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Es ist was es ist sagt die LIebe

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
03.03.2017
18.05.2018
7
20.445
16
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Dieses Kapitel
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Juhu ihr Lieben,

ich bin wieder mit einem neuen Kapitel da! Tut mir leid, dass es zwischendurch immer so dauert, aber ich möchte euch auch nicht einfach irgendwas hochladen, sondern schon ein Kapitel, das mir selber auch gefällt.

In diesem Sinn, viel Spaß beim Lesen!

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Zumindest, bis es sehr energisch an der Tür meines Schlafzimmers klopft. Schlaftrunken schlage ich die Augen auf und blinzle in das helle Morgenlicht. Ich liege an Nikolas gedrängt im Bett und murmle: „Ja?“
„Mama, es ist jetzt halb acht. Ich fahr mit dem Bus zur Schule, aber ich glaube, es wäre schlau, wenn ihr mal aufsteht“
Ich fahre im Bett hoch. „Scheißescheißescheiße“ Ich habe letzte Nacht vergessen, meinen Wecker zu stellen.
„Scheiße sagt man nicht“, bemerkt Emily vor der Tür und ich kann hören, dass sie sich dabei halb totlacht.
„Emily, hast du alles? Wann kommst du denn heute nach Hause? Denk an deinen Schlüssel! Ich denke, ich mache pünktlich Feierabend!“
„Jaja. Sieh du lieber zu, dass du pünktlich zur Arbeit kommst. Und Guten Morgen, Nikolas! Ich muss jetzt auch los, es können ja nicht alle bis mittags schlafen!“
Oh Gott, ist das peinlich. „Nikolas! Steh auf! Wir haben verschlafen!“ Ich rüttle ihn an der Schulter und springe aus dem Bett ins angrenzende Bad, so schnell ich kann.  
Als ich wieder raus komme, liegt er immer noch im Bett.
„Ich komme immer zwischen acht und viertel nach acht ins Büro“, jammere ich, während ich im Kleiderschrank nach einem Outfit suche.
„Offizieller Arbeitsbeginn ist um neun“ Damit steht Nikolas auf und tritt auf mich zu. „Guten Morgen“, wispert er und gibt mir einen flüchtigen Kuss. Ich wünschte, ich könnte hierbleiben, die Welt draußen ignorieren und stattdessen den Tag im Bett verbringen.
„Im Schrank über dem Waschbecken sind Zahnbürsten, Handtücher sind im Schrank über der Heizung. Wenn du Duschgel und Shampoo brauchst, kannst du dir gerne was von meinem nehmen. Deine Klamotten müssten noch oben liegen. Ich muss jetzt echt los. Wir sehen uns später. Kannst du abschließen und mir den Schlüssel im Präsidium geben?“
Damit wirbele ich aus dem Schlafzimmer, in den Flur, in den Mantel und aus der Tür in mein Auto. Um 8.19 komme ich am Präsidium an.

HELDT

In aller Seelenruhe stehe ich unter Ellens Dusche und lasse mir das heiße Wasser über den Körper laufen, nachdem die Tür schon lange ins Schloss gefallen ist. Dann begebe ich mich auf die Suche nach meiner Kleidung, um jetzt noch nach Hause zu fahren ist es wirklich zu spät.
Im Flur entdecke ich Ellens Aktentasche, Ellens Robe, Ellens Handy und zwei Bananen mit zwei Müsliriegeln, die Emily offensichtlich dorthin gelegt hat.  Ich sammle alles ein und fahre auf dem Weg noch beim Bäcker vorbei, um Kaffee zu kaufen.

