Wut und Tränen (OS)

KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
08.03.2017
08.03.2017
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Hallo ihr Lieben,
für mich ist Tabea einer der stärksten Charaktere der Serie. Ich bewundere sie sehr und bin so froh, dass Leo eine Schwester wie sie an die Seite bekommen hat.
Deshalb habe ich heute zum Weltfrauentag ein kleine Geschichte über sie mitgebracht. Eine Geschichte, in der sie auch mal schwach sein darf, weil sie das nur umso stärker macht. Ich hoffe, es gefällt :)
liebe grüße, Jule

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„Papa?“ Langsam schiebt Tabea die Tür zum Zimmer ihres Vaters auf und bleibt im Türrahmen stehen, als sie ihn entdeckt. Er sitzt in seinem Sessel, hat sich nicht mal umgedreht, obwohl er sie gehört haben muss. Es ist einer seiner schlechten Tage, das weiß Tabea sofort, und sie kämpft dagegen an, nicht den Mut zu verlieren. Heute ist ein wichtiger Tag, das muss er doch verstehen. Für ihre Familie. Für Leo.
Tabea räuspert sich hörbar, doch ihr Vater reagiert nicht, sieht stattdessen nur stur durch das Fenster nach draußen in den Garten, in dem der Frühling langsam Einzug hält und den Winter vertreibt. Mamas Garten. Tabea schließt für einen Moment die Augen, atmet ganz tief ein und wieder aus. Sie darf jetzt nicht an ihre Mutter denken. Es ist immer noch schwer zu ertragen, dass sie nicht mehr da ist. Gerade an Tagen wie diesem.
Langsam öffnet Tabea die Augen wieder und wagt ein paar Schritte ins Zimmer. Sie fühlt sich unbehaglich. Ein beklemmendes Gefühl, das dem ganzen Raum anzuhaften scheint, ergreift von ihr Besitz und lässt sie frösteln, obwohl es nicht kalt ist.
Seit ihre Mutter gestorben ist, ist jedes Gespräch mit ihrem Vater eine Herausforderung. Von dem starken, vor Energie strotzenden Mann, der er einmal gewesen war, ist nicht mehr viel übrig. Früher, als Tabea noch ein kleines Mädchen war, hat er sie dauernd zum Lachen gebracht. Hat mit ihr herumgealbert und sie durch die Luft gewirbelt, bis sie vor Freude ganz rote Wangen hatte. Hat Abends mit ihr auf dem Sofa gesessen und ihr stundenlang vorgelesen.
Als bei ihrem Bruder Leo Krebs diagnostiziert wurde, hat er sie getröstet, sie in den Arm genommen und ihr Mut zugesprochen. Hat alles versucht, dass sie auf andere Gedanken kommt. Diese Momente scheinen ihr inzwischen so weit zurückzuliegen, dass sie manchmal nicht mehr sicher ist, ob es sie überhaupt gegeben hat. Er ist so anders jetzt. Wirkt irgendwie verloren und in sich gekehrt und nicht wie jemand, der einem anderen Menschen Trost spenden kann. Eher wie jemand, der den Trost selbst dringender als alles andere braucht. Und doch weiß Tabea, dass er nicht in der Lage ist, ihn anzunehmen, oft genug hat sie es versucht. Er reagiert kaum. Und das schlimmste ist, dass er ihr nicht mehr in die Augen sehen kann. Niemandem mehr. Er hat sich zurückgezogen. In sein Innerstes und in die Gedanken an seine verstorbene Frau.

