster Loki Thor
13.03.2017
04.05.2021
41
87.235
12
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04.05.2021 2.236
 
39. Das Herz ist ein Pfeil.(*)

Loki spürte, dass er beobachtet wurde, und im selben Moment sprang ein kleiner, drahtiger Junge ihm in den Weg und richtete den gespannten Bogen auf seine Brust. Sein Gesicht war verbissen und hinter ihm im Schatten glaubte Loki eine weitere kleine Gestalt ausmachen zu können. Sofort hob er die Hände. Nicht, weil er sich aus dieser Situation nicht mit einem simplen magischen Kniff hätte befreien können, sondern weil ihm sofort klar war, dass er das Ziel seiner Wanderung erreicht hatte. Der Junge musste eins der Weltenkinder sein und der Gedanke, Nemie bald wieder zu sehen, ließ Lokis Herz beinahe zerbersten. Erneut wurde ihm in diesem Augenblick bewusst, wie sehr er seinen Sohn vermisste und dass er – gegen die Meinung der meisten Asen – offenbar doch ein Herz besaß, das lieben konnte.
„Ich komme in Frieden“, sagte Loki, noch bevor der Junge etwas anderes tun konnte, als ihn feindselig anzustarren. „Mein Sohn Nemie hat sich euch vor kurzem angeschlossen und ich muss ihn sehen. Bringst du mich zu ihm?“ Der Junge ließ den Bogen sinken, hielt die Sehne jedoch weiterhin gespannt. Sein Blick war nach wie vor wachsam.
„Wie viele von euch wollen noch hier auftauchen?“, knurrte er. „Lasst uns verdammt nochmal mit euren dämlichen Problemen in Ruhe, wir haben selbst genug davon.“ Er sah zornig aus und Loki konnte ahnen warum. Der Junge war ein Ausgestoßener, einer, der nicht in die Realität passte, die sich die Erwachsenen ausgedacht hatten. Er war anders, entwurzelt, heimatlos. Und Loki wusste genau, wie er sich fühlte. Wie schwer es für ihn sein musste, Fremde zu akzeptieren. Gerade Erwachsene. Ohne darüber nachzudenken, ließ Loki sich auf einen Vorsprung sinken, der ihn auf Augenhöhe mit dem Jungen brachte, und wunderte sich im gleichen Moment über sich selbst. Außer mit Nemie hatte er nie viel mit Kindern zu tun gehabt, und doch war er plötzlich milde diesem fremden Jungen gegenüber, der vermutlich schon mehr durchgemacht hatte, als jemand in seinem Alter tragen konnte. Er konnte sich in ihn einfühlen, ihm Verständnis entgegenbringen. Es erstaunte Loki, aber noch viel mehr erstaunte ihn, dass es ihm keine Angst machte. Früher hätte er sich nie auf diese Weise angreifbar gemacht. Früher, bevor er Nemie gehabt hatte und Ria und Corda. All diejenigen, die ihm ihr bedingungsloses Vertrauen geschenkt hatten. Früher, als er noch alleine gewesen war. Sein Herz schien von ihnen allen gelernt zu haben, auch wenn er es bisher nicht gewusst hatte.

„Ich kann dich verstehen“, sagte Loki freundlich und der Junge runzelte die Stirn. „Weißt du, ich bin selbst jemand, der in keine der neun Welten passt. Meine Eltern waren Riesen, aber ich sehe nicht aus wie sie. Meine Zieheltern waren Asen, aber Asgard war mir immer fremd. Mein Sohn ist zur Hälfte ein Mensch und doch verbindet mich mit Midgard so wenig wie mit den anderen Welten.“ Er sah den misstrauischen Blick des Jungen und musste unwillkürlich grinsen. Sein Gegenüber ließ sich nicht so einfach einwickeln.
„Du traust mir keinen Meter über den Weg“, fuhr Loki fort, „und das ist gut so. Ich bin nur ein Fremder und du möchtest dich und deine Freunde beschützen. Aber ich verspreche dir, dass ich nichts weiter will, als meinen Sohn zu sehen. Danach werde ich wieder verschwinden.“
„Guter Versuch, Silberzunge“, brummte der Junge und hob den Bogen wieder ein kleines Stück. „Aber man hört zu viel über dich – selbst hier – als dass ich dir trauen könnte. Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sagst? Ich bin nicht dumm, ich...“ Doch weiter kam er nicht, denn in diesem Moment tauchte jemand anderes auf dem Weg hinter ihm auf. Ein hünenhafter junger Mann, der Loki nur allzu bekannt war. Auf dessen Gesicht sich für einen kurzen Moment Erleichterung ausbreitete, dann ein Stutzen, und schließlich Verwunderung.
„Loki?“, kam es erstaunt über seine Lippen, während er keuchte und sich die Seite hielt. Er schien gerannt zu sein.