Mit Ellens Sachen mehr oder minder auffällig über dem Arm schlendere ich in das Präsidium und baue darauf, dass mir niemand sonderlich viel Beachtung schenken wird.
Natürlich laufe ich ausgerechnet im Treppenhaus Grün über den Weg.
„Einen guten Morgen, Herr Heldt!“
Ich versuche, schnell an ihm vorbei zu kommen, doch das ist weitaus schwieriger als gedacht. Zumal hinter ihm jetzt auch noch Hannah Holle auftaucht.
„Morgen Herr Grün. Frau Dr. Holle“
„Dürfte ich erfahren, was Sie dazu veranlasst, die Robe und die Aktentasche der werten Frau Staatsanwältin herumzutragen? Sollten Sie eine Karriere in der Justitia anstreben, so sei Ihnen gesagt, dass dies ein mehrjähriges Studium sowie ein Referendariat erfordert und keineswegs mit dem Tragen einer Robe erledigt ist“
„Herr Grün, ich glaube, in diesem Fall bin ich die Schuldige“, wirft Hannah von hinten ein.
„Sie?“, fragt er verwirrt.
„Ja, Frau Bannenberg und ich sind zeitgleich angekommen und haben uns unterhalten und jetzt erinnere ich mich daran, dass sie beides auf dem Autodach kurz abgelegt hat und da muss sie es wohl vergessen haben“
„Ja genau, denn als ich angekommen bin, dachte ich mir gleich, dass das Autodach kein geeigneter Ort für die Aktentasche der Frau Staatsanwältin ist, wer weiß, welch sensiblen Unterlagen sich darin befinden. Und dann habe ich es sicherheitshalber mit reingebracht“, ergänze ich das Märchen von Hannah.
„Sehr umsichtig von Ihnen, Herr Heldt. Auch wenn ein solches Benehmen der Frau Staatsanwältin gar nicht entsprechen mag“
Hannah hat immer mehr Mühe, ihr Pokerface aufrecht zu erhalten. Ich sehe, wie ihre Mundwickel zucken und sie krampfhaft versucht, das Lachen zu unterdrücken, was ihr schließlich kläglich misslingt.
„Nikolas, ich habe später in der KTU einige Neuigkeiten für Sie“, sagt sie noch, bevor sie weiter geht.
„Und manchmal wundere ich mich ja auch über die morgendliche Heiterkeit der Frau Dr. Holle“, rätselt Grün laut.
„Herr Grün, so sind sie, die Frauen. Ein einziges Mysterium." Mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis meinerseits gehen wir beide unserer Wege.

Nach der Besprechung, bei der ich Ellen vor allen Augen ihre Sachen gegeben habe, folge ich Hannah in den Keller.  
Sie geht mir schweigend voran, bis wir in ihrem Büro sind. Ohne Umschweife kommt sie zur Sache: „Nikolas, ich freue mich ja wirklich für Sie, für Sie beide. Aber wenn Sie nicht wollen, dass sich das ganze Präsidium mitfreut, dann müssen Sie aufpassen. Es gibt ohnehin genug Gerede seit Sie quasi on-Air ein Liebesgeständnis gemacht haben, dann hat man Frau Bannenberg gestern lange nach Dienstschluss in Ihrem Büro gesehen und heute Morgen kommen Sie mit ihren Sachen ins Präsidium“
Ich setze mich in den Besucherstuhl und fahre mir geistesabwesend mit der Hand über das Kinn.  Hannah interpretiert in der Zwischenzeit mein Schweigen auf ihre Art. „Es sei denn natürlich, das ist der Plan?“, der Unterton wird fragend.
„Hannah, ehrlich gesagt, es gibt keinen Plan.“
Im Aufschieben und Ausweichen sind wir gut. Immer schon gewesen. Scheint eine Spezialität von Ellen und mir zu sein. Wir sollten eigentlich dringend reden, stattdessen macht sich jeder seine eigenen Gedanken, phantasiert sich irgendwas über die Meinung des Anderen zusammen und was dabei rauskommt...
Dr. Holle grinst mich an, ihr wissendes Grinsen, ’aha, hab ich es mir doch gedacht’, diese Form von Grinsen.
„Nikolas, es liegt mir wirklich fern, Ihnen irgendwelche Vorschriften zu machen, aber Sie sollten miteinander reden. Es muss ja nicht gleich ein Fünfjahresplan sein, das hat sich schon in der DDR als untauglich herausgestellt, aber so ein paar... Grundsatzfragen sollten Sie vielleicht mal klären“
„Ich weiß“, murmle ich. „Aber Ellen und ich sind beide nicht so die großen Kommunikationsgenies“
„Was Sie nicht sagen, das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen“
„Hahaha“, ist meine einzige Reaktion.
„Um es mit Watzlawick zu sagen, Heldt: Man kann nicht nicht kommunizieren“
„Und was soll mir das schon wieder sagen?“
„Das müssen Sie schon selber rausfinden, Nikolas. Ich kann schließlich nicht Ihren ganzen Job machen“