„Papa“, setzt Tabea noch einmal an und fühlt sich hilflos wie das kleine Mädchen, das sie eigentlich schon lange nicht mehr ist. In Momenten wie diesen kommt es wieder hervor, mit hochgezogenen Schultern und unruhigen Händen, die an ihren langen Haaren herumspielen. Sie hasst dieses Gefühl, aber sie kann es nicht ablegen.
„Papa, wir wollten doch ins Krankenhaus.“ Zu oft. Viel zu oft hat sie diesen Satz schon ausgesprochen. Wieder und wieder, wie ein Mantra. Und obwohl sie eigentlich weiß, wie ihr Vater reagieren wird, gibt sie es dennoch nicht auf. Als würde das den letzten Rest Hoffnung begraben, der noch in ihr ist. Die letzte Hoffnung darauf, dass sie es schaffen können, wieder eine richtige Familie zu werden.
Es dauert einige Sekunden, bis ihr Vater reagiert. Langsam dreht er sich zu ihr um. Wie im Traum flackert sein Blick unter den müden Lidern, huscht ruhelos durch den Raum, streift ihr Gesicht nur flüchtig und kommt dann irgendwo bei ihren nervösen Händen zur Ruhe. Tabea krallt die Fingern ineinander, damit sie aufhören, zu zittern.
„Du weißt, dass ich nicht mitkommen kann“, sagt ihr Vater leise und seine Stimme klingt älter als er ist. Sie passt zu seinem Gesicht, in das sich Falten gegraben haben, wo vor einem Jahr noch keine waren. Tabea beißt sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzudrängen, die ihr mit seinem Worten in die Augen steigen. Natürlich hat sie es gewusst. Aber es tut trotzdem weh.
„Aber… es ist Leos Geburtstag“, sagt sie, mühsam beherrscht. „Kannst du nicht wenigstens...“
„Mir geht es nicht gut“, erwidert ihr Vater, bevor Tabea den Satz beendet hat, und obwohl er nicht laut spricht, verebbt ihre Stimme sofort, als sei ihr bewusst, dass alle weiteren Worte sinnlos sind.„Vielleicht morgen...“, fügt ihr Vater noch hinzu, dann wendet er sich wieder ab, sieht aus dem Fenster und schweigt.

Die Tränen kommen. Obwohl Tabea sie nicht darum gebeten hat. Obwohl es der Geburtstag ihres Bruders ist und sie sich vorgenommen hat, heute nicht zu weinen. Weil Leo es immer bemerkt, wenn ihre Augen rot sind. Aber sie schafft es trotzdem nicht, sie zurückzuhalten. Und auf einmal packt sie eine unbändige Wut. Eine Wut, an der Hilflosigkeit, Trauer und Angst in ihrem Inneren schon eine ganze Weile gestrickt haben müssen. Erst, als sie aufbrandet, spürt Tabea, dass sie schon eine ganze Weile da gewesen ist, unter all dem Verständnis, dem Mitgefühl und der Zuneigung. Dass sie schon lang in ihr geschlummert und darauf gewartet hat, auszubrechen. Jetzt ist der Moment gekommen. Es ist zu viel. Es ist einfach genug.
„Morgen?“, schreit Tabea und erschrickt vor ihrer eigenen Stimme. Wann hat sie das letzte Mal geschrien? Sie kann sich nicht erinnern, aber es muss Jahre her sein. Vielleicht als Kind. Vielleicht auch als Jugendliche. Damals, als eigentlich noch alles gut war und ihr deshalb Kleinigkeiten noch wie riesige Probleme erschienen waren. Wenn man erwachsen und vernünftig wird, schreit man nicht mehr. Außer, man weiß sich nicht anders zu helfen. In diesem Moment weiß Tabea überhaupt nichts mehr. Außer, dass die Wut raus muss.
„Dein „morgen“ kannst du behalten!“, schreit sie weiter, unkontrolliert und schrill. „Du kommst nie mit. Nie! Stattdessen sperrst du dich hier ein und vergräbst dich in deinem Selbstmitleid! Klar, es ist scheiße schwer für dich, dass Mama tot ist, aber denkst du, für mich nicht? Und für Leo?“ In Strömen fließen die Tränen über ihr Gesicht, sorgen dafür, dass jeder ihrer Sätze von Schluchzern unterbrochen ist und machen sie noch wütender. Grob wischt sie sich über die Wangen, zieht die Nase hoch, spürt immer noch die Wut und die Angst und die Verzweiflung und lässt sie einfach raus. Nach einem halben Jahr. Einem halben Jahr, in dem sie immer versucht hat, die verständnisvolle Erwachsene in dieser Familie zu sein, die alles erträgt und alles hinnimmt. Nach einem halben Jahr, das einfach zu viel ist.
„Kannst du dir vorstellen, was Leo durchmacht?“, schleudert sie ihrem Vater entgegen. „Er ist im Krankenhaus! Er stirbt vielleicht, verdammt nochmal! Und sein eigener Vater kriegt es nicht auf die Reihe, ihn zu besuchen? Nicht EIN EINZIGES MAL?!“ Tabeas Stimme überschlägt sich und sie muss husten. Hustet und hustet, bis sie sich wieder gefangen hat. Und ihr Vater sagt kein einziges Wort. Sieht sie nicht an. Hält nur den Kopf gesenkt wie ein Kind, das darauf wartet, dass das Donnerwetter, das über es hereinbricht, zu Ende ist. Doch Tabea ist noch nicht annähernd am Ende.
„DU bist der Erziehungsberechtigte“, fährt sie ihn an, so anklagend, wie sie wahrscheinlich noch nie mit irgendjemandem gesprochen hat. „Es ist nicht fair, dass du dich verkriechen darfst, während Leo und ich versuchen, die ganze Scheiße irgendwie zu stemmen. Verdammt, er braucht dich! ICH brauch dich!“ Der Zorn, der ihren ganzen Körper unter Strom gesetzt hat, fällt und lässt Tabea um Luft ringen. Mit einem Mal ist die Enttäuschung übermächtig. Stärker als die Wut.

