Aus dem Tagebuch Old Shatterhands

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Nscho-Tschi Old Shatterhand Winnetou
03.03.2017
12.07.2019
14
46077
14
Alle Kapitel
87 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 
 
Für Zorbi




Häuptling der Apachen




Es war einer der letzten heißen Tage des Spätsommers. Kein Lüftchen regte sich und das Leben im Dorf der Mescaleros schien bereits am frühen Vormittag zu erlahmen. Mensch und Tier suchten in den immer kürzer werdenden Schatten Zuflucht vor der Sonne, die unbarmherzig alles zu versengen drohte.

Ich lag auf einem Felsen am Ufer des Rio Pecos, wo ich mich nach einem ausgiebigen Bad in den kühlen Fluten von der Sonne trocknen ließ und einer Fliege zusah, die träge über meine Hand krabbelte. Meinem verstauchten Knöchel ging es schon wieder ganz gut, nachdem Winnetou ihn regelmäßig mit kühlenden Salben behandelt hatte. Zwar stützte ich mich beim Gehen noch auf einen Stock, doch es war nur eine Sache von Tagen, bis ich auch dies nicht mehr benötigen würde.

Trotz der Hitze hatte Intschu tschuna beim Morgengrauen in Begleitung zweier Krieger das Lager verlassen, um eine Abteilung der Mescaleros aufzusuchen, die während des Sommers fortgezogen war. Dem Häuptling war es wichtig, solche Kontakte aufrechtzuerhalten, damit sich der Stamm nicht selbst schwächte. Immer mehr gewann ich den Eindruck, dass Intschu tschuna ein noch klügerer und weitsichtigerer Anführer war, als ich ursprünglich vermutet hatte.

Winnetou würde einst in große Fußstapfen treten müssen, und je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr bewunderte ich ihn dafür, dass er sich dieser Aufgabe stellte.

Dennoch musste ich häufig über unser Gespräch nachdenken, in dem er über die Zweifel gesprochen hatte, die er bisweilen hegte. In der Tat wollte die Zurückhaltung, die er im Umgang mit anderen Menschen an den Tag legte, in meinen Augen weniger zu einem Häuptling passen als zu einem Diyin, auch wenn ich keine richtige Vorstellung von den Aufgaben eines solchen hatte. Daher begann ich, den Geheimnismann der Apachen heimlich zu beobachten und stellte überrascht fest, dass er nicht der mürrische Geselle war, für den ich ihn gehalten hatte. Im Gegenteil, wenn er Kranke behandelte oder die Alten besuchte, legte sich häufig ein wohlwollendes Lächeln über seine ernsten Züge. Begegnete er jedoch meinem Blick, so verfinsterte sich sein Gesicht wieder. Das bestätigte mich in der Annahme, dass er mich offensichtlich nicht mochte. Die Apachen hingegen schienen ihm Vertrauen entgegenzubringen. In seinem Zelt herrschte ein ständiges Kommen und Gehen und es gab keine Tages- oder Nachtzeit, zu welcher er nicht gestört werden durfte.

Es gab jedoch auch Riten, die mir nicht nur fremd, sondern sogar unheimlich waren. Zu diesen gehörte definitiv das schon beschriebene Berggeisterfest, jedoch auch das mehrtätige strikte Fasten und Meditieren, welchem sich die Krieger in unregelmäßigen Abständen unterzogen, was der Diyin mit eigentümlichen Gesängen und Tänzen unterstützte. Dies stieß mich ebenso ab wie die bizarren Masken und Verkleidungen, die der Mann bei seinen Zeremonien verwendete. Winnetou mit einer solchen Maske…ich schüttelte mich.

Der ausgelassene Schrei eines Knaben, der kopfüber in die Fluten des Pecos sprang, ließ mich aufschrecken. Wohlig seufzte ich und genoss noch einmal das laue Lüftchen, welches soeben meinen Körper streichelte. Dann erhob ich mich, streckte und dehnte meine Muskeln und kleidete mich an. Ich war mit Winnetou verabredet, der heute an Intschu tschunas Stelle die Rolle des Häuptlings ausfüllen musste und mich eingeladen hatte, ihn zu begleiten. Mir war das ganz willkommen, denn immerhin trug auch ich die Häuptlingswürde und sollte in der Lage sein, dieses Amt einigermaßen angemessen auszufüllen, wenn es einmal nötig wurde.

Was genau mich erwartete, hatte mir der Freund indes nicht verraten, doch wusste ich, dass nichts Besonderes anstand. Bei der Hitze begrüßte ich es durchaus, dass wir vermutlich einen geruhsamen Tag in der Nähe des Pueblos verbringen würden.