„Sei gegrüßt, Caleb“, erwiderte Loki. Er wollte eigentlich seine Freude darüber, den besten Freund seines Sohns und Bruder seiner Schülerin wohlauf zu sehen, in diese Worte legen, doch beim Anblick von Calebs besorgtem Gesicht und seinem schnell gehenden Atem, kamen die Worte trocken und rau aus seinem Mund. Mit einem Mal begann sein Herz zu rasen und die dunkle Vorahnung, dass etwas geschehen sein musste, drückte ihm wie ein schweres Tuch auf Mund und Nase und nahm ihm die Luft zum Atmen.
„Ich dachte für einen Moment, Ihr wäret Nemie“, murmelte Caleb in diesem Moment und Loki wollte ihn anschreien und schütteln, damit er endlich verriet, was geschehen war, doch er war wie gelähmt. Keinen Zentimeter konnte er sich von der Stelle rühren. Und dann sprach Caleb aus, was Loki bereits vermutet hatte, als er sein abgehetztes Gesicht gesehen hatte: „Ich weiß nicht, warum Ihr hier seid, aber Ihr kommt zu spät. Nemie ist verschwunden.“ Mit einem heftigen Schlag schien die Welt stehen zu bleiben.


Es kostete Thor alle Kraft, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, als er majestätisch winkend durch die Straßen Asgards ritt, um zu dem Freundschaftsbesuch in Albenheim aufzubrechen, den er dem ganzen Königreich vorspielte. Nein, „vorspielen“ traf nicht ganz das, was er tat. Er log. Er belog sein ganzes Volk, selbst diejenigen, die es beileibe nicht verdient hatten und er fühlte sich schrecklich. Und dennoch musste er die Fassade aufrecht erhalten, musste sich frohen Mutes auf diese Reise begeben und hoffen, dass er das Schlimmste würde verhindern können. Er sah in die Gesichter der Vertrauten, die zu seinem Aufbruch erschienen waren. Sah Lady Sif, deren Blick ihn durchbohrte, als wüsste sie, was er tat. Sah Hadar, der seinen Blick ruhig und forschend erwiderte. Sah die dreisten Drei, von denen einer fehlte. Sah Ria, welcher der Schmerz über den Verlust ihres Geliebten noch immer ins Gesicht geschrieben stand. Sah sie alle an und entschuldigte sich in Gedanken dafür, was geschehen war. Er hätte es verhindern müssen, irgendwie – immerhin war er der König. Diese Leute vertrauten ihm und er hatte sie enttäuscht, auch wenn sie ihm das nie vorwerfen würden. Auch, wenn er recht daran getan hatte, Loki zu begnadigen, war es doch der Beginn einer Zeit gewesen, in der nichts mehr so war wie zuvor. In der Menschen aus seinem vertrautesten Kreis ihn hintergingen und andere für diesen Verrat ihr Leben lassen mussten. Alles seine Schuld.
Thor spürte, wie sein Herz sich krampfhaft zusammenzog und er biss die Zähne zusammen, um dennoch aufrecht sitzen zu bleiben und sich nicht zu krümmen unter der Last, die ihn immer tiefer in diesen Abgrund zog, aus dem er kein Entkommen sah. Schnell wandte er seinen Blick Jane zu, die neben ihm ritt, ebenfalls die Hand zum Gruß an die Menge erhoben und als ihre Augen seine trafen war ihm als wäre er ein Ertrinkender und sie gab ihm Luft, um seine Lungen zu füllen. Er atmete. Atmete tief ein und aus und versuchte, sich nur auf ihr Gesicht zu konzentrieren. Ihr Gesicht, das ihn anstrahlte wie die Sonne, auch wenn ihre Mundwinkel kaum zu einem schwachen Lächeln verzogen waren. Es war etwas anderes, das aus ihr strahlte. Kraft, Zuversicht und eine bedingungslose Liebe. Ohne sie wäre er längst verloren.
Die Straßen schienen ihm so lang wie nie und er atmete auf, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit den Rand der Stadt erreichten. Auch hier standen noch vereinzelte Asen, um ihrem Königspaar Lebewohl zu sagen und viel Glück auf der Reise zu wünschen, doch sie wurden immer weniger, bis Thor, Jane und die kleine Leibgarde, die sie dabei hatten, endlich alleine waren. Die Soldaten verteilten sich um sie her, um nach möglichen Gefahren auszuspähen und hielten sich dabei in respektvollem Abstand, sodass die beiden ungestört miteinander sprechen konnte.

