Die Fremden

von Nimuka
OneshotMystery, Suspense / P12
Balsa Nimuka
13.03.2017
13.03.2017
1
967
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Die Fremden

Früh hatte der Herbst in das abgelegene Tomi Einzug gehalten und das Laub des schlanken Bergahorns golden eingefärbt. Trotz des regnerischen Tages hatte sich Nimuka entschlossen Mahira-Früchte sammeln zu gehen. Jetzt waren sie reif genug um mit Zucker angesetzt zu werden. Spätestens im Winter würden sie dann zu diesen herben Likör vergoren sein, der von den Yakus so geschätzt wurde. Allen voran von ihrem geliebten Großvater – Soya.

Das halbwüchsige Mädchen tauchte zwischen die Bäume unterhalb des Dorfes. Sie liebte den ergebenen Atem des Waldes, gerade auch bei diesem Wetter. Nochmals lüftete er da einen Schleier seiner Geheimnisse – wenn seine Farben satt und trunken erstrahlten und er in seiner Frische eine übergroße Dankbarkeit verströmte. Auch Nimuka scheute das Wasser nicht, um so weniger sie durch den runden, breiten Strohhut vorzüglich vor dem Regen geschützt war. Sie ging barfuss und trug kurze Hosen, über die ein fellgefüttertes, ärmelloses Mäntelchen fiel, das ihre zierliche Gestalt weitgehend verbarg. Das glänzende, schwarze Haar hatte sie mit einer türkis eingefärbten Knochennadel hochgesteckt. Die zu einem geraden Strich geschnittenen Stirnfransen verliehen ihrem rundlichen Gesicht eine gewisse Strenge.

Sie summte leise. Da und dort pflückte sie verträumt die weichen, kirschenartigen Beeren von den Sträuchern und steckte sie in das tönerne Töpfchen, das sie mit sich trug. Unweit schrie plötzlich ein Fasan. Was ihn wohl gestört haben mochte? Eine unbestimmte Vorahnung befiel sie, vage und doch ausgeprägt. Sie horchte: Nichts. Sie schüttelte ihre Unruhe weitgehend ab und stieg wachsam tiefer. Doch irritiert hielt sie kurze Zeit später erneut inne. Waren da nicht Stimmen? Sie lauschte – der tiefgrün bemooste Wald um sie troff. Eben hatte es noch in Strömen geregnet, nun rissen, vom Wind getrieben, die Wolken auseinander und gaben da und dort den blauen Himmel frei. Der Regen ließ nach. Hier in den Bergen wechselte das Wetter rasch. Der Wald rauschte von den unzähligen Tropfen, die von Blatt zu Blatt fielen und Rinnsale bildeten. Sie presste den kleinen Tonkrug an ihre Brust und schloss die Augen. Ihre feinen, ebenmäßigen Züge verharrten in großer Konzentration. Da war es wieder! Eine tiefe, resolute Stimme und eine leisere, die dumpf durch das Rauschen drangen. Es kam von unten, vermutlich von der verlassenen Bärenhöhle, die an einer der steilen Abkürzungen ins Tale lag. Das Mädchen zog den Strohhut tiefer ins Gesicht, trat in den Weg und schlich die kalten, ausgetretenen Steinstufen hinunter. Wer mochte wohl um diese Jahreszeit zu ihrem abgelegenen Bergdorf unterwegs sein? Tomi war das höchstgelegene Dorf der Yaku auf dieser Talseite und lag ziemlich isoliert an der Flanke der ersten Kette der 'Blauen Nebelberge', wie das Aogiri-Gebirge von den Einheimischen auch genannt wurde. Nur sehr selten verirrte sich jemand hierher.

Je tiefer das Mädchen stieg, desto näher kamen die Stimmen. Kurz vor der Biegung, die den Blick zur Höhle freigab, trat Nimuka behänd in den Wald und arbeitete sich leise vor, bis sie sich hinter einem Fels gegenüber der Höhle befand, von dem sie, geschützt von Blattwerk und immer noch in geraumer Entfernung, einen Blick auf deren Eingang werfen konnte. Mit dem Rücken zu ihr stand eine stattliche Frau in einem weinroten Mantel, der ihr fast bis an die Fesseln reichte und von einem hellen Tuchgürtel zusammengehalten wurde. Der im Nacken zusammen gebundene, braune Pferdeschwanz, fiel ihr schwungvoll auf den breiten Rücken. In der rechten Hand hielt sie einen riesigen Speer, dessen Schaft neben ihren Füssen aufgepflanzt war – in ihrer Linken baumelte ein frisch erlegter Fasan. Das war es also! Ihre ganze Haltung verriet eine lauernde Anspannung, wie sie nur Kriegern zueigen war. Das Mädchen beschlich ein ungutes Gefühl. Nach der Kleidung zu schließen, war sie keine Yaku, sondern eine Fremde. Anders jener junge Mann im olivgrünen Gewand mit den weiten, mit Ringeln verzierten Ärmeln. Er, der vor der Frau stand und nun mit ruhiger Stimme das Wort an sie richtete, ihn ihm – nur schon von seiner etwas dunkleren Hautfarbe her – floss eindeutig Yakublut. Immer wieder schaute er zurück in die Höhle, wo sich offenbar noch jemand befand, doch war im Schatten nichts zu erkennen.

Als das Mädchen das Gewicht verlagerte, um mehr sehen zu können, knackte unerwartet ein Zweig unter seinen Füssen. Die Frau mit dem Speer wirbelte herum und entdeckte sie augenblicklich zwischen den Bäumen. Beinah gleichzeitig setzten sie sich in Bewegung. Nimuka sprang aus dem Gebüsch und flitzte den Weg hinauf; die Frau – blitzschnell – hintendrein. Als die Kleine gewahrte, dass sie kaum eine Chance hatte zu entkommen, packte sie vollends die Furcht, ihre Beine verhedderten sich und sie fiel unsanft hin, der Krug rollte ihr aus den Armen und innert Kürze war die Kriegerin bei ihr und stellte sich – den Speer im Anschlag – über ihr auf. Nimuka entfuhr ein erstickter Schrei, zitternd lugte sie mit geweiteten Augen unter der Hutkrempe in das strenge Gesicht ihrer Verfolgerin empor. Hinter dieser erschienen im Laufschritt der Mann im grünen Gewand und, nach einem Augenblick, zwei weitere Gestalten, eine kleine, verrunzelte Frau mit einem seltsamen Turban und zuletzt ein Knabe in einem dunkelblauen Cape, der mürrisch wirkte. «Ganz ruhig, Balsa, die Kleine gehört sicher zum Dorf!», ließ der Yaku entwarnend von sich vernehmen. Nimuka atmete erleichtert auf...