Winnetou blickte mir von der Plattform vor den Räumen der Häuptlingsfamilie entgegen, die einen herrlichen Blick über das weite Tal des Rio Pecos bot. Ein Lächeln erhellte sein ernstes Antlitz, als ich die letzte Leiter erklomm, was mir aufgrund meiner Verletzung immer noch etwas schwerfiel. Still nickte er mir zu, wie es so seine Art war.

Ich erwiderte den Gruß und trat neben ihn, genoss das Gefühl der Vertrautheit und Nähe, die uns mittlerweile verband.

Eine helle Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Es ist schon sehr warm. Nscho-tschi bringt kühles Wasser für den eifrigen Schwimmer.“

Es lag ein liebevoller Spott in ihrer Stimme, doch in ihren Augen wohnte ein warmes Funkeln, mit dem sie mich häufig zu betrachten pflegte. Lachend nahm ich ihr das Getränk ab.

„Von hier aus habt ihr mich wohl gesehen, nicht wahr? Habe ich etwa eine so schlechte Figur im Wasser gemacht, dass ich den Spott Nscho-tschis verdiene?“

Errötend schüttelte sie den Kopf, dass ihre langen Zöpfe tanzten und floh ins Innere des alten Adobe-Baus.

An ihrer statt antwortete Winnetou: „Mein Bruder wird in allem,  was er tut, von Tag zu Tag besser.“

„Das habe ich nur dir zu verdanken. Könnte ich doch auch dich einmal etwas lehren. Es wäre mir wirklich eine Freude!“

„Der Tag wird kommen, Scharlih. Wir werden nicht immer im Pueblo sein, sondern vielleicht auch einmal die Städte der Bleichgesichter besuchen oder an anderer Stelle auf Weiße treffen. Winnetou ist nicht sicher, ob er sich dort richtig zu benehmen weiß.“

Ich hob eine Augenbraue. „Ich denke nicht, dass das ein Problem für dich werden wird. Doch wenn es soweit ist, bin ich gerne an deiner Seite. Aber heute bekomme ich erst einmal eine Lehrstunde im Häuptlingssein, nicht wahr?“

„Ein guter Anführer zu sein kann man nicht lernen. Winnetou ist aber froh, dass sein weißer Bruder heute bei ihm ist, denn es wird wohl ein langweiliger Tag werden.“

Ich musste schmunzeln. Winnetou langweilte sich beim Häuptling sein? Ja, so abwegig erschien mir das nicht, vor allem, wenn ich an unsere Ausflüge dachte. Mein Blutsbruder war immer in Bewegung, hatte stets etwas zu tun, niemals saß er einfach nur herum.

Mein Freund schien mit seiner Befürchtung Recht zu behalten. Im Dorf stand die heiße Luft und die Menschen suchten Akühlung beim Baden oder trafen sich unter den Bäumen am Flussbett zum Plausch. So suchten auch wir beide uns einen Ort, an dem wir uns ungestört unterhalten konnten, wobei wir die Zeit zunächst für den Sprachunterricht nutzten. Die Sprache der Mescaleros besitzt zwar keinen großen Wortschatz, ist aber für europäische Zungen schwer auszusprechen. Zudem ändert sich die Bedeutung einiger Wörter mit ihrer Betonung, was mir vor allem zu Beginn große Schwierigkeiten bereitet hatte. Winnetou ließ jedoch nicht nach in seiner Bemühung, mir die korrekten Laute beizubringen.

Irgendwann seufzte ich auf. „Winnetou, diese Sprache ist Gift für meine Kehle. Mir tut gleich der Hals weh, wenn ich noch weiter mache.“

„Dann weiß mein Bruder, wie es mir manches Mal mit dem Englischen geht. Aber du hast Recht, es genügt für heute. Gehen wir zu den Weiden und sehen nach dem Rechten.“

Anders als sonst durchquerten wir das Dorf, anstatt es zu umrunden. „Bei den meisten mir bekannten Stämmen gibt es einen Häuptling für den Frieden und einen für Kriegszeiten“, erklärte mir Winnetou. „Intschu tschuna erfüllt beide Funktionen, denn die Mescaleros wollten es so. Er hat in Friedenszeiten wenig zu tun, doch ist er ansprechbar, wenn jemand ein Anliegen hat.“

Die Menschen lächelten uns zu, als wir vorbeigingen und Winnetou nickte freundlich zurück, wechselte hier und da einige Wörter in schnellem Apachi. Ich war stolz, den Gesprächen mittlerweile folgen und auf einfache Fragen antworten zu können. Besonders die alten Leute freuten sich darüber, während es den Kindern diebischen Spaß bereitete, wenn ich das ein oder andere Wort falsch benutzte. Mir fiel auf, dass Winnetou keine Unterschiede machte, mit wem er sprach. Gerade die am Rand des Dorfes wohnenden Familien schienen seine Aufmerksamkeit in höherem Maße zu erhalten als die anderen.