„Hast du ihre Blicke gesehen?“, platzte es aus Thor heraus, sobald er sich sicher wähnte. Er musste es einfach ansprechen, zu hart hatte es ihn getroffen, um darüber zu schweigen. Jane wusste, wovon er sprach.
„Viele sind in ihrem Vertrauen erschüttert“, bestätigte sie seine Vermutung. „Sie wissen nicht mehr, was sie von uns halten sollen. Ob das, was wir tun, richtig ist.“ Es ehrte sie, dass sie „wir“ sagte und somit die Schuld mit auf ihre Schultern lud, doch Thor schüttelte vehement den Kopf.
„Nein, mit dir hat das nichts zu tun“, widersprach er. „Ich bin es, dem sie nicht mehr trauen. Es gab viel Gerede in letzter Zeit. Zuerst Lokis Begnadigung, dann seine Diplomatenfunktion in den Verhandlungen mit Jotunheim, Rias Aufnahme in den Rat, das Attentat, das keines war, der Mord an Sir Kadis, die Verurteilung von Yend, Fandral und den Maydrs. Lokis Verschwinden. Es war einfach zu viel. Zu viel, was ich nicht verhindert habe.“
„Aber wie hättest du das auch können?“, fragte Jane zärtlich. „Du hast alles in deiner Macht stehende getan, aber auch du kannst nicht alles verhindern.“
„Genau das erwarten sie aber von mir“, murmelte Thor. „Ich bin ihr König und ich bin Odins Sohn. Er hat so vieles besser gemacht als ich, das wird ihnen jetzt erst bewusst. Und es enttäuscht sie. Ein König hat königlich zu sein. Aber ich fühle mich in letzter Zeit kein bisschen königlich. Ich bin die ganzen Entscheidungen so leid, Jane. Und das macht mich unwürdig. Wäre Vater hier...“
„Dein Vater hat auch Fehler gemacht“, unterbrach Jane ihn sanft. „Er war nicht unfehlbar und das bist du auch nicht. Aber du bist aufrichtig und mutig und du liebst dein Volk – das wiegt die Fehler allemal wieder auf.“
„Schön, dass du das so siehst“, seufzte Thor. „Aber ein Großteil der Asen sieht es anders, da bin ich mir sicher. Sie wollen endlich einen Beweis, dass ich ein würdiger König bin, aber den werden sie nicht bekommen. Im Gegenteil: Ich mache mich zu einer spontanen Reise auf, gerade jetzt, wo es in meinem eigenen Reich brodelt. Das wirft kein gutes Licht auf mich. Sie ahnen etwas, Jane, zumindest die Skeptiker unter ihnen. Und wenn wir zurück kommen, empfängt uns im besten Fall ein Volk, das eine Erklärung erwartet. Im schlimmsten...“
Er brach ab und presste die Lippen aufeinander. Wenn seine Kritiker ihre Gedanken in die Köpfe zu vieler Asen pflanzen konnten, war es durchaus möglich, dass sie bei ihrer Rückkehr von einer wütenden Menge erwartet wurden, welche die Krone nicht länger auf seinem Haupt sehen wollte. Wenn er sie wenigstens so weit beruhigen könnte, dass sein Abdanken hingenommen und die Ernennung eines neuen Königs geduldet wurde, wäre das noch die Variante, in der er am glimpflichsten davon käme. Doch Asen waren aufbrausend und schwer mit diplomatischen Lösungen zufrieden zu stellen. Wenn sie Krieg wollten, dann gab es auch Krieg. Und er fürchtete, dass sein Kopf die Siegesprämie werden könnte. Er wollte sich nicht ausmalen, was danach mit denjenigen geschehen würde, die er liebte. Seine Frau. Sein Bruder. Es graute ihm davor, sie vielleicht bald noch weniger beschützen zu können als ohnehin schon.

