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Bring ihn heim (Fortsetzung zu "Gitter brach mein Wiegenlicht")

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Jane Foster Loki Thor
13.03.2017
19.01.2021
36
76.684
9
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13.01.2021 2.103
 
33. Langsame Genesung.

Nemie lief der Schweiß in Strömen übers Gesicht, während er immer wieder versuchte, Vins Anweisungen zu befolgen. Die junge Frau schaffte es ohne sichtliche Anstrengung, ein kleines Feuer zu entzünden oder einen beliebigen Gegenstand aus der Luft zu erschaffen, doch ihm selbst wollte es einfach nicht gelingen.
Immer, wenn er gerade glaubte, die Magie nahe genug zu sich herangezogen zu haben, entwischte sie ihm wieder, verschwand, scheu wie ein Reh, ganz tief in seinem Inneren, wo er sie mühsam aufs Neue versuchte, hervorzulocken. Es war ein nervenverzehrendes Bemühen, da es so gar keinen sichtbaren Erfolg erzielte und aus einem einzigen, verbissenen Ringen mit sich selbst bestand. Immer wieder war Nemie kurz davor, resigniert aufzugeben, doch Vin ließ es nicht zu.
„Ich habe eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, um die erste kleine Flamme entstehen zu lassen. Hab Geduld“, sagte sie dann. Oder: „Du musst dir Zeit geben. Es ist, als müsste man noch mal ganz von vorne beginnen.“ Doch meistens machten ihn ihre Aussagen nur noch rasender und verbissen versuchte er, doch einen kleinen Zauber zu wirken, nur um wenigstens Vin zum Schweigen zu bringen. Aber es wollte einfach nicht klappen.
Irgendwann legte die junge Frau ihm die Hand auf die Schulter und meinte: „Lass es gut sein für heute. Morgen ist auch noch ein Tag.“ Nemie spürte, wie erschöpft er war, dass sein Herz raste und seine Hände zitterten, doch er wollte nicht aufgeben. Als er nicht auf Vins Rat hörte, stand sie mit einem Achselzucken auf und verließ die Höhle.
„Es nützt dir nichts, wenn du dich überanstrengst“, sagte sie noch, dann war sie verschwunden und ließ Nemie alleine. Immer wieder versuchte er, seine Magie aus der Reserve zu locken und immer wieder entwischte sie ihm im letzten Moment. Irgendwann, lange nachdem Vin gegangen war, gab er es schließlich doch auf. Die verbissene Anstrengung war einer allumfassenden Müdigkeit gewichen. Als er sich erheben wollte, um zurück in die große Höhle zu gehen und sich auszuruhen, knickten seine Beine unter ihm weg. Schwer atmend saß er da, mit bleiernen Augenlidern und dröhnendem Schädel. Schließlich rollte er sich auf dem harten, unebenen Boden zusammen und schlief trotz der ungemütlichen Statt innerhalb von Sekunden ein.

„Ich hab dir gesagt, du sollst es nicht übertreiben“, weckten Nemie eine Stimme und ein nicht sonderlich sanfter Stoß an der Schulter. Nemie blinzelte und drehte sich auf den Rücken, um zu Vin aufschauen zu können, die neben ihm stand und auf ihn hinuntersah. Jetzt stellte sie einen Teller mit klumpigem Wurzelbrei und Brot, sowie einen Becher Wasser neben ihm ab. Nemie gähnte. Ihm taten alle Glieder weh und sein Kopf fühlte sich an, als habe er nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht über philosophischen Texten gebrütet.
„Mir geht es gut“, wollte er trotzig erwidern, aber seine Stimme machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Sie klang so matt, dass sie Vin sogar ein leises Kichern entlockte.
„Iss erst mal und trink etwas“, sagte sie. „Und dann hältst du dich in Zukunft vielleicht an meine Anweisungen. Ich bilde mir doch ein, ein bisschen mehr Ahnung von dem Leben hier zu haben als du.“ Nemie nickte geschlagen, dann setzte er sich auf, wobei er sich jedes Stöhnen verkniff, und begann das Brot zu essen. Vin beobachtete ihn eine Weile dabei, dann setzte sie sich neben ihn.
„Am Anfang war ich genauso verbohrt wie du“, sagte sie irgendwann und ihre Stimme klang anders als sonst. Beinahe freundlich. „Zielstrebig, aber auch schrecklich stur.“ Sie musterte ihn, dann fügte sie nachdenklich hinzu: „Ich glaube, wir sind uns ganz schön ähnlich, Nemie Lokison.“

