Oh Tod, wie süß ist dein Gedenken

OneshotSuspense / P18
Howard Stark OC (Own Character)
04.03.2017
04.03.2017
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Oh Tod, wie süß ist dein Gedenken


„Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“
- Albert Schweitzer (1875 – 1965)



November 1991

„Und deshalb ist es wichtig, dass dieses Serum für unsere Organisation S.H.I.E.L.D. verwendbar gemacht wird“, schloss er seine Rede, blickte auf seine Notizen und räusperte sich vorsichtig, weil er noch recht nah am Mikrofon stand.
„Gibt es noch Fragen?“ setzte er nach einem kurzen Höflichkeitsapplaus nach und sah sich in der Menge vor sich um. Im Zuschauerraum saßen Politiker, hochrangige Mitglieder von S.H.I.E.L.D. und einige der Wissenschaftler, die in ihrem Dienste standen.
Howard blinzelte ein paar Mal, bevor er sich den erhobenen Händen der Männer aus dem Publikum widmete, die in die Höhe geschnellt waren, als gäbe es einen besonderen Preis, wenn sie ihre Frage als erste stellten.
„Ja, bitte“, übergab er dem Außenminister James Baker das Wort, der ihn etwas skeptisch, wenn auch interessiert anblickte. Zumindest soweit Howard es erkennen konnte. Bei diesem Mann war er sich nie wirklich sicher, was er eigentlich für Ziele verfolgte.
„Mr. Stark, Sie erwähnten, dass das Serum, was Sie hier benutzen wollen, dazu genutzt werden würde, um normale Soldaten zu Übermenschen machen zu können. Gibt es nicht die Gefahr von Nebenwirkungen? Wenn man sich schon freiwillig einem solchen Unterfangen stellen soll, dann sollte man auch aufgeklärt werden – und zwar ausführlicher als bloß mit den Vorteilen, die sich angeblich daraus ergeben. Nur weil Steve Rogers in den 1940ern ein Glücksfall war, können Sie das nicht einfach garantieren, oder?“
Howard konnte sich ein knappes Seufzen nicht verkneifen, denn ihm ging der Gegenwind aus der Politik gehörig auf die Nerven. Zwar hatte Peggy ihm geraten, dass er ruhig bleiben solle – vor allem, wenn es zu dieser Situation käme – doch fiel es ihm recht schwer nun die Ruhe zu bewahren.
Er würde sich nicht von diesem Idioten im teuren Anzug bloßstellen lassen. Dafür war er ihm einfach zu überlegen, rein intellektuell gesprochen. Zwar war er selbst nie Soldat gewesen, zumindest nicht direkt, aber er hatte seinem Land mehr als genug gedient.
„Außenminister Baker, ich kann Ihre Sorge durchaus nachvollziehen, doch garantiere ich, dass es keinerlei Nebenwirkungen geben wird. Nicht bei dem Serum, das wir verabreichen werden. Wie Sie wissen, ist Dr. Abraham Erskine, der Schöpfer des Serums, das Captain Rogers seine Kraft verlieh, schon lange verstorben. Doch wir haben das Glück, dass wir fähige Wissenschaftler zu uns zählen können. Dazu gehörte auch Dr. Armin Zola, der infolge der Operation Paperclip für uns arbeitete und dort ähnliche Experimente veranstalten durfte. Er ist zwar schon seit über zwanzig Jahren tot, aber er hat uns die Grundstruktur des Serums hinterlassen, die die Herrschaften hier vorne in der ersten Reihe vervollständigen konnten. Ich finde, daran gibt es nichts zu bemängeln, sie haben Unglaubliches geschafft“, versuchte Howard seinen Vorredner zu entkräften.
Stattdessen verhärtete sich Bakers Gesichtsausdruck und er verschränkte die Arme vor der Brust. Schon holte er zum Gegenschlag aus.
„Können Sie denn garantieren, dass dieses Serum geheim bleibt? Es sitzen ziemlich viele Menschen hier, wenn ich mich umsehe. Besteht nicht die Gefahr, dass irgendjemand plaudert?“ warf der Außenminister in den Raum.
Howard konnte nicht anders als kurz aufzulachen und den Kopf missbilligend zu schütteln. Sein kleiner Ausbruch war wohl nicht überhört worden und er zog die Augenbrauen nach oben, um seinen verbalen Gegner in Schach zu halten.
„Wer sollte denn plaudern? Die Sowjetunion existiert nicht mehr und dementsprechend geschwächt sind ihre ehemaligen Geheimdienste. Wenn noch jemand von denen dort draußen unterwegs sein sollte, dann wird er sich nicht an diese geheime Versammlung herantrauen, weil niemand von dieser Versammlung weiß“, erwiderte Howard selbstbewusst.
Immer noch ungläubig schüttelte Baker mit dem Kopf und zog sich in die kleine Menschenmenge zurück, die aktuell nur aus fünf Politikern, drei Wissenschaftlern und vier Vertretern von S.H.I.E.L.D. bestand – Howard selbst schon eingerechnet.
Niemand würde etwas sagen, denn hier saßen nur vertrauenswürdige Menschen. Das Serum war nur als Thema angesprochen worden, weil es kein Programm einer solchen Art geben durfte, ohne dass sowohl Innen- und Außenminister und der Präsident Bescheid wussten.
Da es eben Auswirkungen auf Innen- und Außenpolitik haben konnte, wenn in Zukunft fünf Soldaten existierten, die ähnliche Kraft und Ausdauer wie Steve Rogers besaßen. Da der Captain allerdings tot war, mussten andere Maßnahmen eingeleitet werden.
Howard klopfte mit seinen Fingerspitzen nacheinander auf das Rednerpult und sah sich seine Besucher an, die nun ein wenig miteinander tuschelten, ohne weitere Fragen an ihn zu richten. Die Wissenschaftler sagten gar nichts und seine eigenen Kollegen sahen betreten zu Boden.
Ihnen war wohl unangenehm von einem Politiker infrage gestellt worden zu sein. Er dagegen konnte sehr gut damit leben. Den Schlaf rauben würde es ihm nicht, ganz im Gegenteil. Es war seine Pflicht sein Land zu schützen.
„Gibt es noch weitere Fragen? Sonst beenden wir die Unterredung-“, begann Howard von Neuem, um so langsam zu einem Ende zu kommen. Er wollte noch nach Hause zu seiner Frau und Tony. Der Junge bekäme noch eine Ansage zu seiner Arbeitseinstellung gemacht.
Bevor er jedoch seinen Satz beenden konnte, hörte er über sich Glas zerbersten. Er hob seinen Kopf, um sich umsehen zu können, doch zog in diesem Moment schon ein stechender Schmerz durch seine Schulter und er wurde nach hinten geschleudert.
Noch während er fiel, traf bereits eine zweite Kugel seinen Körper, doch dieses Mal direkt in die Stirn, sodass seine Schädeldecke zerfetzt wurde und Blut und Hirnmasse in großen Mengen aus ihm heraussprudelte, bis sie auf den gefliesten Boden flossen.

