Aus dem Tagebuch Old Shatterhands

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Nscho-Tschi Old Shatterhand Winnetou
03.03.2017
23.11.2019
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Verborgen




Die schmale Sichel des Mondes erhob sich über den Horizont und streichelte die Hochebene mit ihrem fahlen Licht. Ein Stern blinkte auf, dann ein zweiter und ein dritter. Gemeinsam begannen sie ihren allabendlichen Kampf gegen den ausgehenden Tag, bevor sie als Herrscher über das weite Firmament hell erstrahlten.

Ich hockte dicht an der Glut eines Lagerfeuers, welches zu klein war, um ausreichend Wärme zu spenden, und betrachtete das Naturschauspiel, das mich immer wieder aus Neue faszinierte. Einen derart dunklen, klaren Nachthimmel suchte man in meiner Heimat vergeblich.

Ganz in der Nähe standen unsere beiden Rappen und rupften einträchtig die spärlichen Grashalme ab. Winnetou war in der Dunkelheit verschwunden. Auch im wilden Westen gibt es menschliche Bedürfnisse.

Versonnen lauschte ich den nächtlichen Geräuschen, dem leisen Knistern des trockenen Holzes, dem regelmäßigen Malmen der Pferde, dem noch leicht verschlafenen Ruf eines Käuzchens, dem fernen Heulen eines Wolfes. Meine Gedanken kehrten unwillkürlich zu den vergangenen Tagen zurück.

Sam Hawkens, der zuvor auf Freiersfüßen gewandelt war, hatte sich besonnen und wollte sein ungebundenes Leben nun doch fortführen. Obwohl er sich enttäuscht gab, glaubte ich dennoch, dass er in seinem tiefsten Innern froh über diese Wendung war. Sam als Ehemann in einem Apachenlager, das war nur schwer vorstellbar. Der kauzige Westmann liebte seine Freiheit, die Abenteuer und letztendlich seine zwei Kleeblätter viel zu sehr, um sesshaft mit einer Gattin in einem Tipi zu leben.

Es gab nur einen einzigen Grund, der mich bedauern ließ, dass er nun nicht bleiben würde: Sam hätte den Apachen und vor allem Winnetou und Intschu tschuna nach Klekih-petras Tod und meinem Weggang ein wertvoller Ratgeber sein können. Winnetous zurückhaltendes, ja beinahe unsicheres Verhalten auf dem Handelsposten hatte mir gezeigt, dass er zuweilen noch eines solchen bedurfte.

Ich selbst musste mich wohl damit anfreunden, dass mein Abschied von hier bevorstand, denn am gestrigen Abend hatte ich eine bedeutungsschwere Unterhaltung mit Intschu tschuna. Er fragte mich, ob ich es mir vorstellen könnte, eine Indianerin zu heiraten und ich war mir sicher, dass dieses Gespräch nicht ohne Hintergedanken stattfand, so wie Intschu tschuna in allem, was er sagt und tut, sehr überlegt wirkte. Es konnte sein, dass er wirklich und wahrhaftig erwog, Nscho-tschi mit mir zu verheiraten. Um dem zuvorzukommen und zu verhindern, dass sich Winnetous liebreizende Schwester noch mehr in mich verguckte, musste ich gehen – ich mochte wollen oder nicht.

Allerdings nahm ich mir fest vor, mit Winnetou nach meiner Rückkehr einmal eine Stadt der Weißen zu besuchen. Vielleicht St. Louis, wo ich ihn mit jener deutschen Familie bekanntmachen könnte, bei der ich als Hauslehrer gearbeitet habe. Nur zu gerne würde ich seine Reaktion beobachten, wenn er die Herrin des Hauses einmal ein Prélude von Chopin auf dem Klavier spielen hörte. Wie ich meinen Freund einschätze, würde er die Musik mögen, so wie er auch die Literatur liebt.



Leise Schritte unterbrachen meine Gedanken. Winnetou kehrte zurück, legte einen kleinen Stapel dürrer Zweige nieder und setzte sich zu mir. Würde ich nun von ihm erfahren, warum wir Hals über Kopf aus dem Dorf aufgebrochen waren?