„Aber du hast ja auch eine Tochter“, presst sie zwischen verkrampften Kiefern und bebenden Lippen hervor, leiser jetzt, aber genauso verletzt wie zuvor. „Eine Tochter, die sich um alles kümmert, vor allem um das, was du nicht auf die Reihe kriegst. Wie praktisch. Du musst dir keine Gedanken machen, wer Leo tröstet, wenn‘s ihm nicht gut geht. Wer dafür sorgt, dass die ganzen Formalitäten geregelt sind. Wer mit den Ärzten redet und sich die ganzen Risiken anhört, von denen einem schlecht wird. Deine Tochter kümmert sich schon drum. Du machst es dir so verdammt einfach! Du widerst mich an.“ Die Worte kommen ihr über die Lippen, ohne, dass Tabea sie vorher auch nur gedacht hat. Sie sind einfach da und führen dazu, dass die junge Frau sofort verstummt. Dass die Wut aus ihr weicht und nur die Angst und die Sorge zurück lässt.
Und sie sorgen dafür, dass ihr Vater zum ersten Mal, seit sie angefangen hat, zu sprechen, den Kopf hebt und sie ansieht. Erst jetzt bemerkt sie, was sie in ihrer Wut übersehen hat: Seine Schultern beben. Seine Hände zittern. Er weint. Bitterlich. Wie jemand, der nicht mehr weiß, was zu tun ist.
Es ist beinahe unheimlich still im Zimmer, während sie sich ansehen und ganz langsam lässt Tabea sich neben dem Sessel auf die Knie sinken. Sie möchte sagen, dass es ihr Leid tut, aber die Worte wollen nicht hinaus in diese Stille, die sich über sie beide gelegt hat.
Wider Erwarten ist es ihr Vater, der das Schweigen durchbricht.

„Tabea“, flüstert er und seine Stimme klingt noch schwächer als sonst. „Tabea, ich liebe dich. Und Leo auch. Bitte, glaub mir das.“ Tabea ist überrumpelt. Die wenigen Worte ihres Vaters sind Bekenntnis und Entschuldigung in einem. Stark und doch nicht stark genug, solange seine Taten eine andere Sprache sprechen. Sie wecken eine unbändige Sehnsucht in ihr. Danach, dass sie wahr sind. Dass ihr Vater sie liebt. Und doch will sie diese Sehnsucht nicht wahrhaben. Weil die Realität dann nur noch mehr schmerzt.
„Warum kannst du es uns dann nicht zeigen?“, fragt sie, ihre Stimme noch immer von den Tränen gelenkt, die ihr die Kehle zuschnüren. Ihr Vater zögert, dann greift er mit einer unendlich langsamen  Bewegung nach ihrer Hand und nimmt sie in seine. Tabea schaudert bei der Berührung, die so viel kraftloser ist, als früher, aber sie zieht die Hand nicht weg. Wann hat er ihr das letzte Mal seine Zuneigung gezeigt? Bisher hat sie geglaubt, dass jegliche Liebe mit dem Tod ihrer Mutter aus ihm gewichen ist. Dass er nicht mehr in der Lage ist, noch Zuneigung zu empfinden.
„Ich wünschte, ich könnte dir sagen, warum“, erwidert er mit trauriger Stimme. Die Sätze klingen abgehackt, fast mechanisch. „Aber seit eure Mutter weg ist… ich...“ Er zögert, ringt offensichtlich nach Worten und scheint nicht die richtigen zu finden. „Ich kann die Welt nicht mehr wahrnehmen wie vorher“, sagt er schließlich. „Es ist… als ob alles ganz weit weg ist. Unerreichbar. Manchmal kommt es mir morgens vor, als ob allein das Aufstehen eine Aufgabe ist, die ich nicht bewältigen kann. Und ihr… Leo und du… ich hab solche Angst, euch auch noch zu verlieren. Ich hab Angst, euch anzusehen, weil es das letzte Mal sein könnte… Ich ertrag das einfach nicht.“ Ganz vorsichtig drückt er Tabeas Hand, sieht sie an, mit diesen mutlosen Augen, die nicht so recht in sein Gesicht passen wollen, das früher so lebensfroh gewirkt hat, und Tabea fühlt nur noch Mitleid. Die Wut ist vorbeigezogen wie ein heftiger Sturm, nach dem nur noch leiser Regen fällt.