Vor einem schlichten Tipi am äußersten Saum saß ein noch junger Mann im Schutz eines hölzernen Unterstands. Er mochte nur wenige Jahre älter sein als wir, doch hatte ich ihn bisher noch nie gesehen. Er schnitzte an einem Bogen aus Weidenholz und verwendete erkennbar viel Sorgfalt darauf.

Winnetou beugte sich zu ihm herab, legte ihm zur Begrüßung die Hand auf die Schulter und sagte einige Worte, die ich nicht hören konnte. Dann wandte er sich mir wieder zu.

„Scharlih, ich möchte dir Dunkler Mond vorstellen. Er ist der beste Bogenschnitzer des Dorfes und hat auch deinen Bogen gefertigt.“

Ich reichte dem jungen Krieger die Hand, wunderte mich kurz, dass er nicht zur Begrüßung aufstand, konzentrierte mich dann aber auf meine Worte in Apachi.

„Ich danke dir! Es ist wirklich eine sehr gute Waffe, die du für mich gefertigt hast. Ich hoffe, ich werde mich ihrer würdig erweisen.“ Dunkler Mond errötete und nickte beinahe schüchtern.

Mein Bruder ergriff wieder das Wort. „Winnetou hat gehört, dass die Bögen meines Bruders sehr gefragt sind.“

„Ja, seit Winnetou und auch Old Shatterhand einen Bogen aus meiner Hand besitzen, wollen das viele Krieger. Ich habe reichlich zu tun. Es geht meiner Familie gut, Winnetou.“

„Das ist gut zu hören. Du hast es verdient!“

Wir verabschiedeten uns. Als wir weitergingen, erzählte mir Winnetou die tragische Geschichte des jungen Mannes. Er war ein vielversprechender Krieger gewesen, doch hatte er im Kampf gegen die Comanchen eine Verletzung erlitten, die ihm das Gehen beinahe unmöglich machte. In seiner Not hatte er begonnen, aus Weidenholz Bögen zu fertigen, die er gegen die Jagdbeute anderer eintauschen konnte. Doch erst als der Häuptlingssohn eine seiner Waffen erwarb, wurden die erfahrenen Krieger auf die Qualität seiner Ware aufmerksam. Dunkler Mond lebte nun davon, dass er für seine Arbeit mit Fleisch und Fellen bezahlt wurde.

Ich glaube, Winnetou wollte mir zeigen, dass es auch Aufgabe eines guten Anführers war, sich um die zu kümmern, die ihr Leben nicht allein bewältigen konnten. Denn dass es auch bei den Mescaleros Menschen gab, die am Rande der Gesellschaft lebten, war mir zuvor nicht klargewesen. Ein beschämte mich meine Naivität. Ich hatte noch so Vieles zu lernen.

Bei den Pferden fanden wir alles in Ordnung. Sowohl Intschu tschunas als auch Winnetous kleine Herde hatte sich in den Schatten einzelner Bäume zurückgezogen, wo die Tiere vor sich hindösten und mit dem Schweif lästige Fliegen vertrieben. Eine weißbraun gefleckte Stute, die hochtragend und kurz vor der Niederkunft stand, erhielt besondere Aufmerksamkeit von meinem Freund. Während ich mich in einiger Entfernung hielt, um nicht zu stören, trat Winnetou zu ihr. Ich beobachtete, wie er beruhigend mit ihr sprach, während er ihren prallen Bauch abtastete und ihre Beine befühlte. So freundlich und einfühlsam sich Winnetou auch den Menschen seines Volkes gegenüber verhielt, und sosehr er auch von ihnen geliebt wurde, erschien es mir doch so, dass er nur bei seinen Pferden richtig befreit war. Dann fragte ich mich, ob er nicht viel glücklicher wäre, wenn ihm die immense Last der Verantwortung nicht auferlegt worden wäre.

Welchen Weg hätte er wohl eingeschlagen, wenn er der Sohn eines angesehen Weißen gewesen wäre? Vielleicht wäre er Arzt geworden oder ein Wissenschaftler oder Gelehrter?