„Wenn man zwischen den Welten geboren ist, kann man anders vielleicht gar nicht überleben“, gab Nemie zu bedenken. „Vielleicht muss man einfach ein Dickschädel sein, um dieses Leben zu packen.“ Sie nickte bedächtig.
„Wahrscheinlich hast du Recht“, sagte sie, dann schlich sich ein Grinsen auf ihr Gesicht. „He, du bist gar nicht so dumm, wie ich dachte, Kleiner.“ Sie schlug ihm gönnerhaft auf die Schulter und bei ihrer zierlichen Statur wirkte diese Geste so albern, dass Nemie sich vor Lachen an einem Brotkrümel verschluckte. Vin klopfte ihm den Rücken, bis er wieder einigermaßen atmen konnte.
„Hoffen wir, dass Kayt das auch irgendwann noch feststellt“, gab er zu bedenken, als er sich wieder gefangen hatte. Sofort verdüsterte sich Vins Miene wieder.
„Darauf kannst du lange warten“, murmelte sie. „Kayt ist von uns allen wahrscheinlich der größte Dickschädel.“ Und nach einer kurzen Pause, in der sie grimmig über Nemies Schulter hinwegstarrte, meinte sie: „Lass uns weitermachen. Irgendwann musst du das mit der Magie ja mal hinbekommen.“ Und dann begann sie wieder, ihn zu triezen, dass Nemie Hören und Sehen verging.



Loki spürte eine Unruhe in seinem Inneren, die ihm völlig unbekannt war. Sie stammte nicht aus seiner Gefühlswelt, sondern ging von der Magie aus, die gemeinsam mit seinem Körper jeden Tag ein kleines bisschen stärker wurde. Und je deutlicher er sie wieder spürte, desto klarer wurde ihm, dass etwas anders war. Dass sie ihn auf etwas aufmerksam machen wollte. Vermutlich hatte es mit Nemie zu tun – Loki hatte ja schon zuvor öfter festgestellt, dass er mit seinem Sohn durch die Magie auf eine unerklärliche Weise verbunden war. Dass er manchmal sehen konnte, was Nemie sah, hören, was er hörte, fühlen, was er fühlte.
Er wusste nicht, ob er beunruhigt sein sollte, weil seine Magie sich so ungewohnt anfühlte, aber sein Herz nahm dem Verstand die Entscheidung ab. Er machte sich Sorgen, wie es für einen Vater nun einmal üblich war, dessen Sohn sich meilenweit, ja sogar in einer ganz anderen Welt befand. Meistens hatte er seine Sorge gut im Griff, aber in manchen Momenten überrollte sie ihn regelrecht. So nervös war er, dass seinen zitternden Fingern nicht nur einmal ein Teller oder eine Schüssel entglitt. Gedanklich abwesend fügte er dann die Scherben mit einem Wink seiner Hand wieder zusammen, während er darüber nachdachte, ob er sich schon wieder bereit fühlte, eine Trance auf sich zu nehmen. Es kostete ihn alle seine Selbstbeherrschung, es nicht zu tun.
Dafür versuchte er immer häufiger, Gullveig Informationen über die Weltenkinder zu entlocken. Dass Nemie scheinbar bei ihnen war, beruhigte ihn nur mäßig, solange er nicht wusste, wie sie mit ihm umgingen. Was, wenn sie Nemie nicht als einen von ihnen akzeptierten und ihn gefangen hielten? Vielleicht war es das, was seine Magie ihm krampfhaft zu sagen versuchte. Dass Nemie wieder eingesperrt war. Genauso wie das letzte Mal, als er ihn hatte ziehen lassen. Genauso wie seine gesamte Kindheit über. War es nicht irgendwann genug? Hatte Nemie nicht das Recht darauf, irgendwann nicht mehr von einem Kerker in den nächsten zu wandern?