Es war am frühen Nachmittag gewesen, als ich nach einem Mittagsnickerchen in meinem Raum im Pueblo die Leitern herabstieg, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Üblicherweise ruhte ich tagsüber nicht, jedoch waren Winnetou und ich nach durchrittener Nacht erst am späten Nachmittag des vorigen Tages mit unseren Packtieren im Pueblo angekommen, hatten die Einkäufe verteilt und dann bald mit Intschu tschuna gegessen. Somit fehlte mir immer noch etwas Schlaf und ich war zum Umfallen müde gewesen. Ganz anders mein Blutsbruder, der taufrisch aussah und soeben vom Fluss her auf mich zukam, wo er, wie er berichtete, einige halbwüchsige Knaben im Bogenschießen unterwiesen hatte.

Winnetou musterte mich mitleidig. „Mein Bruder wird seinem Körper noch beibringen müssen, mit weniger Rast auszukommen. Davon kann mitunter das Leben anhängen.“

Ich gähnte herzhaft und machte ein paar kreisende Bewegungen mit den Armen, um meinen Kreislauf in Gang zu bringen. „Das wird wohl aussichtslos sein, fürchte ich. Schon als Kind habe ich viel geschlafen. Ich wüsste nicht, was man dagegen unternehmen könnte.“

„Mein Bruder warte ab. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.“

Mir klappte der Unterkiefer herunter. „Wie bitte? Was hast du gesagt?“

Winnetou lächelte unschuldig und hob dabei die Schultern. „Klekih-petra sagte das immer, wenn wir ungeduldig waren. Er meinte, Rom sei die erhabenste und großartigste Stadt der Welt, und es habe hunderte von Jahren gedauert, sie dazu zu machen. Es war immer sein Wunsch, mir diesen Ort einmal zu zeigen, doch nun…“ Ein trauriger Glanz schlich sich in seine dunklen Augen.

„Ich war auch noch nie in Rom, Winnetou. Lass uns zusammen dorthin reisen! Es ist weit, sehr weit von hier, gleichwohl wäre es ein großes Abenteuer! Wir könnten…“

Ein Tumult am Rande des Dorfes ließ mich in meiner Begeisterung innehalten, und wir wandten unsere Aufmerksamkeit dorthin, wo Männer, Frauen und Kinder zusammenliefen.

Plötzlich stand Intschu tschuna neben uns. „Es ist Felsengeier, ein Häuptling der Mimbrenjos, mit seiner Familie.“ Er grinste verhalten und klopfte Winnetou leicht auf die Schulter: „Seine Tochter Mondschimmer ist sicherlich mitgekommen.“ In seiner Stimme klang ein merkwürdiger Unterton mit.

„Oh nein…“ Winnetous leises Murmeln war kaum zu vernehmen, während sich Intschu tschuna bereits zum Ratszelt begab, wo er die Ankömmlinge anscheinend willkommen heißen wollten.

Mein fragender Blick traf den Freund, der unschlüssig neben mir verharrte. Ein entschuldigendes Kopfschütteln war die ganze Antwort, bevor Winnetou seinem Vater folgte.

Ich ließ mir mehr Zeit und wartete noch eine Weile, kannte ich die Ankömmlinge doch nicht und war ohnehin lieber stummer Beobachter. Während ich mir den Weg durch die umherstehenden Menschen bahnte, vernahm ich bereits die laut gesprochenen Worte des Anführers.

„Intschu tschuna heißt Felsengeier willkommen. Er freut sich, den Häuptling mit seiner Familie begrüßen zu dürfen. Seid unsere Gäste und fühlt euch wie zu Hause.“

Endlich konnte ich Felsengeier und die Seinen sehen. Er stieg soeben von seinem Pferd, einem muskulösen Schecken, und begrüßte seinerseits die beiden Apachenhäuptlinge. Der Anblick der Mimbrenjos nahm mich so gefangen, dass ich den weiteren Worten nur wenig Beachtung schenkte, obgleich ich die Sprache nun zunehmend besser verstand. Felsengeier war von imposanter Statur; er überragte den Anführer der Apachen beinahe um Haupteslänge. Seine Frau hingegen war eher klein und alles an ihr war zierlich. Trotz des feinen Netzes von Falten, das ihr Gesicht durchzog, und ihrer grauen Haare war sie immer noch schön zu nennen.