Keinesfalls aber fehlte es ihm an der Fähigkeit, Menschen zu führen. Trotz aller Zurückhaltung besaß er die natürliche Autorität eines Anführers, der man sich gerne unterordnete, weil man instinktiv wusste, dass er das Richtige tat. Obwohl der Apache nur zwei Jahre älter war als ich, wie wir errechnet hatten, war dies eine Fähigkeit oder vielleicht sogar Gabe, die mir niemals zuteilwerden würde. Denn in meinem tiefsten Innern war mir klar, dass ich der Sohn armer, einfacher Weber bleiben würde, auch wenn man mich als Old Shatterhand achtete. Ich wusste, wo mein Platz war, während Winnetou immer zu Höherem bestimmt war.

Ich neidete ihm dies nicht, hätte es doch keinen besseren als ihn geben können.

Ein lauter Ruf ließ uns innehalten und aufblicken. Er stammte von Entschar Ko, der im Laufschritt aus der Richtung des Dorfes kam und mit beiden Armen winkte. Etwas war nicht in Ordnung, das war sogleich zu erkennen. Der Unterhäuptling war noch nicht ganz bei uns, als er schon atemlos zu sprechen begann.

„Ihr müsst sofort kommen! Eben ist einer der Wachtposten ins Dorf zurückgekehrt. Er hat Spuren gefunden, viele Spuren. Sie sollen von Kiowas stammen. Vielleicht ist Tangua doch zurückgekehrt und wird uns nun noch einmal überfallen. Til Lata stellt soeben einen Trupp zusammen, der hinter Intschu tschuna herreiten soll, damit der Häuptling zurückkommt…“

Energisch hob Winnetou die Hand, eine Bewegung, welche den Redefluss Entschar Kos sofort stoppte. „Mein Bruder mag einhalten und sich beruhigen. Wir werden zurück zum Dorf gehen und dort selbst hören, was der Wachtposten zu berichten hat. Dann wird Winnetou entscheiden, was geschehen soll.“

Entschar Ko hob die Brauen, während tiefe Röte sein dunkles Gesicht überzog. Anscheinend ging ihm erst jetzt auf, dass er und Til Lata ihre Kompetenzen weit überschritten hatten.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber gleich wieder, denn Winnetou wandte sich bereits zum Gehen. Schnellen Schrittes, aber nicht hastig, kehrten wir zurück und erreichten bald den Versammlungsplatz vor dem Ratszelt, auf dem es bereits heiß herging. Til Lata erteilte soeben einer kleinen Gruppe junger Krieger Anweisungen, während um ihn herum alles durcheinanderredete. Nur einige der Ältesten standen mit verschränkten Armen abseits und beobachteten mit herabgezogenen Mundwinkeln das Schauspiel.

Winnetou trat neben Til Lata, worauf dieser sofort verstummte und zur Seite wich. Wir erfuhren von dem Wachtposten, dass dieser einen halben Tagesritt von hier einen kleineren Trupp Kiowas erspäht hatte.

„Wie lange ist das her?“, fragte Winnetou mit ruhiger Stimme.

„Das war heute Vormittag. Ich bin sofort hierhergeeilt, um Bericht zu erstatten.“

„Das hast du richtig gemacht.“ Winnetou winkte Til Lata wieder zu sich. „Verstärke die Wachen rund um das Lager. Jetzt gleich, als erstes.“

„Aber sollten wir nicht einige Krieger…“

„Zunächst ist es wichtig, unser Dorf zu sichern. Dann wird Til Lata mit einigen Kriegern zur Erkundung aufbrechen und Entschar Ko wird Intschu tschuna folgen.“ Til Lata nickte und wollte sich soeben abwenden, um dem Befehl nachzukommen, als sich ein älterer Krieger den Weg durch die Menge bahnte. Er blieb direkt vor uns stehen. Sein weißes Haar war in zwei strenge Zöpfe geflochten, in denen zwei Adlerfedern steckten. Unwillkürlich schob ich mich näher an meinen Blutsbruder heran. Die zusammengezogenen, dichten Augenbrauen verliehen dem Alten etwas dämonisches und seine Stimme war heiser, als er jetzt laut rief:

„Der Rat der Alten sollte entscheiden, was zu geschehen hat. Winnetou mag die Versammlung einberufen!“

Der Häuptlingssohn schüttelte leicht den Kopf. „Es ist offensichtlich, was zu tun ist. Eine Ratssitzung ist nicht vonnöten.“

„Winnetou ist jung und unerfahren. Er kann leicht einen Fehler machen, also muss er den Rat hören!“

„Winnetou wird keinen Fehler begehen.“ Ich beobachtete, wie die kleine Falte zwischen den Brauen meines Freundes erschien, die immer entstand, wenn etwas seinen Unmut erregte.

„Bärenklaue besteht dennoch darauf!“

Winnetou nickte langsam, mit zusammengepressten Lippen. Dann wies er auf das Versammlungszelt.