Das einzige, was ihn ein wenig beruhigte, war das Wissen, dass Nemie nicht alleine war. Dass er Caleb an seiner Seite hatte, seinen besten Freund. Rias Bruder. Einen jungen Mann, der sowohl in der Lage war, sich zu verteidigen, als auch, Nemie die allerdümmsten Gedanken auszutreiben. Es war gut, dass er mit ihm gegangen war und Loki nahm sich vor, ihm zu danken, sobald sie sich wiedersahen.
Gullveig dagegen half ihm was seine Nachforschungen zu Nemies Aufenthaltsort anging nicht sehr viel weiter, obwohl er sich sicher war, dass sie mehr wusste, als die vagen Andeutungen, mit denen sie immer wieder versuchte, ihn abzuspeisen. Ärgerlicherweise nützten ihm bei ihr all sein Verhandlungsgeschick und seine Redekunst nicht das geringste. Als schwebe sie in ihrem Wissen außerhalb seiner Reichweite versuchte er immer wieder vergeblich, sie einzufangen, ihr ein paar Worte mehr zu entlocken. Es gelang ihm einfach nicht. Das Einzige, was sie sagte, war, dass es Nemie nicht schlecht ging und dass Loki noch zu schwach war, um sich auf die Reise zu machen, aber er hatte das Gefühl, dass sie noch einen anderen Grund hatte, ihn aufzuhalten. Dass sie etwas wusste – etwas, das wirklich wichtig war – und es ihm nicht erzählte. In manchen Momenten machte ihn seine Hilflosigkeit schrecklich wütend.
Aber was blieb ihm anderes übrig, als abzuwarten? Und darauf zu vertrauen, dass Gullveig wusste, was sie tat. Nichts fiel ihm schwerer.



„Sie ist wach!“, keuchte eine atemlose Stimme und ließ Nemie zum wiederholten Mal die Kontrolle über seine Magie verlieren. Er wirbelte herum, funkelte den Eindringling wütend an und wollte gerade irgendetwas nicht sehr salonfähiges sagen, da wurde ihm bewusst, was die Worte bedeuteten, die Skudgr hervorgestoßen hatte. Der Junge, der seit Tagen verschwunden gewesen war, stand mit zerzaustem Haar und vor Aufregung weit aufgerissenen Augen im Eingang der Höhle und sah an Nemie vorbei zu Vin.
„Du meinst die fremde Frau?“, versicherte Vin sich noch, als Nemies Beine schon ganz von alleine anfingen zu laufen. Er rannte an Skudgr vorbei, durch die Gänge in Richtung der großen Höhle ohne dass sein Kopf den Beinen den Befehl zum Loslaufen gegeben hätte. Es geschah einfach.
Als er die Höhle erreichte, war er außer Atem von seinem Sprint, dennoch ging er schnellen Schrittes auf die Schlafstätte zu, auf der die Fremde lag und um die sich jetzt alle Bewohner der Höhle scharten. Doch Nemie hatte kaum einen Blick für sie übrig. Er nahm nicht einmal wirklich wahr, dass es Kayt war, der den kleinen Ejklah auf dem Arm trug, was ihn in anderen Augenblicken sehr verwundert hätte. Nemie bemerkte es nicht, denn er sah auf die Frau hinunter, die – gestützt von Calebs großen Händen – halb aufrecht im Bett saß und sich von Gersimi kleine Schlucke lauwarmer Suppe einflößen ließ. Ihre Lider waren halb geschlossen, sie wirkte, als wäre allein das wach sein schon wieder beinahe zu viel für ihren Körper. Und dennoch hob sie leicht das Kinn, um Nemie ihr Gesicht zuzuwenden, als er sich an ihre Seite setzte. Ihre vernarbten Mundwinkel verzogen sich zu einem schwachen Lächeln, als ihr von Schmerz und den wenigen Medikamenten, die Gersimi in dieser rauen Welt herstellen konnte, beherrschter Blick Nemie streifte.
„Das ist Nemie, er hat dich gefunden“, sagte Nelven, die an den Füßen der Frau saß und von deren Anblick weniger erschreckt zu sein schien als alle anderen es zu Beginn gewesen waren. Die Fremde nickte leicht, scheinbar hatte sie verstanden.

