Aus dem Tagebuch Old Shatterhands

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Nscho-Tschi Old Shatterhand Winnetou
03.03.2017
23.11.2019
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Die fremde Welt




Ungewollt bin ich Zeuge eines Gespräches geworden, das mich verstört hat. Im Geheimen hat Nscho-tschi ihrem Bruder gestanden, dass sie mich, das Bleichgesicht liebt. Gewiss habe ich bereits bemerkt, dass Nscho-tschi mir das ein oder andere Mal schöne Augen gemacht hat, jedoch hielt ich das für nichts Ernstes. Nun aber stellt sich die Sache anders dar und ich weiß noch nicht, wie ich mit diesem Wissen umgehen soll.

Ich hatte und habe nicht die Absicht, hier eine Frau zu suchen oder zu finden, selbst wenn es die liebreizende Tochter des Häuptlings ist. Natürlich gefällt mir Nscho-tschi, doch sehe ich sie eher als kleine Schwester, denn als Frau an. Hinzu kommt, dass ich mich nicht fest binden will. Mein unsteter Lebenswandel würde sie nur unglücklich machen und das möchte ich ihr nicht antun.

Winnetou scheint zwar erkannt zu haben, dass ich eine solche Beziehung nicht möchte, doch hat er seiner Schwester geraten, auf eine Schule zu gehen und dort zu lernen, was die Frau Old Shatterhands seiner Ansicht nach wissen und können muss. Seine hohe Meinung von mir ehrt mich, doch macht mir die Vorstellung große Angst, Nscho-tschi könnte meinetwegen mehrere Jahre fern von ihrer Familie und Heimat verbringen müssen. Was passiert, wenn sie zurückkehrt? Wird dann von mir erwartet werden, dass sie ich heirate?

Es kommt mir vor wie eine Zwickmühle. Was immer ich tue, es ist falsch. Weise ich Nscho-tschi ab, so werde ich möglicherweise sofort gehen müssen, denn ich müsste zugeben, jenes Gespräch belauscht zu haben. Lasse ich sie ziehen, so lade ich Schuld auf mich, denn heiraten möchte ich sie auch nicht in einigen Jahren. Ich will vorerst überhaupt nicht heiraten.

Andererseits wird Nscho-tschi aber auf einer Schule auch Dinge lernen, die ihrem Stamm großen Nutzen bringen werden, ganz unabhängig von meiner Person. Vielleicht lernt sie dort einen anderen jungen Mann kennen, der ihr Herz gewinnt.



Der Morgen nach jenem Gespräch brachte zum Glück Ablenkung. Winnetou lud mich zu einem Ritt ein, der sich von unseren üblichen Ausflügen unterschied. Zwar erzählte ich Sam Hawkens, dass wir einen Jagdausflug machen wollten, doch unser wahres Ziel war ein Handelsposten, auf dem wir Munition sowie einige Gebrauchsgegenstände einkaufen wollten, die die Apachen nicht selbst herstellen konnten oder wollten.

Anhand der Anzahl der Packpferde, die wir dabei mit uns führten, konnte ich erahnen, dass der Umfang unserer Besorgungen erheblich war. Unklar war mir jedoch, wie wir all dies bezahlen wollten und ich konnte mich eines leichten Unbehagens nicht erwehren, das mich überkam, wenn ich daran dachte.

Unterwegs berichtete mir Winnetou, dass er den Handelsposten zuletzt vor einem knappen Jahr besucht hatte.

„Klekih-petra führte dort üblicherweise die Verhandlungen. Intschu tschuna und Winnetou warteten draußen vor dem Gebäude bei den Pferden. Im letzten Jahr war ich zum ersten Mal allein mit dem Weißen Vater dort.“

„Du bist nicht mit hinein gegangen?“

„Nein. Ich betrete die Häuser der Weißen nicht gerne und Klekih-petra war es auch lieber so.“ Ein wehmütiges Lächeln ließ die Züge Winnetous weicher erscheinen. „Ich glaube, er fürchtete um meine Sicherheit.“

Ich verstand, dass der Lehrer Winnetous die beiden Apachen hatte schützen wollen. Doch gleichzeitig hielt ich dies für einen Fehler. Er hatte meinen Blutsbruder mit der Lebensweise der Weißen vertraut gemacht, ihn Lesen und Schreiben gelehrt, ihn an seinem Wissen und seinen Kenntnissen teilhaben lassen. Doch all dieses Wissen war blanke Theorie. Winnetou kannte Macbeth, hatte aber noch nie am Tisch eines Weißen gesessen. Ich nahm mir vor, das zu ändern. Nur wenn der künftige Häuptling der Apachen seine Scheu vor den Weißen überwand und erfuhr, dass es auch hier gute Menschen gab, konnte er für dauerhaften Frieden sorgen.

