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Gründe,   "Shadowrun" zu mögen

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
10.03.2017
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Die jüngeren Leser werden sich vielleicht nicht daran erinnern, aber es gab tatsächlich mal eine Zeit, als alle Welt nicht von China oder von Indien als aufsteigende wirtschaftliche Großmacht Asiens sprach, sondern von Japan. Das sogenannte Japanische Wirtschaftswunder oder Japanese Miracle, das sich vom Wiederaufbau aus den Trümmern des 2. Weltkrieges zum Status als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt in den 1960ern äußerte, weckte im Westen für eine ganze Weile neue Fantasien  von Japan als „Gelbe Gefahr“, diesmal im wirtschaftlichen Kontext. Insbesondere die Tatsache, dass japanische Automobil-und Elektronikunternehmen in den 1970er Jahren damit anfingen, den  bisherigen amerikanischen Marktführern beträchtliche Marktanteile abzujagen, führte in den USA bei vielen Leuten zu der Erwartung dass Japan in naher Zukunft die USA als international einflussreichste Wirtschaftsmacht ablösen würde. In der amerikanischen Popkultur der späten 70er /80er/frühen 90er  Jahre äußerte sich dies in einer allzu menschlichen Mischung aus Bewunderung für die japanischen Leistungen; Faszination und Xenophobie für die aus westlicher Sicht in vielerlei Hinsicht unterschiedliche japanische Kultur und Ängste über den Verlust von  Wohlstand und Lebensstandard durch bevorstehende japanische Wirtschaftsdominanz.  Angefangen davon dass die Comic-Helden Wolverine und Daredevil nun in Japan Abenteuer erlebten, über das Thema von japanisch/amerikanischen Gegensätzen in Krimis/Thrillern wie „Rising Sun“ und „Black Rain“  oder Komödien wie „Gung Ho“,  bis zu Zukunftsvisionen japanischer Konzerndominanz in Science-Fiction-Filmen wie „Alien“ (Stichwort: Weyland-Yutani, im originalen Hintergrund-Kontext), „Blade Runner“ (das Stadtbild von Los Angeles) und „RoboCop 3“ (japanischer Konzern kauft Detroit auf).  Selbst in den japanischen Unterhaltungsmedien war man solchen Ideen nicht gänzlich abgeneigt.  Vergleich etwa das Setting des erstmals 1989 veröffentlichtem „Ghost in the Shell“-Franchise. Die Japanische Wirtschaftsstagnation Anfang der 1990er und die folgenden „Verlorenen Zwei Dekaden“ mit verschiedenen Wirtschaftskrisen machten solchen Visionen in der realen Welt dauerhaft ein Ende und reduzierten Japan im westlichen Popkultur-Bewusstsein zum harmlosen Heimatland von Sushi, Anime/Manga und diversen Kampfsportarten.

Als „Shadowrun“ im Jahr 1989 erstmals veröffentlicht wurde befanden sich solche Ängste in Amerika allerdings immer noch auf einem Hoch. Insofern wenig verwunderlich dass in diesem Universum, nach der weitgehenden Umwälzung der etablierten Weltordnung und dem Aufstieg von Großkonzernen als neue Machtblöcke, Japan als die Nation da steht, welche einer globalen Weltmacht noch am nächsten kommt, konkret durch eine Kombination aus:
*unverdrossenem Wirtschaftswachstum (die Shiawase Corporation erlangt  In-Universe im Jahr 2001 als erster Konzern der Welt das Recht auf Exterritorialität und im Jahr 2050 stammen fünf von zehn der weltweit mächtigsten Megakonzerne aus Japan)
*technologische Innovation (namentlich orbitale Solarkollektoren, deren Energieerträge Japan von Energieimporten aus dem Ausland unabhängig machen)
*das Erwachen des Großen Östlichen Drachen Ryumyo auf dem Berg Fuji und dessen Aufstieg als populäre Symbolfigur und Beschützer (und heimlich auch politischem Strippenzieher) der Nation
*Aufrüstung und Reorganisation der Selbstverteidigungsstreitkräfte (ironischerweise nach US-amerikanischem Vorbild, inklusive Kaiserliche Japanische Marines)
*Auseinanderbrechen und/oder außenpolitische Lähmung der anderen Pazifik-Mächte (insbesondere die USA, China und Russland) durch massive interne Probleme.

