Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Bring ihn heim (Fortsetzung zu "Gitter brach mein Wiegenlicht")

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Jane Foster Loki Thor
13.03.2017
15.06.2021
42
89.100
13
Alle Kapitel
44 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
03.05.2021 2.008
 
38. Entschwunden.

~~
Helheim nimmt dir nicht nur dein Leben, es nimmt dir alles. Das Gute wie das Schlechte. Es nimmt dir die körperlichen Schmerzen, die Notwendigkeit zu schlafen und zu atmen. Wenn du Helheim verlässt, kommt alles wieder. Aber das Schlechte ist stärker und so viel allgegenwärtiger als das Gute, dass du zunächst nichts anderes empfindest.
Die Schmerzen, die mich überfielen, als ich aus dem Säuresee auftauchte, raubten mir den Verstand. Mit letzter Kraft zog ich mich ans Ufer und blieb dort auf meiner verätzten Haut liegen – zu schwach, um mich zu regen, halb blind, ein dumpfes Rauschen in den Ohren. So hatte ich mir die Hölle in meinen schlimmsten Alpträumen nicht ausgemalt und jetzt durchlebte ich sie, nachdem ich der eigentlichen Totenwelt entkommen war.
Ja, ich war entkommen, doch ich verspürte keinen Triumph. Mein Atem brannte in meiner Lunge wie Feuer. Alles brannte. Meine ganze Welt stand lichterloh in Flammen. Ich fühlte mich, als hätte man mir die Haut abgezogen und hätte ich die Augen öffnen können, um meinen Körper zu begutachten, hätte ich vermutlich gesehen, dass die Säure mir nicht weniger zugesetzt hatte. Mein Körper war von Kopf bis Fuß, von außen und teilweise auch von innen verätzt. Etwas, das ich zu meinen Lebzeiten auf Midgard nicht überstanden hätte. Doch ich war schon tot und die Rückkehr aus Helheim änderte nichts daran. Ich konnte nicht noch einmal sterben und deshalb musste ich dieses unmenschliche Leid ertragen, ohne dass es einen Ausweg gab.
Wäre ich noch in der Lage gewesen, zu denken, hätte ich mich verflucht, diese wahnsinnige Idee in die Tat umgesetzt zu haben. Lediglich einen Anzug, der die Säure abweisen sollte und einige Tabletten, die mein Innerstes vor ihrer zerstörerischen Kraft schützen sollten, hatte ich in Helheim auftreiben können, bevor ich mich auf diesen Weg begab. Die Hilfsmittel hatten lächerlich wenig der ätzenden Flüssigkeit von meinem Körper abhalten können und dennoch verdankte ich ihnen wohl, dass mein Leib sich nicht komplett in Fetzen aufgelöst hatte. Dass meine Augen noch Schemen erkennen könnten, wenn ich in der Lage gewesen wäre, sie zu öffnen. Und dass meine Lungen noch funktionierten, auch wenn jeder Atemzug eine Qual war.

Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur dalag, doch meine Haut begann langsam zu verkrusten, als ich zum ersten Mal die Augen aufschlug. Die ganze Welt bestand nur aus Schatten, doch sie formten sich zu dunklen Felsen und Geröllbergen um mich her, als ich den Blick unter meinen blutigen, halb geschlossenen Augenlidern wandern ließ.
Die Schmerzen waren kaum zu ertragen, als ich den Oberkörper vom Boden hob und ich war froh, nicht sehen zu können, wie Schichten meiner Haut vom langen Liegen am Felsboden hängen blieben. Was ich von der Umgebung ausmachen konnte, war mir völlig fremd, außerdem düster und unansehnlich.
Mein Blick erreichte einen einzigen, markanten Punkt in dieser Ödnis und ohne mich wirklich dafür zu entscheiden, begann ich, darauf zu zu kriechen. Langsam, Stück für Stück schob ich mich über den Boden. Die Schmerzen waren zu stark, um Euphorie darüber zu empfinden, dass ich aus Helas Reich entkommen war und ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führen würde, doch mein Antrieb, meine Hoffnung, war noch immer präsent in meinen Gedanken. Mein Kind, ich musste mein Kind finden.
Und deshalb kroch ich auf den einzigen Punkt zu, der sich aus dieser Ödnis hervorhob: Ein Felsmassiv, das sich zwischen den Hügeln und Gipfeln in Richtung des dunklen Himmels reckte. Ein riesiger Steinbrocken in Form einer gigantischen Nase.
~~