Es war ein Massaker. Mehr fiel ihm nicht dazu ein, denn es gab wirklich keinen treffenderen Begriff dafür als den, der ihm in seinen ersten Assoziationen durch den Kopf geschossen war. Dabei war die letzte Formulierung mindestens genau so ironisch zu verstehen, denn Howard Stark war durch einen Kopfschuss aus einem Scharfschützengewehr gestorben.
Wäre das nicht passiert, wäre er sicherlich anders umgekommen, wahrscheinlich verblutet. So hatte Sessions sich das nicht vorgestellt. In seiner gesamten Karriere als Direktor des FBI hatte er noch nie so ein Blutbad gesehen.
Zumindest nicht an so prominenten Vertretern der Regierung und der geheimen Organisation S.H.I.E.L.D. Laut Spurenanalytikern und dem Gerichtsmediziner war Howard Stark zuerst getroffen worden.
Zwei Schüsse. Einer in die Schulter, einer in den Kopf. Präzise und kurz hintereinander, zumindest laut den Zeugen, die sich innerhalb des Gebäudes befunden hatten, während diese geheime Besprechung außerhalb der üblichen Geschäftszeiten stattgefunden hatte.
Dazu noch die Leichen von drei Wissenschaftlern, alle mit Mitarbeiterausweisen von S.H.I.E.L.D., vier Vertretern von S.H.I.E.L.D. selbst und fünf Politikern. Darunter der Innenminister, der Außenminister und drei andere Delegierte.
Ein schwerer Verlust für die Regierung und auch für S.H.I.E.L.D. Eine Tragödie, wenn Sessions es zusammenfassen sollte. So viel Intellekt und so viel Durchsetzungsvermögen war heute hier gestorben.
Er schritt um die Leiche Starks herum und sah sie sich einen Moment lang an. So verletzlich hatte er Howard noch nie gesehen. Wenn er so da lag, erinnerte er ihn an einen schlafenden Mann, den man auch aus dem Hinterhalt angreifen konnte.
Es war unfair und es war feige. Doch gleichzeitig strahlte die Tat, sogar der ganze Tatort, eine gewisse Sauberkeit und sterile Neutralität aus, von dem Blut und den Scherben mal ganz abgesehen.
Es war lediglich ein Auftrag für den Schützen gewesen, wie es schien. Nicht mehr und nicht weniger.
„Sir?“ drang die Stimme seines leitenden Ermittlers Wilson zu ihm, der sich ihm zögerlich näherte, bis er seine Aufmerksamkeit hatte.
„Ja?“ erwiderte er knapp, um keine Zeit für Höflichkeiten zu verschwenden, denn wenn sie den Schützen finden wollten, dann mussten sie schneller sein als das Licht. Schneller als der Schütze selbst und der schien ein verdammter Profi zu sein.
„Es wurde eingebrochen. Während geschossen wurde, ist jemand unten in den geheimen Laboren eingebrochen und hat alles verwüstet. Die Wachmänner liegen tot an ihren Posten, alle sind erschossen worden“, erklärte Wilson, der sich sein kleines Notizblöckchen ansah und eine Seite umschlug.
„Weiterhin hat der Gerichtsmediziner ein paar der Kugeln in den Wänden gefunden und auch hier oben sind ein paar durch die Körper durch geschossen worden. Keine Riefen“, verriet Wilson ihm ein unheimliches Detail.
„Keine einzige?“
„Nein, Sir. Die Ballistiker waren sehr gründlich, obwohl sie sich die Kugeln im Labor natürlich noch einmal ansehen werden“, versicherte der leitende Ermittler sofort enthusiastisch, denn das war eine bahnbrechende Spur.
Doch würde sie sicherlich ins Nichts führen, so wie immer, wenn sie keinerlei Riefen an verschossenen Kugeln entdeckt hatten.
„Es scheint, ein paar der Ratten wären nicht mit dem Schiff namens Sowjetunion untergegangen. Rufen Sie im Weißen Haus an, ich will, dass der Präsident unterrichtet wird“, befahl Sessions mit fester Stimme.