Hinter den beiden verhielten vier Knaben im Alter zwischen etwa zehn und sechzehn ihre rassigen Pferde. Hängen blieb mein Auge aber an der jungen Indianerin, die unzweifelhaft Felsengeiers Tochter war. Sie war das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen hatte, und stellte mit ihrer schlanken und zugleich weiblichen Figur, ihrem rabenschwarzen langen Haar und den mandelförmigen, dunklen Augen wohl selbst Nscho-tschi in den Schatten. Elegant glitt sie jetzt von ihrer ebenfalls schwarzen Stute und schritt auf Winnetou zu, begleitet vom heiteren Klirren der Glöckchen, die zwischen langen Fransen an ihrem hellgegerbten Ledergewand befestigt waren.

Sie sagte etwas, das ich nicht verstand; einzig das wohlklingende Lachen, das eine anmutige Handbewegung begleitete, drang bis zu mir. Interessant war es, Winnetous Gesicht zu beobachten. Seine Miene blieb starr, als er etwas erwiderte, und seine Lippen wirkten eine Spur schmaler als sonst.

„Old Shatterhand mag seinen Mund wieder schließen, sonst läuft ihm noch der Speichel heraus.“ Nscho-tschis bissigen Worte, leise in mein rechtes Ohr geflüstert, brachten mich in die Wirklichkeit zurück. Beschämt schloss ich meinen Mund und schluckte. Sie hatte mich ertappt.

Die Apachin war bereits verschwunden, ohne dass ich antworten konnte, und tauchte kurz darauf neben meinem Blutsbruder auf, wo sie mit ihrem ebenfalls bezaubernden Lächeln die Gäste begrüßte. Immer noch verwirrt beobachtete ich, wie diese, einer nach dem anderen, mit Intschu tschuna ins Gastzelt traten. Die Menge löste sich auf und auf einmal stand Winnetou vor mir, mit bleichem Gesicht, eine steile Falte auf der Stirn, die sich dort nur höchst selten zeigte.

„Wird mein Bruder mich begleiten?“, stieß er hastig hervor. Ich zog die Augen zusammen, versuchte in seinem Gesicht zu lesen, allein es gelang mir nicht. Zu fremd kam er mir in diesem Moment vor. Doch natürlich wollte ich mit, wo immer er hinging, und zudem beschlich mich das unbestimmte Gefühl, dass ich ihn jetzt besser nicht allein lassen sollte.

„Gewiss komme ich mit.“

„So hole deine Waffen und deine Decke. Wir treffen uns bei den Pferden.“

Behände wie eine Gämse sprang er die Leitern zu unserem Stockwerk empor und war schon oben, ehe ich den Fuß auch nur auf die unterste Sprosse setzen konnte. Als ich wenig später bei den Weiden anlangte, hatte er die Tiere schon fertig aufgezäumt und gesattelt. Mir den Zügel zuwerfen, auf Iltschis Rücken springen und lospreschen war eins. Es wirkte beinahe wie eine Flucht. Mochte das etwas mit der Mimbrenjo-Familie zu tun haben? Etwas ratlos folgte ich ihm.

Und nun saßen wir hier an diesem lächerlich winzigen Feuer und ich wartete darauf, dass das Wasser in dem kleinen Topf, den ich zusammen mit einem Paket Kaffee aus dem Handelsposten noch hastig eingepackt hatte, zu kochen begann. Es würde eine lange, kalte Nacht werden und ich gebe zu, dass in mir so etwas wie Ungeduld hochstieg. Warum waren wir nur hier und nicht in den gemütlichen Räumen des Pueblos?

