Aufstieg zum Pass

von Nimuka
OneshotRomanze, Suspense / P12
Nimuka Prinz Chagum
13.03.2017
13.03.2017
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Aufstieg zum Pass

'Ich muss einfach mit ihm sprechen und mich entschuldigen, bevor sie wieder aufbrechen' dachte Nimuka, als sie geraume Zeit vor Sonnenaufgang zur Hütte schlich, in die Prinz Chagum einquartiert war. Bevor sie den schweren, mit großen Spiralmustern verzierten Vorhang am Eingang zurückschob, atmete sie tief ein – ihr junges Herz schlug ihr vor Aufregung bis zum Hals. –

Sie tritt lautlos ins matte Halbdunkel und braucht einige Zeit, um zu erkennen, dass das Lager vor ihr leer ist. Da nimmt sie den Schatten neben sich wahr. Sie zuckt zusammen – unmittelbar neben ihr steht stumm der Prinz im Dunkeln. Zu ihrem Erstaunen ist er vollständig angezogen, gegürtet und beschuht. «Prinz Chagum? Ich... ich bin es, Nimuka... ihr... du bist wach?», flüstert sie heiser. «Ich kann nicht schlafen, nach dem, was ich erfahren habe», kommt es nüchtern zurück. «Prinz Chagum, es tut mir so leid, dass ich dich beunruhigt habe, mit meiner Geschichte, ich wollte dich nicht erschrecken... bitte verzeih mir!» Nimukas Stimme zittert. Chagum wendet sich zu ihr: «Mach dir kein Gewissen, Nimuka, du hast nur deine Pflicht getan. Besser auch! Nun weiß ich, woran ich bin und wurde in meinem Entschluss bestärkt, nämlich zurück an den Hof zu meinen Eltern zu kehren. Dort werde ich gebraucht und... und vor allem muss ich herausfinden, was mit Sagum, meinem Bruder geschehen ist...», der Prinz verstummt. «Du willst flüchten?» flüstert Nimuka bestürzt. «Ja, ich kehre nach Kosenkyo zurück, noch heute Nacht breche ich auf.» Nimuka schluckt schwer, sie überlegt fieberhaft, dann ergreift sie mit beiden Händen Chagums Hand und sagt kurz entschlossen: «Ich kann dich führen! Ich kenne einen geheimen Pfad über einen alten Pass, eine Abkürzung. Du ersparst dir den langen Weg übers Tal und bist in zweieinhalb Tagen am Ziel.» Chagum merkt auf. «In zweieinhalb Tagen? Wirklich!? Und das willst Du wirklich für mich tun?!», der Druck seiner Hand verstärkt sich. «Ja, das ist überhaupt kein Problem, ich kenne mich hier bestens aus, ich finde den Einstieg auch im Dunkeln.» Er richtet sich auf, sucht ihren Blick im Halbdunkel... verwirrt lässt seine Hand zögerlich los. «Ich... danke Dir, Nimuka... ihr Yaku seid wirklich ein hilfsbereites Volk, das werde ich dir nie vergessen! «Bist du bereit?» Sie nickt. «So lass uns gehen, bevor der Tag anbricht!» «Komm!», wispert sie nur und sie verlassen lautlos den dämmrigen Raum.

Draußen herrscht noch die sternklare Bergnacht. Aber die Mondsichel steht schon tief an den schneebedeckten Gipfeln  der Ostberge. Nimuka führt Chagum zwischen den Rundhütten hindurch an den Rand des Dorfes und gelangt mit ihm auf einen ansteigenden Weg der in den Wald führt. Obwohl das Mädchen barfuss ist, bewegt es sich sicher und flink auf dem steinigen Boden. Rasch gewinnen sie an Höhe, der Wald schließt sich über Ihnen. Trotz der Dunkelheit legt Nimuka ein beachtliches Tempo ein. Nach einer geraumen Weile scheint es, als steche sie links ab ins Dickicht, aber Chagum bemerkt kurze Zeit später, dass sie auf einen schmalen, fast zugewachsenen Pfad gelangt sind, welcher nun recht steil die Bergflanke hoch führt. Nimuka ist ein Kind der Berge und sie hat das, was man gemeinhin den 'Bergschritt' nennt. Behänd bewegt sie sich in einem schwebenden Rhythmus voran. Chagum hingegen hat – aufgrund der überstürzten Flucht – schon anstrengende Tage hinter sich und kaum geschlafen. Als die Dämmerung die Nacht aufbricht, ist er atemlos und völlig erschöpft, so dass er zusehends ins Stolpern kommt. Nimuka nimmt ihn wortlos bei der Hand und zieht ihn unbeirrt weiter. Je größer ihr Vorsprung, desto geringer besteht die Gefahr, dass man sie einholen wird. Sie ist fest entschlossen, den Prinz über den Pass zu bringen... das... das ist sie ihm einfach schuldig!