Wir erreichten unser Ziel am frühen Nachmittag.

Langsam näherten wir uns den beiden Lehmhäusern, in denen sich ein Gemischtwarenladen, einige Fremdenzimmer sowie das Postamt befanden. Mir war bewusst, dass der Anblick des bewaffneten Apachen durchaus Besorgnis bei den Bewohnern oder Betreibern erregen könnte. Doch alles blieb ruhig. Abgesehen von dem Schild, welches quietschend im Wind hin und herschwang, und großspurig den Namen dieser Ansiedlung verkündete: Roswell.

Wir führten unsere Tiere in einem kleinen Korral, der augenscheinlich genau zu diesem Zweck hier erbaut worden war. Hier gab es etwas Heu und frisches Wasser. Dahinter stand ein weiteres Gebäude im Rohbau, das davon zeugte, dass sich aus diesem einfachen Handelsposten einmal eine größere Siedlung entwickeln würde.

Als Winnetou mir ein Stück Papier reichte, traute ich meinen Augen nicht. Feinsäuberlich hatte er in seiner mir inzwischen bekannten, formvollendeten Handschrift notiert, was ich besorgen sollte. Beim Anblick dieser Liste musste ich grinsen – ein Einkaufszettel aus Apachenhand. Wer würde mir das glauben?

„Ich denke, dass du mich begleiten solltest, mein Freund. Denn ich werde nicht immer hier sein. Irgendwann musst du allein herkommen.“

Winnetou zuckte die Achseln.

„Glaubt Scharlih, dass Winnetou das nicht kann? Wenn es einst nötig ist, werde ich das tun. Doch jetzt ist es vorteilhafter, wenn mein Bruder allein geht.“

„Ich sehe das anders! Du lernst den Inhaber des Stores kennen und – genauso wichtig – er dich. Er weiß dann, wen er vor sich hat und du ebenso. So entsteht Vertrauen.“

„Ich kenne den Mann bereits. Und er hat auch mich schon gesehen, beim Beladen der Tiere.“

„Aber hast du auch mit ihm gesprochen, kennt er deinen Rang und Namen?“

Stumm schüttelte Winnetou den Kopf.

„Das habe ich mir gedacht. Bitte, vertrau mir und begleite mich. Du hast immer gesagt, dass du einst auch von mir lernen möchtest. Jetzt könnte es soweit sein.“

Winnetou sah zu Boden. Ich konnte nur vermuten, was ihn bewegte. Keinesfalls war es Angst, die ihn zurückhielt. Ganz generell war mir aber aufgefallen, dass die Apachen so wenig Kontakt wie möglich zu Weißen wollten. Ich glaube, wir sind ihnen unheimlich, selbst Winnetou, der es doch besser wissen könnte.

Sosehr er sonst auch als starker und tapferer Krieger auftrat, für den Bruchteil eines Augenblicks war jetzt bei ihm eine mir bis dato unbekannte Schüchternheit zu erahnen, die mich berührte.

Im selben Moment drückte der Apache den Rücken durch, hob das Kinn und nickte mir zu.

„Gehen wir, Scharlih.“

Lächelnd nickte ich und wandte mich zur Tür. Das Scheppern einer Glocke begleitete unser Eintreten und ich sah, wie Winnetou kurz zusammenzuckte. Nachdem sich meine Augen an das dämmrige Licht im Inneren des Hauses gewöhnt hatten, erblickte ich zu meiner Linken ein Durcheinander aus Dingen unterschiedlichster Art und Herkunft. Da lag ein Stapel Hüte verschiedenster Farben und Formen gleich neben einigen Gläsern mit eingemachten Gurken. Bunte Decken mexikanischer Machart wechselten mit Aufbauten, auf denen sich Schrauben, Nägel und Werkzeuge befanden. Seile aus Hanf hingen an der Wand gleich neben mehreren Salamiwürsten. Von der Decke baumelten mehrere geräucherte Schinken über einem Regal mit Unterbekleidung aus heller Baumwolle. Hinter einem langen Tresen befanden sich Gewehre und andere Schusswaffen, aber auch mehrere Säcke, welche wohl Mehl, Zucker und andere Lebensmittel enthielten.