Binnen weniger Minuten saßen wir mit weiteren acht Kriegern um ein rasch entzündetes Feuer, dem ein starker Duft nach frischem Salbei entströmte.

Ich nahm zwischen Winnetou und Dürrer Zweig, einem knochigen, weißhaarigen Alten Platz. Verstohlen sah ich mich in dem schmucklosen Innern des Zeltes um, das ich noch nie betreten hatte. Nicht, weil es bislang keine Sitzung des Rates gegeben hätte, sondern weil mich noch niemand dazu eingeladen hatte. Daher war ich überaus erstaunt, dass Winnetou jetzt mich anstelle von Entschar Ko oder Til Lata hinzu bat.

Während ich die in der Runde sitzenden Männer musterte, deren Gesichter größtenteils runzlig und verlebt wirkten, überkam mich plötzlich ein ungutes Gefühl. Keiner der Anwesenden erwiderte meinen Blick, niemand grüßte mich oder lächelte mir zu. Langsam wurde mir bewusst, dass ich bisher mit Ausnahme von Intschu tschuna lediglich mit den jüngeren Kriegern des Stammes in Berührung gekommen war, die ältere Generation aber weitgehend ignoriert hatte. Offenbar war man mir hier nicht so wohlgesonnen, wie ich geglaubt hatte.

Bevor ich mir Gedanken machen konnte, ob neben der Ablehnung noch ein Ausdruck des Misstrauens in den unbewegten Mienen stand, ergriff Winnetou das Wort. Mit knappen, klaren Worten informierte er den Ältestenrat darüber, was geschehen war und erklärte seinen Plan.

Obgleich er Apachi sprach, verstand ich seine Worte sehr gut und bewunderte seine sichere Ausstrahlung. Das würde gewiss eine kurze Versammlung werden, denn für mich war selbstverständlich, dass es keine Alternative zu dieser Vorgehensweise gab.

Als Winnetou sich wieder niedersetzte, erhob sich erwartungsgemäß Bärenklaue. Er räusperte sich und spuckte kräftig aus.

„In früheren Zeiten lebte das Volk der Apachen glücklich und zufrieden. Es gab Büffel in Hülle und Fülle, Mutter Erde ernährte uns, und Vater Sonne leuchtete hell und wohlwollend auf uns herab. Unsere Feinde fürchteten uns und unsere Freunde bewunderten uns. Die Kiowas und Comanchen hielten sich fern, sie zitterten vor Angst, wenn unser Kriegsruf über den Berge, Täler und Ebenen erscholl. Doch dann kamen die Bleichgesichter und alles wurde anders…“

Es erforderte meine höchste Konzentration, den Worten des Alten zu folgen, der aufgrund seines lückenhaften Gebisses recht undeutlich sprach. Als Bärenklaue nun begann, alle Missetaten der Weißen seit Anbeginn ihrer Ankunft auf diesem Kontinent aufzuzählen, glaubte ich zunächst, mich verhört zu haben.

„Was soll denn das jetzt?“, raunte ich Winnetou zu. Doch der gab mir mit einem unmerklichen Kopfschütteln und einer leisen Handbewegung zu verstehen, dass jetzt nicht der Zeitpunkt für Fragen war. Bärenklaues Rede dauerte etwa eine Viertelstunde, wie mir ein verstohlener Blick auf meine Taschenuhr verriet, bis er endlich zum Punkt kam.

„Im Grunde stimmt Bärenklaue Winnetous Vorschlägen zu.“

Gerade begann ich mich zu entspannen, da schoss plötzlich sein knochiger Finger vor und zeigte direkt auf mich. Gleichzeitig wurde seine Stimme lauter. „Aber wir müssen uns vorsehen, dass nicht dieses Bleichgesicht hier, dem so ohne Weiteres die Häuptlingswürde verliehen wurde, irgendwann die Geschicke unseres Stammes lenkt und uns alle ins Verderben führt! Ich sage es euch, meine Brüder, dieser Mann hat schon jetzt einen großen Einfluss auf Winnetou!“

Ich erstarrte. Was war das denn? Hatte ich irgendetwas gesagt oder getan, das diesen Vorwurf rechtfertigte? Doch ich war mir keiner Schuld bewusst!

Zum Glück reagierte Winnetou neben mir sofort: „Bärenklaue mag sich mäßigen! Weder Winnetou noch Intschu tschuna lassen sich von irgendjemandem beeinflussen. Old Shatterhand ist ein weiser Ratgeber, und mehr will er auch gar nicht sein. Denn er hat bereits in jungen Jahren mehr von der Welt kennengelernt als wir alle zusammen. Winnetou hört seine Worte, doch trifft er seine Entscheidungen selbst. Howgh!“

Als sich Bärenklaue nun endlich niedersetzte, atmete ich auf, doch der eisige Kloß, der in meinem Magen entstanden war, blieb. Was, wenn der alte Mann mit seiner Meinung nicht allein war?