Als ich endlich ein leises Brodeln vernahm, goss ich vorsichtig das Wasser in die beiden schon vorbereiteten Becher. Einen davon reichte ich Winnetou, der zusammengesunken neben mir saß, seine Decke locker über die Schultern gelegt.

Ich wickelte mich ebenfalls warm ein und rückte dichter an meinen Blutsbruder heran. „Wird Winnetou mir nun vielleicht erklären, warum wir so überhastet aufgebrochen sind?“

Winnetou rührte in seinem Kaffee und ein Duft stieg in meine Nase, der mich versöhnlich stimmte.

„Es ist wegen Mondschimmer…“, erwiderte er leise.

„Das ist die schöne Mimbrenjo, nicht wahr? Die Tochter von Felsengeier?“

„So ist es.“

„Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Frau gesehen. Gleichwohl, wieso läuft mein Bruder vor ihr davon?“

Winnetou blies vorsichtig in sein Trinkgefäß. „Wie kommt Scharlih darauf, dass ich vor ihr fliehe?“

Ich lachte. „Naja, wer das übersehen würde, müsste blind und taub zugleich sein. Und außerdem glaube ich, dass sie dich mag. Vielleicht ist ja sogar etwas verschossen in dich?“

Winnetou runzelte die Stirn. „Verschossen?“

„Äh, nun ja, das ist so eine Redensart… also etwas verliebt, könnte man auch sagen.“

Stumm sah der Apache in die Flammen und ich begann zu ahnen, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Endlich antwortete er. „Felsengeier würde es sehr gerne sehen, wenn Winnetou und Mondschimmer ein Paar würden. Auch Intschu tschuna ist dem nicht abgeneigt, denn diese Abteilung der Mimbrenjos erkennt ihn nicht als obersten Häuptling der Apachen an. Sie sondern sich ab und sind nicht bereit, den Weg des Friedens zu beschreiten, wie es der oberste Häuptling tut. Eine engere familiäre Verbindung könnte zu einer Annäherung führen und das Problem sogar lösen.“

„Hm. Das ist natürlich nicht sehr angenehm, aber ich denke, du könntest es schlimmer treffen.“ Arrangierte Ehen waren in meiner Heimat nichts Ungewöhnliches, daher wunderte es mich auch nicht besonders, dass so etwas selbst hier unter den sogenannten Naturvölkern vorkam.

Winnetou hingegen schüttelte schweigend den Kopf. Ich nahm einen Schluck Kaffee und wartete, jedoch schien er nicht gewillt, mehr zu erzählen. Inzwischen kannte ich ihn gut genug, um zu wissen, dass ich Geduld haben musste. Nichts hasste mein Blutsbruder mehr, als ausgefragt zu werden. Allerdings hatte etwas in seinem Blick gelegen, das mir keine Ruhe ließ. Nach einer Weile räusperte ich mich daher und fragte vorsichtig: „Was stimmt denn nicht mit ihr?“

„Gar nichts stimmt nicht mit ihr. Sie ist nicht nur schön von Gestalt, sie besitzt auch ein sanftes Wesen, sie hat Humor und ist klug.“

„Oha. Und wo liegt das Problem? Du hast mir schließlich erzählt, dass es keine andere gibt.“

Winnetous Stimme war so leise, dass sie kaum mehr zu vernehmen war. „In meinem Herzen ist kein Platz mehr für die Liebe.“

Betroffen starrte ich ins Feuer. Seine Antwort, vor allem die Art, wie er sie gab, sagte alles und nichts. Aber sie vermittelte mir eine Ahnung von etwas, das weitaus größer und vielleicht auch schlimmer war, als ich angenommen hatte.

Umständlich stellte mein Freund den Kaffeebecher vor sich ab und wandte sich mir zu. Ich erschrak vor dem plötzlichen, schier bodenlosen Schmerz in seinen dunklen Augen.

