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Bring ihn heim (Fortsetzung zu "Gitter brach mein Wiegenlicht")

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Jane Foster Loki Thor
13.03.2017
27.02.2021
38
80.763
10
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Dieses Kapitel
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13.03.2017 1.480
 
Prolog.

Es roch nach Tod, als Loki die Augen aufschlug. Verwirrt sah er sich um. Sein Kopf schmerzte und ihm war schwindelig.
Gerade hatte er mit seinem Bruder Thor noch auf den Klippen vor Asgards Mauern gespielt. Unter ihnen hatte das Meer getobt. So tief, dass die schäumende Gischt nicht bis zu ihnen heraufreichte, obwohl das Wasser mit unbändiger Kraft gegen die Steine schlug.
Natürlich war es Thors Idee gewesen, hinunterzusteigen. Er war schon immer neugierig gewesen. Und dabei so unfassbar leichtsinnig, dass es an ein Wunder grenzte, wie unbeschadet er bisher aus all den brenzligen Situationen herausgekommen war, in die er sich stets aufs neue begab. Loki war anders. Ganz anders. Er hasste es, wie sein Bruder sich immer wieder in unbekannte Gefilde hineinwagte, ohne auch nur einen Moment nachzudenken, was passieren konnte. Und doch folgte er ihm immer wieder. Weil die Angst, seinen Bruder zu verlieren, die Angst um sein eigenes Leben bei weitem übertraf.
Und nur deshalb hatte er sich Thor auch jetzt wieder angeschlossen, als dieser sich ohne den Anflug von Furcht über den Rand der Klippe geschwungen und begonnen hatte, die steile Felswand hinunterzuklettern. Noch bevor Loki auch nur einen Fuß auf einen schmalen Vorsprung hatte setzen können, war Thor ihm schon mehrere Meter voraus.

Und dann erinnerte Loki sich nicht mehr an viel. Er war ausgerutscht, seine schmalen Hände hatten keinen Halt mehr an der glatten Wand gefunden. Er war gefallen, Thors erschrockenen Aufschrei im Ohr. Immer tiefer und tiefer. Dann waren da unerträgliche Schmerzen und im nächsten Moment nichts als Dunkelheit.
Und jetzt lag er hier, mitten in einer öden, steppenartigen Landschaft mit diesem sonderbaren Geruch, von dem ihm schlecht wurde. Er sah an sich hinab, doch von Verletzungen, die er sich bei seinem Sturz zugezogen haben musste, war nichts zu sehen. Die schwarze leichte Leinenkleidung war unversehrt und auch seine Hände, die schon nach den ersten Sekunden seines Kletterversuches zu bluten begonnen hatten, waren wieder heil. Nur sein Kopf dröhnte, als hätte jemand mit einem Paukenschlegel dagegen gedonnert.
Er rappelte sich auf, ließ den Blick über die Ebene schweifen und fragte sich zum wiederholten Mal, seit er sich hier wiedergefunden hatte, wo er war.
Doch als er die Stimme hörte, die urplötzlich und wie aus dem Nichts seinen Namen wisperte, wusste er sofort, was die Antwort auf seine Frage war. Und im selben Moment begann er am ganzen Leib zu zittern. Er wollte sich nicht umdrehen – hatte schreckliche Angst davor, dass seine grausame Vermutung bestätigt wurde – und tat es doch.

Die Frau, der er gegenüberstand, sah ihn mit einem sanften Lächeln an, beinahe herzlich hätte es wirken können, wäre ihm nicht bewusst gewesen, wer sie war. Ihr Name lag auf seiner Zunge und brannte wie ein Stück glühende Kohle, doch er wagte es nicht, ihn auszusprechen.
Sie streckte ihm eine Hand entgegen und wie von selbst verschränkten sich Lokis Finger hinter seinem Rücken. Er wollte sie nicht berühren, wollte nicht, dass sie ihn an sich zog, so nah, dass er ihren Atem würde spüren können, der jetzt schon die Luft um ihn her erfüllte. Doch er würde keine Wahl haben. Niemand hatte das.
„Weißt du nicht, wer ich bin?“, fragte sie nun und strich wie beiläufig den schwarzen Schleier etwas zur Seite, der die linke Hälfte ihres Gesichts verbarg. Loki wollte nicht hinsehen, weil er wusste, was ihn erwartete, doch es war nicht möglich. So schön wie die rechte Seite des Antlitzes der Frau war, so hässlich war die linke, die nach wenigen Wimpernschlägen wieder im Schatten des Schleiers lag. Doch Loki hatte genug gesehen um seine schlimme Vermutung bestätigt zu wissen.

„Hela“, krächzte er und seine Stimme klang noch dünner, als sie es sonst schon tat. Wie oft er sich darüber geärgert hatte, dass Thor bereits in seinen jungen Jahren mit der polternden Stimme eines Jugendlichen gesegnet war, während er selbst noch immer herumkiekste wie ein Kind. Doch wahrscheinlich hätte selbst Thor beim Anblick der Todesgöttin die Stimme versagt. Helas Lächeln wurde noch breiter.
„Willkommen in meinem Reich, Loki, Asenprinz“, sagte sie, trat auf ihn zu und sah dabei beinahe verzückt aus. Loki stockte der Atem, als sie langsam ihre rechte Hand hob und über seine Wange fuhr. Er hatte erwartet, dass ihre Finger kalt und abstoßend sein würden, doch ihre Berührung war bei weitem nicht so unangenehm, wie er geglaubt hatte. Ihr Blick wurde trunken und sie machte Loki Angst mit dem fast schon schwärmerischen Ausdruck, der sich auf ihr Gesicht legte, während sie ihn eingehend betrachtete. Dabei fuhr sie langsam seine Gesichtszüge nach. Die gerade Nase, die hervortretenden Wangenknochen, die trotz der Kindheit bereits verhärtete Falte über der Nasenwurzel. Loki stand da wie festgefroren, bis sie schließlich von ihm abließ, einen Schritt zurück trat und leise seufzte.