„Wer bist du?“, fragte Nelven weiter und sofort schien es noch stiller in der Höhle zu werden. Auch Vin und Skudgr, die gerade eintrafen, huschten intuitiv auf Zehenspitzen zu ihnen herüber, ohne einen Laut von sich zu geben. Alle hingen an den Lippen der Fremden, die sich öffneten und schlossen, ohne dass ein Ton darüber kam.
„Lass ihr Zeit, sie ist immer noch sehr schwach“, sagte Gersimi mitfühlend und strich der Fremden fürsorglich das struppige Haar aus dem Gesicht, aber in ihren Augen lag mit einem Mal ein entschlossener Ausdruck, beinahe manisch. Wieder wurden es totenstill. Dann kamen tatsächlich Silben über ihre Lippen. Bröckelnd wie alter Putz und doch mit einer Intensität, die Nemie schaudern ließ.
„Ma. Kin. Ma. Kin. Ma. Kin.” Immer wieder. Als habe sie schon lange Zeit nichts anderes mehr gesagt. Als wäre es das einzige, was für sie von Bedeutung war.
“Makin? Ist das ihr Name?”, wisperte Caleb so laut in Gersimis Ohr, dass auch die anderen es hören konnten, doch die schüttelte nur ratlos den Kopf. In diesem Moment hustete die Fremde. Ihr schmaler Körper wurde so sehr geschüttelt, dass Nemie Angst hatte, sie könnte daran zerbrechen. Etwas hilflos versuchte Caleb ihr den Rücken zu klopfen und sie gleichzeitig weiterhin zu stützen. Nelven streichelte ihre Knie und die anderen saßen etwas überrumpelt da. Dann begann Ejklah zu schreien und Kayt stand auf und ging mit ihm umher. Keiner beachtete ihn, nicht einmal Vin, die wie alle anderen auch besorgt auf die Fremde sah, die sich nur langsam wieder fing. Dann sank sie unter Calebs Händen in die Kissen.
„Was ist mit ihr?“, fragte Nelven mit bestürzter Miene und Skudgr, der neben sie getreten war, legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte er und klang dabei so gar nicht nach dem hasserfüllten Jungen, den Nemie kennen gelernt hatte. Nur wie ein besorgter großer Bruder, der seiner Schwester die Illusion nicht nehmen möchte, dass die Welt eine schöne war. Auch, wenn sie andere Erfahrungen gemacht hatte.
„Ist sie wieder bewusstlos?“, fragte Gersimi leise und machte sich daran, die eingefallene, vernarbte Wange zu streicheln. Doch da flackerten die Lider der Frau und unter sichtlicher Anstrengung öffnete sie die Augen wieder, sah von einem zum anderen – noch immer einen leichten Anflug von Wahn im Blick – und dann sprach sie erneut. Leiser zwar, schleppend, aber dafür verstanden die Anwesenden jetzt, was sie sagte. Auch, wenn sich niemand einen Reim darauf machen konnte.
„Mein Kind. Mein Kind.“ Und nach einer kurzen Pause ein Wort, das Nemie eine Gänsehaut bescherte, ohne dass er so recht wusste warum. „Fort.“ Dann wurde sie tatsächlich wieder bewusstlos.
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