Erstaunlicherweise war der rechte Teil des Hauses völlig akkurat aufgeräumt. Drei hölzerne Tische mit rotweiß karierten Decken ließen darauf schließen, dass es sich um eine Art Gaststube handelte und auf einer Tafel war säuberlich das Gericht des Tages notiert: Gemüseeintopf mit Fleischeinlage.

Hinter der Verkaufstheke stand ein junger Mann, dem seine roten Haare strähnig und ungepflegt ins Gesicht hingen. Sein rotleuchtendes Gesicht kündete davon, dass er sich zu lange in der Sonne aufgehalten haben mochte.

„Rothäute wünschen wir hier nicht!“ Seine Stimme war mir ebenso unsympathisch wie der ganze Rest des Mannes. Er richtete seine wässrig blauen Augen auf mich. „Sagt ihm, er soll draußen warten.“

„Mein Begleiter gehört zu mir. Entweder Ihr verkauft an uns beide oder gar nicht.“ Ich spürte bereits die Wut in mir brodeln und stemmte die Hände in die Hüfte. „Ihr sollten ihn also besser höflich behandeln.“

„Fällt mir gar nicht ein. Der stinkt doch bis hierher, wie alle Roten!“ Er zog ein schmutziges Taschentuch aus der Nase und hielt es sich vor das Gesicht.

Ich spürte beinahe körperlich, wie Winnetou neben mir zusammenzuckte. Da explodierte etwas in mir. Wie konnte dieser ungehobelte Mensch es wagen, meinen Freund derart zu beleidigen? Ohne zu überlegen sprang ich mit einem großen Satz über die Theke und packte das Bürschchen am Kragen. Ihn daran hochzuheben war ein Leichtes, doch leider riss der wohl bereits mürbe Stoff, so dass der Mann zu Boden krachte.

In diesem Moment waren schwere Schritte aus dem hinteren Nebenraum zu vernehmen. Ein blonder Mann mittleren Alters trat ein, der seinen stattlichen Bauch unter einer braunen Schürze verbarg. Er musste der Besitzer des Geschäftes sein.

„Was geht denn hier vor?“, donnerte er. Rasch trat ich zurück vor die Theke neben Winnetou, der demonstrativ die Hand auf die Pistole in seinem Gürtel gelegt hatte. Es dämmerte mir, dass ich mich hatte reizen lassen und dadurch sehr unvorsichtig gewesen war.

„Die Rothaut und der Kerl hier haben mich angegriffen“, kreischte derweil der Rothaarige, worauf der Inhaber sich uns mit ungeahnter Behändigkeit zuwandte. Mir war klar, dass ich die Situation überhaupt nicht mehr unter Kontrolle hatte. Wenn Winnetou seine Waffe ziehen würde, würde sie eskalieren.

Beschwichtigend und mit klopfendem Herzen hob ich die Hände. „So war es nicht, Sir. Ich nehme an, Ihr seid hier der Boss?“

„So ist es.“

„Euer Mitarbeiter hat meinen Freund hier beleidigt, ganz ohne Grund. Und das lasse ich nicht zu! Ich hätte ihm aber kein Haar gekrümmt; wollte ihm nur beibringen, dass man sich seinen Kunden gegenüber höflich verhält.“

Der Blonde musterte uns mit zusammengekniffenen Augen. Zuletzt blieb sein Blick auf der Waffe hängen, über der immer noch Winnetous Hand lag.

„Dann würde Euer Freund wohl die Güte haben, seine Waffe stecken zu lassen?“

Ich drehte mich zu dem Apachen um. In seinen Augen leuchtete es noch immer gefährlich. Wie sollte ich ihn beschwichtigen, ohne ihn bloßzustellen? Es sollte doch auf keinen Fall aussehen, als würde er von mir Anweisungen entgegennehmen. Doch ich hatte Winnetou unterschätzt. Er ließ den Blick noch einmal über die Anwesenden schweifen und nahm dann die Hand fort. Erleichtert atmete ich auf.

Der Storeinhaber nickte beifällig. Dann stieß er den Rothaarigen, der noch immer auf dem Boden saß, mit dem Fuß an. „Los, Dusty, verschwinde!“

Schneller als vermutet eilte der Angesprochene heraus und ein vorsichtiges Lächeln erschien auf den Zügen des Ladenbesitzers.