„Wie traurig, dass deine Zeit so früh gekommen ist“, murmelte sie dann zu Lokis Erstaunen mit ehrlichem Mitleid in der Stimme. „Wirklich zu schade...“ Ein Kloß bildete sich in seiner Kehle und sein Herz begann zu rasen. Er hatte noch nie davon gehört, dass Hela zu Empathie fähig war. Und nur deshalb wagte er es, die nächsten Worte auszusprechen, obwohl seine sonst so wortgewandte Stimme zitterte:
„Und deshalb bitte ich Euch, Hela, Herrin über Helheim, mich dieses Mal zu verschonen. Ich bin jung und es gibt noch so viele Dinge, die ich tun möchte, die ich lernen und wissen will, bevor ich gehen muss. Und ich hatte nicht einmal die Zeit, mich von meiner Familie zu verabschieden. Thor wird sich Vorwürfe machen. Frigga wird weinen. Und Odin...“ Er zögerte. Was würde sein Vater tun? Doch Hela unterbrach ihn, bevor er den Gedanken zu Ende führen konnte.

„Wenn ich dich jetzt gehen lasse, wirst du nicht zurück kommen“, erwiderte sie traurig, hob ihre Hand erneut und legte sie an seine Wange. „Bleib bei mir und ich werde dich zu meinem Prinzen machen, Loki Odinson.“ Ihre Stimme wurde schmeichelnd. „Du kannst Herrscher über mein Reich werden. Möchtest du das nicht? Herrschen? Jetzt wärst du mein Sohn, später kannst du mein Geliebter werden, denn ich altere nicht. Am Ende wärst du gar mein Vater – der Herr der Finsternis. Der Herr Helheims. Versteh mich. Ich hatte nie einen Sohn. Nie einen Geliebten. Nie einen Vater. Du könntest es sein. Ich kann dich nicht wieder gehen lassen.“ Ihre Worte wirkten ebenso betörend wie abstoßend auf den Jungen. Doch weder das eine noch das andere Gefühl war Grund, dass er die nächsten Worte aussprach. Vielleicht gaben sie ihm nur den Mut dazu.
„Und wenn ich dir verspreche, wieder zu kommen?“, stammelte Loki und seine Silberzunge verknotete sich bei den Worten beinahe, so groß war seine Angst, dass sie nutzlos sein könnten. „Wenn ich verspreche, dass ich nicht warten werde, bis ich irgendwann von alleine sterbe, sondern dass ich zurückkomme. Zurück zu dir? Dass ich dann sein werde, was auch immer du dir wünschst – Sohn, Geliebter, Vater. Würdest du dann.. würdest du...“ Er stockte, als er spürte, wie Helas Daumen zärtlich über seine Wange strich und sich ein Ausdruck auf ihr Gesicht legte, der voller Schmerz war.

„Es ist kein Fall bekannt, in dem die Herrin der Unterwelt jemals einen Verstorbenen zurück ins Leben entlassen hat“, flüsterte sie. „Das weißt du, nicht wahr?“ Loki nickte mit trockenem Mund.
„Aber dir kann ich den Gefallen nicht abschlagen“, fuhr sie voller Wehmut fort, „auch wenn ich weiß, dass sie dich den Lügenprinzen nennen. Die Gewissheit, dass jeder früher oder später zu mir kommt, lässt mich den Abschied verschmerzen.“ Loki riss die Augen auf. Er konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Ließ Hela wirklich Gnade walten? Doch er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick legte die Totengöttin ihre Lippen auf seine Stirn und dann wurde erneut alles schwarz.

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Endlich! Nach über zwei Jahren bin ich so weit, die Fortsetzung zu meiner Geschichte Gitter brach mein Wiegenlicht online zu stellen. Ich freu mich schon wie verrückt, ein weiteres Mal diese Welt mit euch zu teilen und euch mit auf eine Reise zu nehmen, welche die Protagonisten durch beinahe alle Welten Yggdrasils führt. Dieses Mal wird es düsterer, denn Nemie, Loki und ihre Verbündeten lassen sich auf Hela, die Totengöttin persönlich, ein. Ob sie gegen die Herrscherin der Finsternis bestehen können?
Ich hoffe sehr, dass ihr dieser Geschichte mit genauso viel Begeisterung und Hingabe folgt wie ihrer Vorgängerin und freue mich immer über Reviews! :)

Mit den allerliebsten Grüßen, Jule

PS: Es bietet sich an, Gitter brach mein Wiegenlicht gelesen zu haben, um die Charaktere und ihre Vorgeschichte kennen zu lernen. Für alle, die das nicht wollen, wird es am Anfang des ersten Kapitels eine Zusammenfassung geben.
PPS: Ich bleibe dem treu, die Titel dieser Reihe aus Songs von "Les Mis" zu klauen. "Bring ihn heim" selbst der Name eines Songs aus dem Musical.
PPPS: Im Moment habe ich geplant,einmal pro Woche ein neues Kapitel hochzuladen, diese Angabe ist aber ohne Gewähr ;)
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