Nemie keuchte auf, als er seine Magie aus dem Geist der Fremden zurück rief und sie in seinen Körper wiederkehrte. Zu groß waren die Schmerzen und das Grauen, was er mit ihr gefühlt hatte, zu zehrend das Bangen und Hoffen. Und zu überwältigend die Erkenntnis, wo sich der Säuresee befinden musste, der die Grenze zu Heilheim darzustellen schien. Die Frau hatte von seinem Ufer aus den sonderbar geformten Felsen gesehen, den auch Nemie und Caleb bei ihrer Wanderung durch die Zwischenwelt als Orientierungspunkt genutzt hatten. Er war nicht weit von hier – und so nahe an Helheim, dass Nemie dort seine Fylgia, den jungen Dunkelfuchs, hatte sehen können. Ganz vage konnte Nemie sich noch an den Weg dorthin erinnern, den er in umgekehrter Richtung mehr tot als lebendig gekrochen war.
Er sprang etwas zu schnell auf und musste sich an der steinernen Wand abstützen, um auf seinen wackeligen Beinen nicht zu fallen, doch er ließ sich wenig Zeit, um zu verschnaufen. Mehr stolpernd als gehend bewegte er sich auf den Ausgang der Höhle zu. Er hatte ein Ziel, er hatte endlich wieder ein Ziel, auch, wenn ihm noch schleierhaft war, was er tun wollte, wenn er es erreicht hatte.


Thor warf so wahllos und unkonzentriert Dinge in die offen neben dem Bett stehenden Satteltaschen, dass Jane mit einer Engelsgeduld beinahe jedes Teil wieder ans Tageslicht beförderte und zurück in den Schrank oder auf den Schreibtisch räumte. Nebenher bekam sie es dennoch hin, vernünftige und brauchbare Dinge auf einen großen Stapel zu legen, den sie, nachdem Thor den Versuch, selbst zu packen, endlich mit einem Stöhnen aufgegeben hatte, in den Satteltaschen verstaute. Ihr lagen beruhigende Worte auf der Zunge, doch sie sprach sie nicht aus. Schwieg lieber, weil sie wusste, dass „mach dir keine Sorgen“ Thor im Moment nicht half. Dass es ihn nur noch verzweifelter machen würde und ihm noch mehr das Gefühl gab, versagt zu haben. Als König, als Ehemann, als Bruder.
Auch über seine Lippen war kein einziges Wort gekommen, seit sie ihre Gemächer betreten hatten, um sich auf die bevorstehende Reise vorzubereiten. Wahrscheinlich war es durch seine krampfhaft aufeinander gepressten Kiefer auch gar nicht möglich, überhaupt einen Laut hervorzubringen. So schwiegen sie beide und Jane kam nicht umhin, ihren Gedanken nachzuhängen. Den Gedanken daran, was hätte sein können.
Was hätte sein können, wenn Odin Loki damals, als er ein kleines, schutzloses Baby in der Kälte Jotunheims gewesen war, nicht gerettet hätte. Wenn Thor nie einen Bruder gehabt hätte, sich keine Sorgen machen müsste, welche Probleme Loki als nächstes – bewusst oder unbewusst – heraufbeschwor. Wenn sein Bruder keine gefährliche Schwachstelle in der Gefühlswelt des sonst so starken und gefestigten Mannes darstellen würde.
Hätte Odin damals gewusst, wie viel Leid er seinem leiblichen Sohn und auch der ganzen Welt, die unter seiner Herrschaft stand, hätte ersparen können, wenn er das Kind einfach im Eis zurückgelassen hätte – wie wäre seine Entscheidung wohl ausgefallen? Hätte er Loki sterben lassen, noch bevor er die Chance bekommen hätte, zu leben? Und noch beißender und unerträglicher die Frage: Wäre es besser gewesen? Für Thor. Für Asgard.
Jane graute vor diesen Gedanken und doch ließen sie sich nicht abschalten. Immer und immer wieder kamen sie ihr in den Kopf. Immer und immer wieder versuchte sie, sie zurück zu drängen. Besonders erfolgreich war sie damit nicht.
Sie hatte Lokis gute Seiten kennen gelernt, vor allem im letzten Jahr, hatte gesehen, wie liebevoll er mit seinem Sohn umging, hatte ihn lachen und scherzen gehört, manchmal beinahe ohne den bitteren Unterton, der so sehr zu seiner Stimme gehörte, dass es sonderbar war, ihn zu missen. Sie mochte Loki, auf eine seltsame Art und Weise. Und sie wusste, dass sie es auch seinen Taten zu verdanken hatte, dass Thor und sie sich überhaupt begegnet waren. Ohne Loki wäre Thor damals zum König gekrönt worden. Wäre Loki nicht gewesen, hätte Odin seinen Sohn nicht auf die Erde verbannt und Jane hätte ihn nicht mit dem Wagen angefahren. Und dennoch… dies waren egoistische Motive, hier ging es um viel mehr. Und wäre es für Asgard nicht tatsächlich besser gewesen, wenn Loki damals…