Als nächstes erhob sich Dürrer Zweig, der direkt neben mir saß. Es dauerte ein wenig, bis er aufrecht stand, schwer auf seinen knorrigen Stock gestützt. Mahnend hob er die Hand in die Luft.

„Es ist nicht Brauch, dass der Häuptling auf die Reden der Ältesten antwortet! Winnetou sollte sich dessen erinnern! Dürrer Zweig glaubt auch, dass der weiße Blutsbruder Winnetous nicht immer nur positiven Einfluss auf den Häuptling ausübt. Er hatte diese Sorge bereits bei Klekih petra geäußert und Recht behalten. Doch Old Shatterhand ist nun einmal da und es steht uns nicht zu, jetzt darüber zu urteilen. Ohnehin sind wir aus einem anderen Grund hier. Die Kiowas haben uns schon oft überfallen. Damals, als Dürrer Zweig noch ein Knabe war, raubten sie uns fast unsere gesamte Herde. Oder einige Jahre später – meine älteren Brüder werden sich noch sehr gut erinnern – gab es heftige Kämpfe mit ihnen, unten am Rio Penasco…“

Unter dem zustimmenden Gemurmel der anderen ging es noch eine ganze Weile so weiter. Ich lauschte mit gemischten Gefühlen. Natürlich war ich froh, dass sich die Aufmerksamkeit zunächst von meiner Person abgewandt hatte, zum anderen aber begann sich Ungeduld in mir zu regen, denn es sah nicht so aus, als würde in dieser Versammlung so bald ein Ergebnis gefunden werden.

Nachdem Dürrer Zweig ächzend wieder Platz genommen hatte, tat ein Ratsmitglied nach dem anderen seine Meinung in mehr oder minder ausschweifender Rede kund, die meisten davon nicht ohne den ein oder anderen Seitenhieb auf die weiße Rasse oder gar auf mich. Ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, fühlte ich mich angegriffen und beschämt. Selbst Winnetou unternahm nichts mehr zu meiner Verteidigung, sondern sah schweigend zu Boden.

Hinzu kam, dass wir wertvolle Zeit verloren. Während der Tag sich neigte und es draußen langsam dunkelte, saßen wir hier beisammen und lauschten langatmigen Reden, die alle damit endeten, dass man Winnetous Meinung letztendlich bestätigte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und ich begriff Winnetou nicht, der mit regungslosem Gesicht zuhörte. War ihm denn nicht klar, dass er heute Nacht nichts mehr würde ausrichten können, ja, dass wir Gefahr liefen, von den Kiowas beschlichen oder gar überfallen zu werden?

Mehrmals versuchte ich, dem Freund diese Bedenken leise mitzuteilen, doch immer schüttelte er den Kopf, wenn ich mich ihm zuwandte. Mittlerweile sprach der sechste Krieger. In meinem Magen flatterte es nervös und ich begann, auf meinem Platz hin und her zu rutschen, als Winnetous Hand ganz kurz, fast wie zufällig, meinen Arm berührte, eine Bewegung, die im Halbdunkel des Zeltes wohl niemand wahrnahm, ebenso wenig wie seine kaum hörbaren Worte.

„Vertrau mir, Scharlih!“ Überrascht sah ich in sein von der Glut des Feuers beleuchtetes Antlitz, das wie so oft nichts von dem offenbarte, was in Winnetou vorging.

Diesmal jedoch verstand ich ihn nicht, wollte aufbegehren, ihm sagen, wie dringend, wie eilig es sei, wollte selbst reden, wollte etwas unternehmen. Alles, nur nicht mehr hier sitzen und den alten Männern zuhören und mich beschuldigen lassen. Doch war es leider allzu offensichtlich, dass ich mit einem derart unbeherrschten Handeln nicht nur mich blamieren würde, sondern auch Winnetou.

Also bezwang ich mühsam meine Ungeduld und sagte mir immer wieder, dass dies hier meine erste und letzte Ratssitzung war. Ich war nicht dafür geschaffen, nichtssagenden und ausschweifenden Reden zu lauschen oder gar selbst welche zu halten. Und offenbar war ich auch nicht erwünscht. Dieses eine Mal aber hieß es durchhalten, Winnetou zuliebe.

Als – ganz am Ende – das Wort endlich an mich kam, richteten sich neun Augenpaare auf mich und in den meisten glaubte ich Missbilligung zu erkennen. Kurz erwog ich abzulehnen. Zu groß war meine Sorge, jetzt auf Apachi nicht die richtigen Worte zu finden oder sogar ganz zu versagen. Doch wenn ich nun nicht sprach, würde ich die Achtung des Rates ganz verlieren, also atmete ich tief durch und hoffte, dass niemand das leise Zittern meiner Stimme bemerken würde.

„Ich weiß, dass viele von euch mir nicht trauen, und nach dem, was meine Rasse der euren angetan hat, kann ich das sogar verstehen. Doch es gibt überall rechtschaffene und böse Menschen. Meine Absichten sind gut. Wenn Winnetou und Intschu tschuna meinen Rat oder meine Meinung hören wollen, werde ich nicht schweigen. In diesen Rat aber gehöre ich nicht hinein, da habt ihr Recht. Ich werde ihm künftig fernbleiben.“ Vernahm ich zustimmendes Gemurmel?

„Jetzt lasst uns handeln und Winnetous Vorschläge ausführen!“

Als hätte er nur darauf gewartet, ergriff Winnetou wieder das Wort und schloss die Ratssitzung, indem er beinahe wörtlich wiederholte, was er zu Beginn gesagt hatte. Ungläubig vernahm ich, wie er allen dankte, und ihnen einen guten Abend wünschte.

Schneller als gedacht löste sich die Versammlung nun auf. Ich fühlte mich ein wenig benommen, als ich mich ebenfalls zum Gehen wandte, was gewiss nicht nur auf den betörenden Duft des Salbeis zurückzuführen war. Plötzlich war mir übel.

Winnetou, der mit mir allein zurückgeblieben war, musterte mich besorgt und legte mir sanft die Hand auf die Schulter.

„Diese alten Männer stecken voller Misstrauen und Hass. Was sie dir heute vorgeworfen haben ist nicht recht, und es tut mir sehr leid. Es war ein Fehler, dich mit in diese Sitzung zu nehmen, Scharlih. Kannst du mir verzeihen?“

Bittend sah er mich an. Unwillkürlich musste ich lächeln.

„Ich halte das schon aus, es gibt nichts zu verzeihen! Jetzt müssen wir aber eilen, es ist keine Zeit zu verlieren!“

Winnetou schüttelte den Kopf. „Hat mein Bruder mich vorhin nicht verstanden?“

„Wie, verstanden? Was meinst du? Wir müssen doch die beiden Trupps aussenden!“

„Jetzt in der Dunkelheit hätte das wenig Sinn, Scharlih. Ohnehin sind Entschar Ko und Til Lata längst unterwegs.“

„Bist du sicher? Wieso…ich meine…“ Allmählich begriff ich. Winnetou hatte nur deshalb so ruhig zuhören können, weil er gewiss war, dass längst gehandelt wurde. Seine beiden Freunde hatten gewusst, was zu tun war und waren seiner Anweisung auch ohne die Bestätigung des Rates gefolgt.

Ich räusperte mich. „Aber wozu dann das Ganze hier? Es ist wie… eine Farce…“

„Winnetou versteht nicht. Was bedeutet das, eine… Farce?“

„Nun…“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „Wie eine Posse.“

Nein, Winnetou konnte auch nicht wissen, was eine Posse war und ich musste angesichts seiner verständnislosen Miene grinsen.

„Es ist, als ob wir einander etwas vorgemacht hätten. Du hast getan, als ob du den Ältesten Gehör schenkst, obwohl du längst entschieden hattest. Und sie haben ihrerseits so getan, als müssten sie etwas abwägen, wovon aber ohnehin alle überzeugt waren.“

Winnetou dachte einen Augenblick nach, doch dann schüttelte er den Kopf. „Nein, so ist es nicht. Was du gesehen hast, war nicht gespielt, sondern es ist eine uralte Tradition. Der Rat darf zusammentreten, wann immer er möchte und der Häuptling muss ihn anhören. Manchmal kommen durch die Reden neue Sichtweisen zum Vorschein, an die zuvor nicht gedacht wurde. Heute haben mir die Ältesten trotz ihrer Vorwürfe im Grunde ihr Vertrauen ausgesprochen, auch wenn es dir vielleicht anders erschien. Und ich habe ihnen Achtung erwiesen, indem ich ihnen zugehört habe, obgleich meine Entscheidung längst gefallen war.“

So richtig begriff ich nicht, was er mir sagen wollte, doch bekam ich eine ungefähre Ahnung davon, wie kompliziert das Leben eines Häuptlings der Apachen sein konnte.

„Aber“, wandte ich doch noch ein, „wieso diese ausschweifenden Reden? Das würde doch alles auch kürzer gehen!“

Winnetou hob die Schultern. „Du weißt, dass ich ebenfalls kein Freund vieler Worte bin. Doch auch dies ist ein Vorrecht, das den Alten sehr wichtig ist.“ Jetzt lächelte er und seine schwarzen Augen strahlten mich voller Zuneigung an. „Wer weiß, vielleicht werde ich auch so sein, wenn ich einmal alt bin.“



Als wir aus dem Ratszelt traten, fanden wir alles so vor, wie Winnetou es vorausgesagt hatte, so dass wir nach einem letzten Rundgang um das Lager getrost schlafen gehen konnten.

Ich jedoch lag noch lange wach und dachte über den Tag nach, der mir so viele Erkenntnisse gebracht hatte. Er hatte bestätigt, dass Winnetou einst den Seinen ein sehr guter Anführer werden würde. Wie aber stand es mit mir, der ich von Intschu tschuna ebenfalls die Häuptlingswürde verliehen bekommen hatte? Zumindest jetzt, zu diesem Zeitpunkt, war ich überhaupt nicht dazu bereit. Weder sprach ich die Sprache gut genug, noch kannte ich die Menschen oder war mit den Gepflogenheiten und Traditionen vertraut. Gewiss konnte ich all dies lernen, doch dazu müsste ich viel Zeit im Pueblo verbringen.

Das jedoch erschien mir ausgeschlossen. Ich liebte meine Freunde hier und mochte das Lagerleben, doch ich war kein Apache und würde, anders als Klekhi petra, auch nie einer werden. Ich war Deutscher und Christ und das mit jeder Faser meines Seins. Zu behaupten, dass ich ein guter Häuptling sein konnte, dass ich Winnetou in der Notsituation sogar vertreten können würde, das wäre gelogen und eine solche Lüge hatten die Apachen, und ganz besonders mein Blutsbruder, nicht verdient.

Aber sollte ich, nein konnte ich diese Würde, die mir momentan eher wie eine Bürde erschien, zurückweisen? Würde ich damit nicht meine Freunde sogar kränken?



Als der Morgen graute, hatte ich keine Minute geschlafen und beschloss, es auch nicht weiter zu versuchen. Mit steifen Gliedern erhob ich mich und trat auf die Plattform hinaus, die von den Strahlen der aufgehenden Sonne mit Gold begossen wurde. Zu meiner Überraschung saß hart an ihrem Rand Winnetou, das Gesicht nach Osten gekehrt. Bei seinem Anblick musste ich daran denken, wie er auf einem unserer ersten gemeinsamen Ritte die Sonne begrüßt hatte. Wie lange schien das her zu sein! Jetzt, da ich ihn so viel besser kannte, würde es mich nicht mehr irritieren, denn es gehörte zu ihm, so wie das tägliche Gebet zu mir gehörte.

Behutsam ließ ich mich neben meinem Blutsbruder nieder. Gemeinsam beobachteten wir, wie das Dorf zu unseren Füßen zum Leben erwachte. Frauen schlenderten in Grüppchen oder allein mit Gefäßen zum Pecos, um Wasser zu holen, Männer schlurften zu den Weiden. Ein kleines Mädchen kam aus einem Tipi, den Zipfel seiner Decke noch in der Hand und rieb sich verschlafen mit den Fäusten die Augen. Als sie zu uns hochsah, erhellte sich ihr Gesichtchen. Die Decke glitt zu Boden und mit beiden Händen winkte sie uns fröhlich zu. Winnetou grüßte lächelnd zurück und ich tat es ihm gleich.

Ein tiefer Frieden erfüllte mich.



Im Laufe des Tages lösten sich dann die Probleme in Wohlgefallen auf. Til Lata kehrte zurück und berichtete, dass sich die Kiowas auf dem Weg in ihre eigenen Weidegründe befanden, er aber einige Krieger zur Beobachtung abgestellt hatte. Und am Abend war auch Intschu tschuna wieder da, der Entschar Ko und seine zwei Begleiter mitbrachte.



Ich habe beschlossen, Winnetou und seinem Vater zunächst nichts von meinen Bedenken zu sagen. Es wird noch sehr lange dauern, bis ich mich eines Tages in meiner Rolle beweisen muss und bis dahin kann ich noch viel lernen und an der Herausforderung wachsen.







Liebe Leser,

bitte entschuldigt, dass es so lange gedauert hat, bis ich mich dieser Geschichte wieder widmen konnte. Andere Projekte kamen mir dazwischen. Nun werde ich diese Story – wie versprochen – zu Ende bringen, verabschiede mich mit diesem Kapitel aber erstmal in den Urlaub.

Herzliche Grüße

Catherine
Review schreiben