„Es ist so schwierig, hier geeignetes Personal zu finden. Also fangen wir nochmal von vorn an. Willkommen in Roswell. Was kann ich für Euch tun? Seid Ihr hungrig oder wollt Ihr etwas einkaufen?“

„Beides, Sir.“ Ich erwiderte das Lächeln und wischte mir verstohlen den Schweiß von der Stirn. In der Tat, wir hatten noch nicht gegessen und mein Magen knurrte laut genug, um mich daran zu erinnern. Es täte uns gewiss nach der Aufregung gut, eine kleine Rast einzulegen. Zudem hatte ich das Gefühl, einen Fehler wieder gutmachen zu müssen. Wie sollte Winnetou denn seine Scheu ablegen, wenn das hier so endete?

Ich räusperte mich.

„Mein Name ist May, Karl May, doch hier im Westen werde ich Old Shatterhand genannt. Mein Begleiter ist Winnetou, der Sohn des Häuptlings der Mescaleros. Wir möchten zunächst eine Reihe von Dingen erwerben und dann etwas essen.“

Ich ignorierte den finsteren Blick Winnetous, dem offenkundig wenig der Sinn danach stand, hier länger zu verweilen.

„Alright, dann seid Ihr hier genau richtig. Ich bin Van Smith, und mir gehört der Laden. Den jungen Häuptling habe ich doch schon einmal gesehen. Ihr wart vor einiger Zeit mit einem älteren Weißen hier, nicht wahr?“

Der Apache nickte knapp.

„Ein netter Kerl! Bitte richtet ihm Grüße von mir aus!“

Da hob Winnetou den Blick, sah Smith gerade in die Augen.

„Klekih-petra ist tot. Er wird nie wieder herkommen.“

Smith riss die Augen auf. „Oh weh. War… war er krank?“

„Nein, er wurde erschossen. Von Bleichgesichtern.“

Smith seufzte, hielt aber dabei dem Blick stand. „Es trifft immer wieder die Guten, Unschuldigen. In diesen Zeiten ist der Tod allgegenwärtig. Es tut mir aufrichtig leid, was mit dem alten Mann geschehen ist. Und ich verspreche, ich werde diesen Dusty entlassen. Ihr werdet hier immer gut behandelt werden.“

Ich war erleichtert, als ich das kleine Lächeln in Winnetous Mundwinkeln sah. Er schien jedenfalls nicht nachtragend zu sein.

Smith rieb sich, noch ein wenig verlegen, die Hände.

„Ich stehe zu Euren Diensten. Was kann ich denn für Euch tun?“

Bevor Winnetou beginnen konnte, reichte ich den von ihm geschriebenen Zettel über die Theke. „Hier, unsere Einkaufsliste. Während Ihr alles zusammensucht, könnten wir eine Portion Eintopf vertragen.“

„Aber gerne, setzt Euch schon einmal! Wollt Ihr vielleicht noch ein Bier dazu?“

Meine Laune hob sich. „Ihr habt Bier? Gar deutsches Bier?“

„Naja, deutsch…weiß nicht. Aber selbst gebraut und sehr gut!“

Smith öffnete die Tür hinter ihm und rief die Bestellung herein, während wir uns auf die Bänke an einen Tisch setzten. Wir waren um diese Zeit die einzigen Gäste. Leise bat ich Winnetou um Verzeihung für meine eigenmächtige Entscheidung. Ich wusste ja, dass er eigentlich nicht hier hatte essen wollen. Der Apache hob die Schultern.

„Wenn Scharlih hier essen will, ist das für Winnetou in Ordnung.“

Es dauerte nicht lange, bis eine Frau das Essen brachte. Sie trug einen langen weiten Rock, hatte ihr leicht ergrautes Haar in einen geflochtenen Zopf gebunden und musterte uns scheu. Ob sie Smiths Frau war? Sie stellte alles vor uns auf den Tisch und verschwand rasch wieder. Ich musterte die Schalen, die randvoll waren mit einem verlockend duftenden Eintopf aus Kartoffeln, Bohnen, Linsen und Fleischstücken. Dazu zwei große Gläser des goldenen Gerstensaftes mit prächtiger Schaumkrone, bei deren Anblick mir fast die Tränen kamen.

Mir lief das Wasser im Mund zusammen, doch Winnetou betrachtete skeptisch sowohl den Inhalt seines Tellers als auch des Glases.