„Du siehst aus, als würdest du schon auf dem Scheiterhaufen stehen“, lockte Janes mitfühlende, aber auch resolute Stimme ihn aus seinen Schreckensvorstellungen, „aber du unterschätzt die Loyalität der meisten Asen. Nur, weil einige von ihnen Gerüchte in Umlauf bringen und Streit schüren, heißt das noch lange nicht, dass dein ganzes Volk sich gegen dich wenden wird.“ Thor schnaubte ungläubig, doch sie sprach einfach weiter. „Und selbst wenn, dann hast du jetzt doch nichts davon, dir Sorgen zu machen. Vielleicht ist es ganz gut, sie mal eine Weile sich selbst zu überlassen, vielleicht beruhigen sich die Gemüter auch wieder und wenn wir zurück kehren, empfange sie dich so freudig wie damals bei deiner Krönung.“ Sie sah ihn aufbauend an und unwillkürlich musste Thor lächeln, während ein warmes Gefühl ihn durchströmte.
„Du bist die weiseste Frau in ganz Asgard“, flüsterte er. „Ich sage es dir viel zu selten.“ Auch Jane lächelte jetzt.
„Und du bist ein guter König, mein Lieber“, erwiderte sie und lenkte ihr Pferd etwas näher neben seinen Rappen, um nach seiner Hand greifen zu können. „Und diese Krise stehen wir genauso durch wie alles andere zuvor. Es kommen auch wieder gute Tage, glaub mir. Alles hat seine Zeit.“ Die Hand in seiner, auch wenn sie so klein war, das sie komplett zwischen seinen Fingern verschwand, fühlte sich an, als könne sie ihn beschützen. Vor allem, was ihm bevor stand. Vor allem Bösen in den neun Welten. Wie damals, als er ein kleiner Junge gewesen war und die Hand seiner Mutter gehalten hatte. Er fühlte sich geborgen und frage sich wieder einmal, warum noch immer alle glaubten, dass Männer das starke Geschlecht wären. Jane war in diesem Augenblick so viel stärker als er. Wieder einmal. Und er war unendlich froh, sie an seiner Seite zu wissen. Sein Blick strich über die Weite, die ihn umgab. Jane hatte Recht: Es tat gut, Asgard mit all den Problemen hinter sich zu lassen, auch wenn sie auf andere zuritten, die noch viel schwerwiegender sein konnten. Aber vielleicht würde sich ja alles zum Guten wenden. Nein, ganz sicher sogar. Es musste einfach gut werden.

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(*) "Das Herz ist ein Pfeil - es braucht ein Ziel, um landen zu können." ist ein (frei übersetztes) Zitat aus dem großartigen Fantasy-Roman "Six of Crows", den ich allen nur ans Herz legen kann. Momentan sowieso mega gehypt, weil Netflix Leigh Bardugos Grisha-Welt in der Serie "Shadow and Bone" verfilmt hat und die "Six of Crows"-Charaktere einfach die absoluten Fanlieblinge sind. Zu Recht! Ganz viel Liebe auch von mir für Kaz, Inej, Jesper, Nina, Matthias (und Wylan) <3
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