Ich gehe wieder hoch in mein Büro und lasse mich in den Bürostuhl fallen. Hannah hat Recht.  Ellen und ich können nicht einfach für immer jedes ernsthafte Gespräch durch Sex ersetzen. Wenn unsere Beziehung funktionieren soll, worin ich ja großer Experte bin, dann müssen wir reden, klären, was wir erwarten, was wir uns vorstellen. Unweigerlich graut es mir davor. Was, wenn Ellen dauerhaft jemanden sucht, der eher auf Augenhöhe mit ihr ist? Einen Anwalt, jemand, den sie problemlos überall vorzeigen kann? Wenn sie von 0 auf 100 gehen will, so mit Ehe und Baby?
Unsinn. Ich reiße mich aus meinen übersteigerten Wenn- und- Aber- Phantasien und schlage eine Akte auf, die auf meinem Schreibtisch liegt und den Vermerk „DRINGEND“ in Grüns akkurater Handschrift trägt.

Ein langweiliges Blahblah jagt das nächste und außer Aktenarbeit ist wirklich absolut nichts zu tun, nicht mal ein Gartenzwerg wurde irgendwo gestohlen, niemand parkt falsch, nichts.  Kurz vor der Mittagspause öffnet sich unsere Bürotür und Ellen steht darin, lächelt mich im Schatten der Tür an, tritt dann hervor. „Meine Herren, ich bin ab jetzt für den Rest des Tages bei Gericht, schönen Feierabend später“
„Viel Erfolg bei Gericht“, wünscht Korthi und wendet sich wieder seinem PC zu. Ich sehe Ellen an und wir wissen beide nicht, wohin mit uns. „Ja, viel Erfolg“, schließe ich mich Korthi an.
„Danke, Heldt“ Sie wirft mir einen letzten Blick zu und ich habe das Gefühl, der wesentliche Inhalt dieses Gesprächs sei an mir vorbeigegangen.

Wenn sie bei Gericht ist, schaltet Ellen ihr Handy aus, das weiß ich. Es lässt mir keine Ruhe, wie wir eben auseinander gegangen sind und ich habe über Stunden keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Es gibt für mich keinen Grund, warum ich im Gerichtssaal sein sollte, der Fall, der verhandelt wird, hat sich in meiner Abwesenheit ereignet.
Vielleicht braucht sie auch ihren Freiraum? Was weiß denn ich? Soll ich warten, bis sie sich meldet? Soll ich mich melden?
Scheiße. Seit wann ist eigentlich alles so kompliziert?

Punkt 17.30 lasse ich alles stehen und liegen und fahre nach Hause, ziehe meine Sportklamotten an und laufe los. Durch die Straßen Bochums, durch Grünflächen, Parks, bis an den Stadtrand, wo weniger Menschen unterwegs sind, weniger Autos fahren und die Luft nach Bäumen riecht. Ich laufe schnell und trotzdem bleiben alle meine Probleme und ungelösten Fragen bei mir, begleiten mich auf dem Rückweg und überkommen mich mit neuerlicher Intensität, als ich keine Nachricht und keinen Anruf von Ellen auf meinem Handy blinken sehe. Meine neue Wohnung ist immer noch nicht mein Zuhause, erfüllt nicht mehr als den Zweck, mir ein Dach über dem Kopf zu geben.  
Ich steige in die Dusche und als ich die Augen schließe, sehe ich Ellen wieder vor mir, wie sie in dieser Dusche steht, nach unserer ersten gemeinsamen Nacht.
Ich traue mich nicht, sie zu kontaktieren. Was, wenn sie die Nase voll hat? Wenn es nicht reicht, was ich ihr bieten kann? Wird Mallorca immer zwischen uns stehen?  Stattdessen ziehe ich mir frische Klamotten an, setze mich ins Auto und fahre zu Carlo. Spätestens da und nach ein paar Bier ist meine Welt immer wieder in Ordnung.

Ich sitze an der Theke, an meinem üblichen Platz und starre auf meine Flasche Bier.  „Gesprächig ist er heute“, sagt Carlo über mich zu Ahmed.
„Wahrscheinlich Stress auf Wolke sieben mit der schönen Staatsanwältin“
„Woher wisst ihr das denn schon wieder?“ Mein Kopf schnellt hoch und ich sehe zwischen Ahmed und Carlo hin und her.
„Es kann reden“, bemerkt Carlo.
„Ich bin Taxifahrer, Mann. Da sieht man Dinge, deine Karre nachts vor ihrer Tür, ihr Nobelschlitten vor deiner, zu Gesicht bekommt man dich praktisch gar nicht mehr. Da haben wir eben eins und eins zusammengezählt“
„Watt machste denn für ein Gesicht?“, Carlo patscht mir auf der Wange rum und ich murre nur unwillig.
„Gibt’s Stress oder was? Lauert dir der Ex auf?“
„Ach, Frauen sind halt kompliziert“
„Da hat sich aber jemand echt zum Frauenversteher gemausert“
„Carlo, echt mal, deine Ratschläge kannst du dir echt sparen“ Eigentlich bin ich hier hergekommen, um meine Ruhe zu haben, nicht um Sprüche zu bekommen.
„Mach dem jungen Mann hier mal nen Schnaps“, sagt Carlo zu Max gewandt.
„Nee, danke. Muss noch fahren. Und Schnaps hat mir noch nie geholfen, Frauen zu verstehen.“
„Das ist der erste vernünftige Satz, den ich heute von dir höre“

Ellen?
Ich drehe mich um und wir schauen alle kollektiv auf. Da steht sie tatsächlich, hat sich irgendwie unbeobachtet hereingeschlichen, einen Meter hinter Ahmed und mir, hat ihren Hosenanzug gegen Jeans und Pulli getauscht, trägt ihre Haare offen und nur einen Schimmer von ihrem Labello auf den Lippen.
„Was machst du denn hier?“
„Dich suchen, nachdem du weder auf meine Anrufe, noch meine SMS, noch meine WhatsApp reagiert hast, nicht im Präsidium warst und dein Auto auch nicht bei dir vor dem Haus stand“
Ich hole mein Handy heraus und starre ungläubig auf das Display, das einfach schwarz ist. Natürlich blinkt da keine Benachrichtigung, denn der Akku ist leer.
„Sorry, ich...“
„War einfach zu beschäftigt, die Drama- Queen heraushängen zu lassen, um mein Handy aufzuladen? Ja, das glaube ich auch, Nikolas“
Ich höre Carlo und Ahmed neben mir unterdrückt lachen, als Ellen meinen Satz vervollständigt und mich einfach, ohne Vorwarnung mitten im Carlos’ küsst. Und verdammt, es ist kein kurzer „hallo, da bist du ja Kuss“, sondern ein vollständiger Ellen- Kuss, der unter die Haut geht, mich jedes Mal sprachlos zurücklässt, mir eine Gänsehaut beschert und mich vergessen lässt, wer ich bin. Sie schmiegt sich an mich und sieht mir in die Augen. „Du kannst dich bei Emily bedanken, sie hat mir gesagt, Männer glauben nur, sie hätten Ahnung von Technik, weil die Frauen sie zu viel darin bestärken und sauer zuhause rumsitzen und auf einen Anruf zu warten, sei ja mal echt völlig 1999.“
„Möchten Sie irgendwas trinken?“, fragt Carlo Ellen höflich. Naja und wir sind in einer Kneipe.
„Was Starkes“, antwortet Ellen zu meiner Überraschung, löst sich von mir, schwingt sich auf den Barhocker und ich ahne wirklich nichts Gutes.
Ahmed, der sich anscheinend von seiner Verwunderung erholt hat, dreht sich zu Ellen, als säße ich gar nicht dazwischen.
„Und Sie sind jetzt mit Heldt hier zusammen?“
Ich wusste es. „Ahmed“, sage ich warnend, die Augen im Kopf verdrehend und mich ihm zuwendend.
„Naja, unter uns Taxifahrern wird das gemunkelt“
„Du bist der einzige, der das munkelt, du Affe“, sagt Carlos und versucht damit offenbar zu vermitteln, während er Ellen einen Cocktail hinstellt.
„Ich glaube, wir müssen die Details noch ausarbeiten, aber generell ja“, erwidert Ellen, offensichtlich an Ahmed gerichtet.
Moment.
Sie sagt, wir seien generell zusammen? „Davon weiß ich ja noch gar nichts“
Sowohl von Carlo als auch von Ahmed ist gleichzeitig ein völlig genervtes Stöhnen zu hören, Carlo vergräbt sein Gesicht in seinen Händen und Ahmed schüttelt den Kopf.
„Also, wenn Heldt nicht will, mich gibt’s ja auch noch“
Ich drehe mich wieder von Ellen zu Ahmed. „Sag mal, gräbst du grade, während ich dazwischen sitze, meine Freundin an?“, frage ich ihn halbwegs wütend.
„Ich dachte, du wüsstest gar nicht, dass wir zusammen sind?“, bemerkt Ellen spitz von der anderen Seite und ich wende mich wieder ihr zu.  Carlos widmet sich derweil seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Polieren von Gläsern.
„Ich, ich meine... Ach verdammt, wer euch als Freunde hat, braucht echt keine Feinde mehr“
„Darauf trinken wir“ Carlo stellt vier Shots auf die Theke. „Auf die Freundschaft“, und nach einem vielsagenden Blick, „und die Liebe“.

Eine Stunde später sind wir alle reichlich angetrunken. Carlo hat Max die ganze Arbeit aufgehalst und wir sitzen an einem Tisch. Ellen, Carlo und Ahmed amüsieren sich glänzend, indem sie alte Geschichten auspacken und ihre „Erfahrungen“ austauschen, wie man mich am besten „handhaben“ kann. Abgesehen von gelegentlichen Einwürfen, wenn Carlos und Ahmeds Erzählungen allzu bunt geraten, bin ich ganz zufrieden damit, einfach dazusitzen, einen Arm locker um Ellens Schulter gelegt und mein Bier zu trinken. Oder Shots, die Max regelmäßig nachbringt. Oder von Ellens Cocktails zu probieren.
Ich bin überrascht, wie einfach die Unterhaltung zwischen uns läuft und froh, dass Ahmed sich größtenteils mit Sprüchen und Fragen zurückhält, auf die wir noch keine Antwort haben. Und ich bin überrascht, wie normal mir die Situation scheint. Eben war Ellen noch eine unerreichbare Phantasie und jetzt sitzt sie mit mir in meinem zweiten Wohnzimmer und es ist einfach, als hätte sie hier schon immer gesessen. Es hilft sicherlich, dass sie Carlo und Ahmed schon kennt und sich alle, vermutlich meinetwegen, ziemlich viel Mühe geben.
Ellen nimmt unter dem Tisch meine Hand und beugt sich zu mir herüber, ihre Lippen berühren wie zufällig mein Ohr. Sie flüstert drei Worte und ich habe Schwierigkeiten, mein Pokerface zu bewahren. Kann ich eigentlich eh vergessen, denn Carlo kennt mich in und auswendig.
„Ich ruf euch mal ein Taxi“, bemerkt er und grinst in sich hinein.
„Und ich muss eh los“, fällt Ahmed plötzlich ein. Wir verabschieden uns und Ellen und ich bleiben allein am Tisch zurück.
„Kommst du mit zu mir?“ Ihre andere Hand wandert meinen Oberkörper entlang, langsam und aufreizend.
„Nach der Aufforderung eben... und ich hab sonst auch nichts Besseres zu tun“
„Nicht frech werden“
„Sonst?“, frage ich und ziehe meine linke Augenbraue hoch.
Ohne mir eine Antwort zu geben steht Ellen auf und zieht mich ebenfalls von meinem Stuhl, nur um mich danach ohne großes Procedere oder gar eine Vorwarnung gegen die Säule zu drücken, außerhalb des Blickfeldes der Bar und damit von Carlo.
„Ansonsten schläfst du auf der Couch oder gleich im Garten“
Ich sehe sie mit gespieltem, völligem Entsetzen an und ziehe eine Schmolllippe.
„Und wenn ich brav bin?“
„Dann gibt’s einen Eintrag ins Heft für gutes Benehmen“
„Wie reizvoll“
„Das war schon wieder frech“
„Ich bin mir sicher, dass Strafgesetzbuch hat einen eigenen Paragraphen nur für freche Polizisten“
„Wohl eher einen kompletten Straftatbestand“, neckisch küsst sie mich kurz auf die Lippen und ihr Augen blitzen. ’Wie weit geht er wohl?’, fragt sie sich und lässt mir bewusst einen Ausweg. Wenn sie wüsste, bei was Carlo mich als Teenager alles erwischt hat...
Ich beschließe jedenfalls, mir diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Ellen nach ein paar Cocktails ist unbestreitbar witzig und herausfordernd. Ich ziehe sie in meine Arme und beuge mich ein wenig herunter, ohne ihre üblichen hohen Absätze ist sie doch einige Zentimeter kleiner als ich.  Langsam berühre ich ihre Lippen und sehe, wie ihre Augen zuflattern. Ihre Arme legt sie um meinen Hals und vergräbt eine Hand in meinen Haaren während sich in unserem Kuss die ganze Frustration des Tages voller Missverständnisse langsam auflöst und zu der Vorahnung einer schlaflosen Nacht wird.