Erst als die Sonne über dem gegenüberliegenden Bergzug des Tales aufgeht und sie einen Bach überqueren, legt Nimuka eine Pause ein. Chagum lässt sich erschlagen am Bach auf einer kleinen Kiesbank nieder. Er lehnt gegen einen Felsen, schließt die Augen und rührt sich nicht mehr. «Wir dürfen nicht lange bleiben!» warnt das Mädchen. «Im Dorf werden sie unsere Flucht sicher längst entdeckt haben! Wenn wir aber einmal den Pass überquert haben, wird die Verfolgung schwierig, das Gelände ist dort unübersichtlich, der Boden steinig, da haben wir gute Chancen durchzukommen!» Der Prinz nickt nur schwach. Nimuka stapft in den seichten Bach und kühlt ihre erhitzten Füße. Sie taucht die Hände ins eisige Wasser, trinkt in vollen Zügen und klatscht sich Wasser in Gesicht und Nacken. Spontan löst sie ein Tüchlein von ihrem Handgelenk, tunkt es in das köstliche Nass, kniet sich zu Chagum, benetzt damit sein Gesicht, taucht es erneut und träufelt ihm Wasser über die Lippen. Er trinkt vorsichtig, öffnet die Augen, lächelt schwach und sieht sie dankbar an. Sie staunt ihn an. Er hat ein vornehmes, ebenmäßiges Gesicht, obwohl es jetzt übernächtigt wirkt. Die helle Haut irritiert sie, aber seine tiefblauen Augen faszinieren sie ungemein. Sie lächelt ihn an, sie weiß gar nicht wie ihr geschieht, sie fühlt einfach... Freude... ja, das muss es wohl sein...

Auf ihren geschürzten Lippen erscheint ein Schmunzeln. Schließlich rafft er sich auf und erfrischt sich ebenfalls am Wasser. Da entdeckt Nimuka Yamabime-Früchte an der Böschung des Ufers. Natürlich! In dieser Höhe sind sie erst jetzt reif! Behänd klettert sie zu ihnen hinauf, pflückt einige und hüpft wieder zurück. Triumphierend strahlt sie dann den Prinzen an, übereicht ihm zwei der dunkelvioletten Früchte und beisst selber herzhaft zu. So kauern sie nebeneinander in der frühmorgendlichen Wildnis und stärken sich an den süßsauren Früchten, während sich rund um sie Vogelgezwitscher erhebt und die Sonne über ihnen die goldenen Blätter im klarblauen Himmel aufflammen lässt. Doch weit unter ihnen, in den Talboden, hat der Herbst schon fahlen Nebel gelegt.

Noch einmal trinken sie. Dann stiegen sie gestärkt weiter den schmalen Pfad hinauf. Die Worte sparen sie sich für den Atem. Trotzdem geht es bereits gegen Mittag, als sie die letzten Bäume hinter sich lassen und den kahlen Pass erreichen. Von hier aus hat man einen überwältigenden  Blick über die südlichen Ausläufer des Aogiri Gebirges. Bei Nimuka zeigen sich nun auch erste Ermüdungserscheinungen und Chagum ist sichtlich am Ende, er scheint im Gehen einschlafen zu wollen und taumelt an Nimukas Hand Schritt für Schritt vorwärts. Plötzlich schreit er leise auf, geht in die Knie und hält sich die Brust. Nimuka ist sofort bei ihm, kniet sich zu ihm hin und legt die Arme um ihn. «Mir war als hätte ich eine ganz andere Landschaft gesehen...», keucht er, «ich... ich kann nicht mehr...» Sie senkt ihren Kopf an seine Stirn. «Halt durch, Chagum!», beschwört sie ihn mit fester Stimme, «wir müssen nur noch auf die andere Seite des Passes, danach können wir uns zwischen den warmen Felsen ausruhen. Da kannst du eine Weile schlafen...» Sie streicht ihm tröstend übers Haar. Wie fein es ist, denkt sie verwirrt. «Komm Prinz, nur noch ein kleines Stückchen, es ist nicht mehr weit... wir...» Sie hält erschrocken inne. Sie hat eine Bewegung auf dem Felsen über ihnen ausgemacht, sie blickt abrupt hoch und erstarrt. Da steht breitbeinig in ihrem dunkelroten Mantel die Kriegerin mit dem mächtigen Speer aufgepflanzt und sieht mit grimmigem Gesicht auf sie herab. Nimukas Knie geben plötzlich nach, ihr Herz beginnt zu rasen und ihre Hand fährt zum Mund, Tränen steigen in ihre Augen... nun ist alles verloren. –