Gesellschaftspolitisch geht dies in Japan mit einer Revitalisierung von Nationalismus und Revisionismus in Tradition der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einher. Namentlich einer autoritäreren Regierung mit dem Tennō als erneut göttlich legitimiertem Staatsoberhaupt, der Rückumbenennung des Staates und aller damit verbundenen Institutionen von „Nippon-koku“ („Japanischer Staat“) in „Dai Nippon Teikoku“ („ Japanisches Kaiserreich“) sowie die Wiedereinführung des japanischen Selbstverständnis der „Yamato-Rasse“ als Staatsdoktrin.

Während nun in den meisten „Gelbe Gefahr“-Szenarien schon durch solche Umstände allein das japanische/chinesische/nordkoreanische Militär relativ mühelos die halbe USA militärisch überrennt, zeichnet „Shadowrun“ das ganze erstaunlich realistisch weiter. Vor allem anderen sind es die japanischen Konzerne (auch „Japanokons“) welche auf der ganzen Welt Niederlassungen etablieren. In ihrem Kielwasser folgen die verschiedenen Gruppen der Yakuza und als Nebeneffekt auch deren koreanische Hilfstruppen (welche später in Form der Seoulpa-Ringe eigene Syndikate gründen). Das japanische Militär betreibt Interventionen und Stützpunkte  in einem relativ glaubhaften Rahmen, wo immer „Leben und Interessen japanischer Bürger bedroht“ sind, namentlich:
*Korea (im Zuge des Zweiten Korea-Krieg oder „Koreanischem Wiedervereinigungskrieg“ 2005-2006, der in der Eroberung Nordkoreas nach dem Verlust seiner Atomwaffen und chinesischen Verbündeten endet)
*Königreich Hawai'i (nach finanzieller  Unterstützung japanischer Konzerne für die Na Kama'aina Movement/Army for the Liberation of Hawai'i und der Unabhängigkeit der Inselgruppe von den USA 2017, als Königreich unter einem entfernten Nachkommen der  Kamehameha-Dynastie)
*Philippinen (2011 totaler Zusammenbruch der zentralen Regierung, seit 2021 ein japanisches „Protektorat“ und seit 2027 eine „japanische Provinz“. Ergebnis: Endloskonflikt zwischen philippinischen Widerstandsgruppen und japanischen Besatzungstruppen)  
*San Francisco Bay Area, Freistaat Kalifornien (von den Nachbarstaaten Aztlan im Süden und Tír Tairngire im Norden in die Zange genommen, waren die Kalifornier 2036 verzweifelt genug Japan um Hilfe zu bitten…)
*Cairns, Australien (als Hauptquartier des Agrarkonzerns Saiki Corporation von „nationalem Interesse“)
*Peru (Lima ist das Tor nach Südamerika für die Japanokons)

In der allgemein sehr grauen Welt von „Shadowrun“ kommt Japan primär durch den staatlich verordneten Rassismus gegenüber Nicht-Japanern und Metamenschen als Bad Guys daher, insbesondere durch die allgemeine Zwangsdeportierung japanischer Metamenschen ab 2027 als „nationale Schande“ von den Heimatinseln auf die 2011 entstandene philippinische Vulkaninsel Lagu-Lagu (von den Japanern „Yomi“ genannt). Nicht das viele andere Nationen, vor allem in Nordamerika, in dieser Hinsicht viel besser abschneiden. Auf der anderen Seite machen die diversen „Shadowrun“-Medien klar, dass aus längst nicht alle Japaner dieser Ideologie folgen, aus verschiedenen Gründen. Die Japanokon und deren unzählige Tochterunternehmen etwa müssen aus schierem Pragmatismus im Ausland logischerweise vor allem Angestellte aus der lokalen Bevölkerung einstellen, ganz zu schweigen von der internationalen Kundschaft. Ebenso sind die Yakuza im Ausland stark auf Hilfskräfte und Laufburschen aus der lokalen Bevölkerung angewiesen. Und auch in den militärisch besetzten Gebieten brauchen die japanischen Truppen ihre Kollaborateure und Mitläufer.

