Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Fortes fortuna adiuvat

von Calamtha
Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
07.03.2017
07.03.2017
1
565
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
07.03.2017 565
 
Bis du kamst, hatte der Tod keinen Schrecken für mich. Er gehörte eben dazu. Berufsrisiko, wie man so schön sagt. Wie der kaputte Rücken von jemandem, der körperlich hart schuftet oder die schlechte Haltung eines Menschen, der zu viel Zeit im Bürostuhl verbringt.
Das Leben war einfach. Sei schneller, sei klüger. Oder stirb. Sei’s drum. Alles ist Aktion und Reaktion.
Dann bist du aufgetaucht.
Das Leben wurde facettenreich, es wurde wundervoll. Und wahnsinnig beängstigend.
Wie kann es sein, dass man es kaum erwarten kann, einem anderen alles von sich preiszugeben und sich gleichzeitig für die Grundfesten schämt, auf denen das eigene Leben bisher stand?
Deine bloße Anwesenheit hat alles in Frage gestellt – du musstest dazu nicht einmal den Mund aufmachen. Meine Zurückhaltung hast du mir trotzdem gelassen. Vermutlich wusstest du genau, wie viel ich dir gern gesagt hätte, hätte ich mich nur dazu durchringen können. Wie so oft.
Ich musste lernen, dass man die Beziehung zu einem anderen Menschen nicht angehen kann wie einen Auftrag. Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung. Nicht alles lässt sich bis ins Detail vorausplanen. Mit dir an meiner Seite war ich gern bereit zu begreifen – wirklich zu begreifen – dass es vollkommen in Ordnung ist, nicht auf alle Eventualitäten eine Antwort zu haben. Zu zweit wollte ich mich diesen Schwierigkeiten stellen.
In meinem alten Leben gab es keine Furcht von Konsequenzen. Was konnte man mir schon wegnehmen?
Mit dir kam die Verwundbarkeit, weil es auf einmal etwas gab, dass ich um jeden Preis behalten wollte. Doch selbst jetzt noch gab es Mittel und Wege, dieser Angst Herr zu werden.
Eine Waffe nehmen, tun was nötig ist.
Ursache und Wirkung.
Ich war arrogant genug zu glauben, wenn uns etwas auseinanderreißt, dann sicher eine Kugel oder ein Messer. Etwas, dem man ausweichen oder das man abwehren kann.
Nur ist eine schwere Krankheit nichts, worauf man schießen kann.
Und während du diese Ungerechtigkeit mit derselben heiteren Würde angenommen hast wie alle anderen unabänderlichen Dinge im Leben, war ich zu nichts weiter imstande, als an deinem Bett zu sitzen und mich angesichts deines Verfalls unzulänglich zu fühlen.
Ich dachte, ich kenne das Sterben. Ich weiß, wie Menschen aussehen, die von Projektilen getroffen, von Messern zerschnitten oder von Bomben zerfetzt wurden. Aber zu sehen, wie du unter deiner Krankheit im wahrsten Sinn des Wortes verschwunden bist war etwas, das meinen Horizont überstieg. Dieses Zerfallen ohne sichtbare Ursache.
Und zum ersten Mal gab es wirklich eine Sache, gegen die ich nichts tun konnte. Schlimmer noch: Es gab so wenig, dass ich für dich tun konnte. Die Unsicherheit war zurückgekehrt. Wie beleidigend muss es für dich gewesen sein, dass ich dir bevor das Ende kam, nicht einmal mehr die einfachsten Handgriffe zutraute!
Aber du hast selbst dann noch Verständnis für mich aufgebracht, als du schon zu schwach warst, den Kopf zu heben.
Ich habe mir selbst immer eingeredet, in jeder Situation tun zu können, was nötig ist. Bis es an der Zeit war, dich ziehen zu lassen. Wahrscheinlich war ich nur dazu imstande meinen Egoismus zu überwinden, weil dir mein Segen so wichtig war. Du warst nicht bereit zu gehen, bevor du nicht das Gefühl hattest, dass ich wenigstens halbwegs zurechtkomme.
Jetzt ist die Welt wieder grau in grau, aber ich kann mich nicht mehr darin einrichten. Du bist fort und ich bin (noch) nicht fähig dir zu folgen.
Ich hoffe, ich finde dich wieder, wenn es soweit ist.
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast