Aus dem Tagebuch Old Shatterhands

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Nscho-Tschi Old Shatterhand Winnetou
03.03.2017
23.11.2019
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Es ist immer erstaunlich, wie schnell der Alltag nach einem besonderen Erlebnis wieder allerorten einkehrt. Das ist bei den Mescaleros nicht anders als bei uns daheim in deutschen Landen. Doch während meine Freunde längst wieder mit anderen Dingen beschäftigt sind, suche ich den gemeinsamen Ritt und vor allem unseren einzigartig schönen Abend noch im Herzen zu bewahren. Wer weiß, ob und wann ich Winnetou und seine Schwester wieder in einer so gelösten Stimmung um mich haben darf.

Nscho-tschi sehe ich derzeit seltener. Eine Freundin von ihr erwartet ein Baby, und sie hilft der hochschwangeren jungen Frau bei allen Verrichtungen des Alltags. Nun, das ist natürlich Frauensache und ich frage erst gar nicht, ob meine Hilfe dort eventuell benötigt wird.

Ich hatte mir für diesen Tag vorgenommen, mich meinem Pferd Hatatitla wieder einmal ein wenig mehr zu widmen. Mittlerweile sind wir beide schon sehr vertraut miteinander geworden, und mit Winnetous Hilfe habe ich nach und nach gelernt, seine indianische Dressur zu verstehen und zu schätzen. Es muss meinen Freund sehr viel Zeit und Mühe gekostet haben, dem Tier beizubringen, sich auf Befehl niederzulegen, oder absolute Stille zu bewahren, wenn man ihm über die Nüstern streichelt. Gerne stelle ich mir vor, wie Winnetou Stunde um Stunde mit dem treuen Rappen verbracht hat und all diese Dinge mit seiner unendlichen Geduld immer und immer wiederholt hat, bis der Rappe endlich begriff, was von ihm erwartet wurde. Geduld, ja, das ist eine Eigenschaft meines Blutsbruders, die ich bewundere und schätze. Jedenfalls macht mir das Wissen um seine Anstrengungen das Geschenk des Pferdes nur noch kostbarer!

An mir aber ist es nun, dem Tier das Gelernte immer wieder abzufordern, damit es dies nicht vergisst und auch von mir entsprechende Anordnungen annimmt. Weil ich keine Ablenkung will, entferne ich mich für diese Übungsstunden immer möglichst weit vom Dorf.

So auch an diesem Tag, an welchem ich sogar noch etwas weiter ritt. Hatatitla und ich liebten die schnellen Ritte im gestreckten Galopp, bei denen ich beinahe das Gefühl hatte, über die grenzenlose Prärie zu fliegen. Der geschmeidige Pferdekörper arbeitete unter mir und doch spürte ich es kaum, so mühelos und leicht waren seine Bewegungen. So kam es, dass es schon fast Mittag war, als sich mich endlich wieder auf den Zweck meines Rittes besann. Doch zunächst brauchten wir beide eine Pause und ich suchte einen kleinen Bach auf, der aus den Bergen heraus in den Rio Pecos floss. Nachdem sich Mensch und Tier erfrischt hatten, erprobte ich dann im Schatten einer kleinen Gruppe Bäume all die Übungen, die mir Winnetou gezeigt hatte und konnte zufrieden feststellen, dass das Tier nichts verlernt hatte, sondern im Gegenteil immer eifriger darauf bedacht war, mir zu gefallen und von mir gelobt und gestreichelt zu werden.

Nach einer Zeit wurde uns beiden langweilig und ich streckte mich ein wenig im Schatten aus und beobachtete Hatatitla beim Grasen. Noch traute ich mich nicht, ihn frei zu lassen, wenn Winnetou und Iltschi nicht dabei waren, daher hatte ich ihn locker mit dem Lasso an einem der Bäume festgebunden. Während ich so dalag und mich am glänzenden schwarzen Fell und dem edlen Kopf mit den kleinen, aufmerksam spielenden Ohren erfreute, wanderten meine Gedanken zurück zu einer Begebenheit, die bereits einige Wochen zurücklag.

Winnetou und ich hatten nach einem Ausritt unsere beiden Rappen zurück auf die Weide gebracht und dabei eine Gruppe halbwüchsiger Jungen beobachten können, die Kunststücke auf ihren Ponys verübten, wie man sie bei uns nur im Zirkus sehen kann. Sie ritten rückwärts, warfen sich auf die Seite des Pferdes, wobei sie sich nur mit einem Bein und einer Hand festhielten, knieten oder standen gar auf dem Pferderücken. Und das alles, wohlgemerkt, im Trab oder im Galopp. Eindeutig war dies eine Art Wettkampf, denn sie versuchten einander in der Waghalsigkeit der Übungen und der Geschwindigkeit der Tiere zu übertrumpfen. Beeindruckt näherte ich mich der Gruppe und schaute gebannt zu, bemerkte dabei kaum, wie Winnetou neben mich trat. Erst nach einer Weile konnte ich den Blick lösen und schaute mich zu ihm um. Er sah mir direkt ins Gesicht und ein amüsiertes Lächeln umspielte seinen Mund.

„Mein Bruder hat so etwas noch nie gesehen?“, fragte er belustigt. „In seiner Heimat reitet man wohl nicht auf diese Weise?“

Ich schüttelte den Kopf und erklärte ihm, was ein Zirkus ist. „Diese jungen Männer könnten dort ohne Weiteres auftreten!“

„Sie würden es nicht wollen. Und außerdem beherrschen die meisten Apachen solche Kunststücke, wie du sie nennst. Es ist nichts Besonderes für uns.“

Ich war baff und wandte mich gänzlich zu ihm um. „Du kannst so etwas auch?“

„Gewiss.“ Mein Erstaunen und meine unverhohlene Bewunderung schienen Winnetou zu amüsieren, denn er lächelte wieder. „Glaubt mein Bruder mir nicht?“

„Nein…doch, natürlich! Ich weiß ja, dass du mich nie belügen würdest. Aber…ich würde es gerne einmal sehen, vielleicht gar selbst von dir lernen!“

Entschieden winkte Winnetou ab. „Sehen, ja, lernen nein, Scharlih. Du siehst, diese Krieger sind noch sehr jung, und bevor sie so etwas versuchen, müssen sie lernen, wie man vom Pferd fällt, ohne sich alle Knochen zu brechen. Ein solcher Sturz kann, wenn er nicht richtig abgebremst wird, sehr gefährlich sein und auch ich habe das Fallen zunächst von meinem Vater gelernt. Kinder tun sich dabei noch nicht so sehr weh, doch du…“ Er sah zu Boden. „Verzeih, wenn ich das sage, doch es wird sehr schwer für dich sein, das jetzt noch zu lernen.“

„Du meinst, ich bin schon zu alt?“ Beschämt zuckte er die Achseln, während er angelegentlich den Boden musterte. Das Lachen kroch aus den Tiefen meiner Brust empor, als ich meinen unerschrockenen Blutbruder so verlegen sah, und bahnte sich den Weg ins Freie. Vor Heiterkeit kamen mir beinahe die Tränen und erst als auch die jungen Krieger zu mir herüberschauten, gelang es mir, aufzuhören.

„Ich bin doch noch keine zwanzig und du meinst, ich sei zu alt? Lieber Bruder, ich werde dir eines Tages das Gegenteil beweisen. Aber erst einmal musst du mir beweisen, dass du wirklich so reiten kannst, wie du es behauptest!“

Wir hatten durch meinen Ausbruch nun die Aufmerksamkeit der Jugendlichen, so dass Winnetou schwerlich ablehnen konnten, ohne sein Gesicht zu verlieren. Als ob sie ahnten, was es hier zu sehen gab, kamen sie langsam näher und scharten sich in gebührendem Abstand um uns. Winnetou seufzte leise, warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu und zuckte dann die Schultern. Einen Augenblick fürchtete ich, zu weit gegangen zu sein. Was, wenn er, der zweite Häuptling, sich nun vor den jungen Kriegern blamieren würde?

Noch bevor ich jedoch etwas sagen oder tun konnte, reichte er mir die Satteldecke, die er noch in den Händen trug, legte seine Waffen ab und stieß einen gellenden Pfiff aus. Drei Tiere hoben den Kopf, und stoben dann auf uns zu: Hatatitla, Iltschi und Zás, die gescheckte Stute, die mein Blutsbruder geritten hatte, als wir uns kennen lernten. Winnetou wählte die Stute, vermutlich weil sie verlässlicher war als die beiden jungen, oft noch ungestümen Hengste, und schwang sich elegant auf ihren bloßen Rücken. Begeistert warf das schöne Tier den Kopf in den Nacken und schnaubte, fiel danach willig in einen geschmeidigen Galopp, dessen Tempo sich zunehmend steigerte. Winnetou ritt einige enge Kreise, um das Pferd aufzuwärmen und nach kurzer Zeit waren die beiden eins. Längst beachtete der Apache weder mich noch die anderen Zuschauer noch, sondern war völlig auf das Reiten und sein Pferd konzentriert. Und dann stockte mir der Atem.

In rascher Folge saß er erst rückwärts auf dem Tier, dann wieder vorwärts, hing auf der einen, dann auf der anderen Seite, glitt – ich hätte mir am liebsten die Augen zugehalten – unter dem Pferdehals hindurch, kniete sich hin und stellte sich schließlich auf. Die ganze Zeit lenkte er die Stute auf unsichtbare Weise mit den Schenkeln oder der Stimme. Das anerkennende Murmeln der Zuschauer erstarb, als mein Freund nun das Tier zu noch schnellerem Lauf anfeuerte. Die Spannung war greifbar, als er sich aus dem Stehen heraus nach vorn beugte und auf dem Pferderücken einen vollendeten Handstand ausführte. Kurz hielt er ihn, dann glitt er vorsichtig in den normalen Sitz zurück, ließ die Stute auslaufen und hielt sie schließlich, ein Stück von uns entfernt, an. Begeistert eilte ich zu ihm, während die jungen Krieger ihren eigenen Wettbewerb wieder aufnahmen. Keiner von ihnen kam an Winnetous Leichtigkeit und Eleganz heran, das sah ich jetzt, doch hatte er keinen Augenblick den Eindruck vermittelt, ihnen die eigene Überlegenheit zeigen zu wollen. Sie erkannten sie neidlos an, wie mir ihr Verhalten zeigte.

Als ich jetzt unter den Bäumen ruhte, kam mir das alles wieder in den Sinn. Ich hatte Winnetou, nachdem er die Stute ausgiebig gestreichelt und gelobt hatte, meine Bewunderung ausgesprochen und mich entschuldigt, ihn herausgefordert zu haben, doch er tat dies mit einem Lächeln ab. Ich glaube, es hat ihm auch Spaß gemacht, einmal wieder jung und unbeschwert sein zu dürfen, das haben mir seine strahlenden Augen verraten! Aber er hat nie wieder davon gesprochen, auch mir diese Kunststücke beizubringen.

Nun ja, dachte ich jetzt, wenn er mir nicht helfen wollte, was sprach dagegen, es selbst zu erproben? Ich war weit genug vom Dorf entfernt, dass mir niemand dabei zuschauen würde und ich mich also nur vor mir selbst blamieren könnte. Ein prüfender Blick auf Hatatitla zeigte mir, dass der Hengst ausgeruht war und genug gegrast hatte. Ich nahm ihm das Sattelzeug ab und deponierte es zusammen mit meinen Waffen und anderen Habseligkeiten, die mich behindern könnten, unter den Bäumen. Dann band ich das Tier los und schwang mich auf seinen Rücken. Nach einiger Übung schaffte ich das inzwischen auch ohne Steigbügel zu meiner Zufriedenheit, auch wenn es bestimmt noch nicht so elegant aussah wie bei den Apachen. Die Zügel knotete ich zusammen und legte sie über den Pferdehals, damit ich sie notfalls ergreifen konnte, dann begann ich damit, Hatatitla nur mit meinen Schenkeln und meiner Stimme anzutreiben und zu lenken. Es funktionierte sehr gut und mir kam der Verdacht, dass der Hengst dieses bereits von Winnetou gelernt hatte.

Ich nahm mir vor, alle Übungen zunächst im Schritttempo zu absolvieren, was sich bereits als nicht so einfach herausstellte. Das Herabhängen an der Seite und unter dem Hals Durchtauchen musste ich ohnehin auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, wollte ich doch zunächst mit den einfacheren Kunststücken beginnen. Rückwärts zu reiten bereitete mir überhaupt keine Schwierigkeiten, doch zum Knien und Aufstehen musste ich meine Stiefel ausziehen, denn sie hätten dem Tier wehgetan. Schließlich hockte ich mit bloßen Füßen auf Hatatitla und stand dann ganz langsam auf. Ich schaffte es!

Es war im Schritt sogar recht einfach, wenn man nämlich, wie ich es bin, mit einem guten Gleichgewichtssinn ausgestattet ist. Zufrieden und glücklich jauchzte ich leise auf, gewahrte aber im selben Augenblick zwei Präriehühner, die von der Seite her plötzlich aufflogen. Hatatitla warf den Kopf hoch. „Ganz ruhig, alter Knabe,“ versuchte ich ihn zu beruhigen, doch es war schon zu spät. Das Tier scheute und galoppierte unvermittelt an. Wäre ich jetzt abgesprungen, hätte ich vermutlich Schlimmeres verhindern können, doch irgendein Reflex gebot mir, die Kontrolle zu behalten. Rasch versuchte ich mich in den normalen Sitz niederzulassen und die Zügel zu ergreifen. Beinahe wäre mir das auch gelungen, doch kam ich mit einem unsanften Plumpsen auf dem Pferderücken zu sitzen, was dem empfindlichen Hengst gar nicht behagte. Unvermittelt buckelte er und brach zur Seite aus, und ich, der ich noch nicht sicher saß, wurde in hohem Bogen herabgeschleudert.

Der Aufprall war hart und ein stechender Schmerz durchfuhr meinen rechten Fuß, so dass ich hätte schreien mögen, wenn mir nicht die Luft weggeblieben wäre. Wie zerschmettert blieb ich auf dem Boden liegen, zunächst unfähig mich zu rühren. Als ich wieder atmen konnte, versuchte ich nacheinander alle Gliedmaßen zu bewegen. Gottseidank, es ging, nur mein Fußgelenk schmerzte höllisch. Vorsichtig richtete ich mich auf und betastete den Knöchel, der rasend schnell anschwoll. Immerhin konnte ich den Fuß noch bewegen, also schien er nicht gebrochen zu sein. Doch als ich mich mühsam hochstemmte, bereitete mir das Auftreten schlimme Qualen. Ich schalt mich einen Dummkopf. Hätte ich meine Stiefel getragen, wäre mir vielleicht gar nichts geschehen, aber mit bloßen Füßen zu reiten, das konnte nur einem kompletten Trottel einfallen. Was sollte ich nur Winnetou erzählen? Immerhin konnte ich auf Hatatitla nach Hause reiten, doch meine Verletzung wäre kaum zu verbergen.

Suchend sah ich mich nach meinem Pferd um. Keine Spur von ihm! Ich steckte zwei Finger in den Mund und pfiff nach ihm. Immer noch nichts. Gegen die tiefstehende Sonne beschattete ich meine Augen, um besser sehen zu können, doch alles, was ich erkennen konnte, war eine Hufspur, die in die Berge führte. Zwischen den Sträuchern machte ich in einiger Entfernung eine Bewegung aus, doch war nicht zu sagen, ob es sich um das Pferd handelte, dafür war es zu weit weg. Langsam befiel mich ein ungutes Gefühl. Ohne Pferd konnte ich nicht ins Lager zurückkehren, denn mit dem verletzten Fuß konnte ich unmöglich so weit gehen. Die Nächte in der Wüste waren kalt und ich hatte nicht einmal eine Decke dabei, geschweige denn Proviant. Immerhin hatte ich Wasser zum Trinken und zum Kühlen des verletzten Fußes.

Wie lange würde es dauern, bis Winnetou oder jemand anderer mein Fehlen bemerken würde? Und selbst wenn dies noch heute Abend geschah, in der Dunkelheit könnte man ohnehin nicht aufbrechen und nach mir suchen. Das Land war weit und groß, also könnte es unter Umständen lange dauern, bis man mich fand.

Langsam humpelte ich auf meinen nackten Füßen zurück zu jener Baumgruppe, an welcher meine Sachen lagen. Erst als ich mich einmal umschaute, bemerkte ich die Blutspur, die ich hinterließ. Erschrocken blickte ich mich um. Meine Hose war vom Knie abwärts blutgetränkt. Ich musste eine Verletzung davongetragen haben, die ich aufgrund der Schmerzen im Gelenk nicht bemerkt hatte, die aber heftig blutete. Als ich das Hosenbein hochschob, wurde mir vor Schreck kurz übel, denn aus dem tiefen Schnitt unterhalb des Knies sickerte das Blut immer noch heraus. Eilig riss ich aus meinem Unterhemd einige Streifen heraus und fertigte daraus einen festen Verband, mit dem ich die Wunde notdürftig versorgte.

Erschöpft ließ ich mich schließlich unter den Bäumen nieder und lehnte mich an einen Stamm. Schnell brach jetzt die Dunkelheit herein und kurz überfiel mich Panik. Was, wenn jetzt Feinde kamen, oder mich Wölfe oder gar Berglöwen angriffen? Ich zog mein Gewehr näher an mich heran und versuchte mich zu beruhigen. Immerhin hatte ich ja meine Waffen dabei. Mit letzter Kraft raffte ich einige trockene Zweige zusammen, die um mich herumlagen, und entzündete ein Feuer, das mich wärmen und gleichzeitig Hilfe herbeiführen konnte. Mehrfach legte ich noch Holz nach, und fror doch erbärmlich. Das Schlimmste waren aber die Vorwürfe, die ich mir selbst machte, denn ich konnte nicht umhin, meinen Leichtsinn anzuerkennen. Wie dumm musste man sein, dass einem das Pferd ausriss? Greenhorn, so tönte es in meinen Ohren, und ich musste der inneren Stimmte Recht geben.

Trotz der Kälte und der Schmerzen musste ich irgendwann eingeschlafen sein. Ich erwachte davon, dass mich jemand am Arm berührte und leise meinen Namen rief.

Mühsam öffnete ich die Augen. Das Feuer brannte heller als zuvor und meinen vor Kälte zitternden Körper bedeckte eine grob gewebte Decke. Wo war ich nur?

„Scharlih!“, drang die Stimme wieder in mein Bewusstsein und eine warme Hand schob sich vorsichtig in meinen Nacken. „Winnetou“, flüsterte ich dankbar und seine schwarzen Augen im Schein des Feuers auf leuchten.

„Hatatitla kehrte alleine ins Dorf zurück, da brach ich sofort auf, dich zu suchen. Das Tier hat mir den Weg gezeigt.“ Ich suchte den treuen Rappen mit den Augen und sandte ihm einen dankbaren Gruß. Winnetou war alleine gekommen und ich war froh darüber. Meine Schwäche sollte möglichst niemand sehen. Es war schon schlimm genug, dass Winnetou mich in diesem Zustand sah. Ich versuchte mich aufzusetzen und spürte seine stützende Hand im Rücken. Schon wollte ich sie reflexartig abwehren, da erinnerte mich jenes Tages in der Bergwand, als er völlig erschöpft in meinen Armen gelegen hatte, und beschloss, seine Hilfe ebenso anzunehmen wie er damals die meine zugelassen hatte. Es wäre auch kaum anders gegangen, denn mich erfasste ein Schwindel, dessen ich nur mühsam Herr wurde.

„Was ist geschehen, Scharlih?“, fragte mein Freund, als er merkte, dass ich wieder klar sehen konnte. Vor dieser Frage hatte ich mich gefürchtet.

„Ich…“, ich brach ab. Wie sollte ich ihm nur erklären, was ich da versucht hatte? Im Nachhinein kam ich mir ja selbst lächerlich vor. „Ich bin vom Pferd gestürzt“, wich ich aus.

Da sah ich es in seinen dunklen Augen verstehend aufblitzen. „Mein Bruder hat versucht, was Winnetou verhindern wollte, nicht wahr?“ Verlegen zuckte ich die Achseln. „Woher weißt du…?“

„Old Shatterhand fällt nicht einfach so vom Pferd. Lass mich nun deinen Knöchel untersuchen.“

Gerade fragte ich mich, woher er davon wusste, als mir einfiel, dass ich ja nur einen Stiefel trug. Den anderen hatte ich nicht wieder anziehen können und das war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Immerhin hatte Winnetou mich ja zugedeckt. Als er jetzt die Decke hochnahm, erschauerte ich unwillkürlich vor Kälte. Prüfend und besorgt sah mich Winnetou an, sagte jedoch nichts, sondern legte mir wie einem Kind die Decke um und half mir, mich bequem an den Baumstamm anzulehnen. Jeder seiner Handgriffe war von einer solchen Selbstverständlichkeit, dass ein Gefühl der Scham, das ich bei jedem anderen unweigerlich verspürt hatte, bei mir überhaupt nicht erst aufkam. Was er tat, machte er mit einer anrührenden Vorsicht und Behutsamkeit, die mir unmissverständlich deutlich machte, wie sehr er mich mochte und um mich besorgt war. Trotz der äußeren Kälte wurde mir bei diesem Gedanken warm ums Herz.

Dann begann er vorsichtig, meinen verletzten Knöchel abzutasten. Ich hatte mich auf neue Schmerzen eingestellt, doch erstaunlicherweise blieben diese aus. Die Berührung seiner Finger war so sanft, dass ich sie kaum spürte. Unwillkürlich betrachtete ich sein konzentriertes Gesicht, seine halb geschlossenen Augen, die gleichsam nach innen zu blicken schienen. Endlich nickte er befriedigt und wickelte er eine Bandage um den Knöchel, die er zur Kühlung mit Wasser befeuchtete.

„Danke, das tut gut“, lächelte ich ihn an.

„Wenn wir zurück im Dorf sind, werde ich noch eine Paste aus Kräutern auftragen, die abschwellend wirkt. Der Knöchel ist nicht gebrochen, er wird recht schnell heilen.“

„Woher kannst du das alles? Ich habe kaum etwas gespürt!“, platzte ich verwundert heraus. Winnetou schüttelte leicht den Kopf. „Das werde ich dir ein anderes Mal erzählen, Scharlih. Was ist unter dem Verband?“

„Ein Schnitt, der ziemlich stark geblutet hat. Ich habe erst einmal versucht die Blutung zu stillen.“

„Winnetou wird nachsehen, ob die Wunde weiterer Behandlung bedarf.“ Er legte noch einige Zweige in das Feuer und begann dann, den Druckverband von meinem Unterschenkel zu lösen. Doch während er die Wunde sehr behutsam untersuchte, bemerkte ich, wie sich seine Brauen sorgenvoll zusammenzogen.“

„Sieht wohl nicht sonderlich gut aus, oder?“ Langsam schüttelte Winnetou den Kopf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus seinem Schopf gelöst hatte. Er blickte an mir vorbei, als er antwortete: „Der Knöchel schmerzt, aber er wird schnell heilen. Doch die Wunde ist sehr tief und bereitet mir Sorgen, denn trotz der starken Blutung ist sie nicht sauber. Allzu leicht kann sie sich entzünden. Unser Diyin sollte sie sich ansehen und entscheiden, was zu tun ist.“

Schaudernd dachte ich an den finster aussehenden Mann, der sich ständig mit irgendwelchen Tierkadavern zu behängen pflegte und mich immer mit hasserfüllten, brennenden Blicken anstarrte, wenn wir uns begegneten. Ich ging ihm daher aus dem Weg, wo es möglich war. Winnetou wusste um dieses Problem und jetzt wollte er mich ausgerechnet zu diesem Mann schleppen? Das konnte doch nicht wahr sein!

„Gibt es keine andere Möglichkeit? Du scheinst dich doch auch sehr gut mit solchen Dingen auszukennen. Kannst du das nicht behandeln?“ Sein Zögern war mir Antwort genug. „Du hast eine Idee, gib es zu. Ich tue alles, aber ich will nicht zu diesem Diyin.“

Forschend sah mich Winnetou eine Zeitlang stumm an. Ich erwiderte seinen Blick so lange ich es vermochte. Dann musste ich lächeln. „Nun komm, du weiß doch, was zu tun ist!“

Der Apache schüttelte langsam den Kopf. „Ich kenne die Heilpflanze gegen solche Entzündungen. Doch ihre Wirkung ist sehr stark und ich weiß nicht, ob du bereit dafür bist.“

„Was bedeutet das, ihre Wirkung ist stark?“ „Die jungen Krieger benutzen sie als Mutprobe, weil sie, sobald ihre Säfte in eine Wunde eindringen, unvorstellbare Schmerzen verursacht.“

„Oha. Und du glaubst also, ich vermöchte nicht, diese Schmerzen zu ertragen? Na, besten Dank!“

Schuldbewusst sah Winnetou zu Boden. Dann erhob er sich schweigend und ging zu seinem Pferd, welches außer seiner Satteldecke auch eine kleine, sorgsam bestickte Ledertasche trug, welche ich schon häufiger bei ihm gesehen hatte, deren Inhalt ich aber bis heute nicht kannte. Er brachte die Tasche zu mir, und als er sie öffnete, konnte ich im Schein des Feuers erkennen, dass sich verschiedene getrocknete und sorgfältig gebündelte Kräuter und sogar einige Tiegel in ihr befanden. Mein Freund hielt eines der Bündel hoch und begutachtete es. Noch ein wenig unschlüssig musterte er mich. „Ist es das?“, fragte ich.

„Ja. Es ist eine Dentschu-tatah, deren Saft eine Entzündung verhindern kann, wenn er in die Wunde eingebracht wird.“

„Die sieht doch ganz harmlos aus!“, meinte ich lächelnd. Ernsthaft sah mich Winnetou an.

„Wir nennen diese Pflanze Schis-inteh-tsi, Indianerpflanze, und sie ist uns heilig, Scharlih. Wir betrachten sie als Geschenk des Großen Geistes an uns, und sie wächst nur dort, wo es Indianer gibt. Wenn der letzte der unseren diese Erde verlässt, wird auch das letzte Blatt Schis-inteh-tsi verwelken und nie wieder grünen. Es blüht dann mit der roten Nation in jenem Leben wieder auf!“

Er räusperte sich und fuhr dann rasch fort: „Mein Bruder mag sich wappnen gegen den Schmerz, der darauf folgen wird. Er lege sich möglichst bequem auf den Boden und entspanne sich.“ Während ich seiner Anweisung folgte, bereitete er die Pflanze vor. Was er gesagt hatte, machte mich nachdenklich, denn es zeigte mir einmal mehr, wie tief sich die Apachen mit der Natur verbunden fühlten, auch wenn ich natürlich bezweifelte, dass er Recht hatte. Doch diese Gedanken schob ich jetzt beiseite, denn ich musste mich konzentrieren. Was immer nun kommen würde, ich würde es lautlos aushalten müssen, um mein Gesicht zu wahren. Und ich war fest entschlossen dies zu tun!

„Bist du bereit?“ Ich nickte fest und suchte seinen Blick. Unergründlich tief schimmerten die dunklen Augen im Feuerschein. Dann wandte er das Gesicht ab und fast im selben Moment durchfuhr mich ein beißender Schmerz, der mich bis in die Fingerspitzen hinein elektrisierte. Nur mit äußerster Anstrengung konnte ich ein lautes Aufstöhnen verhindern, doch meinen Körper hatte ich weniger unter Kontrolle. Er bäumte sich auf, krümmte sich zusammen, wand sich und das, obwohl ich wusste, dass ich das alles nicht wollte und nicht durfte. Körper und Geist kämpften in mir um die Oberhand und es schien, als würde letzterer verlieren.

„Nimm den Schmerz an, Scharlih“, hörte ich Winnetous Stimme wie aus weiter Entfernung. „Lass ihn in dich einströmen, heiße ihn willkommen und kämpfe nicht länger gegen ihn!“ Ich wollte das alles ja gerne, doch ich wusste nicht, wie! Mein ganzes Ich schien nur aus grellem, gleißendem Schmerz zu bestehen. Wann hörte es endlich auf? Ich biss mir auf die Lippe und schmeckte Blut, aber ich schrie nicht, ich stöhnte nicht. Doch dass das Wasser mir aus den Augen lief, konnte ich nicht verhindern.

Eine schier unendliche Zeit dauerte es, bis langsam, ganz langsam die Pein nachließ, ich wieder atmen und die Welt um mich herum wahrnehmen konnte. Winnetou saß dicht neben mir und hatte mir die Hand locker auf die Brust gelegt, ein Zeichen, dass er da war, mich nicht im Stich ließ. Am östlichen Himmel zeigte sich der erste Silbertreifen, als ich mich endlich wieder bewegen konnte, mir Schweiß und Tränen aus dem Gesicht wischen konnte und mich mühsam aufrichtete.

„Langsam, mein Bruder. Wir haben genug Zeit.“

Ich nickte, immer noch leicht zitternd, traute mich aber nicht, Winnetou in die Augen zu sehen, aus Angst vor dem, was er nun von mir dachte. Ich hatte versagt, hatte meinen Körper nicht kontrollieren können, hatte gezittert, gezuckt und geweint. Beschämt blickte ich vor mich hin, nahm vage wahr, dass die Wunde bereits wieder verbunden war, was ich zuvor nicht bemerkt hatte.

„Mein Bruder hat sich sehr tapfer gehalten. Winnetou muss ihn um Verzeihung bitten.“ Überrascht blickte ich auf. „Doch ich…“

„Du hast den Schmerz überwunden, bist stark geblieben und hast keinen Laut von dir gegeben, wie andere Bleichgesichter. Wie dieser Rattler. Selbst Klekih-petra hat das nie vermocht. Dein Geist hat über den Schmerz obsiegt, auch wenn du deinen Körper noch nicht vollends kontrollieren konntest. Doch Winnetou kann dich lehren, wie du den Qualen ihre Macht nimmst, indem du sie in deinem Inneren verschließt. Du bist jetzt so weit.“

Ich legte ihm erleichtert und auch ein wenig gerührt die Hand auf den Arm. „Ich danke dir, mein Bruder. Für alles!“ Er winkte ab und reichte mir seinen Wasserkürbis. Dankbar trank ich einige Schlucke und lehnte mich dann bequem an den Baumstamm. Seite an Seite sahen wir der einbrechenden Morgendämmerung zu.

„Erzählst du mir nun, wieso du ein so guter Heiler bist?“

Winnetou schwieg einige Zeit und starrte in die Ferne. Dann begann er leise zu sprechen.

„Es gibt nicht viel zu erzählen. Als ich ein Knabe war, schickte mich mein Vater zu unserem Diyin in die Ausbildung, weil ich ihm gegenüber ungehorsam gewesen war. Es war eine Strafe für mich, denn ich fühlte mich in diesem Zelt, in dem ich auch wohnen musste, zunächst sehr unwohl und fürchtete den Medizinmann. Doch es war auch ein Geschenk, weil er mich all das lehrte, was er selbst wusste. Es gab Zeiten, in denen ich nicht sicher war, welchen Weg ich einschlagen sollte: Den des Häuptlings oder den des Geheimnismannes.“

Ich wagte nicht, ihn zu unterbrechen, denn ich spürte, dass ihn diese Entscheidung noch immer bewegte.

„Nicht jeder kann ein Mann der Geheimnisse werden, Scharlih, nicht jeder hat die Gabe zu heilen und zu sehen, was anderen verschlossen bleibt. Ich hätte diesen Weg gerne eingeschlagen.“

„Was hat dich davon abgehalten?“, fragte ich, zögernd, da ich glaubte, dass dies gewiss ein heikles Thema war. Er wandte mir sein Gesicht zu.

„Der Stamm braucht auch in Zukunft, nach Intschu tschuna, einen Häuptling. Den besten, den er bekommen kann.“

Bei jedem anderen hätten diese Worte arrogant oder hochmütig geklungen. Nicht aber bei Winnetou, denn er sprach sie mit einer solchen bescheidenen Selbstverständlichkeit aus, dass ich mir sicher war, dass er sich nichts auf seine besonderen Fähigkeiten einbildete. Und er hatte ja Recht.

Ich legte ihm die Hand auf den Arm und drückte ihn leicht.

„Nun, ich bin froh, dass du so entschieden hast. Andernfalls hätten wir einander wohl nie kennen gelernt!“ Ich lächelte und mein Freund erwiderte das Lächeln. Doch in seinen Augen blieb ein winziges, kaum merkliches Fünkchen des Zweifels erhalten.

Als ich mich von der Prozedur erholt hatte, machten wir uns gemeinsam auf den Rückweg.

Ich war froh, dass Winnetou mich gefunden und behandelt hatte, nicht um meiner selbst willen, sondern weil sich mir dadurch ein weiteres Detail dessen erschlossen hatte, was meinen Freund ausmachte und was er nach außen hin sorgfältig verbarg. Ich hatte das Glück, nach und nach mehr davon sehen zu dürfen und erkannte immer mehr, welch ein wunderbarer Mensch er war.

Und noch etwas gab es, was mich auch ein wenig traurig stimmte. Ich hatte immer gedacht, es sei Winnetous Wunsch und sein ganzes Bestreben, seinen Stamm eines Tages anzuführen. Dass es für ihn einen gänzlich anderen Weg gegeben hatte, der ihm aber versagt geblieben war, tat mir leid für ihn. Ich konnte es so gut nachvollziehen wie es ist, den Ansprüchen anderer genügen zu müssen!

Und ebenso konnte ich mir nur vage Vorstellungen davon machen, welche Begabung hier möglicherweise vergeudet wurde. Was hatte Winnetou gemeint, als er sagte, er sei in der Lage, etwas zu sehen, was anderen verschlossen bliebe?

Ich ahne, dass es in der Seele und im Herzen Winnetous für mich noch viel mehr zu entdecken gibt. Ich werde ihn zukünftig mit anderen Augen betrachten; vielleicht gelingt es dann auch mir, mich meinem Bruder noch weiter zu öffnen als ich es bisher schon tat. Und vielleicht wird er mir eines Tages zeigen, was ich alleine nicht zu sehen vermag.
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