Davon abgesehen bringen die wirtschaftlichen und militärischen Niederlassungen relativ neutral auch kulturelle Einflüsse in alle Welt, wie zuvor bei den USA. Japanische Popkultur findet überall Fans; der allgemeine  Straßenslang in Nordamerika und Europa  ist mit japanischen Begriffen durchsetzt;  der 2012 eingeführte New Yen (international  als „Nuyen“ verballhornt) ist die international führende  und praktisch überall akzeptierte Währung geworden (im Jahr 2050 sind im Wechselkurs 5 UCAS-Dollar einen Nuyen wert).

Allerdings ist auch die Welt „Shadowrun“ von stetiger Veränderung durchzogen und kein Imperium bleibt ewig unangefochten. Im Jahr 2061 wird der Pazifischer Feuerring von schweren Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis heimgesucht, welche nicht nur die Japanischen Inseln  schwer verwüsten, sondern auch einen Großteil der japanischen Tennō-Familie auslöschen. Außenpolitisch bedeutet dies einen Abzug der japanischen Militäreinheiten von den meisten ihrer Übersee-Stützpunkte (wobei das nicht überall die Dinge verbessert, insbesondere wo stattdessen Warlords, Verbrechenskartelle und Konzerne das Machtvakuum ausfüllen) und ab 2067 eine  erneute Unabhängigkeit der Philippinen (die aber immer noch diverse interne Konflikte haben). Innenpolitisch bedeutet dies den Herrschaftsantritt des  jungen liberalen Tennō Yasuhito  und dessen gleichgesinnten  Sesshō Taro Yonekura, unter denen die rassistischen Dekrete aufgehoben werden (demonstrativ mit einer kaiserlichen Leibgarde von Oni), die Shintō-Priesterschaft an Macht gewinnt (nicht zuletzt weil die von  ihnen beschworenen Geister beim Wiederaufbau des Landes unschätzbare Dienste leisten)  und die nationalen Konzerne (leicht) gerügt werden. Ganz zu schweigen davon dass die Hochzeit des Tennō mit Hitomi Shiawase, der jungen liberalen Erbin der Shiawase Corporation,  eben diese zur neuen Vorstandsvorsitzenden des in Japan machtvollsten Konzerns macht.

In-Universe ist  im aktuellen Jahr 2075 der wirtschaftlich-politisch-militärische Einfluss Japans auf der ganzen Welt zwar merklich zurückgegangen (nur noch drei der der zehn internationalen Top Megakonzerne sind japanisch und selbst innerhalb von Asien holen diverse Konkurrenten aus anderen Ländern auf) aber noch immer hält die Inselnation von allen Nationalstaaten das  meiste Gewicht.

Zusammenfassend gibt „Shadowrun“ uns eine interessante, dynamische Version eine Szenarios, dass für die Zeit seiner Erstveröffentlichung in den 1980ern  sehr gängig war, so hanebüchen es uns in den 2010ern auch erscheint. In jedem Fall ist es auch aus heutiger Sicht ein unterhaltsamer Fall von Alternativwelt und für Nostalgiker eine nette Erinnerung an die Popkultur vergangener Tage. Wer weiß schon, welche Nation in den nächsten 10 Jahren als führende Wirtschaftsweltmacht gelten wird, aber der Fall Japan lehrt uns in dieser Hinsicht eine gewisse Grundskepsis.
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