„Du musst dir Hilfe holen, Papa“, sagt sie sanft. „So geht es nicht weiter mit dir. Du bist krank.“ Er nickt bedächtig.
„Ich hab gedacht, mit ein bisschen Zeit schaff ich es auch alleine“, versucht er, zu erklären. „Ich… ich wollte nicht, dass es für Leo und dich noch schwerer wird. Einen Vater in psychischer Behandlung – das ist nicht unbedingt das, was ihr braucht.“ Er lächelt entschuldigend und es sieht so erzwungen aus, dass Tabea sich zusammenreißen muss, um ihn weiterhin anzusehen und nicht den Blick abzuwenden.
„Aber nur dann gibt es doch die Hoffnung, dass du gesund wirst“, versucht sie dennoch, ihrer Stimme einen eindringlichen Ton zu geben. „Bitte, du musst dir helfen lassen. Wenn du willst, frag ich später im Krankenhaus einen der Ärzte, ob sie mir jemanden empfehlen können, an den du dich wenden kannst. Wir kriegen das schon hin.“ Wieder lächelt ihr Vater, doch dieses Mal wirkt es beinahe liebevoll. In seinen Augen kann Tabea die alte Liebe erahnen, die einst so warm und hell darin gebrannt hat.
„Was hab ich nur für wunderbare Kinder“, flüstert er dankbar und als er ihre Hand, die er noch immer hält, zu seinen Lippen führt und ihr einen kleinen Kuss auf die Fingerknöchel setzt, fängt Tabea wieder an, zu weinen.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich Leo wär, wenn du ihm das sagst“, murmelt sie. „Er vermisst dich so sehr.“
„Das werd ich“, antwortet ihr Vater. „Noch nicht jetzt, aber bald. Versprochen.“ Sie sitzen eine ganze Weile so da, bis Tabeas Beine eingeschlafen und sie das Kribbeln nicht mehr aushält. Langsam richtet sie sich auf, versucht, den Moment nicht kaputt zu machen.
„Ich… geh dann mal zu Leo“, sagt sie und wischt sich die getrockneten Tränen aus den Augenwinkeln. Sie muss unbedingt zuerst noch ins Bad und die Spuren dieser Unterhaltung aus ihrem Gesicht verschwinden lassen. Sie darf Leo seinen Geburtstag nicht kaputt machen.

Gerade will sie sich umdrehen und gehen, da hält ihr Vater sie mit einem erstaunlich festen Griff am Handgelenk zurück. Als sie überrascht stehen bleibt, greift er neben sich und holt eine Tüte hervor, die er ihr entgegen hält.
„Bringst du ihm das mit?“, fragt er und schafft es tatsächlich, sie noch einmal anzusehen. Direkt in die Augen. Mitten ins Herz. „Und wünsch ihm alles Gute von mir.“ Tabea nimmt ihm die Tüte ab und lächelt ihn an. So stark und hoffnungvoll sie kann.
„Mach ich“, erwidert sie. „Bis später, ich komm bald zurück.“ Er nickt und wendet sich wieder ab. Fast ist Tabea schon an der Tür, da hört sie seine leise Stimme noch einmal.
„Und sag ihm,... dass ich ihn bald besuchen komm“, fügt er noch hinzu. Als sie sich umdreht, sieht sie, dass er sich schon wieder dem Fenster zugewendet hat. Draußen wird es langsam Frühling, vielleicht kommt mit den Farben auch die Hoffnung wieder.
„Danke Papa“, lächelt Tabea und schließt die Tür vorsichtig hinter sich.
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