Ich reichte ihm einen Löffel.

„Probiere mal, das riecht doch köstlich.“ Ich schob einen Löffel voll in den Mund und seufzte wohlig.

Winnetou hingegen verzog leicht das Gesicht, was mich wunderte, glaubte ich doch, nie zuvor etwas so Gutes gegessen zu haben.

„Es ist sehr…“ Er brach ab, suchte offenbar nach dem richtigen Wort. „…kräftig? Nein, das ist es nicht.“ Er nahm noch einen Löffel voll.

„Vielleicht meinst du salzig. Im Gegensatz zu euren Speisen ist das Essen sehr stark gewürzt.“

Er nickte bedächtig. „Ja, das wird es sein. Salzig, genau…“

Rasch ergriff er sein Glas, um etwas zu trinken, doch ich hielt ihn auf.

„Halt! Dies ist ein Getränk aus meiner Heimat und bevor wir trinken, prosten wir uns zu.“ Ich hob mein Trinkgefäß. „Ich trinke auf Klekih-petra, der unvergessen ist, und ich trinke auf unsere Freundschaft!“

Mit gerunzelter Stirn musterte mich der Apache, doch dann lächelte er und hob ebenfalls sein Glas. „Howgh!“

Ich stieß mit ihm an und kostete. Tatsächlich, das Bier war gut, sehr gut sogar. Gespannt sah ich meinem Blutsbruder zu, wie auch er einen vorsichtigen Schluck nahm, kurz innehielt, einen weiteren Schluck trank und dann noch einen.

„Wie nennt ihr dieses Getränk in deiner Heimat?“

„Es heißt Bier. Es gibt helles und dunkles davon, kräftiges und milderes. Es wird unter anderem aus einem Getreide namens Gerste hergestellt.“

Winnetou nickte anerkennend und trank mir zu.

„Deine Landsleute sind sehr klug. Winnetou mag diese Gerstentrank.“

Ich freute mich unbändig, dass es ihm so schmeckte, fast als wäre ich selbst der Braumeister. Gleichzeitig überkam mich ein unerklärlicher Stolz auf meine Heimat, aber auch auf meinen Blutsbruder. In diesem Augenblick hätte ich die Welt umarmen können!

Tapfer aß dann auch Winnetou den Teller leer, doch während ich noch einen Nachschlag orderte, ließ er sich ein weiteres Glas Bier kommen.

Nach der Mahlzeit gingen wir daran, mit Mr. Smith zusammen die Waren zu überprüfen und auf unsere Tiere zu laden. Wir wollten auf direktem Weg und ohne Nachtruhe zurückreiten, damit wir diese Prozedur nicht zweimal durchlaufen mussten, auch wenn es eine Strapaze für die Pferde bedeutete. doch diese waren gut ausgeruht und so konnten wir ihnen das zumuten.

Der Preis, den der Händler schließlich nannte, ließ mich erbleichen, obwohl er mir angesichts der Menge an Munition, Decken und kleinerer Haushaltsgegenstände, die wir soeben verladen hatten, gerechtfertigt erschien. Wie wollte Winnetou das nur bezahlen?

Besorgt beobachtete ich, wie der Apache, ohne mit der Wimper zu zucken in seinen Gürtel griff. Er zog etwas heraus, was er Smith in der geöffneten Hand hinhielt. Mir stockte der Atem. Bei den unscheinbaren, bräunlich-schrumpeligen Körnern verschiedener Größe handelte es sich um Nuggets. Echte, wahrhaftige Nuggets, mehr als ich je zuvor auf einem Haufen gesehen hatte.

Zugegeben, ich habe noch nicht viele Nuggets gesehen…

Smith nahm ein paar Goldstücke aus Winnetous Hand, legte sie auf seine Waage, tauschte einige aus, prüfte noch einmal und nickte schließlich zufrieden.

„Ich denke, so ist es für alle in Ordnung, nicht wahr, Häuptling?“

„Klekih-petra hat Euch stets vertraut und so tut es auch Winnetou.“

„Das freut mich! Mit dem Weißen Vater habe ich zum Abschluss immer noch einen Kaffee getrunken. Ich würde Euch auch gerne dazu einladen, oder bevorzugt Ihr einen Schnaps?“

„Kaffee wäre fantastisch!“, freute ich mich.