„Nikolas, was machst du mit mir?“, wispert sie, als wir uns voneinander lösen müssen, um Luft zu holen.
Ich bin beruhigt, dass ich nicht alleine vor diesem Rätsel stehe und anscheinend einen ähnlich starken Einfluss auf Ellen habe, wie sie auf mich.
Allzu schnell werden wir jedoch beide aus unserer Parallelwelt herausgerissen, als wir neben uns ein nur zu bekanntes, pikiertes Räuspern hören.
„Herr Heldt, ich störe Sie ja nur höchst ungern bei Ihrer abendlichen Eroberung, aber wir haben einen Fall und Sie haben Rufbereitschaft und reagieren nicht auf meine Anrufe. Wenn ich bitten dürfte?“
Scheiße.
Wenn das hier kein Paradebeispiel für in flagranti erwischt werden ist, dann weiß ich nicht, was eins sein soll.  Mich wundert nur, dass er noch nicht Ellen angesprochen hat, was er normal zuerst tun würde, da sie im Rang über mir steht.
Ich lasse meine Hände von Ellens Kopf fallen und denke über eine Erklärung oder Ausrede nach.
„Frau... Staatsanwältin“, sagt Grün jetzt sichtlich perplex und ich begreife, dass er sie vorher nicht erkannt hat.
„Herr Grün“, erwidert sie und löst sich nur langsam von mir. Der sonst so offizielle und professionelle Tonfall misslingt angesichts von Carlos Cocktails grandios. Wobei, um irgendwas zu leugnen ist es jetzt auch wirklich zu spät.
„Sind Sie... angetrunken?“, fragt Grün und sieht zwischen uns hin und her. Sein Schock darüber, wie Beamte auf Rufbereitschaft angetrunken sein können, scheint wesentlich größer zu sein, als die Empörung über unsere  Beziehung, die er mit Sicherheit als völlig unangemessen ansieht.
Ein kleiner, gemeiner Teil in mir erkennt diese Chance und ich beschließe, sie zu nutzen. Ich kann immer noch morgen meine Standpauke abholen und mir anhören, ein Verhältnis mit der Staatsanwältin sei unprofessionell und unangemessen, aber jetzt würde ich wirklich gerne einfach nur mit Ellen allein sein.
„Ein bisschen“, erwidere ich und achte darauf, betrunkener zu wirken, als ich bin, ziehe das e in die Länge und lächle Grün dümmlich an.
„Aber nur ein gaaaanz bisschen“, springt Ellen ein und hält Daumen und Zeigefinger nah beisammen, sieht ihr Werk dann zweifelnd an und öffnet es weiter.
„Herr Funke“, kopfschüttelnd wendet sich Grün ab und stampft auf die Theke zu. „Wie viel Alkohol hat denn der Herr Heldt konsumiert?“
„Puh“, sagt Carlo und versucht, Zeit zu gewinnen. Ellen bedeutet ihm, zu übertreiben und Carlo kratzt sich am Kopf. „Ein paar Bier, Kurze, ich glaube, Max hat ihm ein paar Longdrinks gemixt, aber genau weiß ich das nicht. Ich führ ja nicht Buch. Aber ob der in seinem Zustand noch zwei und zwei zusammen zählen kann, ich weiß es nicht“
Grün kommt wieder auf uns zu und ich gebe mein Bestes, so zu wirken, als sei ich der Grundschulmathematik unfähig, indem ich vorgebe, meine Finger zu zählen und das ganze angestrengt mustere.
„Heldt. Sie nüchtern sich aus und ich erwarte Sie morgen früh Punkt neun im Präsidium!“
Seine Missbilligung ist deutlich zu spüren, aber er weiß genau, dass Ellen auch ihn im Rang übertrifft und verkneift sich jedwede Bemerkung in ihre Richtung.
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