„Vor nicht allzu langer Zeit gab es eine Frau, die mir sehr wichtig war. Ich liebte sie, Scharlih. Doch diese Frau ist tot. Sie starb, und ich vermochte nichts dagegen zu tun, obgleich ich mein Leben für das ihre gegeben hätte.“

Abermals verstummte er. Mitfühlend legte ich die Hand auf seinen Unterarm.

„Was ist passiert, mein Freund?“

Er sah zu Boden, schien mit sich zu ringen, ob er mir erzählen sollte, was ihn bewegte. Mehrfach setzte er zum Sprechen an und schloss dann die Lippen wieder. Schließlich schüttelte den Kopf.

„Ich kann darüber nicht reden, Scharlih. Nicht einmal zu dir, den ich wie einen Bruder liebe. Was geschah, muss in meinem Herzen verborgen bleiben, denn die Trauer kennt die Worte nicht.“ Seine Stimme brach und als er den Blick hob, um mich anzusehen, glitzerten Tränen darin.

„Verzeih.“ Sein Flüstern war kaum hörbar.

Das Mitleid, das ich empfand, wollte mich beinahe entzweireißen. Zögernd legte ich den Arm um ihn, nicht wissend, ob er diese freundschaftliche Geste dulden würde. Er regte sich jedoch nicht.

„Es gibt nichts zu verzeihen“, sagte ich leise. „Du hast jemanden geliebt und du hast sie verloren, mehr muss ich nicht wissen. Ich kann dein Schweigen verstehen. Wenn dennoch einst der Tag kommt, an dem der Schmerz danach schreit, dein Herz zu verlassen, werde ich da sein.“

Kurz fühlte es sich an, als lehnte er sich an mich; er, der starke Krieger und Häuptling, der Mann, den ich bewunderte und verehrte, von dem ich alles gelernt hatte. Es mag verrückt klingen, aber plötzlich war mir, als würde meine Seele aus mir heraus und empor wachsen und sich, einem großen Bären gleich, schützend und wärmend über uns neigen.

Dann war der Moment vorbei und wir waren wie zuvor zwei Freunde, die ihre Hände an ihren Bechern wärmten.

Viel später, als der Kaffee längst geleert war und die klamme Kälte langsam in meine Glieder kroch, merkte ich, wie Winnetou sich neben mir aufrichtete. „Mondschimmer verdient einen Mann, mit dem sie glücklich werden kann, Scharlih. Jemanden, der sie lieben kann und der eine Familie mit ihr gründet. Würde ich mich auf eine Verbindung mit ihr einlassen, wäre das ein großes Unrecht, denn ich könnte ihr all dies niemals geben. Indes, eine Frau wie sie weist man nicht einfach ab, daher habe ich mich unter einem Vorwand entfernt. Sie wird verstehen, was ich ihr damit sagen will, denn sie ist klug.“

„Und woher wissen wir, wann wir zurückkehren können?“

„Wenn Felsengeier merkt, dass er keinen Erfolg hat, wird er bereits morgen fortreiten.“

„Aber was wird aus Intschu tschunas Plänen?“

Winnetou hob die Schultern, eine Bewegung, die ich in der Dunkelheit mehr spüren als sehen konnte.

„Der Häuptling wird Felsengeier anders überzeugen müssen. Er kennt meine Ansicht und tief in seinem Innern respektiert er sie auch.“

Ich musste lächeln, voller Erleichterung darüber, dass mein Freund wieder normal klang.

„Meine Schwester wird uns ein Rauchsignal geben, wenn die Mimbrenjos fort sind.“

„Ein Rauchzeichen? Obwohl ich davon gelesen habe, habe ich nicht geglaubt, dass es das wirklich gibt! Beherrscht du das? Kann ich es auch lernen?“

Winnetou lachte sein verhaltenes, leises Lachen, das mir inzwischen vertraut war, obgleich er es nur so selten hören ließ. „Es ist nicht sonderlich schwer. Ich kann versuchen, es dir zu zeigen, allerdings nicht hier. Wir sind zu nah am Pueblo.“

„Aber wieso? Vielleicht kann ich Nscho-tschi ja eine Antwort geben. Dann wäre das wenigstens sinnvoll!“

„Es ist nicht nötig. Wir selbst sind die Antwort, wenn wir am Pueblo eintreffen.“

„Es kann doch auch nicht schaden, wenn wir ihr eine geben“, beharrte ich, denn ich wollte es unbedingt versuchen.

Der Apache schob einen weiteren dünnen Ast in die Glut, welche sogleich ein wenig aufflammte, sodass es sein Gesicht beleuchtete. Ein amüsiertes Lächeln spielte um seine Lippen.

„Ich erinnere mich daran, dass Klekih-petra es einst auch gerne versuchen wollte. Das Sprechen mit dem Rauch übt wohl eine große Faszination auf euch Weiße aus.“

„Weil darüber viel in unseren Büchern steht“, unterbrach ich erregt. „Und was geschah dann?“

„Ich zeigte es meinem weißen Lehrer, da war ich noch ein Knabe. Er ließ leider dabei versehentlich eine Rauchwolke zu viel unter der Decke entweichen und versetzte so den ganzen Stamm in Aufruhr, weil man dachte, ein Angriff stehe bevor.“

Bei der Vorstellung, wie der kleine Deutsche sich mit Decke und Feuer abmühte und wie die Apachen sich sodann zur Verteidigung rüsteten, musste ich laut auflachen.

Auch in Winnetous Augen blitzte der Schalk auf.

„Mein Vater führte ein ernstes Gespräch mit uns beiden und wir mussten versprechen, in Zukunft umsichtiger zu sein. Klekih-petra hat es daraufhin niemals wieder versucht. Es war ihm alles sehr unangenehm.“

Er verstummte und wir gedachten beide des Mannes, dem es zu verdanken war, dass wir hier einträchtig saßen. Ein Roter und ein Weißer, zwei Männer, zwei Körper, eine Seele.



Am anderen Tag erspähten wir gegen Mittag die ersehnten Zeichen. Obgleich es mir in den Fingern juckte, packte ich folgsam meine Sachen zusammen und wir machten uns gemächlich auf den Weg zurück zum Pueblo. Die Mimbrenjos waren fort.

Intschu tschuna erwartete uns bei den Pferdeweiden und machte sich dabei gar nicht erst die Mühe, seinen Unmut zu verbergen. „Winnetou hat sich nicht gerade höflich verhalten, indem er so plötzlich verschwunden ist.“

„Mein Vater Intschu tschuna kennt den Grund.“

Der Häuptling warf die Arme in die Luft. „Du musst das doch einmal vergessen. Mondschimmer ist hübsch, begabt und folgsam. Ich kann mir kaum eine bessere Squaw für dich vorstellen!“

Winnetou hatte Iltschis Hufe nach kleinen Steinen untersucht. Jetzt richtete er sich auf und fixierte seinen Vater. Die bodenlose Tiefe in seinen Augen erschreckte mich einmal mehr. „Gerade du müsstest mich verstehen. Nach Mutters Tod hast auch du die Einsamkeit gewählt. In deinem Herzen war kein Platz für eine andere Frau und genauso empfinde auch ich.“ Er straffte sich und hob sein Kinn etwas an. „Winnetou wird allein bleiben, für den Rest seines Lebens. Howgh.“

Er gab Iltschi noch einen Klapps auf die Kruppe und schritt davon, wie umhüllt von der selbstgewählten Einsamkeit.

Ich blieb mit Intschu tschuna zurück, der ihm stumm nachsah. Sein Ärger war verraucht und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Schwer legte er mir die Hand auf die Schulter.

„Intschu tschuna glaubt nicht, dass er dir erzählt hat, was geschehen ist. Selbst ich weiß nur einen Bruchteil davon. Aber vielleicht lässt er dich eines Tages tiefer in sein Herz blicken. Dann sei ihm der Freund, den er braucht. Willst du mir das versprechen?“

Ich schluckte und nickte heftig. „Das tue ich. Von ganzem Herzen!“
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