„Ja, Sir.“
„Und verraten Sie mir – wissen Sie, was gestohlen wurde?“
Wilson zögerte einen Moment, dann schüttelte er missmutig den Kopf.
„Nein. Auf Starks Notizzetteln, die er auf dem Rednerpult hat liegen lassen, sind auch keinerlei Hinweise auf das Thema, das heute besprochen wurde. Nur kurze, kryptische Hinweise auf Abkürzungen, die nicht zu entschlüsseln sind. Zumindest nicht, wenn wir nicht wissen, worum es hier gegangen ist.“
„Cleverer Mann“, murmelte Sessions undeutlich und richtete seinen Blick noch einmal auf Starks Leiche, die zu seinen Füßen lag.
„Entschuldigung Sir, was sagten Sie?“ wollte Wilson wissen und trat noch etwas näher an ihn heran, doch hielt er ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung zurück.
„Nichts. Ich bewundere nur den Intellekt von Howard Stark. Er hat nichts dem Zufall überlassen. Und doch ist er jetzt tot. Bei seiner Stellung in der Gesellschaft und seiner Relevanz für die nationale Sicherheit sicher nur eine Frage der Zeit gewesen“, bemerkte Sessions ein wenig wehmütig, denn er konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie sehr ihn Starks Intellekt fasziniert und doch abgestoßen hatte.
Er war kein einfacher Mann gewesen, manchmal sehr stur und arrogant, aber seine Arbeit hatte für sich gesprochen.
„Weiß seine Frau es schon?“ fragte Sessions aus einem Impuls heraus und konnte seinen Blick nicht von der klaffenden Wunde auf Howards Stirn nehmen. Die Kugel musste mit einer solchen Wucht eingetreten sein, dass sie seine Schädeldecke am Hinterkopf wegsprengen konnte.
„Die örtliche Polizei hat schon bei ihr angerufen, sie ist auf dem Weg hier hin“, sagte Wilson mit brüchiger Stimme.
Das war der unangenehmste Teil im Beruf eines Polizisten oder Special Agents. Es war nie einfach den nächsten Angehörigen so eine Information mitzuteilen.
„Hoffen wir, dass sie eine Idee hat, wer das gewesen sein könnte...“, sagte Sessions mehr zu sich selbst als zu Wilson und wandte sich vollständig von Starks Leiche ab, um den Tatort zu verlassen. Seine Aufgabe wäre es, die Kommunikation mit dem Weißen Haus ab jetzt zu koordinieren, denn offensichtlich hatte der angeblich tote Feind namens Sowjetunion noch genügend Lebenskraft, um aus dem Hinterhalt anzugreifen.
Sessions hoffte, dass es sich um einen Einzelfall handelte, sonst hätten sie nämlich ein ernst zu nehmendes Problem.
Den Schützen würden sie wohl niemals finden. Das einzige, das sie über ihn wussten, war dass er präzise, sauber und skrupellos war. Allerdings traf das auf so ziemlich alle Auftragsmörder mit russischer Staatsangehörigkeit zu.
Sie jagten also einen Geist.
Einen Geist, von dem sie nicht wussten, ob er jemals wieder zuschlagen würde.

Anmerkung: In einem wunderbar unterhaltsamen Gespräch mit Thirrin, bin ich mit ihr auf Howard Starks Tod zu sprechen gekommen, den sie alles andere als gelungen umgesetzt fand. Ihrer Meinung nach war ein schnöder Autounfall nicht das, was Howard gerecht werden würde. Da hat sie mich gebeten, mir mal Gedanken zu machen, inwiefern man das Ganze 'aufpeppen' könnte. Das ist das Ergebnis. Was meint ihr dazu? :)
Wer gerade einen anderen alternativen OS (zum Winter Soldier) lesen möchte, der ist herzlich eingeladen sich mal Kein Platz für Helden anzusehen. Auch da interessieren mich Meinungen immer noch sehr. ^^
LG, Erzaehlerstimme
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