„Winnetou trinkt niemals Feuerwasser.“

„Sehr gut!“ Mit lauter Stimme rief er nach hinten: „Janie, bring uns bitte Kaffee raus!“

Wir setzten uns auf eine Bank im Schatten vor dem Lehmhaus. Ich war froh, dass Winnetou keinen Schnaps trinken wollte, denn ich hatte gehört, dass Indianer den puren Alkohol nicht gut vertragen. Keinesfalls wollte ich meinen Blutsbruder beschwipst oder gar betrunken sehen.

Irgendwann werde ich das Thema aber einmal ansprechen, denn es ist mir wichtig, Winnetous Meinung dazu zu hören. Der Alkohol ist in meinen Augen ein schlimmer Feind des roten Mannes, denn er dient allzu oft dazu, ihn gefügig oder gar abhängig zu machen.

Den Kaffee brachte ein sehr hübsches, junges Mädchen, dessen lose zusammengebundenes Haar in der Nachmittagssonne golden aufglänzte und einen reizvollen Kontrast zu der leicht gebräunten Haut bildete. Mit einer anmutigen Verneigung und einem koketten Lächeln reichte sie jedem von uns einen Becher mit heißem Kaffee und hüpfte dann davon. Amüsiert beobachtete ich, wie Winnetous Gesichtszüge beim Anblick dieses Zauberwesens ihre stets beherrschte Starre verloren, wie sich ein weicher Glanz in seine Augen schlich, und sein Mund sich kaum merklich öffnete.

„Meine Tochter, Jane“, sagte Smith mit deutlich hörbarem Stolz. „Sehr hübsch, nicht wahr?“

„Oh ja, das ist sie. Ihr könnt Euch sehr glücklich schätzen, Mr. Smith!“

Ich schnupperte an meinem Becher und schloss verzückt die Augen. Wie gut es mir ging! Eintopf, Bier UND Kaffee am selben Tag, das war wie Ostern und Weihnachten zugleich.

„Wie schmeckt dir der Kaffee, Winnetou?“

Abwesend sah mich der Apache an und es dauerte einen Moment, bis sein Blick wieder klar wurde.

„Er riecht sehr gut. Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen.“ Versonnen strich er sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Dann gebe ich euch noch ein Päckchen dazu. Geschenk des Hauses.“

Nachdem wir auch das kleine Paket mit Kaffee noch verstaut hatten, wurde es Zeit aufzubrechen. Winnetou hielt Smith die Hand hin.

„Winnetou ist froh, seinen weißen Bruder Smith kennengelernt zu haben. Er dankt für die Gastfreundschaft.“

„Ihr seid mir immer willkommen. Häuptling!“

„Mein Bruder passe gut auf seine Tochter auf. Es gibt überall schlechte Menschen, die die Ehre eines Mädchens nicht achten.“

Die beiden Männer sahen einander an und Smiths Augen weiteten sich, während er langsam zu nicken begann. „Ich weiß, was Ihr meint und danke Euch. Ich werde das beherzigen.“

Plötzlich fühlte ich sie wieder, die Aura, die Winnetou üblicherweise umgab und die in den letzten Stunden von einer mir unerklärlichen Scheu verdrängt worden war. Es war, als würde er mit einem Mal innerlich wieder wachsen und alles in seinen Bann ziehen. Ein Strahlen schien von ihm auszugehen, was nicht sicht- aber deutlich fühlbar war und alle anderen in den Schatten stellte.

Dann war der Augenblick vorbei und Winnetou schwang sich auf seinen Iltschi. Rasch verabschiedete auch ich mich und wir begannen unseren Ritt zum Pueblo.



Wir kamen nur langsam voran, doch das störte uns beide nicht. Ich genoss den Ritt unter dem weiten Himmelszelt, dessen Milliarden Lichtpunkte uns den Weg wiesen. Ebenso wie ich schien auch Winnetou seinen Gedanken nachzuhängen. Ob auch er all die Dinge in seinem Herzen bewegte, die uns trennten und gegen die abwog, die uns verbanden? Ob auch er zu dem Schluss kam, dass letztere bei Weitem überwogen?

Heute war ich einmal Winnetous Lehrer gewesen. Er hatte wie durch einen Spalt in der Tür in eine Welt gesehen, in der es hundert, nein tausend Dinge gab, die er noch nicht kannte. Ob nicht auch er sich danach sehnte, der Enge seines Pueblos zu entfliehen und all diese zu entdecken?



Was gäbe ich darum, nur einmal in sein Herz blicken zu können!
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