„Woran denkst du?“ Thors Worte kamen so unerwartet, dass Jane zusammenzuckte. Sofort sah er sie erschrocken an und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Entschuldige bitte“, sagte er schnell. „Ich wollte nicht… du...“ Er brach ab, sah sie erst forschend an, dann entschuldigend, beinahe gequält.
„Es tut mir Leid, dass ich dir so viel abverlange“, murmelte er und trotz seines sonst so mächtigen Erscheinungsbildes sah er aus wie ein kleiner, unsicherer Junge. „Ich weiß, dass ich lernen muss, ein König zu sein, auch dann, wenn es um Loki geht. Aber ich versuch es jetzt schon so lange und ich kann es einfach nicht. Das ist gefährlich. Für Asgard. Diese Nachricht von Freyr – sie hat mir wieder einmal bewiesen, dass ich kein König sein kann, solange Loki frei ist.“ Er brach abrupt ab und biss sich auf die Lippe.
„Was?“, flüsterte Jane, doch sie wusste eigentlich, welcher Gedanke dazu geführt hatte, das Thor sich selbst unterbrochen hatte.
„Ich werde Loki nicht wieder einsperren“, erwiderte Thor. „Wir wissen beide, wie sehr er die Freiheit liebt, das würde ich nicht noch einmal übers Herz bringen. Vor allem, weil er nichts getan hat. Dieses Mal nicht.“ Er verstummte und Jane spürte, dass er sich genauso vor den nächsten Worten fürchtete, wie sie es tat. Denn sie würden Folgen von gigantischem Ausmaß haben.
„Wenn wir aus Albenheim zurück kehren, egal wie unsere Gespräche mit Freyr ausgehen, werde ich die Krone niederlegen“, sagte er tonlos. „Ich kann kein König mehr sein.“


Loki erreichte die Anhaltspunkte, die Corda ihm geschildert hatte, mühelos. Auch wenn er nie  zuvor hier gewesen war, hatte er so viel Erfahrung mit dem Reisen zwischen den Welten, dass er wusste, worauf zu achten war. Er hatte gelernt, die kleinen Zeichen zu deuten und die unterschiedlichen Schattierungen in den Zwischenwelten so genau zu bestimmen, dass er nie Gefahr lief, sich zu verirren. Der Felsen, der über ihm aufragte, hatte die Form einer Nase und etwas weiter konnte er das steinerne Tor ausmachen, das Corda erwähnt hatte. Trotz der Düsternis war es deutlich erkennbar. Dennoch blieb Loki stehen. Nicht, weil er sich des Weges nicht sicher war. Nein, da war etwas anderes, das ihn aufmerksam umher spähen ließ, die Augen zusammengekniffen, als könne er damit besser erkennen, was dort vor ihm auf dem Weg seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war die Anwesenheit einer Person und Loki streckte imaginäre Finger aus Magie nach ihr aus, um zu erspüren, ob eine Gefahr von ihr ausging. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine magische Aura ausmachen zu können, schwach und durch die Umstände dieser Welt gedämpft, doch im nächsten Moment war sie verschwunden und Loki war sich nicht sicher, ob er sie sich nicht nur eingebildet hatte. Was er stattdessen spürte, was der Geschmack von Metall in der Luft und der Geruch von ungewaschener Kleidung und er entschied nach kurzem Zögern, sich zurückzuziehen. Was er jetzt am wenigsten gebrauchen konnte, war eine Auseinandersetzung.
Mit gezücktem Dolch verschwand er lautlos in einer Felsspalte und lauschte, mit dem Rücken gegen den kalten Stein gepresst, hinaus in die Dunkelheit. Schritte nährten sich, rasch, beinahe etwas hektisch, wurden lauter und gingen vorbei, ohne den Mann in seinem Versteck zu bemerken. Loki schüttelte leise den Kopf. Er musste sich geirrt haben – der Reisende konnte kein Magier sein, schien er Lokis Aura doch nicht im geringsten bemerkt zu haben. Vorsichtshalber verweilte er dennoch etwas im Verborgenen, bevor er seinen Weg fortsetzte, doch von dem Fremden war keine Spur mehr zu sehen. Magier oder nicht, es war geradezu dumm, so achtlos durch eine Welt wie diese zu stolpern.
„Was für ein Narr“, murmelt Loki vor sich hin, während er weiter auf das steinerne Tor zuging, den Dolch dieses Mal fest umschlossen. Auf alles gefasst.


Wie sehr hätte es Nemies Herz erleichtert, wenn ihm bewusst gewesen wäre, wie nah ihm sein Vater in diesem Moment war. Dass er nur einen Schritt davon entfernt war, den mächtigsten Verbündeten wieder an seiner Seite zu wissen, den er sich wünschen konnte. Doch seine Magie war durch die Reise in die Vergangenheit der fremden Frau viel zu schwach – sowohl, um von Loki erkannt zu werden, als auch um damit dessen starke magische Aura aufzuspüren. Deshalb hastete Nemie am Versteck seines Vaters vorbei, die Augen fest auf sein Ziel gerichtet. Nur nicht stehen bleiben.
So verpassten sich Vater und Sohn, die sich doch beide nichts sehnlicher wünschten als einen Weggefährten. Nein, nicht irgendeinen Weggefährten. Genau den, der ihnen hier durch die Hand des Schicksals um Haaresbreite entgangen war.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast